Monatsarchiv: Mai 2007

Die neue Spießbürgerlichkeit

Chefredakteur Wolfram Weimer im Deutschlandradio. Er wird interviewt, weil sein Cicero eine Bestenliste veröffentlicht hat: Die wichtigsten 500 Intellektuellen Deutschlands. Alleine die Idee zu einer solchen Liste ist antiintellektuell. Er gibt auch schnell zu, dass er nur eine rein quantitative Messmethode anwendete, die zählt, wie oft jemand in den Medien zitiert wurde. Der wichtigste deutsche Intellektuelle ist übrigens der Papst, haha.

Gestern habe ich von Weimer eine Art Essay gelesen: Die neue Bürgerlichkeit; der Essay firmierte in seinem Blog (oder was das war) unter der Rubrik „Restauration”.

Die neue Spießbürgerlichkeit wäre angebrachter.

Geisteskranke Grundgesetzverteidiger

Politically Incorrect, eine Internetsite, die vorgibt, das Grundgesetz, Meinungsfreiheit und Menschenrechte zu verteidigen, lobt ausdrücklich einen Artikel der Bildzeitung vom Samstag, der in Bezug auf den „irren Deutsch-Libanesen“ Al-Masri fragte: „Warum lassen wir uns von so einem terrorisieren?“ Ich hatte den Artikel zufällig am Samstag gelesen und war fast erschrocken von diesem Rassismus.

Unangenehmer noch fand ich auf den zweiten Blick die Dummheit, die Bild bei seinen Lesern offenbar voraussetzt: Al-Masris Aussage, verschleppt, gefoltert und monatelang festgehalten worden zu sein, wird von mehreren Zeugen bestätigt, ein Gericht in München hat darauf hin 13 Haftbefehle gegen CIA-Mitarbeiter erlassen. Man muss davon ausgehen, dass an den Foltervorwürfen einiges dran ist. Terrorisiert wurde also Al-Masri. Die Bild dreht den Spieß um. Nun ist „ganz Deutschland empört“, dass es sich von Al-Masri „terrorisieren“ lassen muss. Die Bildzeitung hat sich selbst übertroffen in Bullshitproduktion und ein paar Leute, die das Grundgesetz verteidigen wollen, stimmen zu. Ich würde doch gerne mal wissen, was in deren Köpfen vorgeht. Wie schafft man es, Fakten komplett zu ignorieren, besser: das Gegenteil zu behaupten? Ist das eine Geisteskrankheit? Hatten die eine schlimme Kindheit?

Politically Incorrect ist mir schon ein paarmal aufgefallen. Zum einen, weil dort in einem fort intellektuelle Standards unterschritten werden, zum anderen, und das ist schlimmer, weil dort in einem fort zivilisatorische Standards unterschritten werden. Aufrufe zu Gewalt gegen Türken, Moslems, Araber und gegen alle, die so oder so ähnlich aussehen, sind normal und werden von den Usern nicht einmal kontrovers diskutiert. Gibt es keine unterbeschäftigten Rechtsanwälte, die sich diesem, meiner Meinung nach simplen Fall annehmen? Beleidigung und Volksverhetzung sollten nicht allzu schwer nachzuweisen sein. Andererseits: Solche Leute gab es schon immer, nur dank Internet sind sie in der Lage, ihren rechtsradikalen Scheiß zu publizieren. Wobei es interessanter ist als das gängige NPD-Geplapper. Es wirkt konditionierter, fanatischer.

Gerade finde ich dort noch ein Photo von „Dr. Beate Klein“. Die schreibt bei PI einen Artikel nach dem anderen, durch die Bank Blödsinn. Auf 1.500 Artikel hat sie es schon gebracht, dafür dankt ihr Stefan Herre, der Chef von PI. Auf dem Bild sieht sie ganz nett aus, könnte auch eine 68erin sein. Sie ist Tierärztin, haha.

Wahrscheinlich lässt sich der Wahn auf PI nur psychologisch erklären. Aber interessieren würde mich solch eine Erklärung schon.

Nicht einmal jeder zehnte

Der Tagesspiegel berichtet besorgt über die verwahrloste Jugend. Besonders der Drogenkonsum versetzt den Redakteur in Aufregung: „Neun Prozent der Jungen und sechs Prozent der Mädchen gaben an, schon einmal Haschisch oder Marihuana konsumiert zu haben.“ Noch nicht einmal jeder zehnte Junge hat das überhaupt probiert. Das muss in der Tat beunruhigen. Von den anderen werden wir später mal regiert.

Postmodernes Postamt am Po

Gerade auf einer privaten Reiseseite im Internet gefunden. Ein Ehepaar radelt am Po entlang und macht sich seine Gedanken. Unter anderem: Die Postämter scheinen auch in Italien demselben Trend zu folgen, wie bei uns in Deutschland: auf postmodern getrimmt, aber kundenfeindlich.

Ein postmodernes Postamt, wie bei uns in Deutschland, jo. Beim Querlesen der Seite entdecke ich, dass das Ehepaar sich ständig beschwert: Hotels zu teuer, zu hohe Rechnungen in Restaurants, ständig das Gefühl, betrogen zu werden, weil man Tourist ist usw. Reisen als Möglichkeit, die eigenen Vorurteile offenzulegen. Wobei das Ehepaar das wahrscheinlich nicht merkt. Via Internet werden ihre Meinungen plötzlich öffentlich und beurteilbar.

Gibt es ein postmodernes Postamt in Italien?

Marx zu Besuch bei der Telekom

Hin und wieder schreiben Journalisten richtig anspruchsvollen Klartext. Diesmal in der FTD, wo Lucas Zeise des Öfteren geradezu sozialistisch analysiert. Wobei es vielleicht einfach ökonomische Vernunft ist. Herr Obermann von der Telekom behauptet, er müsse „zwingend“ bei den Mitarbeitern sparen. Neun Prozent weniger Lohn plus zwei Stunden mehr Arbeit pro Woche ergeben bei 50.000 betroffenen Mitarbeitern 500 Millionen Euro Ersparnis. Eindrucksvoller ist die eingesparte Summe pro Angestelltem und Jahr: 10.000 Euro. Gleichzeitig schüttet die Telekom derzeit ihren Aktionären die Dividenden aus, und zwar 3,1 Milliarden Euro, ohne dass sie dazu jemand zwingen würde.

Ist das PR-Blödheit? Oder merkt das Kapital nicht mehr, dass so eine Politik früher oder später komplett gegen ihr Prinzip läuft, nämlich das der Kapitalmaximierung? Oder hat Marx Recht, wenn er von einem blinden System spricht, in dem alle mitmachen müssen und der einzelne letztlich keine Entscheidungsmöglichkeiten hat?

Cannibalization á la Starbucks

Howard Schultz lamentiert. Der Gründer von Starbucks hat weltweit 13.000 Niederlassungen und jetzt sind seine Läden nicht mehr richtig gemütlich, die Wohnzimmeratmosphäre ist futsch. Kann man denn bei einer McDonald-artigen Kette Wohnzimmergemütlichkeit erwarten? Oder kann das nichts anderes sein als Fassade? Die Angestellten von Starbucks, sie heißen Baristas, haben laut taz die Funktion, dass man mit ihnen „quatschen” kann, also ein Stück Privatheit herstellen. Geht das zusammen mit einer Kette und 13.000 Filialen? Und wollen die Barristas überhaupt mit den Kunden privat quatschen? Schultz jedenfalls ist einer von denen, die in ihrer Entwicklung in der Pubertät stehen geblieben sind: „Egal, ob Amerikaner, Deutsche oder Filipinos – wir alle haben das Bedürfnis, zusammenzukommen. Starbucks ist der Ort. Starbucks bringt Menschen zusammen.”

Auf der Internetseite der Firma kann man lesen, dass Starbucks eine Mission hat. Unter anderem gibt es dort ein Kapitel “Our Neighborhood”. Dort steht wörtlich:

Every store is part of a community, and we take our responsibility to be good neighbors seriously. We want to be invited in wherever we do business. We can be a force for positive action— bringing together our partners, customers, and the community to contribute every day. Now we see that our responsibility—and our potential for good—is even larger. The world is looking to Starbucks to set the new standard, yet again. We will lead.

Schultz kommt mir vor wie ein alter Achtundsechziger, der früher von kleinteiligen Strukturen träumte, lokaler Community, alles schön zwischenmenschlich, alles schön gerecht, gegen den bösen Kapitalismus, den es aber irgendwann gepackt hat. Jetzt hat eine Ikea- oder Aldi-ähnliche Kette und will seine früheren Ideale nicht völlig verraten. Ein Konzern setzt sich in ein Stadtviertel, in ein Kiez, verdrängt andere Cafés, will aber gute Nachbarschaft und sogar noch eingeladen werden. Hört sich nach einer neuen Qualität von Kapitalismus an. Erfolgreiche, kleinteilige Strukturen aufsaugen, einverleiben, vordergründig fördern und in Wahrheit in kapitalistischer Manier ausbeuten und somit zerstören. Es bestätigt sich erneut, dass der Kapitalismus genial anpassungsfähig ist. Das einzig ideologische Element des Kapitalismus ist die unbedingte Akkumulation. Die Mittel sind völlig pragmatisch.

hschultz

Ein netter: Howard Schultz

Die Ökonomie frisst sich in jede menschliche  und zwischenmenschliche Ritze. Wenn es Starbucks nicht gäbe, kämen die Menschen nicht so schön zusammen. Es würde also weniger Menschlichkeit geben. Gut möglich, dass Schultz das alles glaubt, was er erzählt. Würde zu der Theorie mit der Pubertät passen. Dazu passt auch, dass sein Ziel 40.000 Filialen und 25 Prozent Profitzuwachs sind. Es geht im Flachbrennerkapitalismus offenbar nicht ohne das Extrem „immer schneller, immer höher” etc. Mit 13.000 Filialen zufrieden zu sein, könnte ihm vielleicht als Schwäche ausgelegt werden. Andererseits ist schon etwas dran: Schultz hat es geschafft, dass Leute massenhaft bereit sind, 4 Euro für einen Kaffee auszugeben.

Lustig am Rand: Konsumententests haben laut taz ergeben, dass McDonalds „eindeutig den qualitativ besseren Kaffee” verkauft als Mr. Schultz.

Marx und Macht

Karl Marx und Max Weber hätten heute aufgrund ihrer politischen Einstellung keine Chance auf einen VWL-Lehrstuhl an einer deutschen Universität, steht in der taz. Glaube ich gerne.

Gestern Abend auf Phoenix habe ich fünf Minuten Wahlberichterstattung aus Bremen gesehen. Der CDU-Röwekamp schmiss sich voll an die SPD ran und meinte, die große Koaliton müsse unbedingt weitergeführt werden. Natürlich geht es ihm nur um Posten und Macht, offensichtlich. Menschlich verständlich: Für einen CDU-Landesfürsten, der ein schlechtes Wahlergebnis eingefahren hat, ist es sicher nicht so einfach, sich politisch überhaupt irgendwo über Wasser zu halten. Und dann müsste man wieder in den normalen Beruf zurück, worauf Röwekamp vielleicht gar keine Lust hat. Er ist Rechtsanwalt, lese ich im Internet. Hätte ich mir denken können. Die meisten smarten Jungpolitiker sind Rechtsanwälte heutzuage.

Kritische Theorie stirbt aus

Nicht nur “die Deutschen” haben Nachwuchsprobleme. „Kritische Wissensbestände werden nicht reproduziert”, schreibt Alex Demirovic in der JungleWorld und meint damit, dass Studenten heute mit der Kritischen Theorie, oder überhaupt mit kritischer Lehre und Forschung, nicht mehr in Berührung kommen. Demirovic ist einer der letzten, die sich in der Nachfolger der Frankfurter Schule sehen.
Eine große Spirale: Lehrstühle, auf denen noch Linke saßen, werden nach der Emeritierung nicht mehr besetzt, Wissen und Haltungen gehen verloren, nach und nach dünnt das linke Lager aus, es reproduziert sich nicht mehr. Eine erfolgversprechende Taktik. Wie geht es dann weiter? Die Verhältnisse werden ungemütlicher, irgendwann spüren die Leute die Folgen direkt, sozusagen an ihren Körpern, wenn der Arztbesuch zu teuer wird, und sie begehren wieder auf. Machen irgendwas kaputt. Dann leider ohne theoretisches Fundament. Keine erfolgversprechende Taktik.

Sehr spontaner Gedanke

Die Diskussionen um Moslems, Moscheen etc.: Es ist anscheinend mittlerweile Standard, sich zu Türken und zum Islam negativ zu äußern, es ist „politisch korrekt”. Hängt mit der eigenen Unsicherheit und dem Unbehagen in der eigenen Kultur zusammen. Beispiel: Fernsehen für kleine Kinder ist schädlich. Aber nicht einmal die Familienministerin drängt darauf, die Kinderprogramme am Vormittag oder Werbung für Kinder zu verbieten. Wenn es zu unserer Kultur gehört, dass selbst die offensichtlichsten Fehlentwicklungen nicht korrigiert werden dürfen, wenn bestimmte Interessengruppen das nicht wollen (Inhaber der TV-Sender, Werbetreibende, große Konzerne), kriegt man kollektiv Aggressionen. Und die lassen sich leichter ausleben, wenn man irgendwas Fremdes kritisiert als sich selbst zu hinterfragen. Ob man nun gegen Juden ist oder gegen Moslems oder gegen Schwule oder Afrikaner oder Linke oder Franzosen oder gegen sonstwen, ist dann Nebensache. Hauptsache Feindbild. Derzeit ist es halt der Türke.

Nebensache Mensch

Laut Verdi will die Telekom den Servicebeschäftigten und Monteuren die Löhne um 40 Prozent kürzen. Vor ein paar Jahren wäre bei vier oder acht Prozent gesamtgesellschaftlich aufgeschrien worden. Heute kümmert das offenbar nur noch ein paar Linksradikale und die Betroffenen selbst, die wahrscheinlich nächste Woche streiken wollen.

Ein bemerkenswertes Wirtschaftssystem: Betriebswirtschaftlich ist die Kürzung natürlich notwendig, die Konkurrenz zahlt auch nicht mehr und die Preise müssen runter. Volkswirtschaftlich wird das irgendwann schiefgehen.

König Kunde, Nebensache Mensch.