Monatsarchiv: März 2009

Verliebt, verlobt, verheiratet

Der frühromantische Dichter Novalis hat 1794 bei einer Reise Sophie von Kühn (Bild) kurz kennengelernt. Seinem Bruder schrieb er daraufhin, diese “Viertelstunde” habe gereicht, sein “Leben zu bestimmen” und kündigte die Heirat an. Sophie war damals zwölf Jahre alt. Die beiden verlobten sich ein halbes Jahr später, an Sophies 13. Geburtstag. Novalis war 22.

Ins Tagebuch notierte er in den kommenden Monaten über seine Verlobte, sie sei “frühreif” und habe dennoch einen “Hang zum kindischen Spiel”. Störend fand Novalis ihr “Tabaksrauchen” sowie ihre “Dreistigkeit gegen den Vater”. Außerdem mache sie “sich nicht viel aus Poesie”, was blöd sein kann, wenn man demnächst einen Dichter heiraten soll.

Was das Fräulein von Kühn von Novalis hielt, ist mir nicht bekannt.

Bemerkenswert und für mich neu: Offenbar konnte sich in Deutschland noch kurz vor dem 19. Jahrhundert ein erwachsener Mann mit einem Kind verloben. Vielleicht aber auch nur, wenn das Kind schon rauchte.

Lustig ist der Antwortbrief des Bruders an Novalis. Er riet von der Heirat ab, aber nicht etwa wegen des Alters des Mädchens:

“Wie kannst Du in einer Viertelstunde ein Mädchen durchschauen?… Wenn Du mir ,ein Vierteljahr` geschrieben hättest, so hätte ich noch Deine Talente in der Kenntnis des weiblichen Herzens bewundert, aber eine Viertelstunde, denke nur selbst an, eine Viertelstunde, das klingt gar zu wunderbar…”

Times they are changin`. Sophie wurde übrigens krank und starb mit 15, deshalb wurde es nichts mit der Heirat.

Wer es genauer wissen will: Hier findet man in einer Uni-Arbeit Details.

(Gefunden in einem Reclam-Büchlein von Herbert Uerlings über Novalis, erschienen1998.)

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Das coolste Gebäude Berlins steht bald leer

Eines der coolsten Gebäude Berlins steht demnächst leer: die tschechische Botschaft in der Wilhelmstraße in Mitte. Die Diplomaten ziehen um in die ehemalige US-Botschaft.

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Den Klotz hat das tschechische Architektenpaar Vera und Vladimir Machonin (es fehlen ein paar Akzente) Ende der 1970er Jahre entworfen in diesem kurzlebigen Stil, für den noch niemand einen Namen erfunden hat. Dickleibige Brüstungen, braunes Fensterglas und ein massiver (Erschließungs?)Turm, dazu kommen die wuchtig auskragenden “Pavillions” im ersten Stock. Ästhetisch sicher in die Jahre gekommen, aber architekturhistorisch fast schon einzigartig und deshalb auf alle Fälle erhaltenswert.

Der Tagesspiegel schreibt etwas von “französischem Brutalismus”. Dass es sowas gibt, ist mir neu, und brutalistisch? Die Formensprache ähnelt brutalistischer Architektur, die verwendeten Materialien sprechen gegen diese Einordnung .

Innen sieht das Teil so aus:

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Realsozialistische COR-Imitate in kunstlederrot samt einer skurrilen Lampengestaltung. Alles von den Architekten entworfen, alles noch im Originalzustand.

Was passiert jetzt mit dem Ufo? Ein Club wäre denkbar oder eine andere öffentliche Nutzung.

Wahrscheinlich finden sich demnächst ein paar Reaktionäre zusammen, die den Abriss fordern und die Rekonstruktion von irgendwas, was dort mal stand.

Es könnte aber auch sein, dass die Verantwortlichen durch den kopflosen Abriss des Ahornblatts vor ein paar Jahren (unten auf einer DDR-Briefmarke darstellt) gelernt haben, dass der Charme der Stadt auch mit geschichtlichen Brüchen zu tun hat, die sich architektonisch ausdrücken.

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Mehr zur Botschaft findet man bei der Botschaft.

Klickabel (1) – Enveloop

Ob wir das Internet brauchen oder ob jetzt alle nur noch stumpf vorm PC hocken und was besser ist, Netz oder Print: Die Diskussion ist mir derzeit zu ermüdend. Oder auch zu kompliziert, wer weiß.

Hin und wieder findet man aber schöne Beispiele dafür, dass wir ohne das Internet ärmer wären.

Beispielsweise diese Seite: Laut Eigenaussage eine kleine Gruppe von Leuten, die “Bilder und Meinungen teilen über Lebensmittelverpackungen”. Sie wollen Verpackungen “feiern”, die “täglich unser Leben erfreuen”. Tausende von Flaschen, Dosen und anderen Behältern, schön geordnet nach Ländern und Verwendungszweck, werden einfach gezeigt, sonst nichts.

Wo, wenn nicht im Internet, hätten diese Freaks eine Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Es hat etwas vom Kantschen “interesselosen Wohlgefallen” (vorausgesetzt, dahinter versteckt sich nicht die Verpackungsindustrie).

Kostprobe: Bier aus Lappland

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Baron Horst Münchausen Köhler

Da lügt sich einer in die Tasche: Bundespräsident Horst Köhler behauptete gestern in seiner Berliner Rede, die “Entwicklung auf den Finanzmärkten” habe ihm schon im Jahr 2000 “Sorgen bereitet”. Damals war er Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF). Doch die Politik wollte nicht so wie er: “Es fehlte der Wille, das Primat der Politik über die Finanzmärkte durchzusetzen”

Das ist dreist. Der IWF war mit seiner neoliberalen Politik mitverantwortlich für den Staatsbankrott Argentiniens. Und seit seinem ersten Amtstag als König von Deutschland wird Köhler nicht müde, neoliberale Reformen zu fordern. Noch 2007 sah er die Agenda 2010 als “grundlegende Erneuerung Deutschlands”, bei der “wir erst am Anfang stehen”. 2008 forderte er gar eine “Agenda 2020″ mit “mehr Flexibilität, weniger Kündigungsschutz”.

Kein einziges Mal dagegen kam Kritik an den Finanzmärkten, obwohl er doch angeblich 2000 schon ein schlechtes Gewissen deswegen hatte.

Bisher waren Köhlers Berliner Reden langweilig. Die gestrige war dreist. Er hätte die Chance nutzen können, sich für sein neoliberales Geplapper der vergangenen Jahre zu entschuldigen. Stattdessen tut er so, als habe er es schon immer gewusst.

Ein offenbar unangenehmer Mensch. Oder zu ängstlich, um eine eigene Meinung zu haben.

Die Rede im Wortlaut gibt es hier.

Sonderbare Orte (2) – Ruhrgebiet

Die Fortsetzung unserer bescheidenen Serie kommt schneller als gedacht: Das Ruhrgebiet. Ein Fundus für sonderbare Orte.

Essen, Mühlheim, Duisburg.

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Schon wieder Roland Berger und die Menschenwürde

Der Unternehmensberater und Aktivist für Menschenwürde Roland Berger soll jetzt ja Opel retten. Ich weiß nicht genau, was er da retten will: Ob es ihm um Arbeitsplätze geht oder ob er eher daran denkt, der Investmentgesellschaft  Blackstone Group, der er als “Chairman of Germany” dient, ein neues Betätigungsfeld zu verschaffen.

Mir fällt jedenfalls ein Interview ein, das Berger der portugiesischen Wochenzeitung Expresso gegeben hat. Das war 2004 (das exakte Datum weiß ich leider nicht mehr), also auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen in Deutschland über die “Arbeitsmarktreformen”, der Agenda 2010. Deren Einführung wurde ja gerne damit verteidigt, dass Deutschland in allen Statistiken die “rote Laterne” Europas innehabe und deshalb endlich die “Hausaufgaben” machen müsse, die unsere Nachbarn schon gemacht hätten. Einkommen und Sozialleistungen müssten leider gekürzt werden, sonst könnten wir im europäischen und weltweiten Wettbewerb nicht mehr mithalten.

Deswegen war ich überrascht über die Tipps, die Roland Berger nun den Portugiesen gab. Auf die Frage, was er den europäischen Regierungen empfiehlt, um die (damalige) Wirtschaftskrise zu überwinden, antwortete er:

“Was meiner Meinung nach wirklich gemacht werden muss, ist das, was Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 vorschlägt und gerade beginnt: Eine größere Deregulierung unserer Märkte. Dazu gehören vor allem die Arbeitsmärkte und eine Reduzierung der Kosten der Sozialversicherungen in ganz Europa.

Das bedeutet harte Einschnitte in die Gewohnheiten vieler Europäer, vor allem der mittleren Generation. Außerdem Kürzungen bei den Subventionen alter Industrien, Reduzierung der staatlichen Anteile in der Wirtschaft…” (Übersetzung von mir)

Komisch. Hierzulande gehörte Berger zu denen, die Deutschland hinterherhinken sahen in der Umsetzung von Reformen in Europa. Den Portugiesen erzählte er nun, Europa solle sich ein Vorbild nehmen an der tollen Politik von Schröder.

Das perfide daran: Das soziale Netz in Portugal spottet sowieso jeder Beschreibung. Auch wenn man Arbeit hat, läuft es nicht unbedingt gut: Die Menschen verdienen schätzungsweise halb so viel wie hier, die Einkommensverteilung ist wesentlich ungerechter als in Deutschland, ein Lehrergehalt deutlich unter 1.000 Euro brutto ist gang und gäbe, 500 Euro für einen Vollzeitjob als Verkäufer sind normal, 20 Prozent der Bevölkerung haben monatlich weniger als 200 Euro zur Verfügung und so weiter. Die Lebenshaltungskosten in Lissabon liegen praktisch auf deutschem Niveau.

Berger interessiert das nicht. Er, dessen Privatvermögen auf “einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag” geschätzt wird, empfiehlt allen Ernstes, diese Einkommen weiter zu senken. Der Markt erfordert es halt. Auch bei 500 Euro monatlich sind “harte Einschnitte” nötig.

Vielleicht sollten sich die Opelaner gut überlegen, was sie von diesem Experten erwarten können. Und vielleicht sollte man Roland Berger in dem Zusammenhang einmal fragen, was genau er denn unter Menschenwürde versteht.

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Attac bringt gefälschte Zeit-Ausgabe in Umlauf

Tolle Sache: Attac hat eine gefälschte Ausgabe der Zeit erstellt, die Mitglieder heute in einer Auflage von 150.000 Stück kostenlos in einhundert deutschen Städten verteilen. Als Autoren der acht Seiten hat Attac solch sympathische und fachkundige Leute wie den Mitgründer und Kolumnist der Financial Times Deutschland, Lucas Zeise, und den Tagesspiegel-Redakteur Harald Schuman gewonnen.

Das Plagiat wird sogar am Montag der taz beiliegen.

Ohne jetzt inhaltlich jedes Komma dieser Sonderausgabe diskutieren zu wollen – die Idee ist super und wird eine Menge Aufmerksamkeit erhalten.

Die Titelseite der Online-Ausgabe:

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Altes Deutschland

Die ehemalige Parteizeitung der SED, das Neue Deutschland, hatte noch 1989 eine Auflage von rund einer Million Exemplaren täglich. Heute sind es 40.000. Die Mehrzahl der Leser sind Rentner. Grund genug, sich um Verjüngung zu kümmern. Und was liegt näher für eine linke Tageszeitung, als bei einem kapitalismuskritischen Kongress von attac einen Stand aufzubauen und für sich zu werben.

Allerdings muss man sich fragen, wie sich das Neue Deutschland seine Zielgruppe vorstellt. Unter anderem bekam man an dem Stand diesen Werbeartikel zu sehen. Ein acht mal zehn Zentimeter großer Jahresplaner mit einem Kalender auf der einen und diesem Bild auf der anderen Seite:

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Die “sozialistische Tageszeitung”, die “kritisch” und “anders” sein möchte, wirbt mit einem 08/15-Foto des Brandenburger Tores und einem Springbrunnen davor. Harmlose Perspektive, blauer Himmel und schön bunt. Passend auch, dass das Foto wohl vom Hotel Adlon aus aufgenommen wurde.

So wird aus einer neofeudalen Perspektive für Sozialismus geworben.

Das Brandenburger Tor als Sinnbild einer sozialistischen Gesellschaft? Das ist bezeichnend für das Neue Deutschland, das gerne sozialistisch wäre, aber eigentlich nur strukturkonservativ ist. Es passt somit zu einem Teil der deutschen Linken, für die die Welt dann schon wieder in Ordnung wäre, wenn Hartz IV zurückgenommen würde.

Es passt aber auch in die kleinbürgerliche DDR-Welt, die sich Sozialismus genau so vorgestellt hat. Die Reste dieser Welt schlummern vor sich hin, zum Beispiel im ND.

Berührungsverbot

Haut, Heim, Auto: Wie hängt das zusammen? Antworten zu dieser zuerst einmal sehr uninteressanten Frage finden sich in dem sehr interessanten  Blogeintrag Buchauszug “Berührungsverbot” des Journalisten Florian Felix Weyh.

Mir fällt dazu ein verwandtes Thema ein.

In Berlin und in Paris gibt es große Kreisverkehre, beispielsweise den Großen Stern im Tiergarten und den Kreisverkehr um den Arc de Triomphe. Am Großen Stern stehen schätzungsweise fünfzig bis hundert Ampelmasten (kein Scherz), in Paris steht keiner, obwohl dort viel mehr Autos umherfahren.

Der Verkehr sieht dann so aus (oben Berlin, unten Paris):

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Extrem geordnet und überreguliert in Deutschland, mit tausenden auf den Teer aufgemalten Vorschriften, laisser faire in Frankreich.

Würde man in Berlin die Ampeln  wegnehmen, echauffierte sich die Lokalpresse sicher sofort (Chaotische Zustände! Unhaltbar!). In Paris läuft das einfach so.

Es muss halt alles geregelt sein hier. Und so regeln selbst in einem Kreisverkehr Ampeln den Verkehr, obwohl ein Kreisverkehr Ampeln eigentlich ersetzen soll. Aber wo käme der Deutsche hin, würde er einfach so in einen Kreisverkehr einfahren, ohne dass ihm jemand sagt, ob er das darf.

Das ist nur ein simples Beispiel. Aber kein Zufall.

“Jede Plastikschramme eine Kriegserklärung”, steht in dem Blogeintrag Buchauszug von Florian Felix Weyh noch. Und dass in Frankreich eine Stoßstange kein Ersatzteil ist, weil man sie einfach nicht austauscht. Alles undenkbar hier.

Passend dazu die Szene in “Pulp Ficton”, als sich die beiden Killer kurz vor dem Mord darüber empören, dass irgendwer das Auto eines Bekannten beschädigt habe: “Was gibt’s feigeres, als sich am Auto eines Mannes zu rächen? Ich meine, der Wagen eines anderen Mannes hat Tabu zu sein.” “Sowas macht man nicht.”

Schon wieder vergessen: Das Ypsilanti-Bashing

Zu der sympathischen Andrea Ypsilanti will ich seit Monaten noch etwas schreiben. Jetzt ist das Thema natürlich durch. Leider, denn die Auseinandersetzung über den Umgang mit Ypsilanti steht aus.

Ypsilanti hat sich auf dem Parteitag der hessischen SPD Anfang März wohl aus der Politik verabschiedet. Dabei brachte sie das Bashing gegen ihre Person auf den Punkt: Gegen sie sei ein “mediales Kesseltreiben” veranstaltet worden, um “meine Idee der sozialen Moderne zu denunzieren” (alle Zitate aus der Print-taz vom 2.3.09)

So isses. Die Wehklage über den Wortbruch war vorgeschoben. Oder hat sich jemand aufgeregt, als in Berlin die große Koalition beschlossen wurde, obwohl Angela Merkel sie kurz zuvor im Wahlkampf kategorisch ausgeschlossen hat (“Es wird keine große Koalition geben”)? Wurde Merkel Wortbruch vorgeworfen?

Auch wenn es ein wenig verschwörungstheoretisch klingt: Das Establishment hat erkannt, dass eine linke SPD plus Linkspartei wirklich andere Verhältnisse schaffen kann in Deutschland. Da ginge es ans Eingemachte. Das muss das Kapital verhindern, mit so ziemlich allen Mitteln.

Und es war einfach: Eine Reihe gefügiger Journalisten in allen Medien hat die Drecksarbeit erledigt, teilweise sogar begeistert. Das reichte schon. Ein SPD-Politikerin, die eine soziale Politik ankündigt und bei den Wahlen (gegen den Trend!) auch noch erfolgreich ist? Das geht nicht, die muss abgeschossen werden. Und zwar mit Zustimmung der SPD-Parteiführung. Aber das ist ein anderes Thema.

DE_Ypsilanti_by_Steschke_02(Foto: Sven Teschke, Wikipedia)