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Rundgang 2001

11. Februar 2001 · Kommentar schreiben

Studenten der Kunstakademie in Düsseldorf stellen ihre Arbeiten aus, die Ausstellung nennt sich Rundgang und findet einmal pro Jahr statt. Schon am Eingang etwas lustiges: Ein riesengroßes Puzzle hängt an der Wand, aus vielen, aber völlig falsch zusammengesetzt. Eine ziemlich gute Idee, Erwartungen werden hintergangen. Überhaupt sieht man da auf drei Etagen unglaublich viele gute, witzige, fast schon geniale Ideen.
Eine angenehme Atmosphäre bei diesem Rundgang. Unzählige Klassen, die zum größten Teil eine Sprache sprechen und doch vielfältig sind. Und praktisch KEIN Schrott. Ich werde von Raum zu Raum verzückter. Gute Ideen sind in der Kunst das wichtigste. Das ist nicht neu, aber hier besonders augenfällig. Die Kunstfertigkeit ist zweitrangig geworden, spätestens seit dem Krieg, und das ist gut so. Beuys eben, jeder Mensch ein Künstler. Zumindest hat dadurch jeder die Möglichkeit, auf Ideen zu kommen und sogar eine Chance, die auch umzusetzen. 100 Kaffetassen, in die der Künstler Milch kippt, und zwar von Tasse zu Tasse ein bisschen mehr, so dass der Kaffee immer heller wird, von schwarz bis weiß. Genial.

Es ist so unglaublich angenehm, sich in einem Umfeld zu bewegen, in dem sich Menschen Gedanken machen ohne Verwertungsanspruch. Auch wenn letztlich alle auf Galeristen scharf sind, wo die Tassen dann stehen und gekauft werden sollen. So viel Kreativität in einem Gebäude. Spannender als jedes Museum, das sich zeitgenössisch nennt und mit viel Geld auf ein Iglu von Merz geiert, der eben überhaupt nichts mehr kreatives hat, weil er seit 20 Jahren und zum 2000sten Mal reproduziert wurde. Merz hatte seine Zeit, und die ist vorbei, weil er stehen geblieben ist. Die Kunststudiumsabgänger von Düsseldorf haben den Kopf voll von kreativen Ideen, die sie auch umsetzen. Museen auf für diese Leute! Und zwar nur solange, bis ihnen die Ideen ausgehen. Kunst muss leben, Neues hervorbringen, irritieren, schaffen, eingreifen, spontan und dynamisch sein, unabhängig, und ins Leben springen. Und diese Idee der spontanen Kreativität, die mitten im Leben steht, müsste sich dann auf die Gesellschaft ausdehnen, die Gesellschaft und das tägliche Leben durchdringen.

Die Architekturabteilung hat da weniger Visionen. Ideen für die Urbanisierung des alten Hafens von Düsseldorf bietet eine Abgängerin an. Schönes Thema, nur leider läuft auf der theoretischen Ebene nichts ab. Eine Menge bunter Bauklötze auf einem Stadtplan ist keine Vision, nicht einmal eine theoretische. Und wenn die nette Studentin dann ein einziges Gebäude aufreißt und beschreibt, dann ist das schlichtweg ein einzelnes Haus, das ein Architekt entworfen hat. Punkt. Theorie, Architekturtheorie, ist ein ungemein wichtiges Feld, weil es die ganze Gesellschaft umfasst. Aber da braucht man eben auch ein theoretisierendes Potenzial. Eisenman sieht sich als den letzten kritischen Architekten, hat er kürzlich der Zeit gesagt. Hoffentlich hat er Unrecht. Aber es stimmt schon: Kohlhaas baut schicke Gebäude, lauter gute Einfälle, aber städtebautheoretisch kommt dabei nichts raus und es hilft kein Stück weiter. Und es ist schon komisch, wenn angehende Architekten so locker-flockig einen theoretischen Entwurf präsentieren, der keine Theorie enthält. Vielleicht auch gefährlich, weil die abgehenden Architekten von heute demnächst Häuser bauen und Stadtplanung betreiben. Und ohne theoretisches Fundament braucht ein Investor nicht lange, um seinen gut verwertbaren kapitaldominanten Schrott durchzudrücken.

Ein Student hat einen Text von Foucault auf englisch mittig in sein Modell eingefügt. Das Lesen erfordert Verrenkungen. Selbst wenn man Foucault auf englisch kapiert, kriegt man Rückenschmerzen, bevor man den Text zu Ende gelesen hat. Ich glaube, dass der Architekturdiplomand davon ausgeht, dass das eh niemand liest. Aber er hat in seine Abschlussarbeit Foucault eingebaut, und das kommt cool. Schade. Architektur braucht Diskussion, weil es alle betrifft.
Leider habe ich beim Rundgang nicht fotografiert. Über Bilder zu lesen ohne Anschauungsmaterial ist mühsam, in der Tat.

Kategorien: Architektur · Düsseldorf · Kunst
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