Monatsarchiv: März 2008

Zu Gast im braunen Bereich

Interessant an dem Hetzblog Politically Incorrect (PI) ist weniger das, was dort geschrieben wird. Interessant ist, wer dort schreibt. Hans-Peter Raddatz, zum Beispiel, gilt bundesweit als Islam-Experte, den man zum Thema einlädt, dessen Meinung Gewicht hat. Er gibt PI Interviews und schreibt „Gastbeiträge”. Oder Rainer Grell, pensionierter leitender Ministerialrat im baden-württembergischen Innenministerium. Oder Joachim Steinhöfel, Moderator bei RTL, Kolumnist bei Bild und Rechtsanwalt mit dubiosen Praktiken.

Es ist ein bemerkenswerter Spagat zwischen der Teilnahme einerseits an zivilisierten öffentlichen Diskussionen und andererseits an rassistischen, wohl volksverhetzenden Blogs. Das geht eigentlich nicht zusammen. Warum diese Leute es sich dennoch erlauben können, bei PI zu schreiben, ohne dass das die Ächtung der Medien nach sich zieht, ist die Frage. Vielleicht ist diese barbarische Form der öffentlichen Auseinandersetzung, wie bei PI und anderswo praktiziert, bis in die „Mitte” der Gesellschaft mehrheitsfähig?

Andererseits kann man die Bild auch nicht als zivilisiert beschreiben. Insofern steht der Mob schon lange in der Mitte.

Sensation: Ein freundlicher Artikel über Liechtenstein

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Ein merkwürdiges Gebäude: Der Landtag von Liechtenstein, Architekt: Hansjörg Göritz

Die bauwelt ist wohl die einzige Zeitung, die es derzeit schafft, einen erfreulichen und freundlich gesonnenen Artikel über Liechtenstein zu schreiben. Es gibt dort ein neues Landtagsgebäude für die 25 Abgeordneten. Man erfährt in der aktuellen Ausgabe, dass die Liechtensteiner „über Jahrhunderte bitterarm” waren. Interessant auch, dass Luigi Snozzi in den 1980ern einen Wettbewerb für ein neues Stadtzentrum von Vaduz gewonnen hat, er seine Pläne aber nicht umsetzen konnte, weil sie dem Volk „zu unkonventionell” waren, wie die bauwelt schreibt. Offiziell wurde Snozzi abgelehnt wegen „zu hoher Kosten”, haha. Das arme Liechtenstein. Die Pläne würden mich interessieren.

Vielleicht regiert dort das aus der deutschen Nachkriegsgeneration bekannte Phänomen: Obwohl schon längst in der Mittelklasse etabliert und mit einer sicheren Rente ausgestattet, verhalten sich manche Kriegsgeborenen in bestimmten Situationen finanziell ziemlich irrational, nämlich extrem geizig, vergleichen Preise wegen Differenzen im Cent-Bereich oder freuen sich diebisch über eine neue Payback-Karte. Ein Überbleibsel aus schweren Zeiten, wo man wirklich sparen musste, weil man nichts hatte.

Düsseldorf: Kein Herz für Bäume

„Düsseldorf hat kein Herz für Bäume!”, beklagt sich eine Leserin in der Westdeutschen Zeitung. „Gesunde und selbst alte Bäume werden gnadenlos abgesägt…die Allermeisten sehen tatenlos zu”.

Ein klarer Pluspunkt für Düsseldorf. Hier wird nicht gleich eine Bürgerinitiative gegründet, um ein paar Bäume zu retten. Auch ein Grund, weshalb die Stadt verdichtet ist und damit schon lange die aktuellen stadtplanerischen Forderungen erfüllt: Dichter bauen, um lange Wege und die Versiegelung von Natur zu vermeiden.

Wo kreative Investmentbanker wohnen

Die FAZ am Sonntag publiziert allen Ernstes auf acht Seiten ein von der Redaktion mit Roland Berger durchgeführtes Städteranking mit der Fragestellung: „Wohin zieht es  die kreative Klasse?” Kreative sind laut FAS folgende Berufsgruppen, kein Scherz: „Rechtsanwälte, Investmentbanker, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Werber, aber auch Musiker, Wissenschaftler und Modeschöpfer.” Chefärzte und ein paar andere sind auch im Boot.

innenstadtErgebnis dieser lustigen Studie: „München ist Deutschlands attraktivste Stadt”. Unter anderem, weil „im Sommer Klinsi kommt” und die Allianz-Arena „jetzt schon leuchtet.” Stuttgart ist „die große Überraschung”. Düsseldorf, so lernt man, hat „den schönsten Fernsehturm” und Mannheim, ebenfalls eine tolle Stadt, „Straßen mit lauter rechten Winkeln wie in Manhattan” (siehe Bild).

Toll an den kreativen Städten ist auch, dass dort „die Besten” studieren, weil die Unis sich ihre Studenten aussuchen. Die anderen haben also auch als Studenten nichts mehr in diesen Supidupistädten verloren und gehen bitteschön woandershin. Klingt irgendwie sozialdarwinistisch.

Bislang dachte ich, dass es die Aufgabe von Focus ist, sich derart lächerlich zu machen. Nun also auch die FAS. Im Internet sollen die Leser jetzt die Ergebnisse diskutieren. Diskutieren tut auch der FAS-Feuilleton-Chefredakteur Claudius Seidl mit dem Hardcore-Neoliberalen Hans-Werner Sinn zum Thema: Wird München überschätzt? Haha. Überschätzt offensichtlich von der FAZ am Sonntag.

Ist doch eh klar: Die Zahl der deutschen Städte, in denen Kultur breit angelegt ist, was bedeutet, dass Subkultur in vielen Formen Möglichkeiten zur Entfaltung hat, und man dann von einer kreativen Stadt oder einer Stadt für Kreative sprechen könnte, ist begrenzt (wie wohl auf der ganzen Welt): Vor allem Berlin und Hamburg, vielleicht auch Leipzig, Dresden und Köln. Das war´s dann schon. Nischen findet man überall. (Wobei ich es mir von Stuttgart nicht vorstellen kann. Beim besten Willen nicht.) Und Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Chefärzte sind Leute, die teilweise dann in Szeneviertel ziehen, wenn das störende Gesindel wie Ausländer und Künstler und alle, die das Viertel – bewusst oder unbewusst – überhaupt erst zum Szeneviertel gemacht haben, wegen der zu hohen Preise schon längst weggezogen sind. Oder sie ziehen weg, WEIL die Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Chefärzte anrollen.

Das erinnert an den Artikel in der Zeit vor einer Weile: Der Prenzlauer Berg, der rund um den Kollwitz-Platz von einer esoterisch angehauchten Schickeria in Beschlag genommen wurde („Bionade-Biedermeier”).

Was in der FAZ am Sonntag fast überhaupt nicht vorkommt: Die Renditeerwartungen der Immobilienbesitzer, die in München oder Düsseldorf dazu führen, dass Subkultur keine Chance hat, weswegen diesen Städten einiges abgeht. Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, sagt dazu auf Seite sechs der Ranking-Beilage in der FAS lapidar und ohne jede Begründung: „Eingriffe in die Preisbildung am städtischen Immobilienmarkt bringen gar nichts.” Aha.

Guernica reloaded

50.000 Kilogramm Sprengstoff haben amerikanische Flugzeuge kürzlich über einem Gebiet im Irak abgeworfen, schreibt der Journalist Tom Engelhardt im aktuellen Freitag. Genauso viel haben die Deutschen an einem Tag 1937 auf Guernica abgeworfen. Damals starben 1.600 Menschen. Wie viele Menschen jetzt durch die 50 Tonnen im Irak starben, ist unbekannt. Journalisten waren nicht vor Ort, die Medien berichten einfach nicht darüber. Es ist halt spannender, über die Gesichtsausdrücke von Obama und Clinton zu schreiben.

Heute versinkt Berlin im Chaos

Die Berliner Verkehrsbetriebe streiken ein bisschen und es schneit ein paar Flocken. Für den Tagesspiegel und andere Medien Grund genug, auf die beliebte Schlagzeile zurückzugreifen: „Berlin versinkt im Chaos“. Wie lächerlich.

Die Schlagzeile wäre treffend für die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg oder für Überschwemmungsgebiete in Bangladesh oder für Bagdad nach einem Selbstmordattentat oder den Untergang der Titanic oderoder. Aber für Berlin im März 2008? Wo ist das Chaos, wenn Autos im Stau stehen, völlig ruhig, bewegungslos? Oder wenn Menschen an einer Bushaltestelle warten und kein Bus kommt?

Im an sich völlig unchaotischen Deutschland wird gerne vor Chaos gewarnt. Die Angst vor der Unübersichtlichkeit. Und vielleicht die heimliche Sehnsucht danach.