Monatsarchiv: Juni 2009

Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (2)

Berliner S-Bahn blutet aus

Die Berliner S-Bahn steht seit Wochen unter massiver Kritik. Erhebliche Verspätungen, zu wenige Wagen, zu viele Pannen. Im Mai wurde bekannt, dass die regelmäßigen Hauptuntersuchungen für manche Züge um zwei Jahre verschoben werden, obwohl diese Züge Probleme mit den Bremsen haben. Sie dürfen deshalb maximal 80 statt 100 Stundenkilometer fahren. Dann entgleiste im Mai eine solche Bahn. Der Betriebsratsvorsitzende der S-Bahn, Heiner Wegner, hatte vorher davor gewarnt, die S-Bahn „weiter auf Verschleiß“ zu fahren. Durch Einsparungen bei der Wartung seien Sicherheitsprobleme nicht auszuschließen. Dazu kommen veraltete Gleisanlagen. “Die Sicherheit unserer Fahrgäste hat für uns oberste Priorität”, sagt dazu S-Bahnchef Tobias Heinemann. Sowas sagt man halt in so einer Situation.

Wenn man ein wenig genauer hinschaut, erkennt man, dass hinter diesem Verhalten System steckt. 1997 beschäftigte die S-Bahn Berlin noch gut 4.300 Menschen, zehn Jahre später sind es weniger als 3.000. Es sollen noch weniger werden. Beispielsweise ist laut Zeitungsberichten in Planung, das komplette Aufsichtspersonal der 166 städtischen Bahnhöfe abzuziehen – wobei ich das Gefühl habe, dass das schon längst Realität ist. Die entlassenen Mitarbeiter dürften mittlerweile mehrheitlich Hartz IV beziehen.

Für die S-Bahn-Betreiber ist dieses Verhalten lukrativ: Zwar steigerten sie 2008 ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr nur um 5,4 Prozent auf 559 Millionen Euro. Der Gewinn legte aber um 65 Prozent zu, und zwar auf 56,3 Millionen Euro, was, auch bezeichnend, unter anderem mit der Auflösung von Rücklagen zu tun hat. 2006 waren es noch 24 Millionen Euro. Der Berliner Senat überwies übrigens alleine 2007 225 Millionen Euro aus Steuermitteln als “Betriebszuschuss”. Der Gewinn fließt komplett an die Eigentümerin Deutsche Bahn ab und nennt sich deshalb “Konzernumlage”.

Die Zahl der Fahrgäste stieg in den vergangenen zehn Jahren von 270 auf 388 Millionen pro Jahr.

Solche Zahlen lassen sich innerhalb von zehn Minuten via google zusammenstellen. Alles bekannt. Man hat sich an den neoliberalen Wahnsinn gewöhnt. Der Staat überweist einem Privatkonzern Millionen, der kommt seinen Verpflichtungen nur an der Vertragsbruchgrenze nach und presst allen möglichen Profit systematisch in private Taschen. Irgendwann wird die Infrastruktur komplett verrottet sein und der Staat muss einspringen: Auch die S-Bahn ist too big to fail.

Eigentlich ein Zukunftsmodell, die S-Bahn, gerade in einer großen Stadt ökologisch und sozial wertvoll. Man sollte ein Zukunfsmodell allerdings nicht der Logik eines ökonomischen Systems anvertrauen, das als einziges Movens die Kapitalakkumulation kennt und deshalb sozialdarwinistisch ist. Tut man das doch, läuft es wie erwartet. Ganz so, wie es sich die Profiteure dieses Systems wünschen. Wundern muss man sich nicht.

Sieht nach Weichei aus, ist es aber nicht, zumindest beruflich: Tobias Heinemann, “Sprecher der Geschäftsführung und Geschäftsführer Marketing” bei der S-Bahn Berlin:

s-bahn_berlin_tobias_heinemann(Foto: S-Bahn Berlin GmbH)

Unesco-Weltdeppenerbe

Dresden zieht Kreise:

Jetzt haben auch die Spinner von Tempelhof-bleibt Flughafen gechekt, dass die mächtige Unesco ihre Träume unterstützen könnte: Wäre das Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens Weltkulturerbe, dürfte es nicht bebaut werden. Es wäre für alle Zeiten für jede andere ernsthafte Nutzung ausgeschlossen. Nur Flugbetrieb wäre noch möglich. Die Initiative will nun einen Volksentscheid in dieser Frage.

Klasse Idee: zwei Asphaltstreifen mit Unkraut drumherum als Weltkulturerbe.

Die Unesco sollte künfig ein Weltdeppenerbe ausloben. Ich hätte da schon einen Vorschlag.

Näheres im Tagesspiegel.

Schwellenintellektuelle Betrachtungen zur Logik der Unesco

Der treue Kommentator Hannes Wurst wollte kürzlich wissen, was Schwellenintellektuelle™ wie ich von der Aberkennung des Welterbestatus´ für Dresden halten. Mir fiel auf, dass ich dazu keine Haltung habe, was heutzutage natürlich nicht geht. Also habe ich nachgedacht und nehme nun folgende Haltung ein:

Der Welterbetitel ist begehrt, weil lukrativ. Touristenorganisationen weltweit wählen ihre Reiserouten danach aus. Die Unesco, deren Gremium World Heritage Committee den Weltkulturtitel verleiht, ist also mächtig, sie leitet mit ihren Entscheidungen Menschen- und Geldströme in die Städte oder an ihnen vorbei.

Das sind keine guten Voraussetzungen für eine durchdachte Stadtbaupolitik. Vor ein paar Jahren konnte man das in Köln beobachten: Die Stadt wollte rechtsrheinisch ein paar Hochhäuser genehmigen, mehrere hundert Meter vom Dom entfernt. Die Unesco sah Dom-Sichtachsen in Gefahr und drohte mit der Aberkennung des Welterbetitels. Köln stellte die Hochhausplanungen ein.

Die Unesco verhält sich hier reaktionär und ahistorisch. Der Dom, dessen Sphäre sie schützen will, konnte über Jahrhunderte hinweg nur gebaut werden, weil sich damals niemand darüber aufregte, dass er das höchste Gebäude der Stadt werden und eine Menge Sichtachsen versperren würde. Hätte es die Unesco damals schon gegeben, wäre der Dom nie gebaut worden. (Der Eiffelturm übrigens, der ebenfalls Weltkulturerbe ist und in dessen Nachbarschaft die Unesco ihren Sitz hat, auch nicht.)

Wenn man heute Hochhäuser bauen will, entstehen halt neue Sichtachsen, neue Perspektiven. Na und? Eine Stadt besteht aus unzähligen Sichtachsen und Perspektiven, vor allem aus den individuellen ihrer Bewohner. Das Alte an sich ist schützenswert, das Leben geht weiter. Selbst, wenn man einen Wolkenkratzer auf die Kölner Domplatte stellen würde, wäre der Dom ja noch da und die Perspektive eine ziemlich interessante. Dem Dom täte ein bisschen Begrängnis wahrscheinlich ganz gut. Die Unesco befördert hier eine Art Verrotenburgobdertauberisierung. Nur ja nix neues. Sie kommt mir vor wie ein Burschenschaftler, der sich heute in der Tradition von 1832 und 1848 sieht und damit verschleiert, dass – isoliert betrachtet – damals fortschrittliche Positionen heute rechtsradikal sein können.

Man kann das Thema beliebig weiter veranschaulichen. Kirchen in der Toskana wurden früher geradezu rücksichtslos baulich bedrängt, erweitert, umgebaut, Nachbarhäuser direkt drangesetzt, andere Gebäude frontal davorgestellt. All das finden wir heute schön, urig, skurril, auf jeden Fall erhaltenswert. Italienische Altstädte sind viel stilmultipler, als man das gemeinhin glaubt. Von etruskisch bis barock ist alles vertreten. Ein sichtachsenversperrender Mischmasch, bei dem der Unesco eigentlich schwarz vor Augen werden müsste. Doch aus heutiger Sicht ist das einfach alt und somit ok.

Aber wehe, es nähert sich ein geplantes Gebäude auf dreihundert Meter dem Kölner Dom. Der Zeitgeist, das zeigt sich auch hier, ist regressiv.

Architektur ist immer Ausdruck von Zeitgenossenschaft. Die Kirche hat heute, Gott sei Dank, nicht mehr soviel Einfluss wie im Mittelalter. Deshalb sind solche Bilder (Manhattan, Trinity Church) völlig in Ordnung:

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(Foto: Wikipedia)

Jetzt guckt man halt auch von oben auf den Kirchturm, nicht nur von unten, wie seinerzeit von den Mächtigen gewünscht. Wen das stört, muss die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, nicht Häuser verhindern. Ob die Hochhäuser in Köln sinnvoll sind oder nicht, sollte man nach wirtschaftlichen und sozialen Kriterien beurteilen, nicht in Abhängigkeit vom Dom.

Um endlich zum Thema zu kommen:

Der Fall Dresden verhält sich etwas komplizierter, weil die Waldschlösschenbrücke auch ein rückwärtsgewandtes Projekt ist. Durch sie wird mehr Verkehr in die Stadt geleitet. Hier kämpft also die reaktionär-modernistische Stadt Dresden gegen die reaktionäre Retro-Unesco. Was soll man dazu sagen? Vielleicht hätte man den Tunnel bauen sollen, der wohl vor allem aus bürokratischen Gründen nicht realisiert wird und der alle visuellen Probleme lösen würde. Vielleicht sollte man stattdessen eine vernünftige Verkehrspolitik betreiben.

Tatsache ist: Eine Brücke an dieser Stelle war schon um 1900 im Gespräch und wurde damals aus ästhetischen Gründen abgelehnt. Die Nazis wollten dann doch eine, wobei 1945 was dazwischen kam. Die DDR beschloss 1988 konkret, 1990 mit dem Bau einer sechsspurigen Brücke zu beginnen. Auch hier kam was dazwischen. 2009 scheinen sich die Dresdner vorgenommen zu haben, sich von nichts und niemandem von ihrem Brückenbau abbringen zu lassen.

So sieht bzw. sah es aus, das Weltkulturerbe Elbpanorama:

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(Foto: Wikipedia)

Vielleicht wird der Welterbetitel ein wenig inflationär vergeben.

Die Dresdner sollen machen, was sie wollen.

Die Unesco jedenfalls sollte sich baukulturell damit begnügen, darauf aufzupassen, dass nichts abgerissen wird, was erhaltenswert ist. Beispielsweise, wenn durchgeknallte Lokalfürsten in Berlin das Ahornblatt plattmachen oder durchgeknallte Taliban in Afghanistan Buddhastatuen die Köpfe wegschießen.

In Berlin ist im Sommer übrigens die Sicht auf durchschnittlich jedes zweite Gebäude wegen riesiger, fetter Bäume versperrt. Ein Fall für die Unesco.

Englischer Bandsalat

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“Ghost in the Machine: The Clash” von iri5

Hier ist eine größere Version.

Manche Leute sind so kreativ, dass einem schwindlig wird. Überhaupt finde ich seit einiger Zeit die beste Kunst nicht mehr im Museum, sondern im Netz.

(via Spreeblick)

Wenn eine Katze zur Handtasche wird

Geht es um Haustiere, kennt der Homo sapiens keinen Humor. Er isst zwar täglich Fleisch aus Massentierhaltung, ist aber im Grunde seines Herzens Tierfreund. Das hat kürzlich die niederländische Künstlerin Tinkebell erfahren. Sie nähte aus ihrer toten, vormals depressiven Katze eine raffinierte Handtasche.

Eine kleine Gebrauchsanweisung:

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Daraufhin bekam sie 100.000 von Mails mit Inhalten wie diesem:

„Liebe Tinkebell, du motherfucker, ich hoffe, dass du von einem Truck überfahren wirst, aber nicht sofort stirbst, sondern nur behindert bist. Dann kannst du dich nicht mehr bewegen, und ich komme mit dem Messer bei dir vorbei.“

Nun hat Tinkebell 1.000 davon in einem Buch veröffentlicht. Die Mails zeigen zweierlei. Erstens natürlich den sonderbaren Umgang der Menschen mit Tieren. Sie mittels Massentierquälerei zu Nahrungsmitteln zu verarbeiten, wird akzeptiert. Je billiger, desto besser. Doch wer eine tote Katze zweckentfremdet, ist vogelfrei.

Der zweite, scheinbar gegensätzliche Aspekt ist interessanter, den Tinkebell so auf den Punkt bringt:

“Ich habe nur Angst vor einer Gesellschaft, die sich mehr um Tiere kümmert als um Menschen.”

Tausende Mailschreiber fordern Todesstrafe, Folter und Lynchjustiz. Das Vergehen war weder Mord noch ein anderes Kapitalverbrechen, sondern die Präparierung eines toten Tieres. Das mag man geschmacklos finden oder pietätlos oder sonstwas. Aber bei vielen Leuten führt es zur Aufgabe zivilgesellschaftlicher Standards. So schnell geht das.

Ähnliches kann einem übrigens in Deutschland passieren, wenn man sich für das Fällen von ein paar Bäumen ausspricht, die im Weg stehen. Das Tier und die Natur als Ersatz für das Gute, das es unbedingt zu schützen gilt, zumindest auf einer völlig überhöhten Ebene.

Bei einer anderen Aktion schlug Tinkebell auch Hass entgegen: Sie wollte öffentlich 61 Küken lebendig schreddern, wenn sie ihr nicht abgekauft werden (15 Euro pro Küken). Alleine in Deutschland werden jährlich 45 Millionen männliche Küken lebendig geschreddert, weil sie, im Vergleich zu ihren Schwestern, zu lange brauchen, bis sie das Mastgewicht erreicht haben. Das halten die Hähnchen-Produzenten für unrentabel. Legalisiert ist diese Praxis durch die “Tierschutz-Schlachtverordnung”.

Tinkebell blieb auf 51 Küken sitzen, dann kam die Polizei und nahm sie wegen Tierquälerei fest.

Je grausamer der Homo sapiens sich verhält, desto größer ist sein Hass auf den, der darauf aufmerksam macht. Je grausamer die Fleischproduktion, desto unerbittlicher werden jene verfolgt, die einer Katze ein Haar krümmen. Wahrscheinlich ist das nur menschlich.

Tinkebell ist übrigens Vegetarierin. Hier pflegt sie einen, wie es aussieht, debilen Hund:

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Ein bisschen mehr noch in der Süddeutschen.

Nachtrag, 25. Juni: Finkeldey greift das Thema auf und erklärt dabei, warum er die Grünen nicht mag.

(Fotos: Tinkebell)

Luxus-Appartements für Anal-Deutschland

Eine kleine Beobachtung vom Wochenende:

Während die Psychoanalyse vom individuellen Analcharakter spricht, überträgt der österreichische Philosoph Robert Pfaller diesen Ansatz auf ganze Nationen. Naturgemäß sieht es dann für Deutschland (und erst recht für Österreich) nicht gut aus.

“Anders als der individuelle Analcharakter, der als Reaktionsbildung auf die kindliche Analerotik entsteht, ist die kulturelle Analität eine Reaktionsbildung gegen eine bestimmte historische Kultur der Lust. Aus dem gescheiterten Versuch ihrer Aneignung ergibt sich der kulturelle Analcharakter. Er ist eine generelle Abwehr nicht allein gegen anale, sondern gegen die gesamte kulturelle, für die nicht besiegte feindliche Klasse typische und darum als schmutzig empfundene (bzw. denunzierte) Form der Lust.” (Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Frankfurt 2008, S. 182)

Hier setzt Pfaller mit Norbert Elias politisch an. Der Adel war im 18. Jahrhundert der Träger eines lustbetonten, luxuriösen Lebens, das die unteren Klassen faszinierte, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland. Die französische Bourgeoisie nun hat den Adel in der französischen Revolution besiegt und konnte somit ohne begründungstheoretische Implikationen die höfischen Umgangsformen übernehmen. Man konnte ja jetzt an ihnen teilhaben, sie selbst genießen. In Deutschland ist jede bürgerliche Revolution gescheitert, weswegen sich das Bürgertum nach und nach Abwehrformen gegen diese lustbetonte Kultur zu eigen gemacht hat. Was man dauerhaft nicht erreichen kann, lehnt man aus Gründen des Selbstschutzes ab. Jetzt hat das Bürgertum in Deutschland zwar die Macht, aber Kultur der Lustfeindlichkeit ist ihr immer noch inhärent. Ähnliches ist laut Freud übrigens beim Sieg des lustfeindlichen Christentums über die Heiden passiert.

Deswegen, so Pfaller, haben die Franzosen respektvollere Umgangsformen, die besseren Liebesromane und mehr Esskultur. “In Deutschland hingegen blieb es bei einer jämmerlichen Küche, dafür rühmt man sich dort seiner sauberen Toiletten”.

Wie diese Haltung sich praktisch äußert, konnte man vergangenen Samstag in Berlin beobachten. Dort haben mehrere tausend Leute völlig zurecht für die Öffnung der Freifläche des stillgelegten Flughafens Tempelhof demonstriert. Man stand herum am Flughafenzaun im benachbarten Neukölln, einer teilweise heruntergekommenen Gegend, in der viele arme Menschen wohnen. “Keine Luxusappartements auf dem Tempelhofer Feld”, war eine der zentralen Forderungen. Nach Pfaller typisch deutsch und auf alle Pfälle grundfalsch. Warum nicht “Luxusappartements für alle!”? Dann ginge es nämlich ganz konkret um Teilhabe und nicht um die mitschwingende und an sich bescheuerte Haltung, dass ein armes Viertel arm bleiben muss.

Hedonisten wäre das nicht passiert. Franzosen vielleicht auch nicht.

Hildesheim: Die Reko-Fans melden sich zu Wort

Mein Artikel über die Marktplatz-Rekonstruktion in Hildesheim hat in einem Online-Architekturforum eine Diskussion ausgelöst. Da dort fast ausschließlich Leute schreiben, die ganz Deutschland ästhetisch (und wohl nicht nur das) ins vorletzte Jahrhundert zurückrekonstruieren wollen, fanden meine Ansichten lediglich sehr begrenzt Zustimmung. Allerdings ist keiner dieser Helden willens oder in der Lage, seine Kritik hier im Blog kundzutun.

Dennoch ein paar Zeilen dazu: Auffällig an dieser Kritik ist, dass die “Reko”-Fans (Reko steht für Rekonstruktion, eine geläufige Abkürzung im besagten Forum) sich für nichts interessieren als Ästhetik. Die Regeln sind einfach: Alles, was alt ist, ist gut, alles, was neu ist, ist schlecht. Schön oder nicht schön, Daumen rauf oder runter. Wodurch Geschmack bestimmt wird, wie Architektur gesellschaftlich zustande kommt, interessiert nicht. Diese Kritiker sind Gefangene ihrer Begrenztheit.

Sie merken auch nicht, dass sie gnadenlos alles zerstören wollen, was nach 1945 in Stadtzentren gebaut wurde. Sie sind, im schlechten Sinn, das, was sie auf keinen Fall sein wollen: Modernisten. Sie wollen eben keine behutsame Stadtreparatur, keinen Umgang mit Geschichte, kein Integrieren. Sie wollen rigoros das Alte zurück und sich dann gemütlich einrichten in der Puppenstube. Sie spüren wohl, dass dieses Alte unwiderruflich verloren ist, aber das ignorieren sie. Sie ignorieren auch, dass die Funktionen von Architektur vor 200 oder 500 Jahren andere waren. Sie sind gezwungen, ihre Wünsche auf Fassaden, auf reine Oberflächlichkeit zu reduzieren.

Fast schon beängstigend ist, dass Gegenwart nicht vorkommt. Was können heute Architekten leisten? Was gibt es Neues? Was passiert im Hier und Jetzt? Egal. Einfach zurück in die gute alte Zeit, da war es doch irgendwie besser. Es ist paradox: Viele der Gebäude, die heute von Reko-Fans favorisiert werden, entsprachen zum Zeitpunkt ihres Entstehens dem Stand der Technik, sie waren sozusagen Avantgarde, also das, was ihre heutigen Anhänger verteufeln.

Und hier sind die Reko-Fans nicht konsequent: Was stand denn vor dem Wedekinghaus an dieser Stelle?  Hat das Wedekindhaus nicht auch schon alte Architektur verdrängt? Wieso nicht noch weiter zurück? Wieso nicht Erdlöcher und Neandertalhöhlen rekonstruieren?

Noch ein paar Anmerkungen zur fachlichen Kritik an meinen Ausführungen:

Die Fenster der Sparkassenfassade sind in der Tat nicht wirklich “blind”, aber sie sind dennoch vorgetäuscht: Man kann sie nicht öffnen, man kann nicht ans Fenster treten, man kann nicht hinausschauen. Alles, was ein Fenster ermöglichen sollte (in einem Fachwerkhaus erst recht), ist hier unterbunden. Die Fenster sind also gefaked.

Das gegenüberliegende Hotel ist eventuell zu einem geringen Teil rekonstruiert, wenn überhaupt. Dazu genügt ein Blick auf die Rückseite: In Teilen eine profane Fassade aus den 1980er Jahren. Wahrscheinlich deshalb, weil man 1989 schlicht nicht mehr genau wusste, wie das Haus von hinten aussah. Dort haben die Architekten billige Türen aus dem Baumarkt verbaut. Tolle Rekonstruktion:

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Außerdem glaube ich nicht, dass der vordere Innenbereich des Hauses original rekonstruiert wurde. Das hätte sicher den aktuellen Nutzungsabsichten widersprochen. Es wurde nur so getan, also ob. Wie es in weiten Teilen des Hotels aussieht, zeigt ein Foto von der Hotel-Website: Van der Valk Hotel Hildesheim)

Das kann man opulent nennen oder einfach kitschig. Wes Geistes Kind diese Geschichtsklitterung ist, lässt die Eigenbeschreibung des Hotels ahnen:

“Sehr geehrter Gast, herzlich Willkommen im Van der Valk Hotel Hildesheim am historischen Marktplatz. Hinter der denkmalgeschützten Fachwerk- und Rokokofassade bietet das 4-Sterne Hotel…”

Die wollen eindeutig direkt auf der Homepage den Eindruck erwecken, ihr Hotel sei ein authentisches uraltes Gebäude. Peinlich. (Das Hotelmanagement weist auf der Website an anderer Stelle und sehr versteckt darauf hin, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt.)

Die in Teilen schlampige, lieblose Fassadenrekonstruktion des Wedekindhauses (das belegen meine Fotos im ersten Artikel) zeigt die Grenzen von Rekonstruktion. Da hat sich kein “Holzbalken nach außen gebogen”. Da hat man 1989 einfach festgestellt, dass man heute nicht mehr wie vor 400 Jahren bauen kann. Deshalb tut man auch hier so als ob. Innen moderner Stahl, außen “romantisches” Holz. Streng genommen ist also beim Wedekindhaus nicht einmal die Fassade rekonstruiert. Im Detail wirkt alles billig:

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Ich gebe aber gerne zu, dass das neue Knochenhaueramtshaus etwas hat – die einzige Rekonstruktion am Marktplatz, die diese Bezeichnung verdient und die gelungen ist – trotz kleiner baulicher Mängel. Solche einzelnen Rekonstruktionen würde ich nicht generell ablehnen. Die Rekonstruktion ganzer Plätze ist eine – letztlich nicht mögliche – Flucht in die Vergangenheit, die überdies die mutwillige Zerstörung vorhanderner Bausubstanz erfordert.

Wir leben nunmal im Jahr 2009, nicht im Mittelalter.

(Fotos: genova)

Zur Praxis der neoliberalen Ideologie (1)

Schwimmbäder nicht mehr bezahlbar

Schon wieder ein Thema, das keinen interessiert.

Wie weit die neoliberale Ideologie sich im praktischen Denken verankert hat, sieht man am besten an Kleinigkeiten. So veröffentlicht die lesenswerte und eigentlich kritische Zeitschrift für Architekturtheorie, Wolkenkuckucksheim, in ihrer jüngsten Ausgabe einen Artikel von Silke Langenberg zur Debatte um die Qualität der in den 1960er und 1970er Jahren entstandenen großmaßstäblichen Architektur auf Grundlage serieller Industrieverfahren. Ganz nebenbei fällt dieser Satz:

“Die Gesellschaft kann sich die große Masse der in den Boomjahren errichteten Infrastrukturbauten nicht mehr leisten.”

Wenn Frau Langenberg geschrieben hätte, dass der Staat sich das nicht mehr leisten könne, könnte man auf dessen Unterfinanzierung hinweisen. Warum “die Gesellschaft” nicht mehr in der Lage sein soll, heute das zu leisten, was 1965 möglich war, ist unklar. Das volkswirtschaftliche Sozialprodukt hat sich seitdem vervielfacht, das Land ist reicher. Nur die öffentlichen Haushalten sind ärmer. Nicht aber “die Gesellschaft”. Sie kann sich sämtliche Infrastrukturbauten der 60er und 70 Jahre leisten und noch viel mehr.

Frau Langenberg (geb. 1974) argumentiert im weiteren ganz vernünftig und spricht sich für eine weitgehende Erhaltung dieser Bauten aus. Dass auch eigenständig denkende Menschen die neoliberalen Glaubenssätze verinnerlicht haben, zeigt die Effektivität der Infiltration.

Nicht mehr finanzierbar? Das Kombibad in Berlin-Gropiusstadt:

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(Foto: Berliner Bäder-Betriebe)

CDU baut Radwege, Grüne wollen lieber Schnellstraßen

Ein kleiner Beitrag zur Unübersichtlichkeit des deutschen Parteiensystems.

Die folgenden Bilder zeigen die Wilhelmstraße in Berlin, die durch die Bezirke Mitte und Kreuzberg- führt. Zuerst ein Blick auf den Kreuzberger Abschnitt:

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Eine vierspurige Autostraße, kein Radweg, kein Radstreifen, für Radfahrer eher unangenehm

Doch kaum beginnt der Bezirk Mitte, ändert sich das Bild. Die Autofahrer werden auf je eine Spur zurückgestutzt, die Radler bekommen geteerte Radstreifen.

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Mitte ist hier also fahrradfreundlich (seit mindestens 2005), Kreuzberg ist fahrradfeindlich. Das ist merkwürdig, wenn man sich die politischen Verhältnisse betrachtet: Der Bürgermeister des Bezirks Mitte war von 1996 bis 2006 Joachim Zeller. Zeller ist Mitglied der CDU. Der Bürgermeister des Bezirks Kreuzberg war von 1996 bis 2000 und seit 2006 wieder (dann im erweiterten Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain) bis heute Franz Schulz von den Grünen. (Zwischen 2000 und 2006 durfte die PDS ran.)

Während also der CDU-regierte Bezirk seinen Teil der Wilhelmstraße für Fahrradfahrer seit Jahren vorbildlich und kostengünstig ausgestattet hat, legen die Kreuzberger Grünen offenbar mehr Wert auf eine Art Schnellstraße, auf die sich Radfahrer besser gar nicht erst trauen. Anscheinend ist in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren niemand dieser Damen und Herren auf die Idee gekommen, mit dem Pinsel ein paar neue Linien auf den Asphalt zu malen. Viel mehr wäre es ja nicht, die üblichen Ausreden (“kein Geld da”) sind hier unbrauchbar.

“Die Absprache funktioniert auch deshalb nicht, weil manchmal der Baustadtrat zuständig ist, manchmal die Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung, manchmal andere Planer”, sagte ein BUND-Vertreter laut taz schon vor vier Jahren. Tja, da wussten die armen Kreuzberger Grünen wohl einfach nicht, mit wem sie reden sollen.

Hoffentlich hat sich wenigstens der ADAC bei den Grünen bedankt. Falls er bei der Unübersichtlichkeit des Parteiensystems durchblickt.

(Fotos: genova 2009)

Klickabel (2) – rebel:art

Nur ein kleiner Hinweis auf die beste Seite im Internet: rebel:art.

Kunst, Politik, Architektur, nie abgestanden.

Kleines Beispiel: “WÜ-ZP 200″ von Florian Jenett.

spoiler1

Siehe auch einen Beitrag im März.