Monatsarchiv: Mai 2009

Neuer Virus in Deutschland aufgetaucht

Manche Autobahnen in Deutschland führen über Grenzen. So gibt es die A3 von Oberhausen nach Arnheim, die A5 von Karlsruhe nach Basel oder die A8 von München nach Salzburg. Routen, die einem vom Verkehrsfunk bekannt sind.

Eine Strecke allerdings ist tabu: Die A11 von Berlin nach Stettin. Wenn es sich dort staut, redet der Verkehrsfunk von der “A11 Berlin Richtung Pomellen”. Pomellen ist der letzte Ort vor der Grenze und hat schätzungsweise 150 Einwohner. Jemand, der nicht wirklich ortskundig ist, wird kaum wissen, auf welcher Autobahn es sich da staut.

Warum vermeidet man die Angabe Stettin? Weil das bis 1945 deutsch war? Um polnische Befindlichkeiten nicht zu verletzen? Revanchismusvorwurf? Verwirrend. Ist das die berühmte “politische Korrektheit”, von der so viel die Rede ist und von der ich bislang annahm, sie sei ein Konstrukt rechter Kreise, die es bedauern, dass sie nicht mehr von “Negern” reden dürfen?

Bei den Autobahnen nach Basel, Arnheim und Salzburg kommt niemand auf die Idee möglicher deutscher Machtgelüste. Gut möglich, dass die Autobahn von Berlin nach Pomellen den einzigen Fall politischer Korrektheit in Deutschland darstellt. Und ich habe ihn entdeckt :-)

Postmoderne Mythenbildung in Hildesheim

Was Architektur mit gesellschaftlichen Trends zu tun hat, sieht man in Hildesheim. Der Marktplatz dort wurde am 22. März 1945 durch Bombenangriffe weitgehend zerstört und in den 50er Jahren in modernem Stil neu aufgebaut. Die einigermaßen erhaltenen Gebäude wurden renoviert und in die neue Platzstruktur integriert. Die Einwohner der Stadt durften übrigens 1952 mittels einer Bürgerbefragung mitentscheiden. Ergebnis: 57 Prozent sprachen sich für den modernen Aufbau aus, 43 Prozent wollten eine Rekonstruktion. Die Beteiligung lag mit 71 Prozent bemerkenswert hoch.

In den 1980er Jahren drehte sich der Wind. Es formierte sich eine Bürgerinitiative namens “Bürger helfen ihrer Stadt”, was impliziert, dass die Stadt Hilfe braucht, nämlich städtebauliche. Man wollte die volkstümlich-historische Mitte zurück, die “Identität” stiften soll, das Alte sollte wieder einen herausragenden Platz bekommen. Diese Bürgerinitiative steuerten Unternehmer und Geschäftsleute, weshalb es nur folgerichtig ist, dass sie 1986 in eine GmbH umgewandelt wurde.

Eine Bürgerbefragung gab es diesmal nicht. Zwischen 1983 und 1989 wurden die modernen Bauten am Marktplatz alle abgerissen und acht alte Häuser rekonstruiert. Genauer gesagt, wurden nur die Fassaden rekonstruiert. Das sieht auf den ersten Blick ganz niedlich aus:

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Diese drei Häuser sind in Wirklichkeit eins: Ein Hotel, innen modern ausgestattet. Die Fassade wurde drangeklatscht.

Gegenüber wurde, unter anderem, das wieder aufgebaut:

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Besser gesagt wurde diese Sparkasse (!) ganz zeitgemäß mit einer Stahlbetonfundamentplatte gebaut, aber eine historisierende Fassade vorgehängt. Schaut man genauer hin, sieht man, dass die Fenster blind sind. Sie führen einfach an die dahinterliegende tragende Fassade. Drinnen sieht die Bank aus wie jede andere auch:

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Kein Fachwerk, sondern Stahlbeton, keine kleinen Kammern, sondern eine große Halle, keine Butzenscheiben, sondern ein Glasdach. Sogar moderne Malerei hängt an den Wänden. Nur darf man das in Hildesheim von außen nicht sehen, es wäre offenbar gegen den Bürgersinn und gegen die Identität.

Viele Tagestouristen freuen sich hier sicher: Alles schön alt, friedlich, eine kleine Zeitreise aus der bösen Moderne in die gute alte Zeit. Wer etwas näher rangeht, sieht die Details:

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Das angeblich tragende Fachwerk schwebt über dem Sockel. Die Spalten laden dazu ein, die angeblich massive Fassade als Mülleimer zu benutzen.

Im benachbarten Knochenhaueramtshaus das gleiche Bild: Das Mauerwerk kann aus der Holzkonstruktion einfach herausgezogen werden.

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Auf weniger als zehn Meter darf man sich dieser “Architektur” also nicht nähern, sonst ist´s nix mehr mit der Illusion. Alles Atrappe.

Fast schon peinlich berührt ist man bei sowas:

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Vor das Nachkriegsgebäude wurde ein steinerner Bogengang gesetzt. Die Säulen steht nun als Hindernis im Weg, wo doch ohne sie das Gebäude zusammenbrechen würde, inklusive der historisierenden Fassade übrigens. Da dürften selbst Hildesheimer mit Hardcore-Sehnsüchten nach der heilen Welt ins Grübeln kommen.

Stadt als Disney-Kulisse

Das Gebahren in Hildesheim war nur möglich vor dem Hintergrund des in den 70erJahren neu entstandenen Interesses an Stadt. Denkmalschützer und Alternative sprachen sich damals dafür aus, keine alten Gebäude mehr abzureißen (um dort beispielsweise eine Stadtautobahn zu bauen). Stattdessen sollten alte Häuser renoviert und technisch modernisiert werden. Der Mensch als Mittelpunkt der Stadt. Nicht zuletzt dieses Denken führte in der Folge zu der sogenannten Renaissance der Städte. Stadt als Aufenthaltsort begann wieder interessant zu werden.

Die Hildesheim-Connection hat damit nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Idee eines behutsamen Umgangs mit Stadt ist dort pervertiert worden. Die Architekturgeschichte des Marktplatzes seit 1945 hat sie komplett zerstört, kein Stein blieb stehen. Es ist der Prototyp einer “Stadterneuerung”, die sich vorgeblich um die Stadt als Lebensraum sorgt und doch nur eine leicht konsumierbare Kulisse braucht für den Kommerz. Eine Stadterneuerung, die Altes nur dann haben will, wenn es ihr in den kleinbürgerlichen Kram passt und alles Moderne ästhetisch tilgt. Es ist ein neuer Typ “Bürgerinitiative”, der kein soziales Anliegen mehr hat, sondern mit einem diffusen Geschichtsbild operiert. Vielleicht hätte man konsequenterweise noch ein ECE-Shoppingcenter hinter mittelalterlichen Fassaden verstecken sollen.

Welches Gesellschaftsbild steht hinter einer Reduzierung von Stadt auf Walt Disney? Das damalige Mitglied des niedersächsischen Landtags, der CDU-Abgeordnete Anton Teyssen sagte es ganz unverblümt: Die “Leute” würden vor den neuen alten Fassaden in Hildesheim demnächst “staunend Atem holen” und “in ihrer Sentimentalität und in ihrer Naivität werden sie sogar sagen: Das ist schön“. Um mehr geht es auch nicht. Städte mit einer jahrtausend alten Geschichte werden reduziert auf eine kalkulierbare Touristenattraktion. Je naiver die Bürger, desto besser.

Die Argumentation der postmodernen Stadtverschönerer in den 80ern war ein rechtes Gebräu: Die “hochnäsige Bauverwaltung” hat die unbescholtenen Bürger in den 50er Jahren “ausgeschaltet”. Die arme schweigende Mehrheit also, die mit dem gesunden Volksempfinden und Heimatbewusstsein. Dann, in den 80ern, halfen die Bürger ihrer Stadt, und zwar gegen die böse Obrigkeit, der es halt an gesundem Volksempfinden mangelt.

Bezeichnend in diesem Zusammenhang: 1950 präsentierten die Gegner des modernen Aufbaus eine Karikatur, auf der der Marktplatz bevölkert ist von Arabern und Kamelen. Das waren die Methoden der Nazis gegenüber der Stuttgarter Weißenhofsiedlung.

Der Denkmalpfleger Michael Falser schreibt zu dem Fall Hildesheim:

“40 Jahre nach Kriegsende war die Totalrekonstruktion weder ein moralisches Anliegen einer Hildesheimer Mehrheit – diesmal gab es auch keine Abstimmung, eine angebliche Mehrheit für die Rekonstruktion wurde nie nachgewiesen – noch Teil einer sozial-kritischen und denkmalpflegerischen ‘Volksbewegung’, sondern eine von Politik und postmodernem Architekturkommerz inszenierte Vermarktung des ‘Labels Bürgerinitiative’ und des ‘Heimatspenders Fachwerk'”.

Dass es in Hildesheim auch anders geht, sieht man hier. Der Krieg ließ viele Straßen mit ganzen Fachwerkhausreihen stehen.

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Natürlich könnte man jetzt eine Menge Fragen stellen: über das Unbehagen an der Moderne, über städtebauliche Entwicklungen der Nachkriegszeit, über Begriffe wie Gemütlichkeit oder Heimat blabla. Lass ich jetzt aber. Der Text ist eh schon zu lang.

Außerdem hat der Architekt Gert Kähler das Thema bereits 1984 auf den Punkt gebracht:

“Nicht der Wunsch der Bewohner nach der heilen Welt ist reaktionär, nicht ihr Bedürfnis nach Identifikation mit der bebauten Umwelt, sondern das Bild, das ihnen von Architekten dafür gebaut wird, die Verlogenheit, mit der ihre Mythen ausgebeutet werden.”

Ungemein interessant dazu ist ein Buch von Michael Falser: Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland. Dresden 2008. Der Fall Hildesheim wird auf den Seiten 137 bis 152 behandelt. Alle Zitate und viele Detailangaben sind daraus entnommen.

Nachtrag, 21. Juni: Hier berichte ich über die Reaktionen zum Thema.

Eric Hobsbawm im “Stern” über Neoliberalismus

Der Historiker Eric Hobsbawm, mittlerweile 92 Jahre alt, schafft es, die richtige Frage zur Analyse des Ist-Zustandes zu stellen. In einem sehr lesenswerten Interview im Stern zur gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise (Der Interviewer ist übrigens Arno Luik) sagt er:

“Mir, der ich die Große Depression miterlebt habe, fällt es immer noch unfassbar schwer zu verstehen, wieso die Ideologen der entfesselten Marktwirtschaft, deren Vorgänger schon einmal so eine fürchterliche Katastrophe, also Armut, Elend, Arbeitslosigkeit, letztendlich auch den Weltkrieg mitverursacht haben, in den späten Siebzigern, den 80er, 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder das Sagen haben konnten.”

Seine Antwort:

“Der Mensch hat ein unglaublich kurzes Gedächtnis. Wir Historiker schreiben die Verbrechen und den Wahnsinn der Menschheit auf, wir erinnern an das, was viele Menschen vergessen wollen. Aber fast nichts wird aus der Geschichte gelernt. Das rächt sich nun. In den letzten 30, 40 Jahren wurde eine rationale Analyse des Kapitalismus systematisch verweigert.”

Die Neoliberalen verursachen Armut, Elend, Arbeitslosigkeit und Krieg. Damals wie heute. Klare Worte. Die Verantwortlichen heute sind bekannt. Vielleicht sollte man einmal so eine Arte Feindesliste erstellen. Nur, damit man weiß, wer diese Leute sind und damit nichts vergessen wird. Auch wenn es eigentlich um Strukturen geht.

Der  Guardian hat eine schöne Geschichte über das Arbeitszimmer von Hobsbawm geschrieben. So sieht ein Umfeld aus, in dem einem gute Gedanken einfallen.

Die Jugend von heute

Stadtplaner der TU Berlin waren kürzlich mit Berliner Schülern aus fünften und neunten Klassen unterwegs. Ziel des Spaziergangs: In der Stadtentwicklung “auch Rücksicht auf die Meinung von Kindern und Jugendlichen zu nehmen”, wie der Tagesspiegel schreibt. Was kritisieren die jungen Menschen? “Herumliegenden Müll und verfallende Bauruinen.”

Das Fazit der Stadtplaner: “Der Sinn für Ordnung und Sauberkeit ist bei Kindern besonders ausgeprägt – ähnlich wie bei Senioren”. Peng.

Ein “Max” (entweder Fünft- oder Neuntklässler) sagt angesichts der parkenden Autos auf einem Platz wörtlich: “Da ist Potenzial verschenkt”. Nochmal Peng.

Eine Hausruine wird von denen also nicht mehr als spontaner Abenteuerspielplatz verstanden, sondern als Unrat. Und wer bringt Pubertierenden Begriffe wie “Potenzial” bei? Die Lehrer? Die Eltern? Guido Westerwelle? Sind das die neuen Klugscheißerkinder aus dem Prenzlauer Berg?

Seit wann haben Jugendliche im Alter von zehn oder vierzehn Jahren den Ordnungsbegriff ihrer Großeltern? Und wo soll das hinführen?

Offenbar gibt es wirklich Gründe, sich über die Jugend von heute zu beschweren.

Fraktur-Sozialismus

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Wie sehr der DDR-Sozialismus gescheitert ist, sieht man am besten an Details. Beispielsweise an diesem Hinweisschild für Radfahrer in einem Dorf in Brandenburg (Name ist mir entfallen). Die Schilder sind eigentlich bundesweit einheitlich gestaltet, und zwar mit lateinischer Schrift. Die Ex-DDR bemüht die schön gemütliche Fraktur-Schrift, die irgendwie an die gute, alte Zeit erinnern soll, die man in einer Entfernung von 1,5 bis acht Kilometern erreichen kann.

Ein heftiger Vorwurf an einen Staat, der sich für sozialistisch hielt: Die DDR hat, als Sozialismus getarnt, das Kleinbürgertum gefördert. Verbindungen zu Traditionen wurden gekappt, weshalb heutige Anschlussversuche an diese Traditionen so hilflos wirken. Alles Intellektuelle wurde verjagt. Materielle Bedürfnisse konnte der Staat in Teilen nicht befriedigen, was an sich keine Katastrophe wäre. Doch es gab keinen Ersatz. Geist als Wüste. Das Programm des MDR-Fernsehens zeigt das deutlich. Oder eben ein Radhinweisschild.

Was wohl Friedrich Engels dazu sagen würde?

Deutsche, kauft nicht bei Israelis!

Vor ein paar Tagen fragte mich ein Mitarbeiter der Seite www.mein-parteibuch.com per Mail, ob ich etwas dagegen hätte, wenn mein Blog dort als Newsfeed gespiegelt wird. Ich kannte die Seite nicht, schaute mich ein wenig um, entdeckte im Newsfeed so angenehme Blogs wie die Nachdenkseiten und Kritik-und-Kunst und sagte zu. Allerdings wird auf mein-parteibuch.com auch zum Israel-Boykott aufgerufen. Daraufhin kam es zu einem kurzen Mailverkehr mit dem Mitarbeiter, in dem er sich ein paar Mal bemerkenswert äußerte.

Zum Beispiel so:

“Es gibt keinen Staat auf der Erde, in dem es ein derart menschenverachtendes Regime wie in Israel gibt. Es gibt außer Israel kein Land, das sein Staatsgebiet durch Siedlungen und gewaltsame Vertreibungen von rassisch als minderwertig empfundenen Menschen täglich vergrößert. Es gibt außer Israel kein Land, in dem die Regierung jedes Jahr Tausende Menschen einer als minderwertig empfundenen Rasse mit schweren Waffen ermordet.”

Ich habe auf mein-parteibuch.com kein anderes Land gefunden, über das so negativ berichtet wird. Israel scheint in der Tat das schlimmste Land der Welt zu sein.

Nur, um das klarzustellen: Es gibt eine Menge Gründe für Kritik an der israelischen Politik. Doch wenn man sich alleine im Nahen Osten umschaut, fallen einem die Menschenrechtsverletzungen im Iran, in Saudi-Arabien oder in Syrien ins Auge, um nur drei Beispiele zu nennen. Oder wie wäre es mit dem Sudan?

Davon abgesehen: Die Situation im Nahen Osten ist so kompliziert, dass es sich verbietet, einseitig Partei zu ergreifen. Die Palästinenser leiden unter der israelischen Politik, Israel würde von der Landkarte verschwinden, wenn es nach dem Willen der Nachbarn ginge. Letztlich ist die Judenvernichtung durch die Deutschen zwischen 1933 und 1945 Ursache der verfahrenen Situation.

Auch nicht von schlechten Eltern ist dieser Auszug unseres Mailverkehrs:

“Obendrein hat das rassistische Apartheidregime von Israel auch
entsetzliche Auswirkungen für den Rest der Welt. Nachdem der Wunsch von Netanjahu aufgegangen ist, dass es einen gewaltsamen Regimechange im Irak geben soll und dieser nun einer Million Menschen das Leben gekostet hat, versucht die israelische Regierung jetzt, einen noch fürchterlichen Krieg gegen den Iran anzuzetteln. Und wozu das alles? Um von der fortgesetzten rassistischen Besiedelungspolitik in der Westbank abzulenken.”

Israel trägt also die Schuld für den Irakkrieg, und bläst nun zum Inferno gegen den Iran, und zwar als Ablenkungsmanöver. Der Jude ist offenbar an allem Schuld. Pardon, der Israeli.

Wie kommen angebliche Linke, noch dazu Deutsche, auf die Idee, Israel, die einzige halbwegs funktionierende Demokratie der Region, als das menschenverachtendste Land der Welt hinzustellen? Und wie sieht der Israel-Boykott konkret aus? Nicht hinfahren? Keine israelischen Waren kaufen? Auch nicht in jüdischen Geschäften in Deutschland? Deutsche, kauft nicht bei Juden?

Der Fairness halber erwähne ich noch, was dem ominösen Mitarbeiter als Fernziel vorschwebt:

“Aus Israel und den besetzten bzw belagerten Gebieten ein säkulär
verfasstes Land zu machen, in dem gleiche Rechte für alle gelten, in dem Recht und Gerechtigkeit nicht mehr davon abhängt, ob jemand den Schriftzug “Jude” oder “Araber” im Ausweis hat.”

Wie das funktionieren soll, wenn man vorher Israel zum Reich des Bösen erklärt und zu allen anderen Menschenrechtsverletzungen schweigt, ist mir schleierhaft.

Ich weiß nicht, wer real hinter dieser Seite steckt. Ich habe auch weder Lust noch Zeit, das zu recherchieren. Wenn sich aber solche Leute als links bezeichnen, muss man sich nicht wundern, wenn Linken Antisemitismus unterstellt wird.

Unter Mutterkomplexlern

Jan_FleischhauerDas Buch des Spiegel-Redakteurs Jan Fleischhauer (Bild) “Unter Linken” ist nach dem, was man im Vorabdruck des Spiegel lesen konnte, dämlich, deshalb schreibe ich nichts dazu. Nur soviel: Es wird die alte Mär aufgetischt, dass “Linke” die Deutungshoheit hätten und alle anderen sich immerfort rechtfertigen müssten. Eine in neurechten  Kreisen beliebte Theorie. Dann schreibt Fleischhauer, dass es “in der Meinungswirtschaft praktisch nur Linke” gebe. Warum fallen mir jetzt die Namen Broder, Steingart und Matussek ein, allesamt beim Spiegel unter Vertrag? Immerhin ist das Buch an manchen Stellen lustig. Egal.

Interessant ist aber die bei Amazon zu dem Buch gehörende Rubrik “Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…”. Da werden folgende Geistesblitze aufgeführt:

  • Gabor Steingart: Die Machtfrage. Ansichten eines Nichtwählers
  • Wolfram Weimer: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Warum die Krise uns konservativ macht.
  • Josef Joffe: Wie man politisch unkorrekt ist.
  • Henryk Broder: Kritik der reinen Toleranz.
  • Dietmar Bittrich: Achtung Gutmenschen! Warum sie uns nerven.
  • Hugo Müller-Vogg: Volksrepublik Deutschland. Drehbuch für die rot-rot-grüne Wende.

Politische Schundliteratur von anerkannten Rechtspopulisten also. Wobei Joffe wenigstens hin und wieder etwas Interessantes in der Zeit veröffentlicht.

Leute, die ein dummes Buch lesen, bleiben auf dem Level offenbar hängen und kaufen sich gleich ein paar andere dumme Bücher.  Mir fällt die Theorie der Wissenskluft ein. Demnach wird der Unterschied zwischen gebildeten und ungebildeten Menschen im Laufe des Lebens immer größer, weil die Ungebildeten nie von der Bildzeitung (und den oben zitierten Büchern) wegkommen, weil ihnen der intellektuelle Zugang fehlt. Wobei man dann immerhin ein paar linkspopulistische Bücher lesen könnte.

Die bei Amazon zitierten Pressestimmen sind auch lustig. Der mittlerweile greise Barrikadenstürmer Arnulf Baring jubelt in der Welt:”Endlich! Wie lange hat man auf dieses Buch gewartet, das überfällig war.” Was geht in jemandem vor, der auf dieses Pamphlet allen Ernstes lange gewartet hat?

Noch besser ist eine Julia Encke, die in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Herrn Fleischhauer bescheinigt: “Sein Mut ist unerhört”. Wahrscheinlich ist sie auch der Meinung, dass man als Nicht-Linker total mutig sein müsse.

Harald Jähner beschreibt dieses Phänomen in der Berliner Zeitung als Mutterkomplex. Bei den Fleischhauers (Mutter: SPD-Mitglied!) gab es weder Nesquik, weil von Nestlé, noch Cola, weil imperialistisch: “Noch heute verdrückt Jan Fleischhauer, inzwischen 47 Jahre alt, ab und zu einen Burger von McDonald´s mit dem prickelnden Gefühl eines heimlichen Widerstandsaktes”.

Es wäre ja am besten, Jähner hätte recht mit seiner Vermutung. Dann wären die Linken wenigstens selbst schuld daran, dass ihre Kinder einen Schaden haben.

Neue Hauptstadt der Bewegung

Die rechtsradikale (oder rechtsextreme oder rechtspopulistische) Kölner Partei “Pro Köln” hat vergangenes Wochenende in – na, wo wohl? – einen “Anti-Islamisierungskongress” veranstaltet. Erwartet haben die Veranstalter 2.000 Teilnehmer, gekommen sind 200. Dazu kommt, dass der “Kongress” keiner war. Alles, was diese Hampelmänner an drei Tagen zustandebrachten, waren fünf Mini-Kundgebungen, sonst nichts. Ein besseres Familientreffen also. Dennoch war die Veranstaltung Thema in allen deutschen Medien, sogar in der Tagesschau.

So muss man “Pro Köln” attestieren, dass sie aufmerksamkeitsökonomisch einen großen Erfolg errungen haben. Es haben zwar alle relevanten Medien negativ über das Grüppchen berichtet, aber das dürfte mögliche Interessenten nicht nachhaltig schrecken. Deshalb ist mir nicht ganz klar, wieso jetzt alle behaupten, “Pro Köln” habe eine veheerende Niederlage erlitten. Sicher, 200 Teilnehmer sind nichts, aber was heutzutage zählt, ist, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bekommen. 200 Menschen auf einen Platz zu stellen und dann in die Tagesschau zu kommen: Weniger ist offenbar mehr.

Dass “Pro Köln” jetzt bekannter ist, liegt also nicht an ihnen selbst, sondern an ihren Gegnern, denn die haben massiv mobilisiert, ohne strategisch zu denken. Natürlich: Sämtliche Redebeiträge der Rechten waren fremdenfeindlich, in Teilen volksverhetzend, Aufstachelung zum Rassenhass und mehr. Es gibt also gute Gründe, gegen diese Leute zu demonstrieren und aufzuklären, und das ist am Samstag in Köln bei einer Veranstaltung in der Stadtmitte mit mehreren tausend Teilnehmern ja auch geschehen. Direkte Konfrontation aber ist meiner Meinung kontraproduktiv. Niemand wird überzeugt, geschürt wird der Hass. Und damit kennen sich die Pro-Kölner aus: sie hassen Muslime, Linke, vor allem wohl sich selbst.

Und das ist der zweite Punkt: “Pro Köln” spricht Leute an, die Feindbilder brauchen, damit es ihnen selbst besser geht. (Damit ähneln sie dem Hassblog “Politically Incorrect”, der bezeichnenderweise “Pro Köln” massiv unterstützt.) Wer das Feindbild ist, ist wurscht. Derzeit sind es eben Muslime. Ohne Feindbilder zerfallen solche Gruppierungen schnell. Wenn sich nun in Köln am Veranstaltungsort mehrere tausend Pro-Köln-Gegner versammeln und laut gegen die Kundgebung opponieren, tun sie Pro Köln einen Gefallen. Wären die Gegendemonstranten nicht in Sichtweite, wäre zumindest ein Feindbild momentan schlechter verfügbar.

Das wird deutlich, wenn man sich die Redebeiträge der Rechtsradikalen-Kundgebung anschaut (z.B. via youtube.com). Kaum einer kommt aus, ohne das Feindbild “Gegendemonstranten” zu bedienen. Von “Kommunisten und Anarchisten” ist die Rede, von “Terror von links”, von “Meute”, von “Terroristen der Zukunft” und “dreckigen Demonstranten”, die sich waschen sollen. Eine Italienerin dankt der “Antifa” sogar für deren Anwesenheit – so wisse man wenigstens, wogegen man sei. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl: Weniger direkte Konfrontation wäre eher eine Schwächung von “Pro Köln” als das Gegenteil.

Viel effektiver, neben Aufklärung: Der Barmer Platz, wo die Hauptkundgebung von “Pro Köln” stattfand, ist riesig. Bilder von oben, auf denen man gesehen hätte, wie sich das Häuflein Rassisten (und sonst niemand) auf der großen Asphaltfläche verliert, wären effektiver gewesen als jede direkte Gegendemo.

“Köln ist heute die Hauptstadt der europäischen Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung Europas”, sagte ein Sprecher auf der Kundgebung. Eine Hauptstadt mit 200 beschränkten Einwohnern, die nun in aller Munde sind.

Dumm wäre es allerdings, wenn da plötzlich doch 2.000 stünden. Oder noch viel mehr.

Verfassungsrichter: Kapitalismus ist verfassungsfeindlich

692434In der Krise reden manche Leute Klartext, von denen ich es nicht erwartete. Zum Beispiel der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Auf jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung analysiert er den Kapitalismus und kommt zu Schlüssen, die noch vor zwei Jahren den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen hätten:

“Woran krankt also der Kapitalismus? Er krankt nicht allein an seinen Auswüchsen, nicht an der Gier und dem Egoismus von Menschen, die in ihm agieren. Er krankt an seinem Ausgangspunkt, seiner zweckrationalen Leitidee und deren systembildender Kraft. Deshalb kann die Krankheit auch nicht durch Heilmittel am Rand beseitigt werden, sondern nur durch die Umkehrung des Ausgangspunktes.

Bemerkenswert. Böckenförde, immerhin ein herausragender Repräsentant des Staates, beschreibt den Kapitalismus nicht als ein an sich nettes System, das jetzt halt ein bisschen korrigiert werden muss, sondern als eines, das nicht heilbar ist. Böckenförde sagt es deutlich:

“Gewiss können dem System des Kapitalismus durch Staat und Recht von außen Grenzen gezogen und Regulierungen auferlegt werden, die Auswüchse und nicht hinnehmbare Folgen eindämmen, soweit die staatliche Ordnung dazu die Kraft hat, die ja ihrerseits auf eine Wachstum hervorbringende Wirtschaft angewiesen ist. Das geschieht auch in gewissem Umfang. Aber es bleibt, so weit es gelingt, eine Korrektur am Rande, die der Funktionslogik des Systems abgerungen werden muss. Diese zielt stets auf möglichste Deregulierung.”

Schön, dass ein Ex-Verfassungsrichter klar formuliert, dass ein kapitalistisches System verfassungsfeindlich ist. Der Kapitalismus ist einerseits zwar flexibel und lässt sich in Demokratien einbauen wie auch in Diktaturen. Aber eben nicht langfristig, weil seine “Funktionslogik” alle nicht-kapitalistischen Strukturen zerstört. Kapitalismus ist auf Dauer nie nur ein Wirtschafts-, sondern immer auch Gesellschaftssystem.

Ein Bundesverfassungsrichter als Teilzeit-Marxist. Was seine Kollegen wohl dazu sagen?

Im Weiteren spricht er noch von dem nun entlarvten “inhumanen Charakter” des Kapitalismus, bezieht sich mehrfach positiv auf Marx, beklagt die völlige Ökonomisierung der Gesellschaft und spricht von einem notwendigen “Gegenmodell”.

Wie sieht das aus? Böckenförder will das an dieser Stelle nicht entwerfen und ist in dem, was er dazu anmerkt, nicht sehr politisch: Solidarität soll kein notwendiges Abfallprodukt eines unsozialen Sytems sein, kein “Reparaturbegriff”, sondern eine Handlungsmaxime, “ein strukturierendes Prinzip im menschlichen Miteinander auch im ökonomischen Bereich”. Er verweist auf die christliche Soziallehre.

Dass Böckenförder auch an anderen Stellen katholisch argumentiert und Papst Johannes Paul II. als “den schärfsten Kritiker des Kapitalismus nach Karl Marx” bezeichnet, muss man nicht weiter beachten (theoretisch ist es vielleicht sogar wahr), es tut seiner Analyse keinen Abbruch.

Ein wenig versteckt im Text bezieht er sich auf Thomas von Aquin und sagt, dass Diebstahl in “existenzieller Not keine Sünde” sei.

Ob demnächst unauffällige Opel vor seiner Tür stehen?


Der erste Mai in Kreuzberg: Managerschulung

„,Bei den Autonomen lernt man all das, was man später als Manager braucht’, sagt ein Beobachter der Szene. Selbstdarstellung, Improvisationstalent, Entschlossenheit.”

Das schrieb der Tagesspiegel vor ein paar Tagen. Der Kreuzberger erste Mai als praxisnahe Managerschule.

Da ist was dran. Selbstdarstellung ist ein wesentliches Anliegen dieser Leute, die sich Autonome nennen. Sie sehen ja auch gut aus: Jung, schlank und athletisch, außerdem sind sie reaktionsschnell und flexibel. Der Gesichtsausdruck ist für einen Manager zu grimmig, aber immerhin entschlossen. Sie langen hin, leisten ganze Arbeit. Sie gestalten ihr Umfeld, und wenn es sein muss, bleibt kein Stein auf dem anderen. Nicht zu vergessen: Sie ordnen sich gerne einem Kleidungscode unter. Alles Eigenschaften, die ein Manager hocherfreut zur Kenntnis nimmt. Ob der Code nun “Schlips und Kragen” oder “schwarz mit Kapuze und Sonnenbrille” lautet, ist prinzipiell egal.

Das Weltbild der Autonomen ist ähnlich schlicht wie das ihrer Feinde: Der Fetisch ist auf der einen Seite das kaputtzumachende Schweinesystem, auf der anderen die Rendite. Über beide Vorgaben wird nicht diskutiert, man setzte sonst die eigene Existenzberechtigung aufs Spiel.

Freundlich von den Autonomen ist, dass sie nie dahin gehen, wo es weh täte: Zu den Banken, Managern und Politikern. Stattdessen zünden sie in sozialen Brennpunkten, wie man das nennt, Mülltonnen und die 15 Jahre alten Corsas und Daimler der dort lebenden Türken an und werfen ihnen anschließend Löcher in die Köpfe. Aber nur versehentlich, eigentlich wollen sie ja die Polizistenköpfe treffen, die Teil des Schweinesystems sind. Die Armen werden also nicht nur vom Kapital bedrängt, sondern auch von den Autonomen. Verbal wollen beide Gruppen den Armen helfen. Schöne Eintracht.

Nach den Krawallen sind alle zufrieden: Die Manager können ungestört weitermachen mit dem Rentieren, sie haben nichts zu befürchten. Die Autonomen freuen sich, dass es mal wieder anständige riots gab. Und die Löcher im Trottoir, wo früher Pflastersteine waren, lassen Wochen später noch Touristen raunen.

Nebenbei bemerkt: Aufschlussreich sind die Analyseversuche der Autonomen (wer auch immer sich dafür hält) des ersten Mai in Berlin:

“Die Ereignisse am Morgen und am Abend zeugen von der (sozialen) Wut in großen Teilen der Bevölkerung, die sich zunehmend radikalisiert und militant agiert.”

Immerhin weiß man jetzt, was Autonome unter “sozialer Wut” und “große Teile der Bevölkerung” verstehen. Ich meine mich zu erinnern, dass in den 1980er Jahren Autonome zu Selbstkritik fähig waren.

Dann doch besser Grillen im Park.

273401_m0w700h465q80v26625Cool sehen sie aus: Autonome bei der “Revolutionären 1. Mai Demonstration” 2009 in Berlin-Kreuzberg