Monatsarchiv: August 2008

Von Politpiraten gekapert

Ein SPD-Politiker schreibt einen Gastbeitrag in der taz, dem ich komplett zustimmen kann. Kaum zu glauben, aber wahr. Der Mann heißt Hermann Scheer und ist designierter Super-Minister einer rot-grünen hessischen Landesregierung. Was er schreibt, ist nicht einmal spektakulär oder inhaltlich bemerkenswert. Er schreibt, dass die SPD keine Partei der Mitte sein darf, sondern eine linke Partei sein muss, gerade in „einer sich spaltenden Gesellschaft“. Und: „Gegen die gesellschaftliche Macht der ´Millionäre` hilft auch heute nur die potenzielle Macht von Millionen Menschen mittels des Mediums demokratischer Mehrheitsentscheidung“. Und er weist dankenswerter Weise darauf hin, dass Ypsilanti in Hessen mit einer ausgesprochen linken Programmatik viele neue Wähler bekommen hat, ganz im Gegensatz zum Trend der SPD.

Bemerkenswert auch, dass er neoliberale Politikkonzepte „parvenuehaft neofeudal`“ nennt. Die Linkspartei erwähnt er nur ganz nebenbei, aber es ist klar, wohin die Reise gehen soll: Eine „neue Linke“, eine politische Strömung, die parteiübergreifend sein muss und für linke Inhalte steht.

Solche Worte sind in der SPD kaum noch zu finden. Und es ist völlig unvorstellbar, dass Leute wie Tiefensee, Steinbrück oder Steinmeier so etwas sagen. Der Gastbeitrag von Scheer zeigt auch, wie verkommen die SPD mittlerweile ist. Einfach dadurch, dass das Aussprechen von Selbstverständlichkeiten dermaßen auffällt. Es scheint, als sei die SPD vor geraumer Zeit gekapert worden von Politpiraten: Neben den drei genannten fallen einem Clement, Werner Müller und die ganzen komischen Netzwerker ein. Scheer ist offenbar einer der letzten Sozialdemokraten. Glaubt er wirklich, dass die SPD sich ändert? Oder hat er schon Kontakt zur Linkspartei aufgenommen?

Fatalismus statt Freiheit

Léon Krier (Foto) ist laut Bauwelt, Ausgabe 25/08, als Berater von Gianni Alemanno, dem neuen Bürgermeister von Rom, im Gespräch. Die Bauwelt bezieht sich wiederum auf das Turiner Magazine dell´ Architettura. Dazu muss man erstens wissen, dass Alemanno Mitglied der laut Wikipedia „postfaschistischen” „Alleanza Nazionale” ist und sich früher bei dem laut Wikipedia „neofaschistischen” „Movimento Sociale Italiana” betätigt hat. Verheiratet ist er mit der Tochter des rechtsextremen Politikers Pino Rauti. Alemanno hat kürzlich auf sich aufmerksam gemacht, weil er ein von Richard Meier neuerbautes Museum in Rom abreißen lassen will. Genauer gesagt, es ist ein Gebäude, das um einen antiken Friedensaltar herum gebaut wurde, um ihn vor Verfall zu schützen. Der Altar war vorher auch schon umbaut, und zwar von einem Gebäude, das 1938 unter Mussolini errichtet wurde und wohl den konservatorischen Standards nicht mehr genügte.
Dass in Italien sowas möglich ist, wundert den Beobachter ja schon lange nicht mehr. Neu ist, dass ein bekannter deutscher Architekt offenbar kein Problem damit hat, diesen Typen zu beraten. Wer ist Léon Krier? Krier veröffentlichte 1998 ein Buch mit dem Titel „Freiheit oder Fatalismus”, in dem er für „politischen Pluralismus” plädierte. 1978 und 1985 schrieb er zwei Bücher über Albert Speer, die der Architekturkritiker Wolfgang Schäche als „widerwärtig” bezeichnete, schon der Schutzumschlag rezipiere „vollends nationalsozialistische Buchgestaltung”. Krier wollte offensichtlich den NS-Klassizismus rehabilitieren, indem er ihn einfach von der NS-Ideologie abspaltete.

Krier und Alemanno: Wächst da einfach nur zusammen, was zusammen gehört? Vielleicht hat sich Krier einfach nur für Fatalismus statt für Freiheit entschieden.

(Foto: Wikipedia)