Monatsarchiv: Februar 2001

Kölner verprügelt, weil er Kölsch wollte

Es ist ein Wahnsinn: Der Düsseldorfer Express titelt:

In der Altstadt: Kölner verprügelt, weil er ein Kölsch wollte.

Die Geschichte ist wie aus dem Bilderbuch. Der Kölner bestellt in Düsseldorf ein Kölsch, was es da nicht gibt und womit man sich, so die Legende, sofort den kollektiven Zorn der Düsseldorfer zuzieht. In Köln funktioniert das gleiche mit einem Alt. Es ist eigentlich genial, besser kann man das Klischee nicht bedienen. Ich bin von dieser Zeitung fasziniert. Bild ist seriös dagegen.

Der Schock kommt auf Seite 2. Diese sinnlose Fehde zwischen Düsseldorf und Köln wird hier angeheizt. Der Mann “hätte wissen müssen, was er tut“. Klar, das ist alles witzig. Aber es wird ERNST genommen von den Lesern, das Schema wird unterstützt. Wir Düsseldorfer, wir halten zusammen und zeigen den Kölnern, wies läuft. Das Verhaltensmuster ist das gleiche wie beim Rassismus. Es werden Unterschiede, die keine sind, zum Prinzip erhoben, gegen dessen Verletzung alle Mittel erlaubt sind. Übertrieben? Ich will kein Spielverderber sein. Aber solche Teile zeigen herrschende Denkschemata in dieser Gesellschaft, unterstes Niveau. Da kann ich mich zwar drüberstellen, das als Trash bezeichen, mit Schlingensief vergleichen und locker bleiben. Aber das ist nicht Schingensief. Und das Publikum ist ein völlig anderes. Und Dutschke ist lange her, aber was hat sich seitdem geändert?

Den Express habe ich gekauft, weil es die Süddeutsche an drei Tankstellen nicht gab. Sowieso ein prägnantes Bild: 100 Zigarettensorten und drei Zeitungen: Rheinische Post, Bild, Express.

Interessant wäre noch gewesen, sich in Köln den Kölner Express zu besorgen. Hatten die die gleiche Titelgeschichte? Wäre möglich, nur dass sie den Fortsetzungsteil auf der letzten Seite umbasteln müssten: Die bösen Düsseldorfer schlagen unseren Kölner Jung, nur weil der das beste Bier der Welt trinken wollte und das schale Alt nicht runterkriegt. Im Übrigen wäre ich bei der Schlägerei gerne dabeigewesen. Wahrscheinlich schon ein guter Jux, wenn sich dieser Lokalpatriotismus entlädt. Das ist ja eine Mischung aus diesen althergebrachten und gut gepflegten Ressentiments und der Haudrauf-Laune, die sich an Karneval in Deutschland so mit einstellt. Nicht nur an Karneval, generell dann, wenn das Kleinbürgertum betrunken ist. Die Aggressivität rauslassen.

So stellt man übrigens nach Ansicht der Düsseldorfer Kölsch her:

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K. u. K.

In der FAZ: Der Leipziger Maler Sighard Gille hat in den 1970ern ein Bild namens “Brigadefeier gemalt” (anzuschauen hier), ein bisschen wie Corinth, ein ausuferndes Fest nach Feierabend in einem DDR-Betrieb. Daraufhin schreiben 500 Werktätige Protestbriefe, dass es doch so ausufernd gar nicht gewesen sei. Wahnsinn, wenn ein ganzes Land diesen eindimensionalen Kunstbegriff hat, Kunst ist gleich Realität, nur gemalt. Die DDR bestand nicht aus Proletariern, sondern deren schlimmsten Feinden, den Kleinbürgern.

Lustig: Gille hat 1973 ein Bild namens “Autofahrer” gemalt, die Autotypen sind nicht zu erkennen, dafür sitzen die Fahrer so beengt am Steuer und die Hände kommen von oben ans Lenkrad und umfassen es vollständig, da ist klar: Das muss ein Trabant sein. Diese Lenkradhaltung der Trabbifahrer hatte sowas devotes, untergebenes, vielleicht auch hingebungsvolles, in das Schicksal des unterprivilegiert motorisierten Kleinbürgers.

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Die Bilder scheinen mir mutig, für DDR-Verhältnisse. Wer war dieser Gille? Vielleicht lohnen sich Recherchen.

(Foto: Sighard Gille)

Kurvendiskussion

Ich sitze und vor mir steht, einen halben Meter entfernt, ein VW Beetle in silber. Man behauptet ja, er hätte erotische Formen und Linien. Wenn eine Frau so einen Hintern hätte, würde ich mich bedanken. Superdick, ausladend, konturlos, labberig, ohne Grenze geht’s direkt den Rücken hinauf.

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(Foto: Wikipedia)

Die Frauenkirche – nach 80 Jahren ausgetauscht

Ein Mediziner und Nobelpreisträger will in der FAZ irgendwas erzählen, sagt aber vorher dummerweise noch, dass er sein Nobelpreisträgerpreisgeld für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gespendet hat. Tja, schade, das war´s dann, der Mann interessiert mich nicht mehr.

Ich hab doch noch weitergelesen, und er hat die tolle Theorie, dass die IDEE ja noch in dem nicht mehr vorhandenen Gebäude steckt, und auch die jetzt verwendeten Steine wären so alt wie die damaligen. Der menschliche Stoffwechsel würde einen Körper innerhalb eines Lebens ja auch vollständig austauschen. Mag alles sein, doch merkt der denn nicht, wie reaktionär er daherredet? Er meint bestimmt alles gut, keine Ursache. Aber die Idee kann man doch nicht einfach so aus der Vergangenheit, 300 Jahre alt, hierher transportieren, nur weil man alte Steine aufeinander setzt. Was für eine Idee war das denn damals mit der Kirche? Protestantischer Freiheitskampf oder sowas? Die Idee ist heute völlig uninteressant, und wenn nicht, dann ist sie seitdem schon zigfach transformiert worden und zeitgenössisch müsste sie total anders umgesetzt werden. Vielleicht ist diese Idee heute Techno, oder Baghwan, von mir aus, aber dann doch bitte mit HEUTIGEN Mitteln. So wie die das damals mit IHREN Mitteln dargestellt haben. Wie kann man Millionen für so eine blödsinnige Rekonstruktion ausgeben? Und dafür auch noch spenden? Eine komplette Absage an das, was heute möglich ist. Ein Affront an alle, die HEUTE kreativ was auf die Beine stellen wollen.

Das ist seit 1989 sowieso eine Sache, über die ständig geredet wird. Irgendwas rekonstruieren, so wieder aufbauen wie es mal war. Dabei klappt ja nicht mal das. In der Regel ist es alles Stahlbeton, altertümlich verkleidet. Weil auch hier das System zu wirtschaftlich rationellem Handeln zwingt. Aber der Schein soll stimmen. Stimmt aber nicht. Diese Rekonstruktionsleute sind zutiefst reaktionär und stellen das auch noch zur Schau. Schaut her, wir sind von vorgestern, und wir sind stolz drauf. Das ganze tolle, kreative, was heute läuft, wird damit komplett ignoriert. Und dazu dann dieses ganze oberflächliche Geplapper über Internet und New Economy und ja den Anschluss nicht verpassen. Alles nur die nackteste ökonomische Angst, aber keine kulturelle Überzeugung. Wie viel kostet die neue Frauenkirche? Was für ein geiles Gebäude könnte man da mitten rein stellen in Dresden, lauter junge Büros nach Kreativem fragen, auch nutzungsmäßig. Und eben NICHT Kirche. Und warum werden es immer mehr Leute, die sich für das Stadtschloss in Berlin aussprechen? Keiner fragt mehr ganz schlicht: Habt Ihr einen Knall? Das Schloss wiederaufbauen? Architektur und gesellschaftliche Intention: Nicht zu trennen. Prost Mahlzeit. Klar, tausend Gegenargumente sind möglich, aber es läuft darauf hinaus, letztlich.

Der Stoffwechsel tauscht den Körper innerhalb eines Lebens einmal aus. Eine komische Perspektive. Aber interessant. Aber auch da könnte er selber draufkommen, der Medizinmann: Nach 80 Jahren ist der Mensch eben nicht mehr der, der er bei der Geburt war. Das Leben ist Veränderung. Und selbst wenn die Idee gleichgeblieben ist, die Umsetzung, die Form, und damit auch die inhaltliche Konsistenz, die Zutaten, haben sich im Laufe der Zeit verändert, sind beeinflusst, haben auf Äußeres gewirkt, das dann verinnerlicht wird, das wiederum nach außen sich produziert, schafft und so fort. Eben so, wie Thomas Bernhard schreibt. Das Thema bleibt gleich, aber die Entwicklung läuft unaufhörlich, in Kreisen, in elliptischen Bewegungen, und ich bin immer gespannt, was rauskommt.

Vielleicht ist das bei Bernhard das Spannende: Die erst mal MINIMALE Entwicklung, das unendlich langsame Tempo, das man als Leser mitgeht und mit allen Windungen und Fluchten und Verspannungen mitmacht. Und dabei die Gewissheit, dass Bernhard so viel weiterkommt, und nach 300 Jahren eben nicht wieder bei der Frauenkirche rauskäme. Dann hätte er sich bestimmt sofort in Salzburg von irgendeinem Balkon gestürzt.

Straßenverkehrsordnung auf französisch

An meiner Kreuzung hupt es wieder, dauerhaft und aggressiv. Meine Kreuzung ist ein prima Abbild der deutschen Gesellschaft, vereinfacht und doch wieder nicht. Zumindest so, dass ich es verstehe. Ich werde mir irgendwann mal die Arbeit machen müssen und das genau beschreiben. Denn es passt so hervorragend.

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Zwischenmenschliche Konfliktlinien an einer Kreuzung: Gleich hupt´s


Wenn Autofahrer sich aufregen und die Kontrolle über ihr Verhalten anderen gegenüber verlieren und sich so aufführen, dass sie ohne Auto wahrscheinlich eingesperrt würden, dann ist das zwar schlechtes Benehmen, aber immerhin eine individuelle Äußerung, meint Henri Lefebvre in Metaphilosophie von 1965. Und diese individuelle Äußerung werde durch die Straßenverkehrsordnung eliminiert. Das wäre dann auch nix, so Lefebvre. Die Straßenverkehrsordnung ist für ihn der Götze der heutigen Zeit, schon das Wort findet er geil, zumindest auf französisch. Meine Kreuzung fordert den in Deutschland sozialisierten Autofahrer dazu heraus, alle zivilisatorischen Gepflogenheiten fallen zu lassen. Arschloch gehört zum alltäglichen Vokabular. Kürzlich haben sich zwei fast geprügelt, waren schon ausgestiegen. War ihnen mitten auf der Straße mit dem brausenden Verkehr dann wohl doch zu blöd, oder zu gefährlich. Das größte Problem besteht für die Fahrer dort in zwei durchgezogenen Linien direkt parallel nebeneinander, da darf man natürlich nicht drüber. Manche machen es aber doch, und die sind dann vogelfrei, in Deutschland.

Zu Besuch bei Pina Bausch

Ich habe in der Pause der Aufführung im Tanztheater von Pina Bausch Sauerkraut mit Bratwürstchen gegessen, superlecker. Das Kraut war zwar schon ziemlich durch, aber trotzdem gut, die Würstchen erst recht. Ein Gaumenschmaus, und die Sorge, dass die Pausenzeit nicht reichen könnte, hat den Genuss noch erhöht. Überhaupt, das, wo man mit geringen oder keinen Erwartungen drangeht, ist das beste, und wenn es Sauerkraut ist. Ein Gemeinplatz, natürlich. Die Pause hat dann locker gereicht, umso besser.

Pina Bausch kam am Ende des Stücks auf die Bühne. Wir hatten sie schon in der Pause gesehen, auf den Tipp einer Garderobenfrau hin, sie käme gleich da aus der Tür, aschfahl, aber trotzdem vital, 60 soll sie sein, ein bisschen theatralisch, vielleicht auch sorgenvoll, aber auf alle Fälle mit viel, viel Würde. Das Publikum steht ausnahmslos auf vor soviel Würde. Die Garderobenfrau meinte, es kämen immer wieder diesselben, und ob wir wirklich das erste Mal da wären. Ja, waren wir. Und vielleicht nicht das letzte Mal.

Die erste Viertelstunde war ja eher Panne, ziemlich bürgerlich, aber dann immer besser. Einige Szenen waren bestimmt vom Absurden, da ist mir deutlich geworden, dass genau das mich anzieht, mir fast immer gefällt, absurde, groteske Situationen, vielleicht auch nur grotesk.

Ein junger Mann steht auf der Bühne, Hemd an, aber keine Hose, und Gummistiefel, alte schwarze. Er steht da ziemlich geistesverloren und konzentriert sich auf eine Frau, ein Stück weg auf der Bühne, und dann kippt er sich Mineralwasser aus einer Vitellflasche in die Stiefel. Oder eine Frau, die Wasser auf die Sitzfläche eines Stuhls kippt und sich dann mit einem ordentlichen Ruck und sichtlich genussvoll draufsetzt, immer wieder.

Ich kann nicht gut erklären, was mich daran so reizt. Das Sinnlose in eine Szene konzentriert und bis zur Penetranz ausgebreitet, isoliert von der Welt, von allem, was vernünftig sein könnte. Das ist zumindest EIN Sinn des Theaters, Sinnlosigkeit zu thematisieren, wo doch ansonsten immer alle so tun, als sei alles so sinnvoll. In der S-Bahn nachhause sah jede zweite Frau aus wie Pina Bausch.

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Manuela und Michael

Manuela ist tot. Die mit dem Bossa Nova, der Schuld war. In der Berliner Zeitung steht ein Nachruf. Ein Arbeiterkind aus dem Wedding, das mit 19 entdeckt wurde. Löterin war sie, klingt erotisch. Und die beste Meldung gleich daneben: Der Doppelgänger von Michael Schumacher war früher Doppelgänger von Michael Jackson.

“Die naturgegebene Popularität der Farbe Braun”

Ein sehr geiles Interview mit Thomas Rentmeister, der gerade im Kölner Kunstverein ausstellt. Thema: Braun. Warum braun? Weil braun die Farbe von Scheiße ist, und deshalb jeder Mensch eine intime Beziehung dazu hat. Die „naturgegebene Popularität der Farbe Braun“. Muss ich mir angucken. Nuss-Nougat-Creme wird auch auf dem Boden ausgekippt.

Rundgang 2001

Studenten der Kunstakademie in Düsseldorf stellen ihre Arbeiten aus, die Ausstellung nennt sich Rundgang und findet einmal pro Jahr statt. Schon am Eingang etwas lustiges: Ein riesengroßes Puzzle hängt an der Wand, aus vielen, aber völlig falsch zusammengesetzt. Eine ziemlich gute Idee, Erwartungen werden hintergangen. Überhaupt sieht man da auf drei Etagen unglaublich viele gute, witzige, fast schon geniale Ideen.
Eine angenehme Atmosphäre bei diesem Rundgang. Unzählige Klassen, die zum größten Teil eine Sprache sprechen und doch vielfältig sind. Und praktisch KEIN Schrott. Ich werde von Raum zu Raum verzückter. Gute Ideen sind in der Kunst das wichtigste. Das ist nicht neu, aber hier besonders augenfällig. Die Kunstfertigkeit ist zweitrangig geworden, spätestens seit dem Krieg, und das ist gut so. Beuys eben, jeder Mensch ein Künstler. Zumindest hat dadurch jeder die Möglichkeit, auf Ideen zu kommen und sogar eine Chance, die auch umzusetzen. 100 Kaffetassen, in die der Künstler Milch kippt, und zwar von Tasse zu Tasse ein bisschen mehr, so dass der Kaffee immer heller wird, von schwarz bis weiß. Genial.

Es ist so unglaublich angenehm, sich in einem Umfeld zu bewegen, in dem sich Menschen Gedanken machen ohne Verwertungsanspruch. Auch wenn letztlich alle auf Galeristen scharf sind, wo die Tassen dann stehen und gekauft werden sollen. So viel Kreativität in einem Gebäude. Spannender als jedes Museum, das sich zeitgenössisch nennt und mit viel Geld auf ein Iglu von Merz geiert, der eben überhaupt nichts mehr kreatives hat, weil er seit 20 Jahren und zum 2000sten Mal reproduziert wurde. Merz hatte seine Zeit, und die ist vorbei, weil er stehen geblieben ist. Die Kunststudiumsabgänger von Düsseldorf haben den Kopf voll von kreativen Ideen, die sie auch umsetzen. Museen auf für diese Leute! Und zwar nur solange, bis ihnen die Ideen ausgehen. Kunst muss leben, Neues hervorbringen, irritieren, schaffen, eingreifen, spontan und dynamisch sein, unabhängig, und ins Leben springen. Und diese Idee der spontanen Kreativität, die mitten im Leben steht, müsste sich dann auf die Gesellschaft ausdehnen, die Gesellschaft und das tägliche Leben durchdringen.

Die Architekturabteilung hat da weniger Visionen. Ideen für die Urbanisierung des alten Hafens von Düsseldorf bietet eine Abgängerin an. Schönes Thema, nur leider läuft auf der theoretischen Ebene nichts ab. Eine Menge bunter Bauklötze auf einem Stadtplan ist keine Vision, nicht einmal eine theoretische. Und wenn die nette Studentin dann ein einziges Gebäude aufreißt und beschreibt, dann ist das schlichtweg ein einzelnes Haus, das ein Architekt entworfen hat. Punkt. Theorie, Architekturtheorie, ist ein ungemein wichtiges Feld, weil es die ganze Gesellschaft umfasst. Aber da braucht man eben auch ein theoretisierendes Potenzial. Eisenman sieht sich als den letzten kritischen Architekten, hat er kürzlich der Zeit gesagt. Hoffentlich hat er Unrecht. Aber es stimmt schon: Kohlhaas baut schicke Gebäude, lauter gute Einfälle, aber städtebautheoretisch kommt dabei nichts raus und es hilft kein Stück weiter. Und es ist schon komisch, wenn angehende Architekten so locker-flockig einen theoretischen Entwurf präsentieren, der keine Theorie enthält. Vielleicht auch gefährlich, weil die abgehenden Architekten von heute demnächst Häuser bauen und Stadtplanung betreiben. Und ohne theoretisches Fundament braucht ein Investor nicht lange, um seinen gut verwertbaren kapitaldominanten Schrott durchzudrücken.

Ein Student hat einen Text von Foucault auf englisch mittig in sein Modell eingefügt. Das Lesen erfordert Verrenkungen. Selbst wenn man Foucault auf englisch kapiert, kriegt man Rückenschmerzen, bevor man den Text zu Ende gelesen hat. Ich glaube, dass der Architekturdiplomand davon ausgeht, dass das eh niemand liest. Aber er hat in seine Abschlussarbeit Foucault eingebaut, und das kommt cool. Schade. Architektur braucht Diskussion, weil es alle betrifft.
Leider habe ich beim Rundgang nicht fotografiert. Über Bilder zu lesen ohne Anschauungsmaterial ist mühsam, in der Tat.

Was die FAZ frech findet

Die linke Architekturkritik lebt, schreibt die FAZ, und ich klicke natürlich sofort drauf. Habe heute von meinem Praktikanten die FAZ auf CD-Rom geschenkt bekommen, geballtes Wissen nun auf meinem kleinen Laptop. Ich habe das Gefühl, plötzlich so ungemein mehr Möglichkeiten zu besitzen, oder zumindest den Zugang dazu. Darüber hab ich heute Vormittag sogar vergessen, die Feinen Unterschiede von Bourdieu vom Buchladen gegenüber abzuholen. Hab ich mir sofort bestellt, nachdem Goetz so darüber abgelästert hat. Ist wahrscheinlich voll von Vorurteilen an die Lektüre gegangen.

Frechheit siegt, glaubt der nette Architekturkritiker von nebenan, nee, von der FAZ, wenn er am Potsdamer Platz aus dem U-Bahnschacht steigt und Kohlhoff sieht. Mann, mann, FAZ, schön auf dem Boden bleiben, für dich ist das also schon frech, Kohlhoffs Chicago-Imitat, langweilig, montrös und aus seriellen Fertigteilen zusammengebastelt, obwohl es doch so sehr die Handwerklichkeit der Kohlhoffschen Architektur ausdrücken könnte. Mann, FAZ, Mittelmäßigkeit siegt, sollte dir einfallen, wenn du aus dem Schacht steigst. Und dich dann schleunigst umdrehen und woanders hingehen, um deinen Lustgefühlen freien Lauf zu lassen. Wilfried Wigand heißt er.

Der nette, lammfromme Wilfried.