Die Rendite des Verlags liegt bei fünf bis sechs Prozent. “Ist doch klar, dass der Verleger mehr haben will.” Sonst könne er ja auch ein Tagesgeldkonto anlegen und sich den ganzen Aufwand sparen”.
Der Verlag, über den Michael Seidel in der Zeit das sagt, ist der Eigentümer des Nordkuriers, einer Regionalzeitung in Mecklenburg-Vorpommern, bei der Seidel Chefredakteur ist. Der Nordkurier gehört drei Unternehmerfamilien aus Westdeutschland, die, laut Zeit, viele Jahre lang viele Millionen verdient haben in dieser armen Region, deutlich mehr als fünf oder sechs Prozent.
Jetzt sind es also nur noch fünf Prozent, und das ist zuwenig für die Wessis. Ein paar wenige Verleger, und dort ein paar wenige Eigentümer, verdienten sich (gerade in Ostdeutschland) über viele Jahre hinweg dumm und dämlich, unter anderem auch, weil immer mehr Redakteure entlassen und stattdessen schlecht bezahlte Freie eingesetzt wurden. Darüber hinaus wurde und wird redaktioneller Inhalt immer stärker mit Werbung vermischt, PR-Agenturen liefern ganze Seiten bis aufs Komma druckfertig, wichtige Anzeigekunden bestimmen die Denkschablonen der Redakteure. Der leitende Redakteur der Lokalredaktion Anklam arbeitet durchschnittlich 60 Stunden die Woche, steht in dem Zeit-Artikel auch noch.
Michael Seidel, der den obigen Satz über das Tagesgeldkonto gesagt hat, war zehn Jahre lang Gewerkschaftsfunktionär. Auch er ist mittlerweile wohl pragmatisch geworden. Wenn nicht Rendite bei der Zeitung, dann halt Rendite beim Tagesgeldkonto. Wozu sonst der “ganze Aufwand”? Es gab einmal Zeiten, da hätte ein Gewerkschaftsfunktionär den Verlegern gesagt, sie sollen sich ihre Rendite sonstwohin schieben.
Von der Presse als vierter Gewalt war einmal die Rede, von ihrer überlebenswichtigen Funktion in der Demokratie. Viele kleine Zeitungen hatten diese Funktion noch nie, zugegeben. Das Renditedenken gibt nun den anderen den Rest. Richten soll es jetzt “das Internet”.
Was wollen wir? Demokratische Kontrolle oder Tagesgeld? Im Kapitalismus alles eine Frage der Rendite. Und zwar ausschließlich. Würde “demokratische Kontrolle” mehr Rendite abwerfen als Tagesgeld, könnten die Tagesgeldkontobanken dichtmachen und wir hätten eine total tolle demokratische Kontrolle. Leider ist es derzeit andersrum. Kann man nix machen.
Übrigens gibt es doch noch eine Zeitung in Anklam, die sich nicht um Rendite kümmert und deren Auflage steigt: Es ist der Anklamer Bote, ein Gratisblatt der NPD.








