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NRW: vornehmstes Bildungsziel ist „Ehrfurcht vor Gott“

15. November 2009 · Kommentar schreiben

Man könnte meinen, Staat und Kirche seien in Deutschland getrennt. In Nordrhein-Westfalen zumindest ist das nicht so. Dort lernen die Schüler rechnen und schreiben und lesen auf einer ganz besonderen Grundlage. In Artikel 7 der Landesverfassung heißt es:

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

Ehrfurcht wird von Wikipedia als Begriff „für eine mit Verehrung einhergehende Furcht“ definiert. Der Brockhaus von 1896 meint, Ehrfurcht sei

der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit.

Nun wurde die NRW-Landesverfassung 1950 beschlossen, da sprach man generell etwas pathetischer (wobei Achtung vor der Menschenwürde und Bereitschaft zum sozialen Handeln Erziehungsziele sind, die man nicht besser formulieren kann). Dennoch darf man fragen, ob es zeitgemäß ist, Schülern – zumindest absichtsweise – Ehrfurcht vor irgendetwas beizubringen, zumal vor Gott, und das noch als eines der wichtigsten Ziele. Schule sollte weder Furcht noch Ehrfurcht vermitteln, sondern Wissen, soziales Handeln und Respekt vor Differentem. Davon abgesehen sind schätzungsweise die Hälfte aller Schüler nicht einmal mehr christlichen Glaubens. Wenn schon, dann sollte man den Artikel 7 um Allah, Buddha, den Dalai Lama und Tom Cruise ergänzen.

Die Trennung von Staat und Kirche hat in Deutschland nie stattgefunden, das sieht man bei der Kirchensteuer, den Rundfunkräten, den kirchlichen Krankenhäusern, dem Religionsunterricht und der NRW-Landesverfassung.

Die Linkspartei in NRW will den Ehrfurcht-Passus übrigens aus der Verfassung streichen. Aber die sind ja eh radikal.

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Ganz schlimmer Linksextremismus

13. November 2009 · 14 Kommentare

Deutschland ist nach links gerückt. Diese Meinung vertreten viele, darunter solch luzide Fachleute wie der emeritierte Politikprofessor und Barrikadenkämpfer Arnulf Baring.

Ein kleines Beispiel für die Absurdität dieser These lieferte der Deutschlandfunk heute Morgen in einem Interview mit Oskar Lafontaine. Die Moderatorin (Name ist mir entfallen) fragte, wie die Linkspartei denn koalitionsfähig werden wolle, wenn der Landesverband Nordrhein-Westfalen „linksextreme“ Forderungen vertrete. Was fordert der Landesverband NRW? Die Moderatorin nannte drei Beispiele:

  • „Vergesellschaftung“ der Energiekonzerne
  • Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen
  • Recht auf Rausch

Das also ist linksextrem. Mit dieser Perspektive gewinnt man interessante Einsichten. Wäre eine Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung von Energiekonzernen linksextrem, hätte die Regierung Kohl bis Mitte der Neunziger Jahre linksextreme Politik gemacht. Frankreich und die USA wären linksextrem, weil staatlicher Religionsunterricht dort verboten ist; in Deutschland ist das Grundgesetz offenbar nahe dran am Linksextremismus, erklärt es doch die Trennung von Kirche und Staat.  „Recht auf Rausch“ ist in den Niederlanden seit Jahrzehnten Praxis. Die sind nun auch linksextrem.

So geht das. Politische Forderungen, die ihre Berechtigung haben und inhaltlich diskutiert werden könnten, werden kurzerhand in die extremistische Ecke abgeschoben, auf dass nur niemand auf die Idee kommt, mit diesen Extremisten zu koalieren.

Wie sieht es denn nun aus mit der Verschiebung des politischen Koordinatensystems? Links ist heute, eine Erhöhung der ALG-II-Sätze zu fordern. Linksextrem ist es wahrscheinlich, die Abschaffung von Hartz IV auf der Agenda zu haben.

1968 hätte man sich nicht so lumpen lassen. Da wurde kurzerhand die Enteignung von Springer gefordert. Ob das nun als links oder linksextrem galt, war diesen Barrikadenkämpfern wurscht. Was die DLF-Moderatorin wohl dazu gesagt hätte?

Update, 12.10 Uhr: Ich habe jetzt das Interview auf dradio.de nachgelesen (was heute morgen noch nicht verfügbar war). Die Moderatorin heißt Silvia Engels und hat nicht von „linksextrem“ gesprochen, sondern von „radikal“. Kommt aufs selbe raus, weil hier das „linksradikal“ intendiert ist. Da war ich wohl heute Morgen um viertel nach sieben noch nicht ganz wach.)

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Anmerkung zu einem pervertierten Freiheitsbegriff

12. November 2009 · 1 Kommentar

Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski über die Rolle der Russen am 9. November 1989. Die Frage des Zeit-Redakteurs lautete, ob Schabowski Sorge hatte, „dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?“

Schabowskis Antwort:

„Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen.“

Schön, dass Schabowski das gerade rückt. Im Mauerfalltaumel der letzten Tage ging das unter. Gorbatschow hatte die Liberalisierung schon Jahre zuvor vorgegeben, Polen war gefolgt, Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Die Demonstrationen der Ostdeutschen, vor allem am 4. November, waren sicher die Voraussetzung der Maueröffnung ein paar Tage später, und den Mut dieser Leute will ich keinesfalls kleinreden, aber die strukturellen Grundlagen wurden anderswo gelegt. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil man sonst auf die Idee kommen könnte, die Deutschen hätten 1989 zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Revolution erfolgreich und ohne fremde Hilfe auf die Reihe bekommen. Es war natürlich nicht so.

Überhaupt: Dass jetzt ständig von der „Freiheitsliebe“ der DDR-Bürger geredet wird, ist nur möglich, weil der Freiheitsbegriff in kapitalistischen Gesellschaften pervertiert ist. Eigentlich geht es doch nur darum, sich den neuesten Plasma-Fernseher ohne Wartezeit holen zu können. Anderes Beispiel: Die Bundesfinanzaufsicht BaFin erklärte im Sommer 2009, dass sie schon ein Jahr zuvor über die katastrophale Schieflage bei der Hypo Real Estate Bescheid gewusst hatte. Warum sie nicht eingegriffen haben? Weil ein „direkter Eingriff in das Geschäftsmodell kaum vereinbar mit der unternehmerischen Freiheit“ gewesen wäre, wie eine Mitarbeiterin offenherzig angab.

Tja, da war also die Freiheit des Unternehmers bedroht. Das darf natürlich nicht sein, auch wenn die Folgen für den Staatshaushalt eine Belastung von einhundert Milliarden Euro oder mehr bedeuten.

Dieser pervertierte Freiheitsbegriff zeigte sich nach dem 9. November ja auch recht schnell. Die Montagsdemos fanden weiter statt, doch es ging plötzlich nicht mehr so sehr um Freiheit, sondern um Plasma-Fernseher. Die Parolen lauteten nun

„Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“

Immerhin ehrlich. Wobei man sich fragen kann, ob das nicht ein wenig dreist war. Was hätte man eigentlich gesagt, hätten die Bewohner irgendeines anderen fremden Landes so unverhohlen mit einer Invasion gedroht?

Mittlerweile schwant vielen Ossis, dass das mit der Freiheit doch nicht ganz so einfach ist und dass sie seinerzeit von Kohl verarscht wurden. Zu spät.

Ein paar andere gab es aber auch. Das Bild zeigt eine Demonstration am 19. Dezember 1989 in Berlin gegen die Wiedervereinigung. Diese Leute sind vergessen, obwohl sie – das kann man aus der zeitlichen Distanz nun sagen – wesentlich mehr Durchblick hatten als die Plasmafernseherheinis.

Bild 183-1989-1219-036(Foto: Bundesarchiv)

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Attac warnt vor weißen Kragen und abweichenden Meinungen

9. November 2009 · 2 Kommentare

Politik ist interessant. Politische Menschen hingegen sind mir oft suspekt (ich mir selbst auch).

Jüngstes Beispiel, das meine Befürchtungen besätigt, ist Alexis Passadakis (Foto), ein hohes Tier bei Attac. Die Süddeutsche Zeitung hat ihn interviewt, herausgekommen sind eine Menge vernünftiger, aber erwartbarer Antworten (Vermögenssteuer notwendig, Umverteilung von oben nach unten ebenso etc.) und ansonsten ein erschreckendes Kingergartenverhalten.

So sagt Passadakis über mögliche Mitbewohner einer WG:

„Ich lege Wert darauf, dass sie dieselben politischen Einstellungen haben.“

Mit Menschen unterschiedlicher politischer Einstellung kann man also nicht unter einem Dach leben. Diskutieren? Bitte nur mit denen, die meiner Meinung sind. Vegetarier müssen sie übrigens auch sein, die Mitbewohner.

Noch kruder sind seine Ansichten über Frauen. Der wesentliche Aspekt einer Partnerschaft ist offenbar, dass die Frau die gleiche politische Einstellung hat:

„Eine Frau mit anderer politischer Meinung kommt nicht mehr in Frage“.

Er hat ja auch üble Erfahrungen gemacht mit Frauen, der Passadakis. Eine war gar „Richtung Mainstream SPD oder FDP“, da ging gar nix:

„Es fängt damit an, welche Kleidung man bei bestimmten Anlässen trägt. Wir waren in der Oper, bei Fidelio. Die Frau wollte chic hingehen. Ich gehe zur Oper, wie ich an dem Tag eben gerade angezogen bin. Jeans und T-Shirt. Das fand sie nicht gut. Und dann haben wir uns noch über das Stück gestritten.“

Mal abgesehen davon, dass man sich da irgendwie einigen können sollte, zeigt Passadakis hier ein typisches Manko der deutschen Linken: Schick anziehen, so finden sie, tun sich nur böse Kapitalisten. Und da man mit denen nicht verwechselt werden will, läuft man halt ständig vergammelt rum. Ist ja auch egal, es zählen nämlich die inneren Werte.

Diese pubertäre Haltung haben weite Teile der Linken nie ablegen können, wozu man bei pubertären Haltung aber grundsätzlich bereit sein sollte, früher oder später, zumindest, wenn man die Pubertät hinter sich lassen will. Kleidung ist natürlich Ausdruck einer inneren Haltung, die man nach außen trägt. Warum tut man so, als gebe es keine feierlichen Anlässe? Warum kann man sich bei einem besonderen Anlass kein gut sitzendes und gut gebügeltes Hemd anziehen? Ist das schon duckmäuserisch gegenüber dem Kapital? Wird man bereits Kapitalist, wenn man das T-Shirt mal nicht anzieht? Ist ein Kragen Verrat an der Arbeiterklasse? Oder spricht es vielmehr für fehlendes Selbstbewusstsein, nicht nur im Sinne von Bewusstsein von sich selbst? Was, bitteschön, ist gegen ein gut genähtes und stofflich hochwertiges Hemd einzuwenden? Was ist gegen ein Fest einzuwenden, bei dem man sich gut anzieht? Warum sieht man eine besondere Kleidung nicht auch als Ausdruck von Respekt anderen gegenüber? Und es muss ja nicht einmal ein schickes Hemd sein. Wer Wert darauf legt, in der Oper genau das zu tragen, was man den ganzen schwitzenden Tag schon anhatte, der normiert mit einer Freiwilligkeit sein eigenes Verhalten und sanktioniert diejenigen, die das T-Shirt einwechseln, und sei es auch nur gegen ein frisches.

Es ist in der Tat eine typisch deutsche Haltung. Auf den kommunistischen Feste del Unitá im Italien der 1990er Jahre traten selbstverständlich auch Popsänger auf, gerne fast schon im Schlagermilieu angesiedelt, schick angezogen und von jeder politischen Aussage auf der Bühne weit entfernt. Die Leute kamen zu Hunderttausenden mit Oma und Kind und haben es genossen, ganz nahe der These, dass es eh kein richtiges Leben gibt im Falschen, also was soll´s. (Der Philosoph Robert Pfaller beschreibt dieses Phänomen sehr lesenswert.)

Gibt es überhaupt Kulturen auf der Welt, die keinen Unterschied machen zwischen Alltagskleidung und Festkleidung? Die deutsche Linke wenigstens einmal als historische Avantgarde, das verbeulte T-Shirt als zeitgenössischer Mao-Anzug. Es wäre einem italienischen Linken (und jedem, der in einer Kultur des Respekts zuhause ist) peinlich, mit einem schlecht sitzenden Hemd in die Öffentlichkeitzu gehen. Passadakis wäre es wahrscheinlich peinlich, würde dem kapitalistischen Sitznachbarn in der Oper nicht wenigstens ein Essensfleck auf seinem T-Shirt auffallen, natürlich vegetarisch.

Dann findet er es noch schlimm, dass er zu einem Aktivistentreffen auf die Insel Lesbos geflogen ist, statt mit dem Zug zu fahren. Der Mann ist übrigens nicht 13, sondern 31 Jahre alt.

Nur, falls jemand meint, ich hätte etwas gegen Attac: Ich bin dort selbst seit vielen Jahren Mitglied.

(Foto: Indimedia)

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Toll: Deutsche demnächst noch freier

6. November 2009 · 2 Kommentare

Die kleinen Meldungen sind meist die aufschlussreichsten.

So berichtete die Frankfurter Rundschau vor ein paar Tagen, dass die geplante ICE-Trasse von Frankfurt nach Mannheim in möglichst großem Abstand zur Autobahn A 5 gebaut werden soll, „damit diese in Zukunft eventuell noch zehnspurig ausgebaut werden kann“. Gemeint ist der Abschnitt von Frankfurt nach Darmstadt, der momentan achtspurig ausgebaut ist, also vier Spuren pro Richtung.

Das ist also noch nicht genug. Man könnte meinen, die Diskussionen um Peak Oil und End Oil und Klimaerwärmung und Versiegelung und Lärmbelästigung und hohe Energiepreise undundund seien rein theoretische Diskurse von Fachleuten. Andererseits stehen diese Themen mittlerweile in den Schullehrplänen. Demnächst also zehnspurig nach Frankfurt oder nach Darmstadt, wobei man dann testen kann, ob die eigene Karre vielleicht auch Tempo 250 schafft, so wie der ICE nebenan. Platz genug ist ja vorhanden. Und wenn nicht, bauen wir halt eine sechste bzw. zwölfte Spur dazu.

Es ist das Denken der 1960er Jahre, das sich hier fortpflanzt. Wobei eben nur zum Teil: Die gesellschaftlichen Utopien, die architektonischen neuen Wege, neue Formen des Zusammenlebens, kritisches Denken über Gesellschaft und sich selbst, Tabuverletzungen in einem vermittelbaren, politischen Sinn, überhaupt alles mutig nach vorne gedachte, ohne an die Möglichkeit der Realisierung zu denken, sind heute verpönt. Das emanzipatorische Moment wird vernachlässigt und nur noch auf das gestarrt, was man Globalisierung nennt. Der einzige Bereich, in dem sich dieses grenzenlos opitimistische Fortschrittsdenken gehalten hat, ist genau der, der schon am frühesten seine problematische Kehrseite präsentierte: Die automobile Massenmotorisierung.

Genau da ändert sich nichts. Ich persönlich habe überhaupt nix gegen Autos und fahre gerne umher. Aber verkehrspolitisch sollte man da vielleicht doch nicht mehr so naiv rangehen. Passend dazu, dass die Verkehrsminister meist wie Marionetten daherkommen und wahrscheinlich auch welche sind. Und gleichzeitig als Bauminister fungieren. Der baut nun also zeitgleich die zehnte Autobahnspur und das Berliner Schloss. Mit Vollgas in die Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, als konserviere man aus der Vergangenheit treffsicher das, was zur Konservierung am wenigsten lohnt.

Das Phänomen der individuellen Freiheit via Auto ist nicht angreifbar. Freie Fahrt für freie Bürger, demnächst noch ein bisschen freier.

A5Langen(Foto: Wikipedia)

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Der „Spiegelfechter“ zur geistig-moralischen Wende, die zweite

3. November 2009 · 2 Kommentare

Ein lesenswerter Artikel vom Spiegelfechter über die neue geistig-moralische Wende. Nichts wirklich neues, aber das Grauen in Deutschland wird gut auf den Punkt gebracht.

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Sloterdijk: Der Pitbull, der nur spielen will

2. November 2009 · 3 Kommentare

Zu der Sloterdijk-Honneth-Debatte erschien vor ein paar Tagen in der Berliner Zeitung ein angenehmer Beitrag von Dirk Pilz, der die Chose auf einen politischen Punkt bringt: Die Sloterdijkschen Ausführungen seien

„letztlich eine Aufforderung zum politischen Umsturz. Wehe uns, wenn sie gehört wird.“

Ergänzen sollte man, dass es ein rechter politischer Umsturz wäre. „Klassenkampf von oben“ nennt das Honneth. Um genau diesen politischen Gehalt geht es, denn das philosophische Niveau der Debatte ist ja überschaubar. Sloterdijks Merkmale werden von Peitz noch einmal komprimiert dargestellt: Eine verquaste, umständliche Schreibe, das Erfinden „abstruser Thesen“, seine Fixiertheit auf die Kritische Theorie und deren Verteter (mittels dessen er überhaupt erst seinen Bekanntheitsgrad erreichte), und sein Sozialdarwinismus, dessen Ursprünge man psychologisch suchen sollte.

Auf diese Punkte möchte ich kurz zu sprechen kommen.

Die Gemengelage führt dazu, dass Sloterdijks Thesen kaum einmal als das bezeichnet werden, was sie sind: Bullshit. Das ganze ist intellektuell so unterbelichtet, dass man paradoxerweise kaum die Energie aufbringen kann, es zu widerlegen: es ist doch offensichtlich. Die Reichen sollen mittels eines Steuerboykotts einen Bürgerkrieg von oben beginnen. Wenn sie Lust haben, zahlen sie einen Obulus, wenn nicht, dann nicht. Das macht also eine Gesellschaft freier Bürger aus. So eine Art radikalisierte Reaganomics. Sloterdijk und Co. fordern, dass der Staat den Gestrauchelten  in der Gosse liegen lässt, bis ein Reicher vorbeikommt, der gerade gute Laune hat und hilft. Natürlich ist das alles nur ein „Denkspiel“. So wie der Pitbull, der nur spielen will.

Alle zur Verfügung stehenden Zahlen belegen das finanzielle Auseinanderlaufen der Gesellschaft, die verwehrten Aufstiegschancen; wer es wissen will, weiß es und auch um die kapitalistische Logik, die dahintersteht. Wie man in dieser Situation einfach das Gegenteil behaupten und eine Verschärfung der Situation fordern kann, erschließt sich nicht mehr auf einer sachbezogenen Ebene, sondern ist wohl, wie gesagt, eher psychologisch zu erklären.

Dazu fällt mir ein: Sloterdijk und Bohrer, Henkel, Miegel, Sinn und die anderen Verdächtigen haben wahrscheinlich eine langentwickelte Abneigung gegen alle, die nichts in ihrem Sinn Herausragendes leisten. Also kein Unternehmen gründen, kein Millionärserbe antreten, nicht über ein sechsstelliges Jahreseinkommen verfügen, nicht einmal den Unterschichtlern hin und wieder verbal die Fresse polieren. Bei der Lektüre von Meinhard Miegels ebenfalls sozialdarwinistisch gelagertem Bestseller „Die deformierte Gesellschaft“ vor einigen Jahren hatte ich einen ähnlichen Eindruck. Diese Leute engen den Begriff des Menschseins auf einen ökonomischen ein. Dazu kommt das typisch deutsche Fabulieren vom ewigen Kampf, dass man der Beste sein müsse oder eben gar nicht. Dass es  eine Freude darstellen kann, sich mit einem Bier in die Sonne zu setzen, ist nicht begreiflich. Deshalb muss gegen die vorgegangen werden.

Pikant ist daran noch zweierlei: Zum einen, dass sich die biertrinkende Unterschicht ja gerade in einem kapitalistischen Sinn vorbildlich verhält. Die besetzen keine Arbeitsplätze (wenn sie vom Amt nicht dazu gewzungen werden), sondern verballern ihr gesamtes Einkommen im Konsum. Zufriedene Verbraucher, die nichts produzieren, was wiederum zusätzlicher Konsumenten bedürfte. Was will das System eigentlich mehr? Doch diejenigen, die sich der fortgeschrittenen Systemlogik am besten anpassen, werden von denen am meisten gehasst, die für diese Logik verantwortlich sind und deren exzessiv produktivesVerhalten das System am schnellsten kollaborieren lässt. Zum anderen der Gedanke, auf den mich der Bloggerkollege Momoroulez in einem Kommentar zu diesem Beitrag gebracht hat: Der Neokonservatismus ist eine Form des Leninismus, was das Elitedenken angeht. Während im Original die Arbeiter von einer Elite diktatorisch in die Revolution geführt werden sollten, übernimmt die Elite bei den anderen lediglich die Funktion, sich vom Rest abzusetzen – finanziell und sozial, und geographisch vielleicht irgendwann auch.

Lechts und Rinks kann man hier tatsächlich leicht verwechslern.

Alle wichtigen Texte zu der Debatte findet man übrigens bei den Nachdenkseiten.

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„… nur einen Weg gibt, diese Übel loszuwerden“

1. November 2009 · 3 Kommentare

Na, wer hat´s gesagt?

„Technologischer Fortschritt führt häufig zu mehr Arbeitslosigkeit statt zu einem Milderung der Last der Arbeit für alle. Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten für Instabilität in der Akkumulation und Verwendung des Kapitals verantwortlich, und dies bedeutet zunehmende Depressionen. Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit und zur Lähmung des sozialen Bewusstseins von Individuen.

Diese Lähmung des Individuums halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.

Ich bin davon überzeugt, dass es nur einen Weg gibt, diese Übel loszuwerden, nämlich die Errichtung eines sozialistischen Wirtschaftssystems, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielen orientiert.“

Bestimmt irgendsoein Gewerkschaftsfritze, oder einer von der Linkspartei.

Falsch. Es war Albert Einstein in dem Essay „Warum Sozialismus?“.

Scheint so, als sei der Mann nicht nur in physikalischen Dingen seiner Zeit voraus gewesen.

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Kein Zufall 2 (Vorstadt)

31. Oktober 2009 · 3 Kommentare

(Fotos: genova)

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Kein Zufall 1 (Landschaft)

30. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

IMG_2769(Foto: genova)

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