Monatsarchiv: August 2009

“Erfahrungen will man nicht machen”

“Jedes Argument ist auf die Absicht zugeschnitten, unbekümmert um Stichhaltigkeit. Was der Kontrahent sagt, wird kaum wahrgenommen; allenfalls damit man mit Standardformeln dagegen aufwarten kann. Erfahrungen will man nicht machen.”

Das schreibt heute die FAZ über die Anne-Will-Sendung von gestern Abend.

Falsch. Das schrieb Theodor W. Adorno 1969 in einem Aufsatz* über die Diskussionskultur eines Teils der Achtundsechziger.

Tja, die Revoluzzer als Avantgarde unzivilisierter Kommunikation. Wobei man ihnen zugute halten muss, dass sie sich im Versuchsstadium befanden und es nicht einfach war, bei hundert oder tausend Teilnehmern in einem Hörsaal Diskussionskultur zu entwickeln. Dass sich die Lauten durchsetzen, spricht für eine gerade nicht antiautoritäre Kultur dieser Leute. Und was ist von jemandem wie Arno Widmann zu halten, der, Student und Teil der Lederjackenfraktion, Adorno fast schon physisch bedrängte, mit wenigen Leuten Vorlesungen sprengte und heute Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau ist? Frechheit siegt.

Vielleicht ist genau deshalb heute das kommunikative, diskursive Niveau im Fernsehen so im Arsch. Je doller jetzt im Wahlkampf Politiker so tun, als würden sie sich für die Meinung von Individuen interessieren, die kurzzeitig die Aufmerksamkeit von Kameras erlangen, desto intensiver werden diese Leute instrumentalisiert. Ein arbeitsloser Facharbeiter darf seine Geschichte anreißen, Steinmeier oder sonstwer kümmert sich. Gerade hier, wo Erfahrung gemacht werden könnte, bleibt das Gespräch außen vor. Jeder Politiker könnte sofort die Position des Gegners einnehmen, sämtliche Argumente sind schubladenhaft geordnet, alles Fassade. Da hier offensichtlich nicht gedacht wird, braucht es “Denkfabriken”.

Die Achtundsechziger als Vorreiter dieser Unkultur, des konkreten Instrumentalisierens der Umwelt? Selbst Adorno sprach von “der idiotischen Brutalität der Linksfaschisten” und meinte damit keineswegs die Kaufhausanschläge von Baader und Ensslin 1968. Die Lederjackenfraktion als besonders agitatorischer, gewalttätiger, aber auch agiler Teil der Bewegung, aus dem später leitende Redakteure und Minister hervorgingen.

Die Leiseren gehen unter, damals wie heute.

*Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, Gesammelte Schriften, Band 10.2, S. 761.

Deutschland sucht den Superpolitiker

Der Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll ja der beliebteste Politiker Deutschlands sein. Wieso? Wohl nicht deshalb:

Das Video ist ein schönes Beispiel für das orwellhafte Sprechen weiter Teile der politischen Klasse. Das eigentliche Versagen im Fall Guttenberg liegt aber bei den Medien. Guttenberg ist mit einer Quasilüge an die Macht gekommen, als er erzählte, er habe “Verantwortung in einem Familienunternehmen” übernommen und “in der freien Wirtschaft gearbeitet”:

Sowas würde man bei gewöhnlichen Menschen einen Täuschungsversuch nennen, der Job wäre weg. Nicht so bei einem Bundesminister. Was machen die Medien? Die Quasilüge wird ignoriert, der Mann stattdessen wochenlang gefeiert. Den Höhepunkt bildete wohl ein Titel des Stern, in dem Guttenberg als der deutsche Obama dargestellt wurde.

Guttenbergs Reden sind sinnfrei. Es ist ein Aneinanderreihen von Floskeln, viel Nominalstil, viel Passiv. Typisch für ihn sind Sätze wie “Das Problem wird einer Lösung zuzuführen sein” oder der Satz aus der “Anstalt” oben im Video. Als er nach einem USA-Besuch im heute-journal von Klaus Kleber zu den Ergebnissen befragt wurde, variierte er seine Feststellung, man werde künftig im Fall Opel mit der US-Regierung “zusammenarbeiten”, über mehrere Minuten. Auf gut deutsch: Es ist bei den Gesprächen nichts herausgekommen. Kleber ist allerdings nicht willens oder in der Lage, das so zu sagen. Es wäre seine Aufgabe.

Und dieser Mann ist der beliebteste Politiker Deutschlands. Selbst, nachdem versehentlich sein Strategiepapier durchgesickert ist, in dem knallharte neoliberale Positionen vertreten werden, bleibt der Mann beim “Urnenpöbel” (Georg Schramm) beliebt.

Der Wahlkampf ist erwartungsgemäß niveaulos, wobei man auch sagen könnte, dass fehlendes Niveau nur dann bemängelt werden kann, wenn überhaupt etwas passiert. Es gibt in der schwersten Finanzkrise seit den zwanziger Jahren keinen Richtungsstreit, keine Auseinandersetzungen, nichts. Handlungsbedarf besteht, Regulierungen der Finanzmärkte finden de facto nicht statt, auch nicht in Deutschland. Es passiert nichts, keiner sagt etwas.

In dieser Gemengelage wird eine Null wie Guttenberg zum Star, weil er schön lächelt, den Boulevard visuell bedienen kann und staatstragend plappert. Die Neoliberalen finden ihn inhaltlich toll, die Kleinbürger, weil er adelig ist, die sinnfreien Ästheten, weil er gut sitzende Anzüge trägt, die Rechten, weil man sich ihn als neuen Monarchen vorstellen kann, und die Medien, weil sich genau diese Mischung zum Modellieren eines Stars eignet.

Deutschland sucht den Superpolitiker und hat ihn gefunden.

Ein paar Bemerkungen zu “Inglorious Basterds”

Obwohl  Oftundgernekinogänger, vermeide ich, über Filme zu schreiben. Ich habe das Gefühl, mir fehlt das Vokabular. Bei Quentin Tarantino nehme ich das Risiko der Sprachlosigkeit auf mich. Einer der besten Regisseure überhaupt, was Erzählstruktur, Psychologie, Kamerafahrten, Dialoge und Atmosphärisches angeht. Die Spannung, die sich aufbaut ohne jeden billigen Effekt, auch wenn es billige Effekte gibt.

“Inglorious Basterds” bietet, so gesehen, nicht einmal Überraschungen. Es ist ein echter Tarantino, ein sorgfältiger. Erneut der absurd lange Anfangsdialog (schreibt Tarantino die Drehbücher wirklich selbst bzw. wer hilft ihm dabei?) mit extremem Ende, erneut die Diskrepanz zwischen im vernünftigen Sinn überflüssigen und ausufernden Lösungsversuchen für nicht vorhandene Probleme einerseits und dem Nebenbeitöten andererseits. Erneut der Mut von Tarantino, alle Zuschauer zu vergrätzen. Dem Gewaltseher wird es zwischendrin zu fad, dem Beobachter fein gewebter psychologischer Netze zu brutal.

Auch nicht neu, aber mir zum ersten Mal so deutlich aufgefallen: Tarantino gibt allen Schauspielern sehr viel Raum zur Entfaltung. Die schauspierlerischen Leistungen sind ungemein gut. Christoph Waltz ist faszinierend, August Diehl ebenfalls, selbst Till Schweiger fällt nicht negativ auf, weil er im Hintergrund bleibt. Kein Darsteller fällt in dieser Freiheit auf Klischees zurück. Diane Kruger bleibt teilweise etwas zurück, vor allem in der Szene, in der ihr eine Kugel aus dem Bein operiert wird, aber das passt eben auch zum B-Movie-Touch.

Die, wie man das heute nennt, unökonomische Erzählstruktur Tarantinos: Er lässt sich viel Zeit für Details, jede Szene für sich funktioniert, alles Hollywoodeske ist abwesend oder als Persiflage vorhanden. Er macht gar nicht erst den Versuch, eine logisch nachvollziehbare Handlung zu basteln. Wenn es nicht passt, dann passt es halt nicht. Wenn er keine Lust hat, eine Figur vorzustellen, malt er ins Bild einen Pfeil in Richtung der Figur und schreibt den Namen daneben, wie früher bei den Montagsmalern. Dazu Tarantinos Talent des Genrewechels. In die spannendsten Momente pflanzt er Komödienhaftes ein, und es funktioniert in seiner Absurdität. Und wenn das Komödienhafte verschwindet, folgt nicht Tragödie, sondern Farce.

Angenehm, dass die Juden einmal nicht als lammfromme Angsthasen dargestellt werden, die sich widerstandslos ins KZ abtransportieren lassen, sondern als Indidividuen, die meist sympathisch eigenwillig sind, im Extremfall aber Nazis mit Baseballschlägern langsam und nach und nach und bestienmäßig den Schädel zertrümmern.

Schön auch, dass sich die stille Hoffnung des Zuschauers erfüllt: Zum Schluss verbrennen alle Nazis in einem großen Kino. Keine pseudointellektuellen Kompromisse, wo doch noch ein Nazi gar kein Böser ist und entkommen darf, nein, alle Nazis und somit alle Deutsche sind scheiße und Hitler wird am Ende nicht mit fünf oder zehn Kugeln erschossen, sondern mit mindestens einhundert. So lange, bis von seinem Gesichts nichts mehr übrig ist. Dazu auf der Leinwand übergroß das Gesicht einer Jüdin, die den vor Angst kreischenden Nazis im Zuschauerraum Rache verspricht. Vielleicht mag das mancher kitschig finden oder zu dick aufgetragen. Ich fand es überhöht, aber beeindruckend, eine Jüdin sitzt übermächtig Gericht und fällt bei allen die Todesstrafe. Es erinnert an einen Traum Adornos, eine Hinrichtungsszene: Im März 1944 “findet in einer Arena unter meinem Befehl die Hinrichtung einer großen Anzahl von Nazis statt” (Adorno, Traumprotokolle, Ffm 2005).

Letztlich affiziert Tarantino, weil ihm sein Faible für B-Movies nicht peinlich ist. Der ganze Exploitation-Kram aus den Siebzigern schwingt mit, billige Italo-Western, schlechte Drehbücher. Tarantinos Filme sind immer eine Mischung aus B-Movie und Autorenkino, und beide Aspekte kommen zur ihrem vollen Recht. Dazu gute Musik.

Tarantino ist der wahre Geschichtenerzähler, der kapiert hat, dass zu einer guten Geschichte auch Trash gehören kann. Dabei bescheiden: “Inglorious Basterds” ist ein Kammerspiel. Rückblenden gibt es dieses Mal kaum, und man merkt, dass sie auch weggelassen werden können.

Fade out.

Quentin Tarantino

(Foto: Pinguino)

Griebnitzsee: Was Zivilcourage mit einer Gartenschere zu tun hat

Kleiner Kursus in Sachen Zivilgesellschaft:

Am Potsdamer Griebnitzsee gibt es einen Uferweg, der bis 2007  für Fußgänger und Radfahrer öffentlich nutzbar war. Direkt hinter dem Weg, also etwa fünf Meter vom Seeufer entfernt, befinden sich großzügige Villengrundstücke mit großen Gärten

Kurz zum Hintergrund (ausführlich, mit einer sehr guten Beschreibung der historischen und architektonischen Hintergründe, siehe Link oben): Der See stellt bis 1990 die Grenze zwischen Potsdam und West-Berlin dar, zwischen 1961 und 1989 nutzten die DDR-Grenztruppen den Uferweg zur Patrouille. Ab 1990 war er frei zugänglich, Menschen gingen dort joggen und spazieren, ein Radweg rund um Berlin führte auch vorbei. Irgendwann hat wohl ein findiger Jurist entdeckt, dass die rechtliche Situation des Weges ungeklärt ist. Jedenfalls haben acht Villenbesitzer – allesamt nach der Wende zugezogen im Bewusstsein des existierenden Uferwegs – vor zwei Jahren ihre Grundstücke mit Zäunen illegal und über Nacht bis an den See verlängert, der Weg war nicht mehr passierbar. Es folgten öffentliche Entrüstung und von den Villenbesitzern engagierte Wachleute, die mit der Präsenz dicker Muskeln die Menschen fernhielten, es gründete sich der Verein “Griebnitzsee für alle”.

Ein Gericht hat den Anwohnern zwischenzeitlich recht gegeben, juristisch ist der Fall aufgrund der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzlage dennoch knifflig. Die Argumentation der Stadt (“freie Landschaft”, “Sozialpflichtigkeit des Eigentums”) fruchtete nicht. Jetzt denkt sie über Enteignung des schmalen Streifens nach, was wahrscheinlich Jahre und Millionen kostet, die die Millionäre dann bekommen.

Jedenfalls gilt der Status quo. Der Weg ist auf einer Länge von mehreren Kilometern gesperrt und verwildert, manche Anwohner sollen den Asphaltbelag schon zertrümmert haben, um vollendete Tatsachen zu schaffen. So wie es aussieht, hat kein Anrainer ein Interesse daran, den Seezugang zu nutzen. Da die Grundstücke ja schon jahrzehntelang vom Uferweg mit einem Zaun abgetrennt waren (siehe unteres Foto), kommt nun überhaupt niemand mehr ans Wasser. Die Atmosphäre erinnert an die Mauerzeit.

Worauf ich hinauswill: Auch von seiten der Sperrungsgegner passiert nichts. Obwohl es so einfach wäre: Eine bessere Gartenschere oder ein Bolzenschneider und zehn Minuten Zeit würden genügen, und der Weg wäre wieder frei. Eine ganze Stadt lässt sich hier von acht Villenbesitzern an der Nase herumführen (von “terrorisieren” will ich nicht reden), die formaljuristisch im Recht sein mögen und daraus das Recht zu asozialem Verhalten ableiten. Zumal die Anwohner sich selbst nicht einig sind. Der Regisseur Volker Schlöndorff beispielsweise wohnt dort auch, ist aber gegen die Sperrung, weil er dann selber am Ufer nicht mehr joggen kann. Die Anrainer schneiden sich ja auch selbst den Weg ab. Zu ihnen gehört auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Die sind hier bestimmt in ihrem Element.

In einer vitalen Zivilgesellschaft hätten die Betroffenen das Problem längst kreativ gelöst, wie gesagt. In der verwalteten Welt wartet man lieber fünf oder zehn Jahre Entscheidungen der Verwaltung ab. Konkretes, human und rational legitimierbares Handeln wird vermieden zugunsten von Aktenzeichen.

Die Situation erinnert an die Enclosure-Bewegung in England. Dort besetzten im 18. und 19. Jahrhundert Landlords Flächen, die bis dato zur allgemeinen Verwendung oder in Erbpacht einfacher Bauern standen. Das Parlament hatte dieses Vorgehen zuvor gebilligt. Die Vertriebenen blieb nichts anderes übrig, als in die Städte zu ziehen, wo sie als Industrieproletarier ausgebeutet wurden – von derselben herrschenden Klasse, die sie zuvor vertrieben hatte.

Natürlich ist der Griebnitzsee damit nur bedingt vergleichbar. Gemein ist beiden Konstellationen die Unverschämtheit im Wortsinn, mit der sich Bonzen auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, und das auch noch visuell so dreist. Genau diese fehlende Scham ist es, die eine Gartenschere zur Anwendung kommen lassen sollte. Man muss halt Grenzen ziehen.

Übrigens: Der Umweg, den Spaziergänger und Radler nun machen müssen, führt durch die Karl-Marx-Straße, und zwar auch direkt an den Villengrundstücken vorbei, nur oberhalb. Man könnte fast sagen, die Bonzen sind eingezingelt, von Marx und Gartenschere. Das sollten selbst Potsdamer checken.

Der Uferweg am Griebnitzsee in Potsdam im Jahr 2004…(Foto: Jorges)

Griebnitzsee

und 2009: eine bessere Gartenschere würde am “Privatgarten” gute Dienste leisten.

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(Foto: genova, 2009)

Noch mehr zum Thema bei BildungstadtSchloss.

Nicht zielgerichtete Protestanten

Hacker haben in den USA 130 Millionen Kreditkarten gehackt. Das sollen “rund zehn Prozent aller in Amerika ausgegebenen Kreditkarten” sein. Kann das sein? 300 Millionen Amerikaner besitzen also 1,3 Milliarden Kreditkarten. Die Amis sind irgendwie immer noch vorn.

Gedanke: Im Mittelalter haben die Leute mehr oder weniger hart gearbeitet (da gehen die Meinungen auseinander) und haben den Lohn (via Tauschgeschäft, materiell oder immateriell) direkt verbraucht. Gespart wurde nicht, höchstens bis über den nächsen Winter. Dann kam die protestantische Ethik und der Kapitalismus: Die Leute arbeiteten effizienter und härter, sparten quasi automatisch. “Nicht zielgerichtetes Sparen” nennen das die Schwaben. Im Kapitalismus sorgten sie so für Akkumulation von Kapital, das dann investiert werden konnte. Nicht zielgerichtet war das Sparen also nur, was die fehlende Phantasie des Sparers anging, der sich ja gar nichts anschaffen wollte, weil er so protestantisch-bescheiden war. Das System hat die Richtung vorgegeben (und der Protestant mal wieder nichts gechekt).

Und dann kamen die 1980er Jahre und der instrumentalisierte Hedonismus und das Verprassen und Shoppen als Lebenszweck – eine vom Kapital natürlich freudig unterstützte, wenn nicht gar vorgegebene Ideologie, denn sie brauchten das Geld des Protestanten nicht mehr als Investitionsgrundlage, sie brauchten das Geld jetzt als Kaufkraft. Nicht zielgerichtetes Geldausgeben, der Vorgang des Einkaufens als “Lebensgefühl” war das wichtige, der Weg das Ziel. Die Amerikaner haben es halt ein wenig übertrieben und sitzen jetzt auf mehr als 900 Milliarden Dollar Kreditkartenschulden.

Die eigentlichen Verlierer dieser Entwicklung sind also die armen Protestanten, die entweder, gegen alle Überzeugung, beim Exzessivshoppen mitgemacht haben oder als belächelte Minderheit abseits standen. Vielleicht werden sie deshalb so langsam radikal.

Ob die Bible-belt-Fundis auch so viele Kreditkarten haben?

Knappe Kritik des Parkens

So geht das:

IMG_3877(Foto: genova)

Berliner Stadtschloss: Deutschland unbefleckt

Meine Meinung zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses geht seit 15 Jahren so:

Aufgehoben in einem gesamtgesellschaftlichen Rollback will eine reaktionäre sich so fühlende Elite das Rad der Geschichte zurückdrehen, und zwar ganz bewusst vor Dreiundreißig. Das hat zwei Vorteile: Erstens existiert der Holocaust nicht, zweitens existiert die Massengesellschaft samt Demokratie nicht. Deutschland unbefleckt.

Das ist weit hergeholt? Von wegen. Ein Sammelband der “Gesellschaft Berliner Schloss” (GBS) von 2008 (und mir jetzt erst via Schlossdebatte aufgefallen) vereint eine Menge konservativer Stimmen zum Wiederaufbau. Schon der Vorsitzende der Gesellschaft, Klaus Jürgen Velker, macht klar, wohin die Reise gehen soll:

“Der kulturpolitische Kompromiss lautet derzeit – innen Humboldt-Forum und außen Berliner Schloss. Die Sammlungen der außereuropäischen Kulturen von Berlin-Dahlem nach Mitte zu holen und damit die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum zentralen Nutzer des Gebäudes avancieren zu lassen, ist die euphorische vorgetragene Rechtfertigung des Projektes. Diese Divergenz zwischen Form und Inhalt löste aber auch bereits nach kurzer Zeit bei manchem Betrachter ein gewisses Unbehagen aus.”

Divergenz zwischen Form und Inhalt. Genau das, was die Schlossbefürworter jahrelang angeblich okay fanden, wird nun langsam als Problem angedeutet. Die Form ist Barock, hieß es bisher, aber das habe gesellschaftspolitisch, also inhaltlich, nichts zu sagen. Jetzt hat man plötzlich etwas gegen diese Divergenz. Das “Unbehagen” wollen die Schlossfreunde natürlich nicht dahingehend auflösen, dass die Fassade zeitgemäß gestaltet wird. Nein, der Inhalt soll sich dem 18. Jahrhundert anpassen. Und dazu passen eben keine Sammlungen außereuropäischer Kulturen, in denen sowieso nur Neger und andere Wilde herumhüpfen. Die sollen bitte in Dahlem bleiben, wo eh keiner hinkommt. In unserer schönen neuen Mitte möchte man Kultur sehen.

Ein Architekturhistoriker namens Guido Hinterkeuser schwadroniert in dem Sammelband davon, dass durch die barocken Fassaden “das Schloss inhaltlich intoniert” werde und man solle “Fassaden nicht nur als Kulissen” verstehen. Aha. Also gleich einen neuen Kaiser?

800px-Berlin_Stadtschloss_LuftaufnahmeDas Schloss um 1900 (Foto: Wikipedia)

So richtig deutlich (wenn auch rhetorisch verschwurbelt) wird Helmut-Eberhard Paulus, Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten:

“Wiederaufbau enthält die Aufarbeitung eines traumatischen Ereignisses durch Wiederaufnahme des Erinnerungsstranges im Wege symbolhafter Handlungen (…) Insofern ist gerade der Wiederaufbau von Schlössern und Schlossanlagen im kulturellen Rahmen des höfischen Erbes am ehesten vergleichbar mit einer Gesundheitsmaßnahme am menschlichen Individuum. (…) Demnach musste im Sinne des Verständnisses von Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Reparatur am geschädigten höfischen Erbe auch der Zusammenhang zu den dahinter stehenden Idealen wieder hergestellt werden”.

Das Individuum ist also krank, das Schloss gibt ihm etwas wichtiges zurück, vielleicht das Herz. Nichts gegen höfische Ideale wie Höflichkeit, Manieren, Anstand. Aber der Gedanke, dass die mittels eines Schlosswiederaufbaus gesellschaftliche Akzeptanz finden können, ist, nun ja, abenteuerlich. Und wie sah die gelebte höfische Kultur im barocken Zeitalter denn aus? Ein absolutistischer Herrscher, der nur Gott gegenüber verantwortlich war und drumherum ein Hofstaat, der dessen Gunst suchte und so jede Möglichkeit von Kritik systematisch unmöglich machte. Selbst die Künstler wurden ruhiggestellt.

Davon abgesehen: Das “höfische Erbe” wurde nicht etwa 1945 zurechtgestutzt, sondern 1918. Die Weimarer Republik existiert in dieser Art Geschichtsklitterung nicht. Wieso auch: Da gab es ja schon Streit und Pluralismus und die Massen wollten plötzlich mitreden, gar gleichberechtigt wählen. Ich frage mich auch, welches Ereignis für Herrn Paulus eigentlich das Traumatische ist, von dem er spricht: Das Dritte Reich, die Sprengung des Schlosses oder die Abdankung Wilhelm II. 1918?

Die “Aufnahme des Erinnerungsstrangs”, auch so ein Geplapper: Das Schloss war seit 1918 überflüssig, 1950 wurde es gesprengt. Uns fehlt also die Erinnerung an Monarchie und Absolutismus. Schlimmschlimm.

Zurück zu den Nazis wollen sie nicht, die waren nicht höfisch genug. Zurück zum Kaiser und den “dahinter stehenden Idealen” schon. Es ist eine unglaublich reaktionäre Soße, die da mittlerweile angerührt wird. Die Autoren des Sammelbandes der Gesellschaft Berliner Schloss sind nun offiziell dort angekommen, wo die schwarz-braune Junge Freiheit schon länger steht:

“Das Schloß ist das Herz Berlins, Berlin ist das Herz Deutschlands. Der Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses ist die Operation am offenen Herzen unserer Nation. Hoffen wir auf eine heilsame Rekonvaleszenz – und daß es beim Schloß nicht nur bei der barocken Hülle bleibt, sondern die Form mit dem noch zu klärenden Inhalt in Deckung gerät.”

Noch zu klärender Inhalt, soso. Sage mir niemand, hier gehe es nur um Ausstellungsexponate.

Die Taktik ist geschickt: Jahrelang haben die Schlossbefürworter behauptet, man wolle das Schloss doch nur als städtebaulich notwendigen Teil der alten Mitte. Was natürlich schon immer verlogen war, aber so ließen sich für das Projekt am besten Mehrheiten beschaffen. So langsam wird deutlich, wohin die Reise geht. Und es passt: Seit Jahren geht die soziale Schere auseinander, Eliten formieren sich, Gesetze werden nicht von demokratischen Institutionen geschrieben, sondern von Anwaltskanzleien, Bildungseinrichtungen werden entdemokratisiert, Künstler den monetären Verwertungsmärkten zugeführt, die Masse entpolitisiert. Warum nicht auch ein Schloss im “Herzen Deutschlands”? Eine neoliberal entmenschlichte Gesellschaft kriegt den repräsentativ-reaktionären Deckel aufgesetzt. In manchen Kreisen nennt man so eine Haltung mittlerweile “liberal-konservativ”.

Es ist ja völlig richtig, eine der Fassade gemäße Nutzung zu fordern, damit übernehmen die Revanchisten ironischerweise eine Forderung der Moderne. Nur dann bitte konsequent: Die Republik ist scheiße, wir wollen den Kaiser wiederhaben! Alles andere ist Heuchelei und die taktische Hemmung, seine wahren Interessen einzugestehen, weil sie nicht opportun sind – noch nicht. Immerhin sind wir jetzt offiziell bei der Ablehnung des Kulturforumskonzeptes als zu international.

Andererseits: Auf die absolutistischen Kaiser folgte die Französische Revolution. Zeit, auch diesen “Erinnerungsstrang” aufzunehmen.

800px-Antoine_Pesne_006Empfang August des Starken im Berliner Stadtschloss. Bild von Antoine Pesne, 1729. (Foto: Wikipedia)

Es wird Regen geben

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(Fotos: genova)

Autos in die Augen schauen

Wie man das Aggressionspotenzial einer Gesellschaft an den Gesichtern ihrer Autos ablesen kann, zeigte kürzlich ein sehr lesenswerter Beitrag des Design-Professors Paolo Tumminelli in der Süddeutschen Zeitung. Tumminelli schreibt dort, was ich mir – schwammiger – schon länger denke:

“Die Ästhetik des Automobils hat sich binnen eines Jahrzehnts grundlegend verändert. Wie der Automobildesigner in einem unbewussten Prozess der Abstraktion sich von seiner Schöpfung entfernt hat (er entwirft nicht mehr per Hand, sondern an der virtuellen Wand), so ist das Automobilprodukt weit weg von der Menschenmaßlehre gerutscht.”

Die Menschenmaßlehre von Vitruv ist nun futsch. Statt dessen werden die Autos immer breiter und höher, die sogenannte Stirnfläche, also quasi das Gesicht eines Autos, nimmt an Umfang zu. Beispiel Ford Fiesta. In den 1970 sah das Auto so aus:

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Die neueste Version des Fiesta ist die konsequente Entwicklung in Richtung Ungetüm. Zielgruppe ist jetzt wohl die Sekretärin, die gerne Eindruck schinden möchte, sich aber keinen SUV leisten kann bzw. dann mit dem Einparken Probleme hätte:

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Noch besser kann das dieser Audi namens Q7:

Audi_Q7_front_presentation

Nicht nur das Gesicht, auch Bauch, Po, Beine, nichts ist mehr im Lot. Dazu Tumminelli:

“Gäbe es einen Body-Mass-Index für Autos, so wären wir heute vom gesunden Schönheitsideal weit entfernt. Ein Panda wog 200 Kilo pro laufendem Meter, so wie früher ein Fiesta auch. Ein neuer Fiesta packt pro Meter 100 Kilo drauf. Mehr als damals ein Volvo Kombi. Und das ist ungesund: 50 Prozent BMI-Zuwachs bei lediglich elf Prozent mehr Länge. Von einem Kleinwagen darf nicht mehr die Rede sein.”

Warum ist das so? Findet es die Sekretärin wirklich geil, in so einem unförmigen Ding rumzufahren? Sind die heutigen Autos das Abbild von Bodybuildern? Ist das das neue Schönheitsideal? Oder steckt hinter dieser Art von brachialer Ästhetik mehr? Es ist anzunehmen.

Es ist ein Aggressivitätspotenzial, das in dem Maß zunimmt, in dem die Gesellschaft unsozialer wird. Dieses Unsoziale findet seinen Ausdruck in einem Abwehrverhalten, das grundsätzlich ein passives sein kann (man kann auch mit solchen Ungetümen einen sozialen Fahrstil pflegen und die Oma über die Straße lassen), das aber jederzeit unmissverständlich klarmacht, dass man auch anders kann. Es ist eine mögliche Rücksichtslosigkeit, für die man sich nicht mehr schämen muss, sondern die mittlerweile dazugehört, wenn man seinen Status zeigen will: Seht her, ich habe es geschafft! Dazu gehört keine Eleganz mehr, kein Stil, sondern Brachialität. Der Q7 macht es vor, die Fiestas und Corsas machen es nach.

Ästhetische Standards werden nach unten durchbrochen als Folge einer rücksichtsloser werdenden Gesellschaft, die die Solidarität mit Schwächeren als individuelle Leistung toleriert, aber als gesellschaftliches Prinzip ablehnt. Wer es geschafft hat, darf asozial sein und dennoch und deswegen auf gesellschaftliche Reputation hoffen. Hauptsache kein Weichei. Solidarität als individuelles Prinzip entlastet so nach Bedarf die unsozialsten Subjekte der Gesellschaft: Stiftungen gründen, moderne Kunst sammeln, am Zebrastreifen brav bremsen und den Penner mit einer generösen Handbewegung die Straße queren lassen, aber gleichzeitig klarmachen, dass ein leichter Druck aufs Gaspedal eine geräuschlose Liquidierung mittels Stirnfläche zur Folge hätte. Auch der Fahrer eines 1976er Fiestas sollte sich mit seinen 800 Kilogramm Leergewicht besser nicht mit den zwei Tonnen des Audi anlegen. Totschlaggeräte als Zeichen gesellschaftlichen Erfolgs.

Das Wesentliche dazu sagte übrigens kürzlich Clint Eastwood in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

“Diese Autos heute, sie schauen allesamt, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Diese verzweifelten und vulgären Visagen! Diese hochstehenden Ärsche! Was ist los? Nehmen die Designer die falschen Drogen? Will man in so einem Auto mit seinem Mädchen herumfahren?”

Wohl nicht. Er bevorzugte diesen Wagen, einen Ford Gran Torino:

800px-1974_Ford_Torino_from_Starsky_&_Hutch

Kein 70er-Jahre-Fiesta, aber doch eine ganz andere Art von Aggressivität als die eines Q7. Eine, die wahrhaft cool daherkommt. Eine Bulligkeit, die dennoch elegant ist und der protziges Gehabe durch falsche Proportionen peinlich wäre. Angeben mit Stil.

Tumminelli nennt die Q7-Autos die “Jurassic Cars”, die “keine Zukunft haben. Nur die Pandas dürfen weiterleben.” Das mag irgendwann aus ökologischen und ökonomischen Gründen so kommen. Das wäre eine rein formale, keine inhaltliche Korrektur. Das gesellschaftliche Aggressionspotenzial wird dann nach anderen Ausdrucksformen suchen.

(Fotos: Wikipedia)

Vorausgesetzte kommunizierende Persönlichkeiten gesucht

Ist mir gerade wieder zwischen die Finger gekommen, aber schon mehr als ein Jahr alt:

Die Architekturfakultät Karlsruhe suchte im Januar 2008 für eine Stiftungsprofessur der Wüstenrot-Stiftung eine „Persönlichkeit“, die „in der Lage ist, die Voraussetzungen der Kommunikation über Architektur für die Architekturforschung verfügbar zu machen.“ Man lese den Satz bitte zwei- oder dreimal. Es geht also nicht darum, dass die Architekturfakultät Karlsruhe jemanden sucht, der einem das Kommunizieren über Architektur beibringt. Es geht auch nicht einfach um die Voraussetzungen, die man braucht, um über Architektur zu kommunizieren. Nein, es geht um die Voraussetzungen, die man braucht, um über Architektur zu kommunizieren unter einem einzigen Aspekt: Dass die Architekturforschung darüber informiert wird, welche Voraussetzungen die Kommunikation über Architektur hat.

Das ist mir zu hoch. Die Bewerbungsschreiben der angehenden Stiftungsprofessoren würde ich gerne lesen. Ob die Persönlichkeiten auf dieses Kauderwelsch ernsthaft eingehen?