Monatsarchiv: April 2009

Deutsche Wirtschaft: Wir sind Ethik

Auch nicht schlecht: Es gibt einen “Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V.”. Das alleine wäre eigentlich schon eine Meldung wert.

Aber es geht noch weiter: Dieser Ethikverband wirft laut Welt nun den linken Parteien vor, “soziale Unruhen herbeizureden”. Das sei nicht gut, man fürchtet “großen Schaden für die Wirtschaft”. Die Begründung ist immerhin ehrlich: Ethik ist offenbar nur dazu da, größere Profite einzufahren.

Namentlich greifen die Ethiker Gesine Schwan an, die demnächst Bundespräsidentin werden will. Sie spiele mit den “Ängsten der Menschen”, wenn sie vor sozialen Unruhen warne, sagt der Verbandschef Ulf Posé. Woher Posé die Ängste der Menschen kennt, würde mich interessieren. Zumindest weiß er, warum Frau Schwan sich so verhält: “Sie möchte bestimmte Bevölkerungsgruppen ansprechen, um ins Präsidentenamt zu gelangen”. Wer die bestimmten Bevölkerungsgruppen sind, sagt Posé nicht.

Man sollte dem Ethikpapst bei Gelegenheit mitteilen, dass der Bundespräsident nicht von der Bevölkerung gewählt wird.

Überhaupt sei die “Stigmatisierung von Managern” ein “Missbrauch ethischer Grundsätze”, sagt Klaus-Jürgen Grün, die rechte Hand von Posé im Ethikverein und Philosophieprofessor in Frankfurt. Um welche Grundsätze handelt es sich hierbei genau? Keine Angabe. Danach folgt in dem Artikel in der Welt noch ein bisschen pseudophilosophisches Geschwätz. Und schließlich der bemerkenswerte Satz:

“Der von Politikern und Bürgern eingenommene Standpunkt der Ethik richtet nicht selten großen Schaden an”.

Schaden meint hier wahrscheinlich wieder, dass durch Ethik zuwenig Geld verdient wird.

Ethik als zweckrationale Veranstaltung. Was Ethik ist, bestimmen nun die Manager. Je mehr Gewinn gemacht wird, desto mehr Ethik. Wenn andere den Vorwurf mangelnder Ethik machen, kontern die Wirtschaftsethiker das mit der Feststellung, der Vorwurf sei populistisch. Natürlich beschreibt das der Ethikverband auf seiner Website ganz anders. Ein nur schwer zu ertragendes, sinnfreies Geplapper, fast schon sektiererisch. Aber auch hier sind sie in einer Feststellung offenherzig: “Letztlich sind Ethiken wie alle anderen Ansprüche der Menschen von Interessen getrieben”.

In diesem Zusammenhang ist auch ein taz-Interview mit dem Protestforscher Roland Roth lesenswert. Es geht um die Frage, ob das Wutpotenzial in Deutschland für massive Proteste ausreicht. Roth glaubt das nicht, im Gegensatz zu der Situation in Frankreich.

Mag sein. Vielleicht kann deshalb ein “Ethikrat” in Deutschland den Begriff, um den es geht, so lange verdrehen, bis die Manager die einzig ethisch handelnden Personen sind.

Es kann aber auch sein, dass irgendwann das Fass voll ist. Ulf Posé und Herr Grün werden sich dann sicherlich wieder beschweren, diesmal über die unethischen Massen. Wenn man sie noch lässt.

Kapitalismus und Marktwirtschaft: entweder oder

Es sei eine Zeitlang “unmodern” gewesen, “die Marktwirtschaft ´Kapitalismus` zu nennen”, schreibt Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung und suggeriert damit, dass die beiden Begriffe das Gleiche beschreiben und ihr Gebrauch lediglich von modischen Erwägungen abhänge.

Ich frage mich, ob Kapitalismus und Marktwirtschaft sich zueinander nicht eher wie Feuer und Wasser verhalten.

Kapitalismus ist an freien Märkten nur vorübergehend interessiert. Und das kann man ihm nicht vorwerfen. Kapitalismus bedeutet, dass man Kapital einsetzt und mit Rendite zurückbekommt. Je mehr, desto besser. In einer funktionierenden Marktwirtschaft ist die Rendite wegen der am Markt auftretenden Konkurrenz begrenzt. Nur in bestimmten Ausnahmesituationen fehlt auf dem Markt die Konkurrenz und die Renditen erreichen Extremwerte. Das kann der Fall sein, wenn ein Unternehmen durch technologischen Fortschritt ein neues Produkt auf den Markt bringt und eine Zeitlang konkurrenzlos ist. Aber in der Regel dauert es nicht lange, dann ist die Konkurrenz da, die Preise sinken, die Margen auch.

Das Kapital hat also spätestens dann das Interesse am freien Markt verloren, wenn die Rendite unterm Monopol höher ist, also fast immer. Es versucht sich abzuhelfen, indem Konkurrenten aufgekauft werden oder indem man die Preise abspricht.

Je mächtiger das Kapital, desto schwächer der Markt. Bei der Energieversorgung haben sich die vier großen Stromanbieter E.on, RWE, Vattenfall und EnBW Deutschland friedlich aufgeteilt, ihr Marktanteil beträgt 80 Prozent. Die vier betreiben auch die Überlandnetze, weswegen kleine Anbieter den Strom nicht günstiger anbieten können.

Wenn ich Elektroartikel kaufen möchte, bleibt mir vielerorts kaum anderes übrig, als eine Filiale von Saturn oder Media-Markt zu betreten, die überdies beide der Metro-Gruppe gehören. Die Konkurrenz besteht hier nur Metro-intern.

Kartellämter verhindern die größten Auswüchse kapitalistischer Monopolisiererei. Alleine dass sie nötig sind, zeigt, dass das Kapital den Markt nicht mag. Das Bundeskartellamt wurde übrigens 1958 gegen den hartnäckigen Widerstand der deutschen Industrie gegründet. Warum wohl?

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Marktwirtschaft funktioniert dauerhaft nur da, wo es kein überschüssiges Kapital gibt. Bei den Büdchen im Rheinland und im Ruhrgebiet, zum Beispiel. Alle paar Meter ein Kiosk, keiner kann die Preise über Gebühr anheben, weil die Kundschaft diese paar Meter weiterginge. Die Margen sind gering. Der Kapitalist würde sich da nur engagieren, wenn er über eine Kette von Filialen alle anderen aus dem Markt drängen könnte, bis es diesen nicht mehr gäbe. Und dann würde Kasse gemacht.

Das Gerede vom freien Markt, den unsere Bosse angeblich so gerne wollen und der bedroht ist vom bösen Staat, der alles reguliert, ist ein ideologisch verbrämtes Täuschungsmanöver. Nichts ist den Kapitalisten lieber als eine Planwirtschaft – solange sie es sind, die die Pläne machen.

Mercedes Bunz: “Irgendwie auf keinen Fall wegschmeißen”

Mercedes Bunz, das ist die Frau, die gut heißt und extrem locker schreibt: “Im Internet geht alles ganz schnell. Denkt man so.” Soso. Sie ist Chefin von tagesspiegel.de.

In einem Video-Interview von 2007, das mir kürzlich in die Quere kam, sitzt sie auf einer leicht ansteigenden Wiese und erzählt uns vom Internet und seinen Chancen und Marken und Bloggern undundund.

Sie sagt Sätze wie

“Man sollte die sozialen Sicherungssysteme irgendwie auf keinen Fall wegschmeißen” und “man muss die Leute nicht total absichern, aber man muss sie deshalb auch nicht verunsichern.”

Mercedes Bunz wäre wohl nicht die Idealbesetzung, wenn es darum ginge, eine detaillierte Kritik der Agenda 2010 zu formulieren, aber die Art zu reden ist erfrischend. Nicht fundiert, aber authentisch. Und darum geht es ja letztlich. Denke ich so.

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(Foto: Claudia Burger)

Kinderkreuzzug in Berlin

Der konservative Rollback in Deutschland lässt sich nicht nur an architektonischen Debatten wie der um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ablesen. Schönes aktuelles Beispiel: Die Diskussion in Berlin um den Religionsunterricht an allgemeinen Schulen. Es geht eigentlich nur darum, ob die Schüler Ethik als Pflichtfach haben und konfessionell abgegrenzten Religionsunterricht auf Wunsch zusätzlich erhalten (wie das derzeit der Fall ist) oder ob sie (besser gesagt: ihre Eltern) wählen dürfen zwischen konfessionellem Religionsunterricht und Ethik.

Wie auch immer man dazu steht, die Argumente der Unterstützer der erstgenannten Version, die sich “Pro Reli” nennt, sind bemerkenswert. Sie schwanken zwischen bescheuert und reaktionär. Berlin wird beispielsweise vom schlauesten Deutschen, Günther Jauch, noch einmal zur Frontstadt erklärt :

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In Berlin geht es natürlich wieder um nichts geringeres als um “die Freiheit”, und wenn man jetzt nicht pro Reli ist, kehrt der Stalinismus zurück. Unklar hingegen bleibt, warum Jauch sich in diese Berliner Debatte einmischt, obwohl er in Potsdam wohnt. Und ob es nicht anmaßend ist, dass er nun auf riesengroßen Plakaten in der ganzen Stadt den Leuten erklärt: “Ich will, dass alle Berliner Schülerinnen und Schüler…”. Was hat ein Moderator von mehr oder weniger flachen Fernsehshows da eigentlich zu wollen? Es geht ja nicht mal um seine eigenen Kinder. (So ein Zufall: Jauch engagiert sich auch für die Rekonstruktion des Stadtschlosses in Potsdam.)

Welche Prominenten unterstützen die Pro-Reli-Kampagne noch? Unter anderem die Moderatorin Tita von Hardenberg, der kürzlich ihre stylische Sendung “Polylux” weggenommen wurde, und eine Schauspielerin namens Marielle Ahrens. Sie spielt in Rosamunde-Pilcher-Filmen mit und reiste in den australischen Dschungel, um in der ersten Staffel von “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus” mitzuwirken. Man kann sie also als zertifizierten C-Promi bezeichnen. Verheiratet ist sie mit Patrick Graf von Faber-Castell, den sie auf der Hochzeit von Verona Feldbusch und Franjo Pooth kennenlernte.

Was genau sie dafür qualifiziert, mit ihrem Bild auf ebenso riesengroßen Plakaten wie die von Jauch den Berlinern zu erklären, dass sie für “die freie Wahl” stimmen sollen, ist unklar. Ihre beiden beeindruckensten Argumente zeigte sie jedenfalls im Playboy.

Das sollte doch jeden Pro-Reli-Kritiker zum Schweigen bringen.

Den Vogel schießt aber der Unterstützer Burkhard Schwenker ab. Er ist Chef der Unternehmensberatung Roland Berger und schreibt in seinem Beitrag für Pro Reli den in sich stimmigen Satz: “Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich aber, wie wichtig Werte heute sind”. Seine täglichen Werte sind: Systeme profitabler machen, Leute entlassen, Wettbewerb verschärfen, Menschen auf Funktionen in Bilanzen reduzieren, der blanken Zahl huldigen. Systemimmanent alles in Ordnung, aber was hat das mit dem Religionsunterricht in Berliner Schulen zu tun? Schwenker erklärt es mit frappierender Offenheit:

“Wenn also in einem komplexen Umfeld mit schnellen Umbrüchen Zahlen immer volatiler werden und deshalb nicht mehr überzeugen können, müssen Persönlichkeiten an ihre Stelle treten, die ihre Werte klar und unmissverständlich vorleben: Integrität beispielsweise, Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein…

Auch künftige Generationen müssen auf die schwere Aufgabe der Führung besser vorbereitet werden. Und dabei kann die intensive und freie Auseinandersetzung mit Religion in der Schule helfen.”

Die Strukturen unserer Gesellschaft werden also immer komplizierter, immer undurchschaubarer, immer undemokratischer, immer weniger überzeugend. Was tun? Mehr Transparenz? Mehr Bürgerbeteiligung? Mehr Offenheit? Andere Strukturen? Von wegen. Neue Führer braucht das Land, die “Integrität vorleben”. Wie das geht? Mit Religionsunterricht. Die Zahlen sind dann zwar immer noch volatil und nicht überzeugend, aber es merkt keiner mehr. Eigentlich müsste es dann reichen, wenn die künftige Elite Religionsunterricht genießt. Die anderen sollen ja eh nur nachleben, was der integre Führer vorlebt. Prüfen können sie es nicht, das Umfeld ist ja zu komplex.

Man kann Schwenker dankbar sein. Neben den sinnfreien Argumenten von Jauch und Ahrens redet er Tacheles. Religionsunterricht, um kritisches Denken zu unterbinden. Ethikunterricht wäre da nur störend.

So sind alle vereint: Frontstadtphantasten, Lifestyle-Moderatorinnen, Playboy-Ausklappgirls und Bilanzfetischisten. Alle sind sie für Religionsunterricht. Den Werten zuliebe.

(Foto: ProReli)

Eisenach vermarktet kleines Kind

Deutsche Städte bemühen sich ja seit Jahren intensiv um ihre Vermarktung. Auffällig sind die Leitthemen,die mittlerweile in vielen Bahnhöfen unter den Ortschildern angebracht sind. Eisenach ist jetzt die “Geburtsstadt von Johann Sebastian Bach”.

Bach hat dort die ersten zehn Jahre seines Lebens verbracht. Noch als Kind ist er weggezogen und nicht mehr zurückgekehrt.

Hat Eisenach in den letzten 320 Jahren nichts Bedeutenderes hingekriegt? Und vor allem: Was genau ist dabei das Verdienst der Stadt? Worauf sind die jetzt stolz?

Ziemlich zweckrational, das Ganze. Wahrscheinlich haben die Eisenacher in Weimar nachgeschaut, wie das geht, große Namen vermarkten.

Wobei Eisenach ja die Wartburg hat, wo sich Luther und Goethe aufhielten, Burschenschaftlerfeste stattfanden und auch architekturgeschichtlich einiges zu bemerken wäre. Warum ist Eisenach nicht “Wartburgstadt”? Ist die Geschichte der Wartburg zu verwirrend, zu vielfältig, für den Tagestouristen zu schlecht definierbar?

Auch das ist Neoliberalismus: Geschichte wird reduziert auf ihren ökonomisch verwertbaren Aspekt. Authentizität ist wurscht, große Namen willkommen. Der eindimensionalen Gesellschaft kann es egal sein.

Das Bachdenkmal in Eisenach: Die Darstellung des kleinen Johann wäre hier realistischer.

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FAZ: Von der Freiheit, Blödsinn zu schreiben

Es gibt Begriffe, deren Gebrauch bei Journalisten eine Art Warnsignal im Kopf auslösen sollte. Begriffe, die so ausgelutscht sind, dass sie ohne Erläuterung nicht zu gebrauchen sind. “Freiheit” gehörte schon immer dazu, “Reform” erst seit ein paar Jahren. Was ist Freiheit, welche Reformen brauchen wir? Die Antworten erfordern Differenzierungsvermögen.

Manchen Journalisten ist das wurscht. Jüngstes Beispiel: Jochen Zenthöfer und seine Rezension des Buches “Die gefühlte Ungerechtigkeit” von Michael Hüther und Thomas Straubhaar, jeweils Chefs neoliberaler Wirtschaftsinstitute, in der FAZ vom 14. April 2009 auf Seite 10 (Link nachträglich am 16. April eingefügt).

Schon in den ersten beiden Sätzen bekomme ich Schmalspurideologie geliefert:

“Wer Freiheit will, muss Ungleichheit aushalten. Denn Freiheit und Gleichheit stehen in einem Spannungsfeld.”

Aha. Freiheit ist für Herrn Zenthöfer ganz wichtig. So wichtig, dass er nicht erklärt, was er darunter versteht. Hüther und Straubhaar jedenfalls, so erfahre ich, “fordern die Deutschen auf, sich zur Freiheit zu bekennen”.

Fast schon erwarten kann man die ausgeleierte Bemerkung, dass es “auch in Deutschland Reformbedarf gibt”. Doch leider, leider: “Politik und Volk sind nicht immer bereit dazu”.

Reformen, soviel wird klar, sollen nicht mehr Gleichheit, sondern mehr Ungleichheit erzeugen. Je mehr Ungleichheit, desto mehr Freiheit, lautet die Zauberformel. Auch hier kommt Zenthöfer zu der beklagenswerten Erkenntnis, dass sich

“viele Deutsche mit Gleichheit wohler fühlen. Auf ihren Wohlstand (Fernreisen, Mobiltelefon, Fußballübertragungen) wollen sie aber auch nicht verzichten. Das Volk profitiert von seiner wirtschaftlichen Freiheit, aber es mag sie nicht.”

So ein böses Volk. Es will Fußballgucken, ohne dass die Reichen reicher und die Armen zahlreicher werden. Der Nörgeldeutsche findet es noch nicht mal gut,  dass sich von den 5.000 Milliarden Euro Volksvermögen zwei Drittel in der Hand der zehn Prozent Reichsten befinden, obwohl er mit einem Handy telefonieren darf. Und weil er eine Fernreise unternimmt, ist es total unfair, dass er sich für die Einführung einer effektiven Erbschaftssteuer ausspricht.

Ein kleines bisschen dämmert es aber selbst bei Zenthöfer. Es sei “kein wissenschaftlicher Band”, den Straubhaar und Hüther geschrieben haben. So weit, so richtig. Was sie geschrieben haben, ist Teil des neoliberalen Geplappers, dass selbst mitten in der Wirtschaftskrise munter weitergeht. Der Freiheitsbegriff, um das nur kurz anzumerken, reduziert sich für solche Leute auf sogenannte unternehmerische Freiheit, also in etwa darauf, wie lange es dauert, eine GmbH zu gründen (weniger als 15 Minuten = Freiheit, länger als 15 Minuten = Unfreiheit) und möglichst wenig Steuern zu zahlen.

Zenthöfer hat seiner Definition des Freiheitsbegriffs noch ein Merkmal hinzugefügt. Er nimmt sich und bekommt die Freiheit, in einer angesehenen Zeitung Blödsinn zu schreiben. Jetzt könnte man den Begriff der Verantwortung in diesen Artikel einführen. Aber nur mit Warnsignal.

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Pendelleuchte aus Beton

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Schick? Schick. Pendelleuchten mit Betonschalen. Jede dieser Lampen des Künstlers Joachim Manz ist ein Unikat, weil der Beton von Hand gegossen wird und die Oberflächen immer anders ausfallen. Die Form an sich ist nicht neu, sie erinnert stark an die farbigen Lampen aus den 70er Jahren mit Plastikgehäuse. Wobei der Materialwechsel einen kompletten Charakterwechsel mit sich bringt.

Ein wenig störend nur, dass das Stromkabel die Lampe nicht hält. So sind zwei Verbindungen zwischen Lampe und Decke nötig, von denen eine straff gespannt und die andere lose ist, wo doch eine einzige Verbindung ausreichte. Nicht ganz konsequent angesichts der ansonsten gelungenen Reduktion.

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Mehr dazu hier und hier.

Wertigkeitstest für Buchläden

Weil Service ja so wichtig ist heutzutage, kommt jetzt etwas Praktisches:

Ein guter Test, um die Wertigkeit eines Buchladens zu prüfen: Die Zahl der Regale in der Esoterik- und der Philosophieabteilung vergleichen. Gibt es mehr Esoterik- als Philosophieregale, empfiehlt es sich, den Laden zu verlassen. Ist das Verhältnis umgekehrt, kann man sich umschauen.

Der Test für das von mir recht kritisch gesehene “Kulturkaufhaus” Dussmann in Berlin ergibt erstaunliches:

Sechs Regale Esoterik, sieben Regale Philosophie.

Ich habe mich umgeschaut.

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Größter Bahnchef aller Zeiten

Unter dem Titel “Weltmeister” macht es der ambitionierte Deutsche nicht gern. Der neue Bahnchef Rüdiger Grube (Foto) ist so einer. „Die Bahn ist dazu da, den besten Service der Welt zu erbringen. Das muss unser Ziel sein”, sagte er laut Tagesspiegel bei seinem ersten öffentlichen Auftritt.

Ein bemerkenswerter Satz. Die Bahn, die seit Jahren viel dafür tut, schlechten Service zu bieten, will nun angeblich das Gegenteil. Verbunden mit einer weiteren Aussage Grubes, dass nämlich der bisherige Bahnchef Mehdorn “ein großes Vorbild” für ihn sei, fragt man sich schon, ob bei diesem Spagat Grube nicht die Anzugshose reißt.

Grube sagte bei dem Auftritt noch mehr lustige Sachen. Zum Beispiel, dass er vom Zugfahren immer “total begeistert”  sei und er die Spitzelaffäre bis Juni “zügig und lückenlos” aufklären wolle.

Nicht verwunderlich, dass er die Privatisierung nach wie vor für eine “Option” hält.

Ein Schenkelklopfer auch, dass ihm sein PR-Berater offenbar eingeschärft hat, unangenehme Fragen erstmal mit “Vielen Dank für diese Frage” zu beantworten. Leider durchschauen mittlerweile die meisten Journalisten diesen Kniff aus dem Rhetorik-Grundkurs. Schade, Herr Grube.

Abgesehen von der Lächerlichkeit dieses Managergeplappers ist es allerdings wirklich schade, dass die Bahn, die verkehrspolitisch wichtig wäre, wohl weiter dem Kapital zum Fraß vorgeworfen werden wird – jetzt offenbar mit einem größenwahnsinnigen Oberlokomitivführer.

Immerhin: Einen vermutlich wahren Satz hat der GröBaZ laut Tagesspiegel auch gesagt: „Man wird nicht erleben, dass ich das, was ich zugesagt habe, auch einhalte“.

Vielleicht sollte man doch wieder Auto fahren.

(Foto: DB AG)

Deutscher will unbedingt Jude sein

Skurril: Der frühere langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, Andreas Wankum, ist gar kein Jude. Das behauptet zumindest der aktuelle Vorsitzende der Gemeinde, Ruben Herzberg. Er spricht von “arglistiger Täuschung”, Wankum habe Dokumente gefälscht. Für Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden wiederum “ist und bleibt Wankum Jude”.

Eigentlich ein gutes Zeichen: Ein Deutscher will unbedingt Jude sein.

Daneben das übliche Gezerre: Wankum ist auch Funktionsträger der Hamburger CDU, außerdem ist sein Bauunternehmen pleite gegangen, es hat sich beim Bau des HSV-Stadions übernommen. Pikanterweise ist es pleite gegangen, kurz nachdem Wankum Jude geworden ist bzw. geworden sein wollte und die Führung der Jüdischen Gemeinde in Hamburg übernommen hatte. Ist vielleicht auch der angenehmere Job. Der Rabbiner, der ihm seinerzeit sein Jüdischsein zertifiziert hat, leistete sich – mit Wankums Genehmigung – einen Dienstwagen, den er brauchte, um irgendwo hinzufahren, wo er “die koschere Zubereitung von Marmelade” bestätigen sollte. Das fand ein Teil der Jüdischen Gemeinde schon damals nicht koscher, wie sich jetzt herausstellt.

Solche Geschichten zeigen, dass die Juden in der deutschen Normalität angekommen sind. Es geht um Bauskandale, korrupte CDU-Politiker, gefälschte Papiere und Fußball. Beruhigend.

Beruhigend ist auch, dass es offenbar Bauunternehmer mit literarischem Anspruch gibt: Wankum regte sich kürzlich auf über die “Lesungen auf Hausfrauen-Niveau”, die sein Rivale Herzberg in der Jüdischen Gemeinde veranstalte. Was wohl jüdische Hausfrauen dazu sagen?

(Alle Zitate aus der Print-taz vom 7. April 2009 und von hier.)