Monatsarchiv: Dezember 2009

Vom Appartement ins Stadion: Was Sloterdijk von Mitscherlich abgeschrieben hat

Nachtrag zu dem Eintrag von gestern über Mitscherlich:

Einer der wenigen originellen und gleichzeitig konstruktiven Gedanken, die ich bislang Sloterdijk zuschrieb, ist nun auch nicht von ihm, sondern der Unwirtlichkeit unserer Städte entnommen. Die wesentlichen Bautypen der Moderne seien das Appartement und das Stadion, so Sloterdijk in Schäume, dem dritten Band der Sphären. Der eine steht für die Vereinzelung, der andere für die dann hin und wieder notwendig Zusammenkunft in Massen, um nicht zu krepieren. Nicht schlecht, aber eben nicht neu. Und vor allem geht Sloterdijk nicht weiter hin zu einer Gesellschaftskritik, sondern beginnt zu faseln.

Mitscherlich schrieb schon vor 45 Jahren vor dem Hintergrund vieler Single-Haushalte, dass sich das menschliche Verlangen nach Kommunikation in modernen Städten immer weniger befriedigen lasse, was aber nötig sei, um “pathologischen Charakterentwicklungen” entgegenwirken zu können.

“Wird dieses Verlangen nach Affekt- und Meinungstausch von Person zu Person nicht befriedigt, dann verlagert es sich in die anonymen Großveranstaltungen. Die Ersatzbefriedigung ist hier leicht zu erkennen; die Bedeutung des festlich gesteigerten Erlebens von Öffentlchkeit beim Eintauchen in die Menge wird damit gar nicht verkleinert. Aber Öffentlichkeit als bürgerliche, demokratische Institution verlangt nach ihrem Gegenteil, der Intimität der Privatheit [...] Die Bürger müssen Gelegenheit haben, sich selbst zu erfahren, sich in der Öffentlichkeit zum Kompromiss bereit finden und dennoch ihre Einsicht nicht verraten. Auf diesem vernünftigen Weg kommt die Sache der Gesamtheit voran.”

Der Mensch als atomisierter Stubenhocker, der Samstags ins Stadion geht. Da hilft auch ein Sieg nichts mehr.

Die Unwirtlichkeit unserer Besitzverhältnisse

Wiederlektüren lohnen. Zum Beispiel erinnert die Unwirtlichkeit unserer Städte von Alexander Mitscherlich an das seinerzeit heiße Eisen Bodenpolitik und Bodenreform. Heute sind eher die monströsen und angeblich gescheiterten Großsiedlungen auf der grünen Wiese ein Thema, die städtebaulichen und wohnsoziologischen Aspekte werden betont. Mitscherlich dagegen redet noch davon, dass die Besitzverhältnisse entscheidenden Einfluss auf die Wohnqualität und damit auf die gesamte Stadtentwicklung nehmen. Und Mitscherlich stand damit nicht alleine:

“Wir leiden nach meiner tiefsten Überzeugung in der Hauptsache in unserem Volke an der falschen Bodenpolitik der vergangenen Jahrheznte. Ich betrachte diese falsche Bodenpolitik als die Hauptquelle aller physischen und psychischen Entartungserscheiungen, unter denen wir leiden [...] Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höcshten Sittlichkeit.”

Das sagte immerhin Konrad Adenauer in den 1920er Jahren, damals noch als Oberbürgermeister von Köln. Welcher OB würde sich heute trauen, so daherzureden? Als Adenauer Bundeskanzler war, hatte ihn das Kapital schon im Griff, denn, so Mitscherlich: “Was ist in der Äre Adenauer zur Bodenreform geschehen? Nichts.”

Mitscherlich macht klar, dass das ganze Gerede von neuen Städten und neuer Wohnqualität nichts taugt, wenn nicht die Eigentumsfrage gestellt wird. Das dies nicht passiert, liege “an der Heiligkeit des Besitzes” und an den “egoistischen und irrationalen Motiven der Bodenbesitzer”. Deshalb wird der “Baufachmann” keine befriedigenden Lösungen anbieten, “weil er gegen den Egoismus der Besitzenden machtlos ist”.

Ein Kongress des “Forschungsinstituts für die lombardischen Städte” brachte es 1962 in Stresa auf den Punkt: Gewänne der Westen nicht stärkeren Einfluss auf die “Kontrolle des Grund und Bodens”, könne er niemals gegen den “Osten” gewinnen. Man höre und staune. Nach gängiger Deutung war der Kampf 1962 schon längst entschieden. Die fehlende Bodenspekulation im Osten führte immerhin dazu, dass in den Innenstädten noch Menschen wohnten und nicht nur Büroangestellte arbeiteten.

Dennoch kann sich auch Mitscherlich einer nur vermeintlich rationalen Denkweise nicht entziehen, die sich schließlich als eine herausstellt, die leicht ins irrationale abkippt. So beklagt er, “dass die Stadt nach wie vor kein rational gesuchtes Gebilde ist, sondern dass in ihr eine Menge zum Scheitern verurteilter irrationaler Hoffnungen zusammenfließen.” Mitscherlich kritisiert folgerichtig nicht die Stadtplanungen der Sechziger an sich, sondern er beklagt, dass Anthropologen und Psychoanalytiker dabei keine Rolle spielen. Die Frage, ob Siedlungen überhaupt aus einem Guss planbar sind oder geplant werden sollen oder ob man von Stadt immer nur als work in progress sprechen kann, wird sich erst zehn oder fünfzehn Jahre später stellen.

Wie auch immer: Es kam in der Bundesrepublik nie zu einer Abschöpfung des Wertzuwachses des Bodens. Es wurden die reich, die zufällig ein paar ursprünglich fast wertlose landwirtschaftliche Grundstücke geerbt hatten, deren Wert erst durch Maßnahmen der öffentlichen Hand (Ausweisung als Baugelände, Straßenbau) überhaupt real wurde. Mitscherlich spricht hier in Bezug auf die CDU/CSU auch von der “christlich dekorierten Unterwürfigkeit vor den Bodenbesitzern”. Die Heiligkeit des Besitzes eben.

Die Untwirtlichkeit der Städte ist genau genommen eine Aufsatzsammlung, die Anstiftung zum Unfrieden ein weiteres lesenswertes Referat darin. Dort geht es ans Eingemachte. Die gestaltungshemmenden Bodenbesitzverhältnisse waren zur Zeit der Niederschrift, 1965, wohl noch mehr ein Thema als heute, doch die ästhetischen Aspekte machten das Buch damals, weit vor postmodernen sozialen und ästhetischen Diskussionen der 1980er Jahre, ganz richtig zu etwas Besonderem. Aus der Sicht der Psychoanalyse schreibt Mitscherlich: “Wir beobachten zugleich die Flucht in Raumästhetik, welche die fehlenden menschlichen Affektbeziehungen trügerisch ersetzen soll.” Er liefert auch gleich eine, an Thomas Bernhard erinnernde Erklärung: “Noch nie zuvor in der Geschichte hat eine so bedenkenlose und vorerst noch keineswegs abgeschlossene Traditionsvernichtung stattgefunden.” Moderne Raumgestaltung, die das Primat des Ästhetischen vertritt und reale soziale Bezüge unbeachtet lässt. Eine Moderne-Kritik, die regressiv wäre, würde sie nicht differenzieren. Denn zum einen sieht er keineswegs einen Ausweg zurück in die Vergangenheit. Die “Mietskasernenepoche”, also die Hobrechtsche Stadterweiterung in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war ebenfalls gekennzeichnet vom “brutalen Niedertrampeln der Individualitätsfreuden”, die man ja heute in geschichtsseeliger Vergessenheit gerne ausblendet. Zum anderen lobt Mitscherlich ausdrücklich die Ideen Le Corbusiers und seiner Wohnmaschinen, die eine “Intensivbesiedelung” zum Ziel gehabt hätten. Allerdings habe er zuwenig beachtet, dass diese Besiedelung “eine neue Form der städtischen Gemeinschaft” vorausgesetzt hätte “und auch von einer anders akzentuierten Privatheit” ausgegangen sei, “als sie das überkommene Gewohnheitsschema suggeriert”.

Mitscherlich will mehr Demokratie, mehr Mitbestimmung und der Regionalplanung einen höheren Stellenwert einräumen, den vor allem die Bewohner erkennen müssten. Trabantenstädte führten zur Entdemokratisierung, zur fehlenden Identifizierung mit der konkreten Umwelt, zu Sprachlosigkeit, zur Asozialität. Die moderne Stadt im Kapitalismus schafft keine “libidinöse Einbindung”, sondern “aggressive Enttäuschtheit”. Heute Standardwissen, damals nicht. Und das führt wiederum zu verzogenen Kindern:

“Vornehmlich in Deutschland wird die Verfügungsgewalt über das Kind mit der gleichen Rücksichtslosigkeit ausgeübt, die man auch sonst Minoritäten gegenüber für angebracht hält. Der faktische Unverstand bildet sich auf die Roheit seiner Methodik noch etwas ein.”

Architekturkritik als Modernekritik und Modernekritik nicht als eine, die zurück will in eine verklärte Vergangenheit, sondern so genau hinschaut, dass der Text auch fünfundvierzig Jahre später noch lesenswert ist. Komisch, wenn man dann erfährt, dass das Buch im Psychologiestudium keine Rolle mehr spielt.

Nachtrag zur rot-grünen Koalition

Toll! So hätte die SPD die Wahl gewonnen:

Das Zitat des Tages kommt heute von einem Tagesspiegel-Redakteur namens Fabian Leber. Der adrette junge Mann schreibt unter der Überschrift “Ein Grund zum Feiern” zum fünfjährigen Geburtstag von Hartz IV:

“Hätte Steinmeier die Einführung von Hartz IV schon im Wahlkampf als beherzten Leistungsnachweis seiner Partei dargestellt, dann wäre der SPD am Tag der Bundestagswahl wahrscheinlich ihr Debakel erspart geblieben.”

Vielleicht sollte ich künftig doch eine seriöse Tageszeitung lesen.

Der 1976 geborene Leber hat übrigens die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht, was man durchaus merkt: Wissen um gesellschaftliche oder ökonomische Zusammenhänge ist da nicht so wichtig. Wichtig ist, dass man sein Nichtwissen sprachlich versiert verschleiern kann. Das nennt man dann gerne “auf den Punkt gebracht” oder ähnlich. Und in einer Art Selbstauskunft antwortet Leber auf die Frage, warum er Journalist geworden ist:

“Weil ich den Beruf endlich vom letzten auf den ersten Platz der Beliebtheitsskala bringen will.”

Ob er sich das auch beim Schreiben des Hartz-IV-Kommentars vorgenommen hat?

Berlin: Die herrschende Klasse plappert sich warm

Der Berliner Tagesspiegel bietet hin und wieder guten und kritischen Journalismus. Bei manchen Reizthemen muss er allerdings reflexartig klarmachen, dass er die Interessen der herrschenden Klassen vertritt. Beispiel Mieten. Heute berichtet die selbsternannte “Zeitung für Berlin und für Deutschland” in großer Aufmachung über eine Studie des Bonner Immobilienberatungsunternehmens Quaestio, das herausgefunden hat, dass die Mieten in Berlin “billiger als gedacht” seien (wer hat da gedacht?). Noch besser: Laut der Studie darf es “verzweifelte Wohnungssucher eigentlich gar nicht geben”. Und natürlich erliegt Redakteur Thomas Loy der Versuchung, das beliebte Argument zu bringen, dass München doch viel teurer sei. Bei der Gelegenheit zeigt auch die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer von der SPD, aus welcher Perspektive sie auf die Stadtbewohner herunterschaut:

“Überall in der Stadt gibt es Möglichkeiten, preisgünstige Wohnungen zu mieten”.

Dieser Satz ist eine Lüge. Die Zahl der innerstädtischen Kieze, in denen man kaum eine Wohnung bekommt, geschweige denn eine günstige, steigt immer weiter an. Oder wie soll ich das interpretieren, dass in akzeptabler, aber nicht bonziger Kreuzberger Lage bei einem Wohnungsbesichtigungstermin für eine Erdgeschoßwohnung mit einer Miete von zehn Euro warm pro Quadratmeter 40 Leute auf der Matte stehen?

Altmietverträge sind oft noch günstig. Doch es ist hier seit Jahren ein Thema, dass das Mietniveau bei Neuvermietungen auf dem Niveau von Köln oder Düsseldorf ist. Also noch nicht ganz München, aber wir sind auf einem guten Weg.

Die Quaestio-Studio hat die Investitionsbank IBB in Auftrag gegeben. Ziel ist es, das Potenzial für Mietsteigerungen in Berlin deutlich zu machen. Um nichts anderes geht es hier. Der Tagesspiegel schreibt es zum Ende hin sogar ganz deutlich:

“Die neue Studie dient vor allem dazu, den Berliner Wohnungsmarkt als günstigen Standortfaktor anzupreisen. Unternehmer können ihre Lohnkosten entsprechend nach unten kalkulieren.”

So isses. Warum die Zeitung darüber auf der ersten Seite berichtet, weiß die Redaktion sicher am besten. Beim letzten Satz des Artikels ist der Autor dann wieder ganz PR-Maschine: “Für die Berliner Mieter bleibt die Erkenntnis, dass es ihnen objektiv besser geht als angenommen”. Es schwingt mit, dass es ihnen zu gut geht, vor allem dem ganzen Prekariatspack.

Der Sozialwohnungsbau ist vor Jahren schon zum Erliegen gekommen, die Mietpreise bei neuen Mietveträgen steigen seit ebensoviel Jahren überdurchschnittlich an. Und die Zeitung für die Hauptstadt erledigt das Geschäft der Bonzen.

Vielleicht findet man hier noch was Günstiges: Zwischennutzung in einem Sanierungsgebiet in Berlin-Mitte (oder schon Prenzlauer Berg?)

Passend dazu ein Artikel in derselben Tagesspiegel-Ausgabe über die “wirklichen” Erbauer des Stadtschlosses. So bekommt die Reaktion endlich ein Gesicht: Wolfgang Thierse (SPD), Hans-Joachim Otto (FDP), allen Ernstes der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz (der in den 1990er Jahren Verwaltungsdirektor der Berliner Volksbühne war, so ändern sich die Zeiten), Hermann Parzinger, alles Mitglieder im Stiftungsrat der Schlossstiftung. Dazu kommen der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Matschies, und die Chefin der Landesbibliothek, Claudia Lux. Wenigstens von ihr hätte man erwarten können, dass sie ein paar Geschichtsbücher liest und die Geschichtsklitterung dann ablehnt. Aber auch das ist offenbar zuviel erwartet. Warum ist eigentlich der Oberhampelmann, der FU-Präsident Lenzen nicht dabei?

Von einem “Meilenstein” ist die Rede im Artikel über die Schlosserbauer, von einem “Zukunftsprojekt”, das eine Referenz sei für die “Bildungsnation” Deutschland. Es wird auch begrüßt, dass mit dem Schloss “der Hype um Berlin zementiert” werde und man endlich “in der selben Liga wie London oder Paris” angekommen sei – was auch wieder einen dezenten Hinweis auf das avisierte Mietniveau gibt, das es freilich noch ein wenig zu hypen gilt.

Vielleicht ist im Druckhaus des Tagesspiegel ja eine Fahne der Titanic dazwischengeraten.

Die Mieten sollen steigen, dass Schloss soll wiedererstehen, der Tagesspiegel druckt PR-Artikel und den Rest besorgen Pöbler wie Sarrazin und Sloterdjik. Keine Sorge, es läuft.

(Foto: genova 2009)

Hölle mit Alpen

Die Schweiz ist die Hölle mit Alpen. Nicht die „Islamisierung“ treibt ihre Bewohner um, sondern der Andere, den sie fürchten, die Emanzipation, die sie verachten, und die Moderne, die sie bloß im Bankverkehr dulden.

So erfrischend sieht Stefan Ripplinger in der Jungle World das skurrile Gebilde namens Schweiz. Übertreibung als journalistisches Mittel. Mir gefällt daran vor allem, dass sich einer nicht an die dubiose Weisung hält, man dürfe die Schweiz jetzt von außen nicht kritisieren, weil deren Bewohner erstens eine demokratische Abstimmung durchgeführt haben und zweitens schon viel länger Demokratie können als “wir”. Kritikverbot, weil Demokratie herrscht. Und diese Argumentation kommt nun gerne vom rechten Rand, also von Leuten wie Roger Köppel, die via Ummodelung ökonomischer und somit gesellschaftlicher Verhältnisse demokratische Strukturen lieber heute als morgen entsorgen würden.

Ich nehme an, Ripplinger meint nicht, dass die Hölle nur die anderen seien. Die Hölle ist überall. Absturzgefährdet sind alle.

Disaster am Matterhorn, damals wie heute (Wikipedia)

Nur die dümmsten Kälber

Falls mal wieder jemand behauptet, es sei kein Geld da:

(zum vergrößern draufklicken)

Interessant, dass der Aufschwung von 2004 bis 2007  nur dem reichsten Zehntel etwas gebracht hat. Nicht einmal das Zehntel mit dem zweithöchsten Vermögen konnte profitieren. Und Merkel, Westerwelle und die anderen Heinis tun gerade einiges dafür, dass die Säule ganz rechts noch ein bisschen wächst.

Aber warum sollten sie es nicht tun? Man lässt sie ja. Sah die Grafik in meinem Geschichtsbuch, 8. Klasse, über die Vermögensverteilung in Frankreich kurz vor der Französischen Revolution nicht ähnlich aus? Der Unterschied ist wohl, dass die Franzosen damals ihren Chef geköpft haben, die Deutschen heute ihre Metzger auch noch selber wählen. Wobei zumindest die 15 Prozent FDP aus der Grafik erklärbar sind.

Quelle ist übrigens das DIW und die Bundeszentrale für politische Bildung, beide nicht gerade als linksextremistisch bekannt.

Dafür, dass ausgerechnet der rechte Katholik, Bertelsmann-Fellow und objektiv tendenziöse Journalist Peter Frey als Nachfolger für den geschassten Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur im Gespräch ist, können die Kälber nichts, aber die beiden Meldungen passen gut zusammen. Frey wird (wie hier im Blog dargestellt) auch in seiner neuen Position ein zuverlässiger Vertreter neoliberaler Interessen im Zweiten Deutschen Fernsehen sein.

Da hat Roland Koch ganze Arbeit geleistet.

“No Berlusconi Day”: Italiens Blogger proben den Aufstand

Was meiner Meinung nach in Deutschland und in der berühmten Bloggosphäre viel zu wenig beachtet wurde: In Rom haben vergangenes Wochenende 350.000 Menschen (laut Polizei 90.000) gegen beim “No Berlusconi Day” gegen den Mafiosi im Ministeramt demonstriert. Aufgerufen haben weder Parteien noch Gewerkschaften, sondern Blogger, sonst niemand. Von null auf hundert vom virtual ins real life. So sollte das öfter gehen. Riesige Menschenmengen via unkontrollierter und massenhafter virtueller Verbreitung im Netz zusammenbringen, die sich lautstark und sonstwie für oder gegen etwas “engagieren”, wie man sagt. Wäre das in Deutschland möglich? Kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht käme es auf einen Versuch an. Die neue Regierung ist, nassforsch ausgedrückt, kaum weniger scheiße als die in Italien.

Ein weiteres schönes Beispiel für das, was mir schon vor Jahren aufgefallen ist: Die Italiener sind in Gänze weder unpolitisch noch berlusconiverseucht. (Einigen wir uns auf) 200.000 Menschen, die ohne gewerkschaftliche oder parteiliche Organisationsapparate in einem geographisch ungünstig gestalteten Land weite Wege nach Rom auf sich nehmen und offenbar alle ganz gut informiert sind, trotz der Übermacht Berlusconis in den Medien.

Und noch was angenehmes: Laut Süddeutsche waren die meisten Demonstranten jung und “kamen überwiegend aus dem linken und kommunistischen Spektrum”. In Italien ist es wohl immer noch kein Problem, Hammer und Sichel zu zeigen, ohne dafür blöd angemacht zu werden. Zuerst also für den Kommunismus demonstrieren, und danach gut essen gehen. Man sollte öfter nach Italien fahren.

Mein Eindruck nach wie vor: Die italienische Gesellschaft ist politischer und dazu wesentlich toleranter als die deutsche, außer in Stilfragen.

Und jetzt bitte wieder Feuer frei ob meiner undifferenzierten Verallgemeinerungen.

“Titus, iss noch ein Stück Biobanane!”

Umweltbewusste Konsumenten sind unpolitisch. Das denke ich mir schon länger und jetzt gibt es erfreulicherweise ein Buch, dessen Autorin das auch so sieht: Kathrin Hartmann heißt sie, und das Buch heißt “Ende der Märchenstunde”.

Der unpolitische Konsument ist zeitgeistig auf der Höhe und sieht sein Leben als Projekt. Er findet es toll, dass Automobilkonzerne für jedes verkaufte Auto einen Baum spendieren. Er glaubt, “mit seinem Einkaufskorb die Welt retten” zu können. Unpolitische Konsumenten finden überhaupt vieles toll, denn sie denken positiv. Man will ja irgendwie vorne dabeisein, so hat man das als Angehöriger der Post-No-Future-Generation gelernt. Mach dein Ding. Kritik muss dann begrenzt sein auf Einzelphänomene, die sich – Grundbedingung – partytauglich wiedergeben lassen.

Ganz komisch auch die aktuelle Ausgabe der Zeit. Dort geht es fast ausschließlich um den anstehenden Klimagipfel in Kopenhagen und um persönliche CO2-Bilanzen. Betroffene vierköpfige Familien schauen den Leser aus großen Fotos an und es begegnen einem Ausrufe, die mittlerweile angeblich auf Spielplätzen en vogue sind: “Titus, iss noch ein Stück Biobanane!” Daneben stehen Grafiken, die zeigen, wie fortschrittlich sich diese Familien verhalten. Ein Papi und Zeit-Redakteur hat ein schlechtes Gewissen, weil er sich bei einem Dienstflug nach Singapur wie “eine Dreckschleuder” verhalten habe: “über sieben Tonnen Kohlendioxid”! Außerdem wohnt er in Hamburg weit draußen, wegen der innerstädtisch hohen Mieten. Warum die Mieten so hoch sind? Darüber wird auf den zig Themaseiten der Zeit nicht diskutiert.

Diese unpolitischen Ansätze passen in unsere unpolitische Zeit. Jetzt ist es plötzlich total interessant, ob ich von A nach B den Zug oder das Auto oder das Flugzeug nehme, als ob die Umwelt davon in irgendeiner Weise Notiz nehmen würde. CO2 ist ein öffentliches Problem, kein privates. Es müsste deshalb, beispielsweise, gefragt werden, warum die Bundesregierung die Bahn laut Koalitionsvertrag immer noch privatisieren will und damit ein effektives verkehrspolitisches Instrument aus der Hand gibt. Es müsste gefragt werden, warum Inlandsflüge in der Regel billiger sind als Inlandszugfahrten. Es müsste gefragt werden, warum ein Einzelfahrschein des öffentlichen Nahverkehrs in Passau teurer ist als in Paris. Es müsste gefragt werden, warum es immer noch kein Tempolimit auf Autobahnen gibt. Es müsste gefragt werden, warum der LKW-Verkehr in Deutschland bis 2025 um prognostizierte 40 Prozent zulegen wird. Es müsste gefragt werden, warum Mieter keinerlei Einfluss auf die Energiesanierungsbereitschaft ihres Vermieters haben. Es müsste – gerade von dem skurrilen Papi und Zeit-Redakteur – gefragt werden, warum innerstädtische Wohnungen in annehmbaren Wohnlagen immer unbezahlbarer werden und deshalb ein Leben der kurzen Wege schon am Geldbeutel scheitert.

Die Zeit könnte sich das zigseitenfache Gelaber sparen, wenn sie schlicht feststellen würde, dass mit der herrschenden neoliberalen Politik ökologisch kein Blumentopf zu gewinnen ist. Und solange sie das nicht tut, ist es völlig ok, wenn ihre Redakteure morgens mit 180 Sachen aus der Wohnung auf dem Land in die innerstädtische Redaktion brausen. Das muss dem Redakteur nicht peinlich sein. Peinlich sein sollte ihm nur, dass er Zusammenhänge nicht kapiert. Oder zumindest, dass er das Buch von Kathrin Hartmann nicht gelesen hat.

Die Welt wurde in den vergangenen 20 Jahren privatim zugerichtet und entpolitisiert. Alles im Sinne des Kapitals. Insofern ist es kein Wunder, dass auch der durchschnittliche Zeit-Redakteur heute total engagiert ist und gleichzeitig keinen Durchblick hat. Aber wer hat den noch, außer Kathrin Hartmann und mir.

“Der Staat wird extrem verletzlich”

Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, im Interview mit der Süddeutschen:

SZ: Erwarten Sie, dass die USA irgendwann den Staatsbankrott erklären werden?

Rogoff: Was ich voraussage, ist Inflation. Aber eine Finanzkrise kann schnell zu einer Haushaltskrise werden. Der Staat verschuldet sich derzeit sehr kurzfristig. Dadurch spart er Geld, weil die Zinsen so niedrig sind. Aber er wird auch extrem verletzlich, wenn ein Vertrauensverlust eintritt und die Zinsen steigen. Wir müssen in den nächsten zwei Jahren 40 Prozent unserer Staatsschuld refinanzieren, und da sind die Schulden der Fed noch nicht einmal enthalten.

SZ: Also doch eine Warnung vor dem Staatsbankrott?

Rogoff: Ja.

Der Staat leiht sich Geld sehr kurzfristig, geht aber langfristige Verpflichtungen ein. Woher kennt man das? Genau: Hypo Real Estate. Die HRE vergab teure langfristige Kredite, gerne an Staaten, beschaffte sich das Geld aber immer nur kurzfristig, was billiger ist. Die Differenz ist der Gewinn. Hört sich gut an, wird aber problematisch, wenn die Zinsen auf kurzfristiges Geld steigen, so wie das voriges Jahr der Fall war. Und wenn aktuell kurzfristiges Geld teurer ist als das dem Kreditnehmer in der Vergangenheit zugesagte Langfristgeld, wird es kritisch und irgendwann tödlich.

Geld ist derzeit billig, kurzfristiges erst recht. Wenn es teurer wird, werden die USA zahlungsunfähig. Ist das dann kritisch und irgendwann tödlich?

Und warum fällt mir jetzt die Titanic ein?