Monatsarchiv: Juni 2007

Horst Köhler ist BAP-Fan

BAP gibt ein Konzert in Berlin und Horst Köhler ist Zuschauer. Im Video des „Tagesspiegel” wird er mittels Untertitel vorgestellt als „Bundespräsident und BAP-Fan”. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Danach trinken Niedecken und er zusammen einen Schnaps, Blitzlichtgewitter. Was Niedecken dazu treibt, Köhlers Reputation zu erhöhen, ist mir nicht ganz klar. Angeblich engagiert sich Köhler in einem Niedeckenschen Afrikaprojekt. Köhlers seinerzeitige Rolle beim Internationalen Währungsfonds ist Niedecken wohl entgangen.

Er höre auch privat BAP, sagt Köhler, und die Texte verstehe er „einigermaßen”. „Es hat immer Inhalt”, sagt er. Und dann teilt er uns noch etwas mit, was man sicher verstehen kann, wenn man seine Phantasie einsetzt: „Und was ich besonders schön finde, deshalb bin ich heute auch hier, das aus der Region hat sich plötzlich auch geöffnet zu Afrika, über Wolfgang Niedecken.” Schon mehr als skurril ist, dass BAP bei dem Konzert in Anwesenheit von Köhler auch „Ahl Männer” gesungen hat, mit Textzeilen, die Köhler nicht mal einigermaßen verstanden hat, nehme ich an: „Schauspieler, die im Schmierentheater durchfielen, mangels Talenten, jonglieren konfus mit Erdteilen, in Rollen von Staatspräsidenten”. Passend auch die Zeile, dass das hier ein Land sei, „wo die anbiedernsten Böcke Gärtner sind”, haha.

Das Lied ist von 1985, vielleicht hat sich das seitdem ja alles geändert, Köhler ist gar kein anbiedernder Bock, der vormals als Chef des IWF genau die Politik mitbestimmt hat, gegen die Niedecken und andere jetzt vorgeblich angehen. Interessant wäre gewesen, Köhler vor der Kamera die zitierten Textpassagen vorzulegen (auf Hochdeutsch) und ihn nach seiner Meinung zu fragen.

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Unterschiedliche Frisuren, ansonsten ein Herz und eine Seele: Wolfgang Niedecken und Horst Köhler

Eigentlich hätte der Verfassungsschutz das Konzert unterbrechen und Niedecken festnehmen müssen, wegen Beleidigung des Staatspräsidenten. Wir sind halt doch ein liberales Land. Und Horst Köhler privat vielleicht ein ganz Netter.

Bevölkerungsexplosion in Polen

Der polnische Ministerpräsident Lech Kaczynski (einer der skurrilen Zwillinge) will ein neues Abstimmungssystem für die EU, das Polen mehr Stimmen verleiht. Begründung: “Wenn Polen nicht die Jahre 1939-1945 durchgemacht hätte, wäre Polen heute ein Land mit einer Bevölkerung von 66 Millionen.” Klingt erstmal abstrus, Stimmen für Millionen ermoderter Menschen einzufordern. Aber eigentlich doch ganz passend, dass man hin und wieder auf die Rolle Deutschlands zwischen 33 und 45 hingewiesen wird. Und zwar nicht nur in Bezug auf Geschehenes, Holocaust und Krieg, sondern ganz konkret. Viele Deutsche meinen ja, „wir” hätten schon soviel Geld für Wiedergutmachung gezahlt, das sei jetzt genug. Wenn es um ernsthafte Schadensersatzforderungen ginge, müsste der deutsche Staat wahrscheinlich noch viele, viele Billionen (oder Billiarden) blechen. Ist natürlich auch unsinnig, aber lehrreich, sich das klarzumachen. In deutschem Namen wurde halb Europa verwüstet und die besetzten Länder mussten die Kosten für die deutsche Besatzung auch noch selbst bezahlen. Monat für Monat. 1945 war offensichtlich, dass es um solch hohe Summe gehen würde, dass man Forderungen nach Reparation am besten gar nicht stellt. Sonst drehen die Deutschen über kurz oder lang wieder durch.

Kaczynski: Der saß kürzlich in einer Fernsehdokumentation auf einem Biedermeiersofa vor einem Biedermeiertisch, auf dem ein riesiges Blumengebinde stand. Er wurde dadurch halb verdeckt und versuchte, irgendwas Staatstragendes zu sagen. Es sah lustig aus, weil man nur das halbe Gesicht sah, auch weil die Zwillinge in ihrer körperlichen Gedrungenheit ja nicht unbedingt respekteinflößend wirken. PR-technisch ist unsereins da weiter.

Zur Ideologie des rechten Blocks

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla vergleicht die Linke mit der NPD. Die Linke will „das Systems überwinden” und auch die NPD halte „das jetzige System, das Rechtsstaatlichkeit und Demokratie garantiere, nicht für ausreichend”. Ein Satz, der zeigt, dass man im tagespolitischen Geschäft keinerlei Niveau erwarten darf.

Es ist auch ein interessanter Hinweis auf die Ideologie des rechten Blocks in Deutschland: Kapitalismus als Wirtschaftssystem ist mindestens genauso heilig wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wer Kapitalismus überwinden will, steht auf einer Stufe mit politischen Verbrechern. Wie sähe das Grundgesetz wohl aus, wenn es jetzt formuliert werden würde?

SPD-Politiker nennen die Linke „fundamentalistisch” mit Wurzeln in der SED. Und mit solchen Leuten koalieren die Sozialdemokraten in Berlin. Und früher in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Der Politbetrieb ist in erster Linie lächerlich. Oder die, die etwas Interessantes zu sagen hätten, melden sich nicht zu Wort.

In solchen Momenten spürt man ziemlich deutlich den reaktionären Saft, in dem hier das Bürgertum und auch das Gros der Medien schmoren. Eine Partei, die mehr oder weniger sozialdemokratische Inhalte artikuliert und die von der CDU der frühen 50er Jahre zumindest programmatisch links überholt worden wäre, wird zur staatsgefährdenden Stalinistentruppe erklärt. Gysi wird vom Verfassungsschutz beobachtet, lese ich gerade. Hammer. Ob vor seiner Haustür unauffällige Mittelklasse-Opel parken?

Autonome: Die Checker am Markt

Spiegel-Online bringt eine Fotostrecke zur G8-Demonstration in Rostock: Von 22 Bildern beschäftigen sich 18 mit den Krawallen. Zumeist reißerische Fotos, bei denen die Fotografen den Gewalttätern dankbar waren für möglichst martialische Posen. Auf einem Foto sieht man sehr schön, wie ein einzelner Autonomer von mehreren Dutzend Fotografen geknipst wird, als er irgendwas auf ein brennendes Auto wirft, oder fotografiert er selbst? Würde mich nicht wundern, wenn die Autonomen von den Fotografen aufgefordert wurden, nochmal einen Stein in die Hand zu nehmen, man hätte halt noch nicht das optimale Bild. So funktionieren die Medien im freien Markt.

Die Autonomen haben es kapiert. Mit minimalem organisatorischem Aufwand schaffen sie es auf alle Titelseiten der Sonntagszeitungen. Die restlichen vier Bilder zeigen übrigens, welch große Mühe sich viele Demonstranten gegeben haben: Sie haben Masken gebastelt, eine Unmenge an Transparenten mitgebracht, improvisierte Theateraufführungen. Die Band „Juli“ hat da auch gespielt, lustig.

Strunzdoof

Claus Strunz schießt den Vogel ab. In der Bild am Sonntag kommentiert er, dass „Globalisierungsgegner Feinde von Demokratie und Marktwirtschaft“ sind und dass man genauso gut gegen die Schwerkraft demonstrieren könne. Dann wird Strunz biblisch und glaubt, dass sich die Kritiker an der Konferenz „an denen versündigen, für die sie angeblich kämpfen“.

Interessant dabei ist immerhin, dass Strunz seine Millionen Leser offenbar für so blöd hält, ihnen sowas vorsetzen zu können. Sähe er den BamS-Rezipienten nur mit einem Mindestmaß an Urteilsvermögen und Zivilisation ausgestattet, müsste er den Kommentar als geschäftsschädigend betrachten: Wer sich verarscht fühlt, kauft die Zeitung nicht mehr. Strunz geht aber davon aus, dass eine Mehrheit der Leser dem Kommentar zustimmt.

Auf einem Screenshot der Titelseite der Print-BamS (lustiges Wort) sehe ich undeutlich, dass Bilder von der Demonstration in Rostock zusammengebastelt wurden mit Bildern eines Aufmarschs der NPD in Berlin. So präpariert, ist der Leser vielleicht wirklich für den Kommentar bereit.

Alle für Afrika

Jetzt sind plötzlich alle für Afrika. Bob Geldof macht eine Bild-Ausgabe, Bono bei Sabine Christiansen, alle wollen helfen: Sieht aus, als sei DAS das wahre Gutmenschentum. Leute, die sich einen Heiligenschein basteln, Armut wird instrumentalisiert, um selber zu glänzen. Alles ungemein unpolitisch. Vielleicht ist das der typische Ausdruck einer unpolitischen Zeit, die Folge der entpolitisierten und infantilisierten 90er Jahre.

Oder ist es völlig normal, dass die konstruktiven Dialoge und Gedanken, die im linken Spektrum in den vergangenen Jahren ausgeflossen sind, massenmedial veroberflächlicht werden und schließlich bei Christiansen und in der Bild-Zeitung landen? Und was passiert dann? Wird das Gedachte, das Widerständige, das Systemkritische jetzt seiner Klauen beraubt und in ein reines Charity-Geplapper zugunsten der armen Neger verwandelt? Ist das zu begrüßen, wenn überhaupt etwas dabei rauskommt? Oder geht der Schuss nach hinten los, weil ohne Systemkritik nichts zu ändern ist? Geht es nur darum, Afrika als möglichen Markt für die Wirtschaft vorzubereiten? Es wäre ja was zu holen, wenn auch nur fünf Prozent der Afrikaner auf westliches Niveau gehievt werden könnten. Ist es den Protagonisten Ernst, wenn sie behaupten, die Probleme Afrikas seien bald unsere, wenn wir sie nicht zu lösen helfen?

Heute steht in der taz, dass vor Malta die Leichen von 21 toten Afrikanern entdeckt wurden, schiffbrüchige Flüchtlinge.