Monatsarchiv: November 2009

Tageszeitungen: Vierte Gewalt oder Tagesgeldkontoersatz?

Die Rendite des Verlags liegt bei fünf bis sechs Prozent. “Ist doch klar, dass der Verleger mehr haben will.” Sonst könne er ja auch ein Tagesgeldkonto anlegen und sich den ganzen Aufwand sparen”.

Der Verlag, über den Michael Seidel in der Zeit das sagt, ist der Eigentümer des Nordkuriers, einer Regionalzeitung in Mecklenburg-Vorpommern, bei der Seidel Chefredakteur ist. Der Nordkurier gehört drei Unternehmerfamilien aus Westdeutschland, die, laut Zeit, viele Jahre lang viele Millionen verdient haben in dieser armen Region, deutlich mehr als fünf oder sechs Prozent.

Jetzt sind es also nur noch fünf Prozent, und das ist zuwenig für die Wessis. Ein paar wenige Verleger, und dort ein paar wenige Eigentümer, verdienten sich (gerade in Ostdeutschland) über viele Jahre hinweg dumm und dämlich, unter anderem auch, weil immer mehr Redakteure entlassen und stattdessen schlecht bezahlte Freie eingesetzt wurden. Darüber hinaus wurde und wird redaktioneller Inhalt immer stärker mit Werbung vermischt, PR-Agenturen liefern ganze Seiten bis aufs Komma druckfertig, wichtige Anzeigekunden bestimmen die Denkschablonen der Redakteure. Der leitende Redakteur der Lokalredaktion Anklam arbeitet durchschnittlich 60 Stunden die Woche, steht in dem Zeit-Artikel auch noch.

Michael Seidel, der den obigen Satz über das Tagesgeldkonto gesagt hat, war zehn Jahre lang Gewerkschaftsfunktionär. Auch er ist mittlerweile wohl pragmatisch geworden. Wenn nicht Rendite bei der Zeitung, dann halt Rendite beim Tagesgeldkonto. Wozu sonst der “ganze Aufwand”? Es gab einmal Zeiten, da hätte ein Gewerkschaftsfunktionär den Verlegern gesagt, sie sollen sich ihre Rendite sonstwohin schieben.

Von der Presse als vierter Gewalt war einmal die Rede, von ihrer überlebenswichtigen Funktion in der Demokratie. Viele kleine Zeitungen hatten diese Funktion noch nie, zugegeben. Das Renditedenken gibt nun den anderen den Rest. Richten soll es jetzt “das Internet”.

Was wollen wir? Demokratische Kontrolle oder Tagesgeld? Im Kapitalismus alles eine Frage der Rendite. Und zwar ausschließlich. Würde “demokratische Kontrolle” mehr Rendite abwerfen als Tagesgeld, könnten die Tagesgeldkontobanken dichtmachen und wir hätten eine total tolle demokratische Kontrolle. Leider ist es derzeit andersrum. Kann man nix machen.

Übrigens gibt es doch noch eine Zeitung in Anklam, die sich nicht um Rendite kümmert und deren Auflage steigt: Es ist der Anklamer Bote, ein Gratisblatt der NPD.

Materialkunde 1 (Beton)

(Fotos: genova)

Kleine Kapitalismuskunde, kindgerecht

Endlich mal ein einfaches Beispiel für alle, die wissen wollen, wie Kapitalismus funkioniert:

Meine Frisörin ist umgezogen. Aus einer hippen Straße in Berlin-Kreuzberg einen Kilometer weiter in eine unattraktive Gegend mit wenig Fußverkehr. Ihr blieb nichts anderes übrig, denn die Miete sollte um 30 Prozent steigen. Zuviel für meine Frisörin. Jetzt zieht dort der xte Feinschmeckerladen oder das x-te coole Café oder sonstwas rein. Sicher wird es da leckere Sachen geben, aber es ist ein weiterer Schritt in Richtung Gentrifizierung.

30 Prozent. Die Mietverträge in solchen Gegenden sind gewöhnlich zeitlich befristet, sodass man nach Ablauf von ein paar Jahren die Miete um 30 Prozent erhöhen darf. Auch im rot-roten Berlin kein Problem. Kürzlich habe ich hier den ersten Porsche Cayenne vor einem Kindergarten stehen sehen, der sympathische Papi holte sein sympathisches Söhnchen ab. Die Wohnungsmieten sind bei Neuvermietungen auf dem Niveau von Düsseldorf, kein Scherz.

So geht das. Der neue Feinschmeckerladeninhaber wird im coolen Kiez allerdings genausowenig reich wie meine Frisörin. Der einzige, der in dieser Konstellation reich wird, und zwar noch reicher, ist der Hausbesitzer, und genau der ist auch der einzige, der  keinen Finger rührt. Und es ist der, der kaum Steuern zahlt. So wie alle, die seit 1949 von den extremen Bodenwertsteigerungen profitierten, kaum etwas davon an die Allgemeinheit abgeführt haben. Alles politisch gewollt. Ich schätze mal, dass die meisten Altbaubesitzer in Berlin ihre Objekte geerbt haben, zumindest kenne ich nur solche. Da sich jetzt ja Leistung wieder lohnen soll, müsste die FDP hier Enteignung fordern.

Meine Frisörin hat noch erzählt, dass sich ein Ladenmieter in der hippen Straße vor kurzem erhängt hat, mitten im Laden. Er habe sich finanziell total übernommen.

So isser, der Kapitalismus. Die einen haben nichts und arbeiten, die anderen haben Kapital, in welcher Form auch immer, und lassen arbeiten. Herr und Knecht, Puntila und Matti. Vielleicht ist der Hausbesitzer in der hippen Straße auch sozial, wenn er betrunken ist. Systemisch betrachtet muss das natürlich die Ausnahme bleiben.

Vielleicht machen die Leute in der Brunnenstraße es richtig. Dort, ein paar Kilometer weiter, in Mitte, wurde gestern ein Haus von 600 Polizisten geräumt. Die Ex-Besetzer wollen sich jetzt wehren, nicht umziehen.

Andrea Seibel: Mein Gott, wie kompliziert!

Gibt es interessante Biographien von uninteressanten Leuten? Ja, zumindest eine: die von Andrea Seibel. So heißt die stellvertretende Chefredakteurin der Welt. Die Frau ist mir vor ein paar Wochen aufgefallen wegen dieses Kommentars.

Ich will mich gar nicht weiter inhaltlich darüber auslassen. Kurzversion: Frau Siebel fordert darin eine Staatsquote von zehn bis maximal zwanzig Prozent, erklärt aber natürlich nicht, wo gespart werden soll, sondern begründet das religiös: Das mit dem Zehnten steht doch schon in der Bibel, kann also nicht falsch sein. Und dann fragt sie: “Wollen wir umverteilen bis zum umfallen?” Denn: “Aus dem Freiheitsstaat ist ein Sozialstaat geworden”.

Solche Artikel sind in gewisser Weise faszinierend, erlauben sie doch einen Einblick in die Märchenwelt ihrer Autoren. Sloterdijk lässt grüßen. Aber dazu wurde genug gesagt.

Interessant ist immerhin folgender Satz:

“Wenn das Leben in unseren modernen Gesellschaften immer komplizierter wird, dann müssen die Gesetze und Regeln, muss das Recht einfacher werden.”

Aha. Lustiger Zusammenhang. Eine nette bedingende Aussage, die Frau Seibel wahrscheinlich irgendwie logisch findet. Es verrät ein wenig darüber, wie einfach solche Leute denken. Die Frage, warum das Leben komplizierter wird, stellt sich in diesen Kreisen nicht. Das hat wahrscheinlich Gott so eingerichtet, ähnlich wie der Zehnte, daran rüttelt man nicht.

Wie wird man so wie Frau Seibel? Ihr Werdegang lässt aufhorchen. Auf eine gewisse Weise ist er banal, aber nicht nur: Sie wurde in der Nähe von Speyer geboren und das Tollste dort ist ihrer Meinung nach – man ahnt es – der Dom. Dann wurde sie Lehrerin in der Berliner Gropiusstadt und seitdem findet sie Beton – man ahnt es – doof. Wie originell. Dann aber arbeitete sie dreizehn(!) Jahre bei der taz, dann noch ein bisschen bei Küppersbusch und jetzt schreibt sie Bullshit in der Welt.

Wie kommt man zu solch einer atemberaubenden Neuorientierung? Sicher gibt es eine Menge Journalisten, die von der taz zum Spiegel gehen und dann auch anders schreiben. Aber vom linksalternativen Meinungsjournalismus zum vulgärneoliberalen und religiös gewickelten Geplapper ist es doch ein weiter Weg.

Sicher hat es auch mit der wesentlich besseren Bezahlung bei der Welt zu tun. 150.000 Jahresbrutto gegen 25.000 sind für manche exakt 125.000 Argumente pro Welt. Aber ist diese Form der Korruptheit die einzige Erklärung? Oder wollen sich solche Leute endlich mal befreien, endlich die Last sozialer Argumentation abwerfen, endlich sich nicht mehr um andere kümmern, endlich mal die Sau rauslassen? Oder ist es die Lust an einfachen Denkstrukturen, die ja in der Tat nicht so viel Arbeit machen.

Vielleicht ist es so: Wenn das Leben in modernen Gesellschaften immer komplizierter wird, dann muss das Denken immer einfacher werden. Das ist ein wenig wie bei Luhmann, der den Eindruck von Freiheit auch von der “Unerkennbarkeit der Ursache von Freiheitseinschränkungen” abhängig machte

Eine Art Schadensabwicklung der neuen Unübersichtlichkeit. Gott sei Dank sieht Frau Seibel den Dom schon von weitem. Da weiß man noch, was man hat.

Kein Zufall 4 (Freibad)

(Foto: genova)

ICC: Was von Monarchie und Alltag übrigbleibt

In Berlin wird derzeit diskutiert, ob das Kongresszentrum ICC abgerissen werden soll. Begründung: Das Monstrum ist überholt. In der Tat ist die technische Ausstattung nicht mehr zeitgemäß, vor allem, was die Energiebilanz angeht. Dennoch kommen die Abrissforderungen so vehement, dass man sich fragen muss, was dahinter steckt.

Die Diskussion ist, natürlich, gesellschaftspolitisch zu verorten. Das ICC ist in den Siebzigern gebaut worden, und deshalb sind in den Bau eine Unmenge neuer, gewagter und seinerzeit fortschrittlicher Ideen eingeflossen. Fortschritt hat sich in den vergangenen Jahren aber bekanntlich schleichend in Reaktion gewandelt, und deshalb ist das ICC heute nicht schützenswert. Der Klotz muss weg. Rationale Argumente fallen dabei unter den Tisch. Beispielsweise die Einzigartigkeit der Architektur. In Deutschland und (meines Wissens) weltweit gibt es kein vergleichbares Gebäude, sowohl ästhetisch als auch von den Dimensionen und der Struktur her. Das Leitystem, also die Orientierung der Besucher im Gebäude, war seinerzeit völlig neu. Dazu kommt die verkehrstechnische Situation: Umgeben von Autobahnen und mit einer unterirdischen Autozufahrt. Grund genug eigentlich, das Ding unter Denkmalschutz zu stellen.

Nicht so in Berlin. Die Wirtschaft hat sich in Form der Industrie- und Handelskammer schon positioniert:

“Aus Sicht der Wirtschaft darf jetzt keinesfalls die lähmende, ideologische Diskussion über die ´Ikone` ICC wieder aufleben.” Außerdem wird “rasche Entscheidung” des Senats “angemahnt”.

Es soll also auf rein wirtschaftlicher Basis entschieden werden. Und diese Basis führt angeblich zum Abrissbeschluss.

Von wegen: Das ICC ist sehr gut ausgelastet und der Abriss würde eine hohe dreistellige Millionensumme erfordern, da das Teil so massiv und statisch kompliziert gebaut wurde. Laut dem leitenden Bauingenieur von damals sei dagegen der Abriss des Palastes der Republik “ein Kinderspiel” gewesen. Der Mann rät vom Abriss dringend ab, da nicht einmal er selbst wisse, wie das ökonomisch vertretbar vonstatten gehen könne.

Das ICC passt ideologisch nicht mehr in die Zeit, sodass selbst solche Inneneinrichtungen der Abrissbirne geopfert werden sollen. Man hat von der Abrisswut der Nachkriegszeit nichts gelernt. Alles, was eine im Moment nicht passt, was im Moment nicht angesagt ist, wird zum Abschuss freigegeben. So lief das in den 1950er Jahren auch, als straßenzugsweise an Altbauten die Abrissbirne geschlagen wurde.

Nun wird das Ganze zusätzlich lehrreich, wenn man die ICC-Ablehner vergleicht mit den Stadtschloss-Befürwortern. Es wäre interessant zu erfahren, wie groß die Schnittmenge zwischen beiden ist. Ich vermute, sehr groß.

Denn es geht nun einmal nicht zusammen, sich über Walter Ulbricht zu echauffieren, der den Schlossabriss 1950 zu verantworten hatte, und gleichzeitig den Abriss des ICC fordern. Hier zeigt sich wieder einmal das wahre Gesicht dieser Leute. Ein Gebäude ist jetzt nur dann erhaltenswert, wenn es aus der guten alten Zeit stammt.

Der Schlossabriss seinerzeit mag falsch gewesen sein, doch immerhin gab es einen guten Grund, den Kasten plattzumachen: Er repräsentierte eine vormoderne, inhumane und undemokratische Herrschafts: die Monarchie mit all ihren Formen, Absolutismus. Das ICC steht für ein Vorwärtsdenken, das sich in Massenkultur ausdrückte und überhaupt darin, dass die Masse als respektables Moment von Gesellschaft wahrgenommen wurde. Man könnte das ICC sogar als Gehäuse sehen, in dem 20.000 Menschen auf einmal weitergebildet wurden und werden.

Ein anderer Aspekt ist heute natürlich problembehaftet: Der Gedanke, dass es die Technik schon richten wird, die Gigantomie. Doch 20.000 Leute in unterschiedlichen Veranstaltungen in einem Gebäude sich bewegen zu lassen, erforderte neue Herangehensweisen. Dass die Beschilderung dann der auf Autobahnen ähnlich ist, muss nicht so schlecht sein, wie es der deutsche Romantiker empfindet, wenn man diese Beschilderung als etwas dem Individuum Äußerliches betrachtet, das nicht notwendigerweise seine Seele verbiegt. Und gab überhaupt ein Denken nach vorne, und das Bedürfnis, Technik für gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen, ist uralt und nicht grundfalsch, sondern völlig ok. Ohne dieses Denken wäre nicht einmal das Rad erfunden worden.

[Fotos: Wikipedia (1), abfotografiert in der Ausstellung zum ICC im Heimatmuseum Berlin-Charlottenburg (2, 3, die Originalfotos sind von Mila Hacke aufgenommen), von Postkarte abfotografiert (4)]

Einen interessanten, knapp halbstündigen Film zum Bau des ICC gibt es hier.

Gemäldeankäufe statt CDs

Ein lesenswerter Beitrag in der Zeit von Tanja Dückers zur aktuellen Sozialdarwinismusdebatte und dem intellektuellen Magerquark, der da angerührt wird. Man beachte das wunderbar illustrative Foto mit Joop und Westerwelle.

Peter Frey: “Du sollst nicht lügen”

Der Fernsehjournalist Peter Frey war schon öfter der Mann fürs Grobe. Beispielsweise interviewte er vor der Bundestagswahl Oskar Lafontaine in der Reihe “Sommerinterview im ZDF”. Wer es sich anschaut und danach das in derselben Reihe geführte Interview mit Angela Merkel mag sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie überparteiisch es da zuging. Frey behauptete damals mehrfach, Lafontaine habe “hingeschmissen”, was niemand mehr behauptet, der politisch ernst genommen werden will. Lafontaine ist ihm dann ein paarmal über den Mund gefahren, was Frey offenbar bis heute nicht verwunden hat. Jedenfalls berichtete er vorgestern in den heute-Nachrichten:

heute-Nachrichten

Beim oberflächlichen Gucken fällt einem vielleicht nichts auf. Dennoch – oder gerade deswegen – ist dieser Beitrag ein schönes Beispiel für perfiden Journalismus, und zwar aus drei Gründen:

  1. Frey behauptet, der Spiegel habe am Wochenende “die Beziehungen zu einer Parteigenossin enthüllt”. “Enthüllung” ist klar definiert: Der Sachverhalt ist wahr. Enthüllen kann man nur, was real vorhanden ist. Die Spiegel-Enthüllungen sind aber keine, es gibt keinen Beleg, keine Zeugen, keine Fotos, keine eidesstattlichen Erklärungen und die Betroffenen streiten alles ab. Sicherlich kann der Spiegel-Bericht trotzdem stimmen, aber es weist im Moment nichts darauf hin. Frey weiß das natürlich.
  2. Die Linke bzw. PDS hat im Saarland bei der Landtagswahl 2004 2,3 Prozent geholt, fünf Jahre später 21,3 Prozent. Es ist meines Wissens der höchste Zuwachs, der jemals bei einer politischen Wahl in Deutschland erreicht worden ist. Was macht Frey daraus? Er wertet das Wahlergebnis der saarländischen Linken als persönlichen Misserfolg von Lafontaine, da er nicht Ministerpräsident geworden sei. Kann man noch dämlicher argumentieren?
  3. Schließlich wird es persönlich. Frey: “Aber [also trotz des Misserfolgs im Saarland] bei den Linken zweifelt heute niemand daran, dass der Saarländer auch in Zukunft das strategische und programmatische Zentrum bleibt, selbst wenn er dann kürzer treten muss.” Man bedenke: Lafontaine hatte ein paar Stunden zuvor mitgeteilt, dass er Krebs hat, alles weitere war und ist unklar. Nur Peter Frey weiß, dass Lafontaine das “Zentrum” bleiben wird. Sein Kronzeuge: alle Linken, die er vorher sicher gefragt hat.

So geht Medien. Nicht etwa bei RTL II oder Fox News, sondern beim gebührenfinanzierten ZDF. Und es wird folgenlos bleiben.

Wer ist dieser Frey? Er hat bei Professor Werner Weidenfeld promoviert, der wiederum Chef des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) ist. Das CAP ist quasi eine Tochter der Bertelsmann-Stiftung und völlig von ihr abhängig. Über die Rolle der Bertelsmann-Stiftung ist schon viel geschrieben worden, lesenswert ist etwa ein Artikel im Tagesspiegel von Harald Schumann. Kurzform: Sie treibt den neoliberalen Umbau von Staat und Gesellschaft ohne jedes demokratische Mandat voran, immer im Gewand von Beratung und Kompetenz.

Frey ist seit drei Jahren sogar Fellow des CAP. Das bedeutet, er ist sozusagen offiziell der Ideologie dieser Gruppen verpflichtet. Und insofern wohl auch verpflichtet, sich in den Medien so zu benehmen, wie er sich benimmt. Da Frey auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist,  könnte man nun über das soundsovielte Gebot (“Du sollst nicht lügen”) nachdenken, doch das wäre zu abgegriffen, setzte es doch voraus, dass Katholiken dieses Gebot in der Regel befolgten.

Lafontaine ist kein Heiliger, er ist mir nicht einmal übermäßig sympathisch. Aber er ist ein drastisches Beispiel, wie die politische und die mediale Klasse mit jemandem umgeht, der die etablierte Herrschaft infrage stellt.

Und das Beste zum Schluss: Aus Gründen des Proporzes achten die Öffentlich-Rechtlichen ja genau darauf, dass die politischen Gewichtungen stimmen. Frey wurde seinerzeit als Gegengewicht zu Peter Hahne installiert. Hahne ist der religiös motivierte Moralist, der alle paar Monate neue christliche Erbauungsliteratur auf den Markt wirft.  (“Schluss mit lustig”, “Zeit zum Innehalten”, “Wir sind getröstet”, “Wir bleiben fröhlich”, “Wir sind geborgen”, “Wir sind glücklich” etc.).

Frey ist also der Gegenpart zu Hahne: von links. Alles eine Frage der Perspektive.

Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

FAZ, Spiegel, Focus, Bunte, Bild und ein paar hundert epigonale Provinzblätter samt obrigkeitsdevoter Fernsehanstalten und unzähliger rechter Pressure Groups können sich freuen: Ihr Erzfeind Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt. Damit sind sie wohl am Ziel. Nach Jahren strategischer Berichterstattung unter der Gürtellinie waren die angeblichen Enthüllungen über eine Affäre Lafontaines mit Sarah Wagenknecht der vorläufige Höhepunkt. Beweise gab es keine, Lafontaine und Wagenknecht dementierten, aber wer ordentlich Gerüchte streut, kann davon ausgehen, dass etwas hängenbleibt. Gerade bei solch heiklen Geschichten wäre sorgfältige Recherche und eine klare Beweislage unabdingbar. Doch es ging ja nur um Lafontaine. FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. Zum Vergleich: Handfeste Gerüchte um eine Liaison Kohls mit seiner Vorzimmerdame waren jahrelang unter Journalisten im Umlauf. Nichts davon drang nach außen.

Nichts in den vergangenen Jahren war bekloppt genug, als dass man es nicht gegen Lafontaine hätte verwenden können: Kürzlich noch seine angebliche Rückkehr zur SPD, die die Bild vermutete, der Privatjetcharter vor vier Jahren, den ihm unter anderem Focus anhängen wollte, tägliche millionenfach gedruckte Fotos eines wutverzerrten, rotgesichtigen Lafontaine, die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren, die Unterstellungen, er würde im Saarland schon wieder einen Rückzieher machen: Es gab nichts, was von diesen Schmierenjournalisten nicht versucht worden wäre, keine Lüge war zu billig. Wenn es um Lafontaine ging, war man sich unausgesprochen einig, dass Fairness in der Berichterstattung nicht sein müsse, ja, nicht sein dürfe. Mit Fairness hätte man sich in diesen Kreisen schon verdächtig gemacht. Dazu die persönlichen Herabsetzungen: Er sei unberechenbar und jetzt auch schon so alt.

Bewundernswert, wie Lafontaine immer wieder versuchte, über Sachpolitik zu reden, selbst mit denen, die ihn ansonsten fertig machen wollten, weil es ihm um die Sache ging und geht. Vielleicht hätte er sich ausdrücklicher wehren sollen. Aber wie? Die Hetze wäre noch aggressiver geworden. Doch um Politik ging es dem Blätterwald nie: Dazu hätte man sich mit Inhalten auseinandersetzen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge verstehen müssen. In wie vielen Interviews und Gesprächen und Artikeln wurde Lafontaine immer wieder mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Journalisten sich keinerlei Mühe machen, sich halbwegs objektiv zu informieren? In wie vielen Redaktionen galt die Weisung, die Linkspartei nicht als eine von mehreren Parteien im demokratischen Spektrum zu behandeln, sondern mit der NPD auf eine Stufe der Aussätzigen zu stellen? Es ist für den vom intellektuellen und moralischen Standpunkt her seit geraumer Zeit neoliberal verkommenen deutschen Journalismus bequemer, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, in wunderbarer deutscher Tradition.

Es sind, zum Teil, ähnliche Mechanismen wie das Medienevent des Selbstmords von Robert Enke. Es geht immer mehr nur noch um die Kampganenfähigkeit, die sich Journalisten wohl gegenseitig beweisen müssen. Pro Sieben sendet einen Beitrag über die Ankunft seiner Witwe am Tatort (“Lebt er noch?”), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff darf bei der pathetischen Trauerfeier im Fußballstadion widerspruchslos die Leistungsgesellschaft beklagen, die er seit Jahren tatkräftig mit einrichtet, sämtliche Boulevardmagazine ergehen sich in distanzlosem Hype und sind bemüht, alles Private öffentlich zu machen. Enke selbst und auch das Thema Depression sind scheißegal. Es geht nur darum, irgendwas durch den medialen Fleischwolf zu drehen. Bei Enke war die Zielvorgabe, die ganze Nation zum heulen, bei Lafontaine, sie zum hassen zu bringen. Bei Lafontaine standen immerhin die Vermögensverhältnisse in diesem Land auf dem Spiel. Da hört der Anstand auf.

Wie gehts weiter mit dem Qualitätsjournalismus? Ein Leserkommentar in der taz bringt es auf den Punkt: “Vielleicht wird Lafontaine ja im Stadion operiert, wie wär´s?”

Ich sehe die Fernsehmoderatoren schon umschalten auf Dackelblick. Bei Bedarf gerne mit Krokodilstränen. Die Journaille, bei der im Hinterzimmer wahrscheinlich gerade die Sektkorken knallen, wird nichts unversucht lassen.

Kein Zufall 3 (Strand)

Strand1