Ein ganz interessanter Text des Parteienforschers Franz Walter zum Thema „Kapitalismus und Demokratie“ in der FR vom 28. Dezember 2011, der die Fatalität der derzeitigen Lage zeigt.
Die Krise des Finanzkapitals und die Erosion seiner Legitimation ist eben nicht Folge einer scharfen Attacke und zielgerichteten Alternativstrategie sozialer Bewegungen der politischen Linken, sondern lediglich Resultat einer Implosion aufgrund innerkapitalistisch erzeugter Widersprüche. Auch deshalb ist der Vorrat an „Post“-Konzepten, für die Zeit „danach“, in linken Lager nahezu leer.
Das allerdings kann man mit guten Gründen als fatal ansehen: Die Destruktionswucht des Kapitalismus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten unaufhörlich potenziert und in selbstzerstörerischem Trieb mehr und mehr gegen die eigenen Voraussetzungen gewandt. Gegenbewegungen sind gewiss seit einigen Monaten erkennbar, auf Konferenzen, Kundgebungen, in Zeltdörfern. Doch dort simuliert man derzeit lediglich Gegen-Macht, spielt ein bisschen „wahre Demokratie“. Um es zweifellos sehr pessimistisch zu formulieren: intellektuell, organisatorisch, personell sind all diese Bewegungen auf den Ausgangspunkt dezidiert antikapitalistischer Strömungen irgendwo und irgendwann in den 1840er-Jahren zurückgeworfen.
Es braucht die Linke nicht, das Kapital erledigt seine (und nicht nur seine) Zerstörung von selbst. Walter bringt hier in Bezug auf Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn den Begriff der „simulativen Demokratie“ ins Spiel:
[Es] hat sich durch die rasante Vervielfältigung von Wissen und Informationen eine solche Komplexität ergeben, dass die Bürger den Überblick und damit ihre Beurteilungssouveränität gänzlich verloren haben und infolgedessen apolitische Refugien statt mühevoller politische Interventionen bevorzugen.
Auf diese Weise sei eine simulative Demokratie entstanden, in der die Bürger ihre Freiheit in erster Linie als Konsumenten auf den Märkten suchten.
Tja. Komplexität, verwirrende Vielfalt. Die technologische Entwicklung lässt immer mehr Informationen auf uns niederpasseln, sodass wir uns gut informiert fühlen könnten, rein technisch betrachtet. Wir sind allerdings alles andere als souverän. Wir lassen die Informationen durchlaufen, sind danach theoretisch allwissend und praktisch gelähmt. Die Medienmaschine, der inneren Logik kapitalistischer Aufmerksamkeitsökonomie folgend, erhöht beständig das Tempo und liefert Kampagne auf Kampagne. Auf die Nazis folgt Wulff folgt das Dschungelcamp.
Mal abgesehen davon, dass es durchaus Konzepte für die Zeit danach gibt, so hat Walter recht, wenn er die als den Menschen kaum vermittelt betrachtet. Statt dessen „Gefällt-mir“-Buttons, Blogs und Piratenpartei. Sonst nichts.
Insofern hat die technologische Innovationskraft des Kapitalismus ein Wirrwarr in den Köpfen produziert, der sie vollstopft und zugleich entleert, dazu immer schön designed und formal vorn dabei. Kapitalismus war noch nie altmodisch, nur unendlich dumm.
Der Schriftsteller Ingo Schulze schrieb kürzlich in der Süddeutschen Zeitung ähnliches:
Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von „Quote“ oder „Format“) und, und, und. . .
Dazu kommt die Abschaffung des Proletariers und seine Ersetzung durch das atomisierte Arbeits-Ich. Identitätsbildung, Klassenbewusstsein gar: ausgeschlossen.
Es kommt mir der Begriff der Hegemonie in den Kopf und Gramsci, der fragt, wie Menschen dazu gebracht werden, freiwillig ihrer Unterwerfung zuzustimmen, was nicht nur hierzulande seit Jahren forciert der Fall ist.
Lesen, demnächst.
(Foto: genova 2011)