Monatsarchiv: September 2009

Und jetzt? Vier Jahre Pressfleisch

Tja, jetzt haben sie es also geschafft. Man sollte dennoch anmerken, dass Schwarz-Gelb keine Chance gehabt hätte, wenn ein paar mehr Ausgeschlossene wählen gegangen wären, wenn die kleinbürgerlichen Massenmedien die Leute nicht verschaukeln würden, wenn nicht mit Ängsten vor Globalisierung, Ausland, Sozialismus, überhaupt vor der ganzen Welt gearbeitet würde. Andererseits gab es keinen vernünftigen Grund, SPD zu wählen, also war eine sogenannte bürgerliche Mehrheit auch kaum zu verhindern.

Immerhin bietet Schwarz-Gelb die Möglichkeit der Realisierung eines Gegners. Die nicht mehr ganz jungen unter uns wissen, dass die 16 Jahre Kohl auch ihre schönen Seiten hatten, was die Feindbildproduktion anging. Endlich haben wir wieder die Bösen an der Macht, an denen man sich so gut reiben kann. Sollen sie nur anfangen (was in Wirklichkeit ein weitermachen ist) mit ihren vielfältigen Bemühungen, die Reichen reicher und die Armen zahlreicher zu machen. Das wird allem, was man links nennen kann, Konjunktur verschaffen. Hoffentlich.

Vielleicht wird es auch nicht so lustig. Westerwelle ist schon eine neue Qualität. In der Elefantenrunde am Sonntag Abend saß er noch steifer da als sonst, selbst seine Armbewegungen waren völlig gekünstelt. Es hat etwas Zwanghaftes. Und was er sagte, war so läppisch, dass es in Verbindung mit seiner staatstragenden Körperkontrolle einen kleinen Vorgeschmack gab auf das, worauf wir uns einstellen müssen. Maschinenhafte Körperbeherrschung, die die körperliche Artikulation auf einen billigen Standard zusammenschmilzt, analog zur inhaltlich-argumentativen Rhetorik. Politisches Pressfleisch.

Wie auch immer, das Kapital wird seine Vorstellungen jetzt wahrscheinlich noch direkter an die Entscheider übermitteln können. Ob daraus wirklich eine noch neoliberalere Politik werden wird, ist ungewiss. Die Schere ist bekanntlich unter Rot-Grün am schnellsten aufgegangen.

Schlampige Großmannsucht

Das Berliner Schloss wird vorläufig nicht wieder aufgebaut. Die Vergabekammer des Bundeskartellamts (was es nicht alles gibt) hat das so entschieden, weil der ausgewählte Architekt, Franco Stella, offensichtlich überfordert ist: Sein Büro ist kleiner als von ihm selbst angegeben (er hat nur einen Mitarbeiter statt vier), und er hat sich seine leitende Rolle von den professionelleren Kollegen von Gerkan, Mark und Partner sowie Hillmer und Sattler abnehmen lassen,die er via einer “Projektgesellschaft” ins Boot geholt hat. In Wirklichkeit würden die beiden Büros also bestimmen, was auf dem Schlossplatz gebaut wird, nicht Stella.

So erfreulich es ist, dass dieses reaktionäre Größenwahnprojekt erst einmal gestoppt ist, so interessant ist der Blick hinter die Kulissen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse behauptete vor einer Weile noch, das Bauministerium müsse Stellas angaben nicht prüfen (kein “Baupolizist”). Besser noch: Stella hat im Juni ein zusätzliches Honorar für sich gefordert mit der Begründung, der Vorsitzende des Fördervereins Berliner Schloss, Ruppert Stuhlemmer, müsse auch noch Geld bekommen. Dass der für die Planung der historischen Fassade schon drei Millionen Euro eingestrichen hat, blieb unerwähnt. Stella war nach kurzer Zeit also schon Teil der aus Westberliner Zeiten bekannten Baupraxis: Ohne zusätzliche Gelder läuft nichts. Außerdem exisiteren im Bundesbauministerium keine Unterlagen über die Vergabe, lediglich ein “Konglomerat von E-Mails”, wie die Richter kritisieren.

Schlamperei in deutschen Behörden trifft auf Großmannsucht. Es wäre skurril, wenn aufgrund dieser quasi-kriminellen Strukturen das ganze Vorhaben aufgegeben wird. Aber nicht konsequent. Das Schloss an sich steht ja für aus demokratischer Perspektive kriminelles Verhalten. Ein Schlossherr nimmt sich, was ihm passt, ohne demokratische Kontrolle. Warum sollen sich ausgerechnet die Architekten dieses Schlosses an Gesetze halten, deren Gültigkeit schon von der historischen Schlossfassade infrage gestellt wird?

Deutschland ist zwar willens, aber zu blöd für eine Monarchie. Kommt noch.

Bling in Berlin

Achtung, der folgende Artikel ist wirr, von mir aber leider nicht zu entdröseln.

Eine aufschlussreiche Sicht von außen auf Architektur in Berlin: Das von mir sehr geschätzte Slab Magazine, das unter anderen von einem momentan in Berlin lebenden Amerikaner aus Santa Fé betrieben wird, beschreibt einen Teil der neueren Berliner Bauten schlicht als “faschistisch”:

“I guess this type of architecture is considered bling in Berlin. Grey and bling and fascho, the latter of which being a trend that’s undergoing quite a surprising revival around here right now…I’ll spare you the formal ananlysis of why this facade looks fascistic; I don’t feel I really need to because it just does.

Konkret geht es hier um diesen Komplex in Berlin-Friedrichshain, eine in sich geschlossene Siedlung, die man schnell in eine gated community verwandeln kann, wenn man die Tore schließt:

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Nun sind hier die Kriterien faschistischer Architektur nicht erfüllt. Das Slab Magazine denkt wohl an den typischen NS-Klassizismus mit seinen monotonen Fassaden ohne plastische Elemente ohne (oder bestenfalls sehr hart wirkenden, schmucklosen) Gesimsen, dem ideologisch und nicht funktional eingesetzten rechten Winkel, den Stützen statt Säulen, der schieren Dominanz undundund. Der Komplex in Friedrichshain ist also nichts, womit der Führer zu beglücken gewesen wäre. Der Begriff “faschistisch” ist so gesehen fehl am Platz (zumal das die italienische Moderne unter Mussolini nicht beachtet, nebenbei).

Das Slab Magazine spricht aber nicht nur von fascho, sondern auch von bling. Das mir bis dato unbekannte englische Wörtchen steht für “eine aggressive, nach bürgerlichen Maßstäben protzige Zuschaustellung von Reichtum”. Die Bezieher solcher Bauten sind wahrscheinlich neureich, geschmacklos und politisch unangenehm.

Bling architecture gibt es in Berlin genug, zum Beispiel hier:

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Das Beisheim-Center am Potsdamer Platz, eine konservative und zugleich protzige Intransparenz. Bezeichnenderweise stehen vor diesem Komplex oft sauteure Autos mit viel sonnenbebrilltem Sicherheitspersonal.

“Bling” ist da doch ein ganz netter Begriff: aggressiv und protzig. Daraus kann man auch auf einer politischen Ebene, ohne die Architektur ohnehin nur halb so interessant ist, einiges ableiten.

Überhaupt ist die Siedlung in Friedrichshain nicht so verunglückt, wie das anklingt. Sicher, der weiße Klotz hat etwas steriles, aber das ist noch am ehesten Geschmackssache. Die Reihenhäuser im Innern machen zumindest von außen einen durchdachten Eindruck: geringe Grundfläche, kleine Terassen, eine funktionale und somit sensible Ästhetik. Sicher findet man hier weder architektonischen noch gesellschaftlichen Fortschritt, doch in einem Land, das ein Schloss nach dem andern wieder aufbaut und sich am liebsten in einen großflächigen Mittelalterthemenpark ummodeln möchte, sollte man differenzieren. Dass das ganze recht teuer ist und das Thema Gentrifizierung dort eines werden könnte, mag sein.

Nebenbei: Interessanterweise wohnen laut Slab in dem Friedrichshain-Komplex mehrere Mitglieder der Fantastischen Vier, was nur den wundert, der diese Gestalten musikalisch oder sonstwie für progressiv hält.

(Fotos: genova 2010)

Zur Blasenschwäche in einer real existierende Demokratie

Das Duell am Sonntag: Was wäre eigentlich passiert, wenn Frau Merkel während der Live-Sendung aufs Klo gemusst hätte? Oder Steinmeier? Hätten die anderen dann fünf Minuten gewartet? Könnte man mit einer schwachen Blase noch Kanzler werden? Aufs Klo zu müssen in solch einer kribbeligen Situation wäre nichts ungewöhnliches, rein menschlich gesehen.

Es ging im Duell um Formales, sonst nichts. Selbst die Diskussion danach bei Anne Will: Es interessierte nur, wer mehr Leidenschaft gezeigt hat, wer mitreißender war. Inhalte? Und dann die grandiose Idee, Stoiber und Wowereit einzuladen. Total überraschend: Stoiber fand Merkel überzeugender, Wowereit den Steinmeier. Journalismus ad absurdum geführt. Und warum überhaupt Merkel und Steinmeier? Der Begriff des Kanzlerkandidaten existiert für den Wähler nicht. Es werden Parteien gewählt und einzelne Abgeordnete, keine Kanzler.

Demokratie wird nach und nach ausgehebelt. Das ist vermutlich kapitalistischen Gesellschaften inhärent. Es geht um Akkumulation, es geht um Rendite. Je mehr da mitreden, desto schlechter. Neidvoll allerdings muss man dem System attestieren, dass es, was die Inszenierung angeht, sich nicht lumpen lässt. Verglichen mit den lächerlichen Auftritten von Honecker und Co. früher ist es schon geschickter, zwei Politiker von zwei Parteien antreten zu lassen, die sich angeblich unterscheiden und das dann im Anschluss von Journalisten und anderen Prominenten angeblich kontrovers diskutieren zu lassen. Der irre Peymann forderte für Deutschland einen Politiker wie Berlusconi und die Bunte-Chefin wollte vor allem wissen, ob Steinmeier gut kochen kann und wie seine Frau aussieht (oder war sie es, die kochen können sollte?). Der einzige, der etwas zu sagen hatte, war überraschenderweise der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der kam auch erst zum Schluss.

Die vielen fitten Leute in unserer Zivilgesellschaft, die wirklich etwas zu sagen hätten, oder Journalisten, die wirklich kritische Fragen stellen würden, werden ausgegrenzt. Die kommen natürlich vor  (man will ja Demokratie sein), irgendwo anders.

Das Duell am Sonntag in ARD, ZDF, RTL und SAT1 war also nicht sehenswert. Vielleicht hätte man bei zwei Stunden 9Live mehr gelernt über die real existierende Demokratie.

Cuba No

Ein fast schon prinzipielles Problem der Linken (nicht nur der Partei) ist bekanntlich das Spannungsmoment zwischen Freiheit und Gleichheit. Zwar müsste das gar nicht so sein, denn man kann beide Begriffe als positiv aufeinander bezogen und voneineinander abhängig beschreiben. Freiheit ohne ein Mindestmaß an Gleichheit ist nicht drin, und es ist bezeichnend für unser neoliberales Zeitalter, dass der Gleichheitsbegriff so negativ, so voreingenommen erscheint. Wer dieses wesentliche Element der Französischen Revolution einfordert, will die DDR zurück.

Andererseits sind die Linken an diesem Missverständnis nicht ganz unschuldig. Eine der zentralen Fragen müsste seit 1917 oder spätestens seit Stalin lauten: Warum driften linke Bewegungen immer wieder in Totalitarismus und Gewalt und somit Unfreiheit ab? Ob Stalin, Rote Khmer, Mao etc.: Die mit diesen Namen untrennbar verbundenen Gewaltexzesse sind sicher kein Zufall, sondern irgendwie mit der Theorie verbunden. Linke Aufstände haben im vergangenen Jahrhundert meist in Totalitarismus, Despotismus und Imperialismus geführt. Die Frage ist nicht originell, die Antwort könnte es sein.

Aus Sicht der Linken eigentlich eine Menge Gründe für eine gründliche Aufarbeitung von Geschichte. Pustekuchen. Natürlich distanziert man sich bei Bedarf von dem bösen Teil der DDR, von Stalin sowieso. Doch das sind verbale Gemeinplätze.

Konkret sieht das dann so aus: Eine Arbeitsgruppe der Linkspartei beispielsweise beschäftigt sich mit Kuba. “Cuba Sí” heißt sie und die “Politischen Grundsätze” lesen sich ja ganz nett:

Der Kampf für eine gerechte Welt, für den Frieden, die sozialen und demokratischen Menschenrechte, die Bewahrung der Umwelt und das Recht der Völker, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden, bestimmt ihr politisches Wirken.

Wobei man auch hier schon hellhörig werden könnte:  “Völker” dürfen über ihr Schicksal entscheiden, Menschen auch? Andere Passagen werfen schwerer wiegende Fragen auf:

Die politische und materielle Solidarität mit dem sozialistischen Kuba ist Grundanliegen und wesentlicher Inhalt der Tätigkeit der AG Cuba Sí in der Partei DIE LINKE. Dabei versteht sich die AG Cuba Sí als Teil der internationalistischen Bewegungen gegen Krieg, Neoliberalismus, Faschismus, Ausbeutung und Ausgrenzung.

Diese Leute kämpfen angeblich gegen alles, was dem Menschen als Individuum und als Gruppe schadet. Und das mit vorbehaltloser “Solidarität mit dem sozialistischen Kuba”.

Die Realität in Kuba ist bekannt und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: keine unabhängige Gerichtsbarkeit, drastisch beschnittene Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, keine legale politische Opposition, politische Dissidenten im Gefängnis, wo Misshandlungen stattfinden, die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Kommunistischen Partei, Todesstrafe und so weiter.

All das kommt bei Cuba Sí nicht vor. Dort sind die Bösen immer die anderen, natürlich gerne die Amerikaner. Sicher kann man Positives über Kuba berichten: Gesundheitsversorgung, Bildung, relativ hohe soziale Standards und so weiter. Man kann Kuba auch zugute halten, dass, analog zu den realsozialistischen Gesellschaften in Europa, in erster Linie eine nachzuholende Industrialisierung realisiert wurde, die Ausgangsbedingungen also schwierig waren. Dass darüber die unhaltbare Menschenrechtssituation vergessen wird, ist völlig unakzeptabel. Regt sich in der Linkspartei jemand darüber auf? Mir nicht bekannt.

Die wesentliche Frage ist die: Wie kam es von Marx zu Stalin? Inwieweit war Stalin in Marx angelegt? Nutzte Stalin eine marxsche Leerstelle? Und wenn Marx mit Stalin nichts zu tun hat: Warum griffen keine Sicherungsmechanismen, die Stalin an seiner Politik gehindert hätten? Es gibt bei Marx genügend Textstellen, die von der “Selbstverwirklichung des Individuums” sprechen, wofür eine klassenlose Gesellschaft die Voraussetzung sei.

Solange die Linke diese Fragen nicht ernsthaft angeht, brauchen sie sich über Rote-Socken-Kampagnen und “Freiheit statt Sozialismus”-Geschwafel nicht beschweren. Wer die Latte hochhängt, muss sie selbst überspringen können.

(Alle Zitate, stammen, sofern nicht anders belegt, aus Ingo Pies und Martin Leschke (hg.): Karl Marx´kommunistischer Individualismus. Tübingen 2005.)

S-Bahn Berlin: “Mit krimineller Energie heruntergewirtschaftet”

Ein Beispiel dafür, dass der neoliberalen Ideologie eine Tendenz zu kriminellem Verhalten innewohnt: Die Berliner S-Bahn macht erneut Probleme, die Bremsen funktionieren nicht. Dabei geht es nicht nur um ein paar Waggons: Drei Viertel der Flotte kommen nicht zum Einsatz. Hintergrund: Die Berliner S-Bahn ist eine Tochter der Deutschen Bahn, die die S-Bahn-Gewinne einstreicht. Für 2010 waren schon 125 Millionen eingeplant, 2007 waren es noch 34 Millionen. Das geschieht auf Kosten der Sicherheit, weil vorgeschriebene Wartungen seit Jahren nicht mehr ausgeführt werden.

So langsam reicht es auch der liberalen Presse. Der Tagesspiegel wird deutlich: Die S-Bahn werde als “Gewinnausschüttungsmaschine missbraucht”, Mehdorn habe “hemmungslos alles herausgepresst”, es handele sich um eine “mit krimineller Energie heruntergewirtschaftete Wagenflotte”. Und dann kommt ein Urteil, das dem im strikt antikommunistischen Westberliner Milieu verhafteten Tagesspiegel sicher nicht leicht fällt:

“Nicht einmal die DDR hätte es sich erlauben dürfen, die S-Bahn so kaputt zu machen.”

Das sitzt. Eigentlich ist nun alles gesagt: Das kriminelle Verhalten wird in direkten Bezug gesetzt zur beabsichtigten Privatisierung. Neoliberale Politik, die, kommt es zu einem wegen mangelnder Wartung provozierten Unfall, über Leichen geht.

Neoliberalismus als ein System, das nicht nur rhetorisch den Rückzug des “bürokratischen” Staates fordert, sondern ihn mit kriminellen Mitteln schleift. Sicherheitsvorgaben werden ignoriert zugunsten der schnellen Kasse. Hochbezahlte Juristen werden in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass die Bahn für ihr Verhalten nicht geradestehen muss, sondern der Berliner Senat.

Dafür sorgt auch das Bewusstsein der Fahrgäste, die im Tagesspiegel unter anderem mit dem Satz zitiert werden: “Da hilft nur noch wegziehen.” Mit solchen Untertanen kann der Betrug problemlos weitergehen.

Hochbezahlte Juristen werden sicher auch dafür sorgen, dass die Regierung Kohl nicht für die geschönten Gorleben-Gutachten haften wird. Die Ähnlichkeiten zum Fall Asse sind deutlich. Zwei Atommülllager, die mit Hilfe gefakter Gutachten eingerichtet wurden. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Bauhaus – vom Politikum zur Distinktionsmaschine

Das Bauhaus wird 90 und die kommerzielle Berliner Kulturbranche feiert das mit einer großen Ausstellung im Gropius-Bau. Sie ist so aufwendig inszeniert, dass man sich fragt, wie man das wohl zum hundertsten Geburtstag toppen wird. Antwort: gar nicht.

Die Schau arbeitet daraufhin, dass das Bauhaus heute vor allem eine Marke und damit ein Distinktionsmerkmal ist, wie das die Soziologen so schön sagen. Das Bauhaus ist  massenkompatibel, und genau das macht es für das Kapital interessant. Die einigermaßen gut verdienende und sich orientierende Mittelschicht nutzt das Bauhaus als Ego-Verstärker. Sich mit dem Bauhaus ein bisschen auszukennen, ist Allgemeinbildung, die auch Günter Jauch abfragen könnte. 90.000 Besucher in knapp sechs Wochen belegen das eindrucksvoll. Distinktionstechnisch grenzt man sich so von Leuten ab, die Geld haben, aber keinen Geschmack, unter anderem von Neureichen. Das dürfte für das, was gerne Bildungsbürgertum wäre, ein ganz wichtiger Aspekt sein. Anders herum: Dem Neureichen wird hier eine Möglichkeit gegeben, das bildungsbürgerliche Lager zu betreten, wenigstens ein bisschen.

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Das Bauhaus wird, im Gropius-Bau wie auch in der Praxis (siehe Foto) reduziert auf Ästhetik. Schönes Design, elegant, schlank, zeitlos. Der politische Aspekt fällt weitgehend weg, der sozialistische Ansatz unter dem Bauhaus-Chef Hannes Meyer kommt praktisch nicht mehr vor. Schlimmer noch: Für die Anfeindungen, denen das Bauhaus in Dessau ausgesetzt war, werden die Bauhäusler selbst verantwortlich gemacht. Auf den Schrifttafeln der Ausstellung liest sich das so:

“Doch in der von Krisen geprägten Zeit gelang es Meyer nicht, die Offenheit und Radikalität des Bauhauses in der Thematisierung politischer und gesellschaftlicher Probleme zu zügeln, was ihm innerhalb und außerhalb des Bauhauses Kritik einbrachte. Die Stadt Dessau fand den Ausweg in der Kündigung des Direktors.”

Man staunt. Die Aufgabe des Bauhauschefs ist also, seine Dozenten und Studenten zu “zügeln”. Tut er das nicht, wird er nicht nur kritisiert, sondern beruflich liquidiert. Die Ausstellungsmacher haben im Jahr 2009 offenbar vollstes Verständnis dafür, dass Meyer 1930, unter anderem auf Druck der NSDAP, “von hinten abgekillt” wurde, wie er das unmittelbar nach seinem Rauswurf  ausdrückte. Und das war nur das Vorspiel: 1932 musste das Bauhaus in Dessau komplett schließen, weil die Nazis in dieser netten Stadt schon die Ratsmehrheit hatten.

Dazu passt eine andere Lesart des Bauhauses (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die Gropius-Ausstellung diese Haltung nicht einnimmt): Die Bauhäusler selbst waren Nazis. In der Tat haben sich Gropius und van der Rohe nach 1933 an Wettbwerben in Deutschland beteiligt. Die Bauhäusler waren also auch nicht besser als andere, will man damit sagen. Diese Logik funktioniert, weil es einen Bedarf dafür gibt: Die Rechten werden damit moralisch entlastet, den Linken wird erschwert, dieses Erbe anzunehmen. Natürlich ist der Nazi-Vorwurf Blödsinn. Der dicke und träge Mies hat versucht, nach 33 in Deutschland weiterzuarbeiten, was Zugeständnisse an die Nazis bedeutete, doch die Nazis wollten nicht, verständlicherweise. Ein paar Jahre später ist er in die USA ausgewandert. Mies hätte kooperiert, sicher, bis zu welchem Grad, weiß man nicht. Ist ihm daraus ein Vorwurf zu machen? Meines Wissens war kein Bauhäusler naziaffin, geschweige denn, dass einer im 3. Reich Karriere gemacht hätte – im Unterschied zu vielen konservativen Architekten, die sich Hitler andienten (und nach 1945 munter weitermachten).

Viel interessanter ist Mies´ Werk, sein Bemühen, Form und Inhalt zusammenzubringen. Alleine diese Ansatz macht klar, dass er keine ernsthafte Nazi-Architektur zustande gebracht hätte. Erklärt man Kunst und somit auch Architektur aus ihrem Sosein (wow!) in der realen Welt, wird der Nazivorwurf absurd.

Beispielsweise das Revolutionsdenkmal von 1926 in Berlin (Bild): Für damalige Verhältnisse war nicht nur das Thema, sondern auch die Formgebung revolutionär. Die auftraggebenden Sozialisten wollten übrigens ein neoklassizistisches Denkmal mit dorischen Säulen. (Worüber man schon wieder einen ganzen Aufsatz schreiben könnte: Spießer-Sozis, die später in der DDR ihr Paradies fanden.) Mies lehnte die Vorstellungen der Sozialisten als “für einen Bankier” geeignet ab und schlug eine modellierte Mauer vor, weil Revolutionäre gerne vor Mauern erschossen werden. Die Nazis haben das Denkmal 1935 abgerissen.

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Zurück zur Ausstellung in Berlin. Das Bauhaus als lukratives Investitionsobjekt. Eckehard Fuhr, Feuilletonchef der Welt, hat das kürzlich in einer Diskussion ganz gut beschrieben. Die Sonderbeilage der Welt zum Thema “Bauhaus” habe den enormen Umfang von 30 Seiten, weil sich die Anzeigekunden geradezu gedrängt hätten, in diesem Umfeld zu inserieren. Texte habe man nicht so viele. Anders ausgedrückt: Die Beilage gibt es nur, weil die Anzeigekunden das so wollen. Selbst die konservative Welt hat keine Berührungsängste mehr mit dem Bauhaus. Dem entkernten, versteht sich.

Dem Bauhaus als mal mehr, mal weniger linker Angelegenheit wird das Gesellschaftliche, das Praxisnahe, die Ideologie entfernt, um als ästhetischer Schein um so strahlender weiterzuleben. Der Mainstream ignoriert die notwendige Verbindung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Form und Inhalt. So lebt das Bauhaus weiter.

Der 90. war ein willkommener Anlass, die immer noch einflussreiche Kunstschule endgültig als Marke zu etablieren, die weiterhin für Qualität steht, für gutes Design, für Haptik, für Praxisnähe und für neue Perspektiven. Die Leiter hinauf zur Metaebene wurde zusammengeklappt. Die politische Sicherung ist eine doppelte: Der linkspolitische Bauhausaspekt wurde gekappt, und falls das nicht reicht, kommt man mit der Nazi-Keule, die natürlich nur vorsichtig geschwungen wird, denn die edle, hochwertige Atmosphäre inmitten des schönen Designs darf nicht über Gebühr gestört werden.

Läuft alles im Sinne der Verantwortlichen, ist eine Feier zum 100. Geburtstag nicht mehr nötig. Die Marke wird etabliert sein. Irgendwann wird sie sich abnutzen. Spätestens dann wird man sich auf die Suche nach dem nächsten Opfer machen.

(Fotos: genova und Bundesarchiv Bild)

Stadtschloss Potsdam: “…zum Scheitern verurteilt”

Der Architekt Peter Kulka hat bislang ganz gute Sachen gemacht. Unter anderem den sächsischen Landtag und sowas: Überdachung des Dresdner Residenzschlosses

Jetzt baut er das Potsdamer Stadtschloss wieder auf. Die Postdamer Eliten wollten es so. Demokratisch bedenklich: Zunächst war ein moderner Entwurf vorgesehen, dann kam der SAP-Mitgründer Hasso Plattner und verkündete, 20 Millionen Euro zu spenden, wenn statt eines modernen Baus das Schloss wiederaufgebaut werde. Günter Jauch fand das auch gleich ganz toll. So soll es aussehen:

Das baunetz hat dazu alles Nötige angemerkt. Die zentrale Textpassage:

“Kulka ist immer dort sehr stark, wo er vorhandene historische Reste kongenial mit einer konsequent zeitgenössischen Zutat ergänzen kann. Das versucht er auch hier. Doch in Potsdam kollidiert er mit der Tatsache, dass hier bis auf minimale Fundstücke keine historische Substanz mehr vorhanden ist.”

Genau das ist das Problem. Hier kann man nicht mit historischer Bausubstanz umgehen, weil sie nicht mehr vorhanden ist. Also kann man auch nichts Zeitgenössisches hinzufügen. Kulka weiß das sicher. Und er sieht die bisherigen bundesrepublikanischen Bemühungen um den Wiederaufbau von “Historischem mit moderner Nutzung” ganz realistisch:

“Die Pinakothek in München ist ein positives Beispiel. Das Schloss in Braunschweig mit integriertem Einkaufszentrum war dagegen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Auch in Berlin tut man sich schwer beim wieder aufzubauenden Stadtschloss.”

Stimmt. Was man hinzufügen sollte: Die Pinakothek in München war nur beschädigt und ist von Hans Döllgast ganz hervorragend, behutsam und ehrlich erneuert worden. Dass Kulka hier Döllgast instrumentalisiert, ist fast schon unverschämt. Kulkas Potsdam-Entwurf hat mit dem Geist von Döllgast nichts zu tun. Kulka baut schlicht ein altes Schloss nach. Das ist der Unterschied. Das Schloss in Potsdam wurde 1960 dem Erdboden gleichgemacht. Vom Braunschweiger wie vom Berliner Schloss war und ist nichts mehr da. Deshalb scheitert auch der Ansatz eines “Bürgerschlosses”, wie Kulka es vorschwebt.

Kulka nimmt hier sein Scheitern vorweg. Allerdings geht es um eine Bausumme von 120 Millionen Euro. Wer kann dazu schon nein sagen?

(Foto: baunetz)

Inzestuöser Gangbang

Endlich mal wieder was Positives :-)

“Die zeitgenössische Kunstszene gleicht einem elitären und inzestuösen Gangbang unter Künstlern, Kuratoren und Kritikern.”

Das schreibt Rebelart und zeigt, dass es auch anders geht. Encastrable nennen sich zwei französische Künstler, die illegale Kunstaktionen an öffentlichen Orten durchführen. Demnächst in einem Baumarkt in Hamburg.

Ein kleiner Vorgeschmack:

(Foto: http://www.para-sites.de)

Momente der Nähe

Das hat noch gefehlt: Jetzt gibt es also auch ein paar Künstler, Schauspieler, Intellektuelle und so weiter, die wollen, dass Steinmeier Kanzler wird. An sich egal. Die Hälfte der dort Engagierten kenne ich nicht, irgendwelche B-Schauspieler, die sich für Steinmeier aussprechen, weil sie ihn mal auf seinem Handy anrufen durften.

Jim Rakete ist dabei. So weiß man wenigstens, dass er noch lebt. Günter Grass natürlich, der vor einer Weile Schröder als demokratischen Sozialisten lobte. Vielleicht hält er Steinmeier auch für einen Sozialisten, wer weiß.

Julie Zeh, die sich schon 2005 im Angesicht der Agenda 2010 für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition aussprach. Sie will Steinmeier, weil er “ein besonnener, kluger Mann” sei, der “sehr ruhig und analytisch denken kann.” Was sie politisch von ihm erwartet? Daran verschwendet sie keinen Gedanken. “Er ist halt bloß kein Charismatiker.” Moritz Rinke ist für Steinmeier, weil der ihn mal von der Disco nach Hause mitgenommen hat, und zwar mit vier schwarzen Limousinen, kein Scherz.

Lucy van Org lobt Steinmeier, weil er “denkt”, sich aber “nicht gut verkauft”. Kann man so blöd sein? Vielleicht, weil sie ein Mädchen ist. Der Liedermacher Klaus Hoffmann unterstützt Steinmeier, weil der seine Lieder zitieren konnte, “was ich sehr anrührend fand”. Und weil Steinmeier ihn schön öfter mal angerufen hat. “Momente der Nähe” nennt Hoffmann das. Vielleicht hätte Murat Kurnaz in Guantanamo Steinmeiers Nähe brauchen können, zumindest virtuell. Natalie Wörner ist für Steinmeier, weil der ihr Tsnunami-Projekt so nett unterstützt hat. Der Kameramann Michael Ballhaus wählt Steinmeier, weil der dessen Filme kennt: “Donnerwetter, das muss ein interessanter Mann sein.” Außerdem, kaum zu glauben, aber wahr: Als Ballhaus´Frau starb, hat Steinmeier ihm ein nettes Fax geschickt, das “mich zutiefst berührt” hat: “Das ist ein ganz toller Mann.”

Zwischenzeitlich hat man den Eindruck, auf der Website der Titanic gelandet zu sein. Diese Leute sind entweder politisch inkompetent oder sie prostituieren sich gerne.  Wahrscheinlich beides. Vielleicht kriegen sie ein paar Euro fürs nächste Projekt. Man findet praktisch kein politisches Argument. Die Polit-Unterstützer reden über Politik ohne eine einzige politische Kategorie und werben so für einen Politiker. Viele der Unterstützeraussagen könnte man direkt einem Teilnehmer einer RTL-Mittagstalkshow in den Mund synchronisieren, es würde nicht auffallen. Auffallen tut höchstens noch Julie Zeh, weil sie sich ganz real gegen den Überwachungsstaat engagiert. Vielleicht ist sie einfach gnadenlos pragmatisch.

Andererseits ist die Unterstützerliste bescheiden. Interessant wäre zu erfahren, wer um Unterstützung gebeten wurde und abgelehnt hat.

Beim Stöbern auf der Unterstützerseite findet ich nach einer Weile wenigstens für einen Unterstützer einen konkreten Grund, Steinmeier unter die Arme zu greifen: Jim Rakete hat auch die Fotos der Website geschossen und die kleinen Filmchen dort gedreht. Rakete denkt bei seinem politischen Engagement offensichtlich praktisch. Man muss halt sehen, wo man bleibt.