Meine Meinung zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses geht seit 15 Jahren so:
Aufgehoben in einem gesamtgesellschaftlichen Rollback will eine reaktionäre sich so fühlende Elite das Rad der Geschichte zurückdrehen, und zwar ganz bewusst vor Dreiundreißig. Das hat zwei Vorteile: Erstens existiert der Holocaust nicht, zweitens existiert die Massengesellschaft samt Demokratie nicht. Deutschland unbefleckt.
Das ist weit hergeholt? Von wegen. Ein Sammelband der “Gesellschaft Berliner Schloss” (GBS) von 2008 (und mir jetzt erst via Schlossdebatte aufgefallen) vereint eine Menge konservativer Stimmen zum Wiederaufbau. Schon der Vorsitzende der Gesellschaft, Klaus Jürgen Velker, macht klar, wohin die Reise gehen soll:
“Der kulturpolitische Kompromiss lautet derzeit – innen Humboldt-Forum und außen Berliner Schloss. Die Sammlungen der außereuropäischen Kulturen von Berlin-Dahlem nach Mitte zu holen und damit die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum zentralen Nutzer des Gebäudes avancieren zu lassen, ist die euphorische vorgetragene Rechtfertigung des Projektes. Diese Divergenz zwischen Form und Inhalt löste aber auch bereits nach kurzer Zeit bei manchem Betrachter ein gewisses Unbehagen aus.”
Divergenz zwischen Form und Inhalt. Genau das, was die Schlossbefürworter jahrelang angeblich okay fanden, wird nun langsam als Problem angedeutet. Die Form ist Barock, hieß es bisher, aber das habe gesellschaftspolitisch, also inhaltlich, nichts zu sagen. Jetzt hat man plötzlich etwas gegen diese Divergenz. Das “Unbehagen” wollen die Schlossfreunde natürlich nicht dahingehend auflösen, dass die Fassade zeitgemäß gestaltet wird. Nein, der Inhalt soll sich dem 18. Jahrhundert anpassen. Und dazu passen eben keine Sammlungen außereuropäischer Kulturen, in denen sowieso nur Neger und andere Wilde herumhüpfen. Die sollen bitte in Dahlem bleiben, wo eh keiner hinkommt. In unserer schönen neuen Mitte möchte man Kultur sehen.
Ein Architekturhistoriker namens Guido Hinterkeuser schwadroniert in dem Sammelband davon, dass durch die barocken Fassaden “das Schloss inhaltlich intoniert” werde und man solle “Fassaden nicht nur als Kulissen” verstehen. Aha. Also gleich einen neuen Kaiser?
Das Schloss um 1900 (Foto: Wikipedia)
So richtig deutlich (wenn auch rhetorisch verschwurbelt) wird Helmut-Eberhard Paulus, Direktor der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten:
“Wiederaufbau enthält die Aufarbeitung eines traumatischen Ereignisses durch Wiederaufnahme des Erinnerungsstranges im Wege symbolhafter Handlungen (…) Insofern ist gerade der Wiederaufbau von Schlössern und Schlossanlagen im kulturellen Rahmen des höfischen Erbes am ehesten vergleichbar mit einer Gesundheitsmaßnahme am menschlichen Individuum. (…) Demnach musste im Sinne des Verständnisses von Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Reparatur am geschädigten höfischen Erbe auch der Zusammenhang zu den dahinter stehenden Idealen wieder hergestellt werden”.
Das Individuum ist also krank, das Schloss gibt ihm etwas wichtiges zurück, vielleicht das Herz. Nichts gegen höfische Ideale wie Höflichkeit, Manieren, Anstand. Aber der Gedanke, dass die mittels eines Schlosswiederaufbaus gesellschaftliche Akzeptanz finden können, ist, nun ja, abenteuerlich. Und wie sah die gelebte höfische Kultur im barocken Zeitalter denn aus? Ein absolutistischer Herrscher, der nur Gott gegenüber verantwortlich war und drumherum ein Hofstaat, der dessen Gunst suchte und so jede Möglichkeit von Kritik systematisch unmöglich machte. Selbst die Künstler wurden ruhiggestellt.
Davon abgesehen: Das “höfische Erbe” wurde nicht etwa 1945 zurechtgestutzt, sondern 1918. Die Weimarer Republik existiert in dieser Art Geschichtsklitterung nicht. Wieso auch: Da gab es ja schon Streit und Pluralismus und die Massen wollten plötzlich mitreden, gar gleichberechtigt wählen. Ich frage mich auch, welches Ereignis für Herrn Paulus eigentlich das Traumatische ist, von dem er spricht: Das Dritte Reich, die Sprengung des Schlosses oder die Abdankung Wilhelm II. 1918?
Die “Aufnahme des Erinnerungsstrangs”, auch so ein Geplapper: Das Schloss war seit 1918 überflüssig, 1950 wurde es gesprengt. Uns fehlt also die Erinnerung an Monarchie und Absolutismus. Schlimmschlimm.
Zurück zu den Nazis wollen sie nicht, die waren nicht höfisch genug. Zurück zum Kaiser und den “dahinter stehenden Idealen” schon. Es ist eine unglaublich reaktionäre Soße, die da mittlerweile angerührt wird. Die Autoren des Sammelbandes der Gesellschaft Berliner Schloss sind nun offiziell dort angekommen, wo die schwarz-braune Junge Freiheit schon länger steht:
“Das Schloß ist das Herz Berlins, Berlin ist das Herz Deutschlands. Der Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses ist die Operation am offenen Herzen unserer Nation. Hoffen wir auf eine heilsame Rekonvaleszenz – und daß es beim Schloß nicht nur bei der barocken Hülle bleibt, sondern die Form mit dem noch zu klärenden Inhalt in Deckung gerät.”
Noch zu klärender Inhalt, soso. Sage mir niemand, hier gehe es nur um Ausstellungsexponate.
Die Taktik ist geschickt: Jahrelang haben die Schlossbefürworter behauptet, man wolle das Schloss doch nur als städtebaulich notwendigen Teil der alten Mitte. Was natürlich schon immer verlogen war, aber so ließen sich für das Projekt am besten Mehrheiten beschaffen. So langsam wird deutlich, wohin die Reise geht. Und es passt: Seit Jahren geht die soziale Schere auseinander, Eliten formieren sich, Gesetze werden nicht von demokratischen Institutionen geschrieben, sondern von Anwaltskanzleien, Bildungseinrichtungen werden entdemokratisiert, Künstler den monetären Verwertungsmärkten zugeführt, die Masse entpolitisiert. Warum nicht auch ein Schloss im “Herzen Deutschlands”? Eine neoliberal entmenschlichte Gesellschaft kriegt den repräsentativ-reaktionären Deckel aufgesetzt. In manchen Kreisen nennt man so eine Haltung mittlerweile “liberal-konservativ”.
Es ist ja völlig richtig, eine der Fassade gemäße Nutzung zu fordern, damit übernehmen die Revanchisten ironischerweise eine Forderung der Moderne. Nur dann bitte konsequent: Die Republik ist scheiße, wir wollen den Kaiser wiederhaben! Alles andere ist Heuchelei und die taktische Hemmung, seine wahren Interessen einzugestehen, weil sie nicht opportun sind – noch nicht. Immerhin sind wir jetzt offiziell bei der Ablehnung des Kulturforumskonzeptes als zu international.
Andererseits: Auf die absolutistischen Kaiser folgte die Französische Revolution. Zeit, auch diesen “Erinnerungsstrang” aufzunehmen.
Empfang August des Starken im Berliner Stadtschloss. Bild von Antoine Pesne, 1729. (Foto: Wikipedia)