Monatsarchiv: Oktober 2009

Kein Zufall 2 (Vorstadt)

(Fotos: genova)

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Kein Zufall 1 (Landschaft)

IMG_2769(Foto: genova)

SPD: Auch Scheer schmeißt hin

Die einzigen beiden SPD-Politiker, die ich jemals in diesem Blog gelobt habe, sind Andrea Ypsilanti und Henning Scheer – letzteren erst vor knapp vier Wochen. Und was machen sie jetzt? Sie “schmeißen die Brocken hin” (welche Brocken sind da eigentlich gemeint?) Schlimmschlimm. Hätte ich besser nichts sagen sollen? Bin ich jetzt schuld?

Natürlich ist der Hinschmiss konsequent angesichts der Realpolitik der Sozis. Andererseits sind solche Leute in der Politik vonnöten, jetzt mehr denn je. Vielleicht tauchen sie ja demnächst bei der Linkspartei auf.

Kurzkritik der neuen Bundesregierung

Guttenberg wird Waffenlobbyist und euphemistisch Verteidigungsminister genannt, der bisherige euphemistisch Verteidigungsminister genannte Jung wird Arbeitsminister, der euphemistisch liberal genannte Arzt Rösler wird Lobbyist der Privatkassen und boxt die Kopfpauschale bei den Leistungen kürzenden gesetzlichen Kassen durch, und der erklärte Gegner von Entwicklungshilfe, Dirk Niebel, wird, kein Scherz, Entwicklungshilfeminister, was auch ein Euphemismus sein dürfte.

Somit sind wenigstens die Fronten klar.

Update: In dem Zusammenhang ein Hinweis auf ein wunderbares Beispiel der Arroganz der Macht, gefunden bei Kritik und Kunst.

Kurze Vorbemerkung zu “Adorno und der Jazz”

Bersarin von Aisthesis und Momoroulez von Metalust und Subdiskurse (siehe Blogroll) sowie ich haben kürzlich lose verabredet, ein paar Adorno-Aufsätze zur Ästhetik und zum Jazz zu lesen und darüber zu reden. Eine schöne Idee. In den letzten Tagen habe ich nicht gelesen, sondern darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich mit Adornos Ästhetik im Unreinen bin. Dazu ein paar Sätze.

Adornos Reiz bestand für mich seit den Tagen meines Nebenfachphilosophie-Studiums in den Neunzigern vor allem in der Dialektik der Aufklärung, dem dortigen Kulturindustriekapitel und seinen vielen kleinen Texten zu diesem und jenem (beispielsweise in den Minima Moralia und den Prismen). Seine beiden Hauptwerke, eben vor allem die Ästhetische Theorie, aber auch die Negative Dialektik, waren mir zu sperrig, der Aufbau zu abstrus und seine Idee, dass in einem Text jeder Satz gleichweit vom Mittelpunkt entfernt sein müsse, zu unpädagogisch. Nichts gegen einen guten Essay, aber bitte nicht auf 500 Seiten. Für eine genaue Lektüre fehlte mir also die Zeit, und da das eine dämliche Ausrede ist: der Antrieb. (Nebenbei: Die Negative Dialektik schenkte mir ein Freund zum bestandenen Examen mit der lustigen Widmung “Eine unbeschwerte Lektüre wünscht …” Wohl dem, der das schafft!).

Der Grundgedanke der Negativen Dialektik ist mir dennoch sympathisch, bei der Adornoschen Ästhetik bleibe ich reserviert, obwohl das eigentlich kaum zu trennen sein sollte. Ich bin da, wie gesagt, nicht drin, aber man braucht ja immer einen Anlass, sich mit etwas zu beschäftigen, und der fehlt mir da eben.

Sicher ist mir der (neo-marxistische) Ansatz nicht fremd, der Kunst und Gesellschaft zusammendenkt und auch ein angeblich interesseloses Wohlgefallen in irgendeiner Weise gesellschaftlich verortet. Kunst als Gesellschaftskritik. Und dass Kunst im Kapitalismus zur Marke, zum unverbindlichen Angebot einer individuellen Wertsteigerung des Subjekts degradiert wird, ist jedem offensichtlich, der sehen kann. Spätestens, wenn Westerwelle erzählt, dass er die Leipzig School sammelt, sollte man stutzig werden. Kunst als Affirmation ist bestenfalls Kunsthandwerk, das ich gar nicht lächerlich machen will, doch das sollte man dann auf einer anderen Ebene verhandeln. Kunst sollte aber genausowenig Affirmation eines gedachten Anderen sein, sondern versuchen, den Schein, das nicht-begriffliche Andere auszudrücken, und das am besten mimetisch.

So weit, so theoretisch. Doch was sagt Adorno konkret über Ästhetik, über Kunst, über Musik? Was mir zentral in Erinnerung ist: Kunst muss sich am avanciertesten Stand des Materials orientieren, sonst ist sie keine. Schon damit habe ich meine Probleme. Was ist der avancierteste Stand des Materials und wer bestimmt das? Ist das nicht gnadenlos elitär und eindimensional? Dieser Fortschrittsgedanke hat etwas Zwanghaftes.

Vorab: In dem, was schlechte Musik ist, kann man Adorno leicht zustimmen.  Der “durchs Radio dressierte Hörer” (EM, S. 39) hört viel musikalisch Regrediertes, das sich an das “unerbittlich strikte Schema” (ebd.) zu halten hat sicher. Die Wiederkehr des Immergleichen.”

Doch was ist gute Kunst? Schon Adornos Musikgeschichte hat etwas Monothematisches? Die Vorklassik  hat das Subjekt nicht berücksichtigt und ist deshalb uninteressant. Nun ja. Beethoven hat sich radikale gestalterische Freiheiten erlaubt, Mozart drückt durch “Mannigfaltigkeit, in den zartesten Übergängen” (PM, S. 79) das Subjekt nuanciert in seinem Umfeld aus, bestimmt richtig. Die Romantik hat versagt, weil der Anspruch der Einheit ein romantisch-verklärter war, das Subjekt war verloren. Der Expressionismus hat als Gegenbewegung das Subjekt absolut gesetzt. Soweit der Kurzdurchlauf, der ja seine Begründung haben mag, ich kenne mich da nicht gut aus. Doch wenn die historische Entwicklung in den 1920er Jahren auf die Zwölftonmusik hinausläuft und auf sonst nichts, dann ist mir das zu blöd. Da musste es die Zwölftonmusik sein, alles andere war nicht avanciert genug: “Philosophie der Musik ist heute nur möglich als Philosophie der neuen Musik” (PM, S. 19).

Was ist an der Zwölftonmusik so toll? Die Zwölftonreihe ist eine Folge der zwölf gleichberechtigten Töne einer Oktave, die vom Komponisten festgelegt wird. Als Variati­onsmöglichkeiten stehen die Spiegelung, also die Umkehrung an der Horizontalen, au­ßerdem der Krebs, die Umkehrung an der Vertikalen, und schließlich die Spiegelung des Krebses, also die horizontale Umkehrung des Krebses, zur Verfügung.In einer Reihe darf kein Ton wiederholt werden, ehe nicht die anderen elf intoniert wurden. Das führt dazu, dass es keine Leittöne mehr gibt. Alle Töne sollen gleichberechtigt nebeneinander stehen und jeder Ton die gleiche Nähe zum Mittelpunkt des Werkes haben. (Erinnert an an Adornos Idee vom Essay.) Tonalität schlägt in Atonalität um. Dadurch existiert kein Thema mehr im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr die Reihe, die an dessen Stelle tritt. Diese verbindlichen Regeln führen zu einer gewissermaßen mathematischen Art des Komponierens. Es gibt keine “freie” Note mehr.

Und genau so hört sich das für meine Ohren an. Ich will mir gar kein Urteil anmaßen über die theoretische Qualität dieser Musik. Aber mein Gefühl beim Hören – und ich habe das Gefühl, dass das kein Ressentiment ist – ist ein ernüchterndes. Und dieses Gefühl will ich nicht zur Gefühlsduselei herabgewürdigt wissen.

In einem Zeit-Artikel zum Thema hat Christoph Drösser einiges Interessantes gesagt, was aber von kompetenten Zeigenossen wie Bersarin und Momoroulez in der Luft verrissen wurde. Mir ist die Kritik nicht grundfremd, aber sie lässt mich unbefriedigt. Drösser hat sich mit der Hörerfahrung von Zwölftonmusik beschäftigt und meint im Kern: Wer sich in die Zwölftonmusik erst einmal hineingehört hat, kann davon berührt werden. Aber das setzt eine musikwissenschaftliche Ausbildung voraus. Wer die nicht hat, scheitert an der neuen Musik. Also praktisch alle.

Elitenbildung und Fachwissen auf hohem Niveau als Voraussetzung für Hörgenuss? Und wer dieser Elite nicht angehört, hört halt regressiven Schrott? Mit dieser Einstellung konnte Adorno in seinem Verhältnis zum Jazz nicht weiterkommen. Und dieses geradezu zwanghafte Verhältnis zu Musik ließ ihn offensichtlich auch nicht auf die Idee kommen, seine aus den 1930er Jahren stammende Meinung in den Fünfzigern oder Sechzigern zu überdenken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damals den zeitgenössischen Jazz nicht wahrgenommen hat. Er war diesbezüglich extrem abgehoben, und das soll er ruhig, aber aus dieser Warte alle anderen musikalischen Bemühungen nicht nur zu relativieren, sondern sie als Ausdruck des falschen gesellschaftlichen Bewusstseins zu diskreditieren, schließt auf einen zweifelhaften Elitebegriff, der gerade einem Adorno nicht gut zu Gesicht steht.

Ich habe den Eindruck, als verteidigten die Drösser-Kritiker die Zwölftonmusik, weil sie ihn nicht nur als Zwölftonmusikkritiker wahrnehmen, sondern als Kritiker der Dialektik der Aufklärung. Und das ist meiner Meinung nach zu kurz gesprungen. Sicher ist Drössers Auffassung Blödsinn, dass Adorno “alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst” gewesen sei, aber das war ja nicht der wesentliche Gehalt des Artikels.

Dabei war Adorno selbst gleichzeitig auch ein Kritiker der Zwölftonmusik. Auch sie ist vorm dialektischen Umschlag nicht gefeit. Der Zwölftonkomponist muss bei seiner Arbeit “warten, welche Zahl her­auskommt und [kann] sich freuen, wenn es eine ist, die musikalischen Sinn gibt” (PM, S. 67). Der Kom­ponist, ange­treten, um mittels selbst gesetzter Regeln Musik durchorganisiert und kon­trol­liert zu schaffen, wird Opfer seiner selbst. “Keine Regel erweist sich als repressiver denn die selbstgestellte.” (PM, S. 69) Neue Musik als systemstabilisierend wie ein Schlager, wäre jene so simpel wie dieser. Die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik sollten dem wohl abhelfen. Cage und Stockhausen machten die Sacher allerdings nicht besser.

In dem Aufsatz Vers une musique informelle nennt Adorno übrigens einige Kriterien für gute Musik, die aufhorchen lassen. Es soll eine sein, “die im Produktionsprozess selbst sich nicht absehen lässt” (VMI, S. 523), eine, “die die Angst los wird, indem sie reflektiert und ausstrahlt, sich nicht von ihr gängeln lässt. Aber die Angst vor dem Chaos ist musikalisch nicht anders als sozialpsychologisch: überwertig” (VMI, S. 514). Das trifft auf viele Varianten des Jazz zu. (zumal man den Jazzbegriff generell auf den Müll werfen muss, weil sich mittlerweile so viel unter ihm subsumiert, dass er wertlos geworden ist.) Angst vor dem Chaos würde ich  eher der Zwölftonmusik attestieren als Avantgarde-Jazz. Adorno war somit vielleicht nahe dran, auch andere zeitgenössische Musik fair zu bewerten. Er sprach sogar vom fehlenden “Triebleben der Klänge” und: “Nicht bloß die Töne sind vorweg gezählt, der Primat der Linien lässt die Klänge verkümmern”. (PM, S. 83). Doch ihm fehlte der Mut zum Groove, stattdessen wurde er in Darmstadt noch extremer. Ich habe den Eindruck, er lehnte dort musikalische Ordnung um des Prinzips willen ab, statt den Ordnungsbegriff als quantitativ hintanzustellen und stattdessen zu gucken, was die Musik mit ihm macht.

Der historisch sedimentierte Geist auf seinem entwickeltesten Niveau, der auch in Musik zum Ausdruck kommt, erlaubt mehr als zwölf Töne. Der avancierteste Stand des Materials kann sich in einem guten Groove genauso entfalten wie seinerzeit in der genialen Bitches Brew von Miles Davis oder in den besten Sachen von Coltrane oder eben auch in den späten Sonaten von Beethoven. Selbst ein Dudler wie Grant Green und seine Mitstreiter schaffen es auf Green is beautiful (was sich gerade auf meinem Plattenteller dreht), einen lässigen Sound mit treibenden Percussions und Congas zu spielen, bei dem sich diese beiden Komponenten, Lässigkeit und Getriebenheit, wunderbar ergänzen und durch die weiche und warme Gitarre unterstützt werden. Ist das wie ein “Einrichtungsgegenstand, wie gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert”, wie Bersarin meint? Ich fände es dreist, das als regressiv zu bewerten, bloß weil es im Viervierteltakt bleibt und gleichzeitig  Cage oder Stockhausen irgendwelche Geräuschinstallationen zusammenbasteln, die kein Schwanz mehr versteht außer Adorno und seine Adepten in Darmstadt und Donaueschingen. Vielleicht ist Green aber auch nur die bessere Kiffer-Musik. Ja, Musik soll Genuss bereiten! Von jedem guten Film erwarte ich das, egal, wie sperrig er ist. Wenn mir ein Film nicht in irgendeiner Weise Genuss bereitet, ist es kein guter Film. Dann ist zumindest ein Kriterium nicht erfüllt. Bei Musik ist das genauso. Oder wird der Genussbegriff auf Popcorn und Cola im Kino und auf möglichst störungsfreies Gequatsche, während im Hintergrund die Musik läuft, reduziert?

In den Ideen zur Musiksoziologie schreibt Adorno etwas Merkwürdiges: “Ob der Pulsschlag eines Musikhörenden sich be­schleunigt, und ähnliches, bleibt gegenüber dem spezifischen Verhältnis zu ge­hörter Musik ganz abstrakt.”

Vielleicht war das sein Problem. Man sollte Musik nicht nur mit den Noten in der Hand hören. Wenn Musik sich auf Wissenschaft reduziert, beschneidet sie sich wesentlicher Eigenschaften. Jazz ist dann abzulehnen genau wie die Musik indigener Völker oder geistig Behinderter. Der sedimentierte Geist ist kein universaler, der sich nur in der einen Wahrheit verkündet. Wenn ich das Triebleben der Klänge suche, kann ich auch mal mit den Fingern schnippen. Auch ohne Geräuschinstallationen kann ich die realen gesellschaftlichen Verhältnisse ablehnen.

Soweit dieser kleine Versuch einer Vorbemerkung zu Adornos Verhältnis´ zum Jazz. Ich bin kein Fachmann, wollte das aber ganz unausgegoren mal gesagt haben.

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Die meisten Zitate habe ich einer alten Seminararbeit von mir zum Thema entnommen. Abkürzungen:

PM: Philosophie der Neuen Musik, Franfkurt a.M. 1993. (ist, glaube ich, identisch mit dem entsprechenden Band in den GS)

EM: Einleitung in die Musiksoziologie, Frankfurt a.M 1973. (ebenfalls identisch)

VMI: Vers une musique informelle, GS 16.

Jack Wolfskin: Im System zuhause

Auch auf einem Dreitausender mit der Verwertungslogik per du: Der Wanderausstatter Jack Wolfskin hat, unter anderem, die taz abgemahnt, ihre Tazze nicht mehr auf bestimmte Produkte aus dem Outdoor-Bereich aufzusticken. Der Designer Roland Matticzk hat die Pfote zwar schon 1979 für die taz erfunden, die haben sich aber – typisch Linksromantiker! – die Markenrechte nicht gesichert. Das hat Jack Wolfskin 1982 gemacht.

Die Online-Welt ist empört und Jack Wolfskin hat nun reagiert. In der Stellungnahme der Firma aus dem Taunus findet sich der lustige Satz:

“Leider ist es notwendig, auch verhältnismäßig kleine Anbieter mit einer Abmahnung und entsprechender Kostenerstattung zu kontaktieren.”

Ich empfehle Herrn Wolfskin, das Hören lauter, gitarrenlastiger Popmusik durch junge, attraktive und tadellos angezogene Menschen beiderlei Geschlechts auf baumfreien hohen Bergen auch als Marke schützen zu lassen und Zuwiderhandelnde mit entsprechender Kostenerstattung zu kontaktieren. Da könnte ja sonst jeder kommen.

Gefunden im Commonsblog, wo es eine Menge weitere Informationen zum Thema gibt.

Ich zeige nun todesmutig und lediglich aus Gründen der Anschaulichkeit die tazze und hoffe, dass mich weder der böse Herr Wolfskin noch die gute taz dafür verklagen werden. (Foto: Wikipedia)

So geht das: Vermögen verdoppelt, Steuerlast halbiert

Nichts neues, alles bekannt, und doch angesichts des zu erwartenden schwarz-gelben Koalitionsvertrages wieder erwähnenswert: Die Reichen werden immer reicher. Glücklicherweise gibt es ein paar sozial denkende Reiche, die das offen zugeben. So etwa die 45 Millionäre, die den Appell Vermögensabgabe unterschrieben haben und – analog der Linkspartei, glaube ich – fordern, dass der Bund zwei Jahre lang eine fünfprozentige Steuer von den 2,2 Millionen Deutschen einziehen, die (offiziell) mehr als 500.000 Euro Vermögen haben. Dadurch kämen 100 Milliarden Euro zusammen.

Die Wirklichkeit ist genau umgekehrt. Dieter Lehmkuhl, einer der Initiatoren des Apells, wird vom Tagesspiegel so zitiert:

“Seit 2000, sagt Lehmkuhl, haben sich die Einkünfte aus seinem Vermögen etwa verdoppelt, zugleich habe sich die Steuerlast halbiert.”

Das Vermögen verdoppelt sich, weil sich Kapital im Kapitalismus rentiert, und die Steuerlast halbiert sich, weil sich Politik im Kapitalismus nach den Wünschen der Kapitalisten richtet. Man könnte, müsste nun auch systemrelevante Fragen stellen, egal.

Nichts neues, alles bekannt. Aber bitte nicht vergessen.

Sloterdijk, Cicero, Sarrazin

Ich habe Verständnis für jeden, der aufgrund dieser drei Namen nicht weiterliest. Würde ich auch nicht machen. Dennoch ein kurzer Satz zu einem Beitrag des sogenannten Philosophen im sogenannten Fachblatt für Rechtsintellektuelle  über den sogenannten Integrationsexperten.

Im Cicero behauptet Sloterdijk jetzt, Sarrazin sei nur so “unvorsichtig” gewesen, “auf die unleugbar vorhandene Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen“. Daraufhin sei „die ganze Szene der deutschen Berufsempörer“ gegen Sarrazin auf die Barrikaden gegangen.

Nun ist es zum einen ja so, dass auch eine ganze Menge Prominenter für Sarrazin auf die Barrikaden gegangen sind (und jetzt auch Sloterdijk). Was mich, zum anderen, aber wundert, ist die Sloterdijksche conclusio zum Fall Sarrazin:

„Das Beispiel zeigt, wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt.“

Was meint er genau? Wessen “Sprachkarren” – um bei diesem sonderbaren Bild zu bleiben – steckt im Dreck? Der der Sarrazin-Kritiker? Oder der von Sarrazin, der ohne jeden Beleg behauptet, dass “70 Prozent der Türken und 90 Prozent der Araber integrationsunwillig” seien, dass viele Türken “ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren” , dass “die Türken Deutschland erobern”? Sarrazin hat also nur auf etwas hingewiesen? Sagt der Sprachexperte Sloterdijk?

Ich weiß nicht so genau, was Sloterdijk meint, der Cicero veröffentlicht den Beitrag online nur auszugsweise. Ich habe aber das Gefühl, dass Sloterdijk hier ein weiterer Tiefschlag gelungen ist, sprachlich als auch semantisch. Das wäre nicht verwunderlich bei dem Mann, der schon vor Jahren vom Menschenpark plapperte und diesen Sommer ebenfalls im Cicero die  “Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven” erkannte und zu einer Abhilfe riet, die die Gesellschaft in den Feudalismus zurückwirft, bestenfalls.

Man mag es für übertrieben haben, aber ich halte diesen Mann für gefährlich. Er ist, zusammen mit anderen Sozialdarwinisten wie Hans-Olaf Henkel, Henryk Broder (der sich gerade pikanterweise um den Vorsitz des Zentralrats der Juden bewirbt) und vielen anderen in publizistischer Zusammenarbeit mit Wolfram Weimer, Kai Dieckmann Thomas Schmid, Roger Köppel und vielen anderen mittlerweile jederzeit in der Lage, einen schwarz-braunen Sud massenwirksam anzurühren. Kein Ressentiment ist zu billig, um nicht ein paar Wochen durch die Medien zu geistern.

Nur, um dem Vorwurf zu entgegnen, ich würde Integrationsprobleme leugnen: Ich tue es nicht, mir geht jeder Macho-Türke und jeder Halbstarken-Araber auf den Sack. Ich finde es nur grauenhaft, dass immer mehr Leute, die den Stammtisch meiden könnten, ihn bewusst bedienen. Mit Erfolg. Und dass die Ruhigeren, die etwas zum Thema zu sagen hätten, hintenrunter fallen.

Der kurze Satz ist doch etwas länger geworden, sorry.

P.S.: Hannes Wurst betrachtet das Problem etwas philosophischer als es mir schnellem Schreiber gemeinhin liegt. Lesenswert.

Nur wütend wird die Wurst zum Knüppel!

Gerade entdeckt und schon entzückt und neu in der Blogroll: Sender Freies Neukölln.

(Dort habe ich auch die Überschrift geklaut.)

Wer lügt: Anne Will oder die Linkspartei?

Eine Kleinigkeit, aber eine interessante:

Die Redaktion von Anne Will hat für die Sendung vom vergangenen Sonntag, 18. Oktober (Thema: “Keine Chance für Ali und Ayse – Gemüse verkaufen statt Karriere machen?”), die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Sevim Dagdelen, zuerst ein- und dann wieder ausgeladen. Soweit gibt es Einigkeit. Warum die Duisburgerin türkischer Abstammung ausgeladen wurde, darüber gehen die Angaben auseinander.

Die Bundestagsfraktion der Linkspartei behauptet in einer Presseerklärung vom 16. Oktober, Sevim Dagdelen sei “mit dem Hinweis auf ihre Mitgliedschaft im Verein ´Rote Hilfe` wieder ausgeladen worden. Der Pressesprecher der Fraktion “Die Linke” im Bundestag, Hendrik Thalheim, schreibt mir heute per Mail:

…”in telefonischen Gesprächen wurde Frau Dagdelen und mir eindeutig gesagt, dass die Befürchtung bestand, dass die Mitdiskutanten mit der Erwähnung der Mitgliedschaft in der Roten Hilfe Zweifel an Frau Dagdelens Verfassungstreue säen könnten. Das wäre der Sendung und dem Thema nach Einschätzung der Redaktion nicht dienlich gewesen. Um diese Gefahr gar nicht erst aufkommen zu lassen, hat man Frau Dagdelen ausgeladen. Das habe ich mit vorauseilendem Gehorsam bezeichnet.”

Mit “Mitdiskutanten” meint Thalheim offensichtlich Wolfgang Bosbach von der CDU. So weit, so klar. Die “Zuschauerredaktion” (für Presse und Kommunikation ist Nina Tesenfitz zuständig) von Anne Will behauptet allerdings das Gegenteil, ebenfalls in einer Mail an mich:

“…die Redaktion steht immer mit mehreren Personen für eine Position im Kontakt und entscheidet sich am Ende unabhängig und aus rein konzeptionellen Erwägungen für die jeweilige Zusammensetzung der Talkrunde. Der erhobene Vorwurf eines vorauseilenden Gehorsams gegenüber Herrn Bosbach entbehrt jeder Grundlage, ebenso ein Zusammenhang mit einer Mitgliedschaft in der Roten Hilfe.”

Eines der beiden Lager lügt. Hat sich bei Anne Will ein Praktikant am Telefon verplappert? Und das mehrmals, bei mehreren Gesprächen? Hat man zwischen dem 16. und dem 18. Oktober entschieden, dass der Grund der Ausladung (“Rote Hilfe”) nicht öffentlich werden soll? Oder ist die Linkspartei so dreist und lügt sich aus Frust über die Einladung etwas zusammen?

Letzteres halte ich für unwahrscheinlich, alleine schon, weil es extrem unprofessionell wäre. Merkwürdig wäre aber auch, dass Anne Will die Mitgliedschaft in der “Roten Hilfe” plötzlich für einen peinlichen Ausladungsgrund halten könnte – immerhin wird die Organisation vom Bundesverfassungsschutz als “von Linksextremisten getragen” bezeichnet.

Vielleicht ist es am ehesten das, was man euphemistisch als Kommunikationspanne bezeichnet – und zwar bei Anne Will. Der Grund der Ausladung war die Mitgliedschaft in der “Roten Hilfe”, wobei es pr-technisch immer besser ist, darüber nicht zu reden, unabhängig davon, wie triftig der wahre Grund ist. Warum sollte man das bekanntgeben, wenn man sowieso mehrere Diskutanten im Pool hat und “konzeptionelle Erwägungen” als offizielle Begründung herhalten kann? Dass die Wahrheit dann am Telefon rausrutscht, tja. Danach einfach abstreiten. Meine persönliche Vermutung ist, nebenbei, dass das bei einer “Ausländerin” von der Linkspartei einfacher geht als bei einem ehrenwerten Mitglied der Gesellschaft (was angesichts des Themas der Sendung pikant wäre).  Zumal es nur nicht aufgezeichnete Telefonate gibt.

Interessant jedenfalls, wie schnell man offenbar schon bei solch einer Kleinigkeit bereit ist, der Öffentlichkeit eine eindeutige Lüge aufzutischen. Keine gute Reputation für den Sonntagabend.