Neoliberale Nicklichkeiten II: Carlo Ratti und die soziale Frage

Carlo Ratti (*1971) ist ein italienischer Architekt und er scheint wichtig zu sein. Laut wikipedia wurde er von Forbes als einer der “wichtigsten Namen des Jahres” genannt (“Names you need to know”). Er stellte schon auf der Biennale in Venedig aus, berät italienische Regierungen in Sachen Design, lehrt am MIT undundund.

Jetzt hat er in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Die Presse für “Open-Source-Architektur” und “sensible Städte” plädiert. Man müsse sich mehr auf die Menschen konzentrieren, die in den Städten leben, die Zeiten von Corbusier und Plan Voisin, von oben installiert, seien vorbei. Menschen sollten ihre Umgebung “von unten” bauen und “selbst gestalten” mittels Open-Source-Software, die jeder benutzen kann. Architekten sind dann “Dirigenten, die das Zusammenspiel koordinieren. Wohnen ist für ihn gar ein “kritisches Thema”.

Hört sich gut an.

Dann wird Ratti ganz konkret gefragt, wie er sich das vorstellt. Antwort:

Ich denke, eine Stadt muss sensibel sein. Wenn wir über Städte reden, meinen wir eigentlich die Menschen, die dort leben. Denn Städte sind dafür da, ein besseres Zusammenleben zu schaffen. Sie müssen smarten Leuten ermöglichen, sich zu begegnen und in Kontakt zu treten – zum Beispiel über W-Lan.

Man könnte ja der Meinung sein, dass gerade Städte die Möglichkeit von Face-to-Face-Gesprächen bieten, deren Existenz auch von Architekten abhängt, dem ist aber wohl nicht so. Virtuell mit dem Nachbarn ist offenbar die Zukunft. Mehr als W-Lan kommt von Ratti nicht.

Dann wird es noch konkreter:

Thema: Wohnen. In keinem anderen Euroland haben sich Wohnungen seit 2007 so stark verteuert wie in Österreich. Die Preise kletterten um 39 Prozent. Soll die Politik eingreifen?
Wohnen ist nicht nur in Österreich, sondern weltweit ein sehr kritisches Thema. Ich bin gegen groß angelegte Initiativen seitens der Regierungen. Vielmehr müssten die Politiker den Menschen helfen, sich selbst zu helfen.

Wie könnte das aussehen?
Wir haben in allen größeren Städten Wifi. Das ist nicht nur praktisch, sondern macht flexibel. Ein Büro kann plötzlich überall sein, wenn wir es verstehen, die Umgebung richtig für uns zu nutzen. Ein Beispiel: Ich habe Freunde in New York. Sie leben dort in einer kleinen Wohnung. Brauchen sie Platz, um zu arbeiten, gehen sie zu Starbucks. Sie nutzen diesen Raum für sich. Ein anderes Beispiel wäre der Online-Marktplatz Airbnb. Leute vermieten Räume, die ansonsten leer stehen würden.

Atemberaubend. Gegen steigende Preise soll nicht das Gemeinwesen helfen, sondern Wifi, denn so wird man flexibel. Wie genau? Wird die Miete zu teuer, setzt man sich einfach in eine Starbucks-Filiale und vermietet die eigene Bude via Airbnb unter. Die würde sonst leerstehen, denn man sitzt ja bei Starbucks. Wie hat die Politik nun geholfen? Offenbar, indem sie gerade nichts gegen steigende Mieten macht. Gäbe es die nicht, würde man nicht bei Starbucks sitzen.  Oder die Politik hilft, indem sie neue Starbucks-Filialen zügiger als bislang genehmigt.

Es kann so einfach sein: Werden wir via hohe Mieten vertrieben, gehen wir zu Starbucks. Wird der Kaffee auch dort zu teuer, setzen wir uns mit unserem smarten Gerätchen auf eine Wiese, zumindest, solange das noch nichts kostet. Ein Büro kann schließlich überall sein.

Mehr zum Thema kommt in dem Interview nicht und die interviewende Redakteurin Hellin Sapinski (*1989) ist mit den Antworten zufrieden.

Es treffen hier zwei typische Exemplare des Zeitgeistes aufeinander. Ein Architekt, der vor allem aufmerksamkeitsökonomisch ein Fachmann ist, der mit völlig sinnlosem neoliberalem Geplapper auf sich aufmerksam macht. Er macht irgendwas mit Design und berät. Vemutlich hat er die Beraterjobs, gerade weil er gut geschmiert ist in dem Sinn, dass er die richtigen Akzente aus der Perspektive der Herrschaft setzt, die richtigen Begriffe; das wording stimmt und der flow auch und der Leser kann sich wohlfühlen, wenn jemand etwas von Basisdemokratie erzählt. Dass es sich dann nur um W-Lan und Starbucks handelt, ist egal, denn diese Begriffe sind positiv besetzt und wir haben darüber gesprochen. Genauer: Wir haben die Begriffe erwähnt, das reicht. Das muss reichen, denn jedes weitere Wort dazu würde das dünne Begründungsgebäude von Ratti zum Einsturz bringen. Design als reines Oberflächenphänomen. Ratti ist vermutlich nicht direkt korrumpierbar, weil er Teil dieses Neusprechs ist.

Das andere Exemplar ist die bewusstlose Journalistin, gut aussehend, aber eben auch nur gut aussehend. Sie lässt Ratti die sinnfreien Antworten durchgehen und merkt das vermutlich nicht einmal.

Gut möglich, dass die Rattis dieser Welt wichtige Personen sind, deren Namen man sich merken muss bzw. das auch leicht kann, weil sie überall auftreten, im Gespräch sind. Sie sind die Garantien für die weitere problemlose Kapitalverwurstung, die jedes Gegenargument aufnimmt und eliminiert. Hohe Mieten? Natürlich nicht gut, sprechen wir an. Architektur von oben? Nö, wir sind doch alle aufgeklärt, kritisch, bewusst und voller Ideen.

Kritisch, smart und sensibel. Ratti als hervorragendes Beispiel für postmoderne Verwirrung, in der keine Maßstäbe der Kritik mehr vorhanden sind. Es geht voran.

003(Foto: genova 2014)

Wowereit und die Domestizierung der Linkspartei

Ein Nebenaspekt auf die vergangenen 13 Jahre des baldigen Ex-Chefs von Berlin, Klaus Wowereit, verfasst von Peter Nowak auf telepolis:

Außerparlamentarische Proteste wurden mittels Bannmeile vom Oberdeck ferngehalten und die Berliner PDS, die in den 90er Jahren noch ein gewisses Oppositionspotential hatte, wurde von Wowereit domestiziert, in dem er sie 2001 zum Koalitionspartner nahm und über ein Jahrzehnt als zahmen Regierungspartner hielt. Heute ist die Berliner Linkspartei eine etwas geliftete SPD mit libertärem Flügel. Grundsätzliche Gesellschaftskritik ist von dort nicht zu erwarten.

Mit der PDS konnte Wowereit eine neoliberale Wirtschaftspolitik auf allen Gebieten durchsetzen. Der soziale Wohnungsbau wurde in dieser Ägide praktisch abgeschafft, die Kommunalen Wohnungsbaugesellschaften privatisiert und so der Grundstein für die Berliner Wohnungsmisere für Menschen mit geringen Einkommen gelegt.

Wowereit, angeblich Vertreter des linken Flügels der SPD (ein Widerspruch in sich), domestizierte die Linkspartei in Berlin zur neoliberalen Vorzimmerkrähe, die ihrem Chef kein Auge aushackt. Man will dazugehören.

165(Foto: genova 2013)

Den launigen V. zum klingen bringen

Qualitätsjournalismus at it´s best. Der Spiegel über die aktuellen Befindlichkeiten des “Verbrauchers” (V.):

Die zahlreichen internationalen Konflikte schlagen sich auf die Verbraucherlaune nieder. Der Konsumklimaindex des Gfk-Instituts ist so stark gefallen wie seit drei Jahren nicht…

Verbraucher in Deutschland treibt zunehmend die Sorgen um einen Einbruch der Konjunktur um…

Die Bürger treibt vor allem die Furcht um, dass die Wirtschaft unter den internationalen Krisen leidet. “Die Verbraucher gehen davon aus, dass die Konjunktur mindestens einen Gang zurückschalten dürfte”, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl…

Nun sorgen laut GfK die Eskalation der Situation im Irak, in Israel, der Ukraine sowie die Sanktionsspirale mit Russland für Verunsicherung: “Das hat die bislang überaus optimistischen Konjunkturaussichten der Bundesbürger negativ beeinflusst.” Sie beziehen die verschärfte geopolitische Lage stärker in ihre Beurteilung ein, wie die heimische Konjunktur laufen wird.

Der entsprechende Indikator für die “Konjunkturerwartung” verliert 35,5 Punkte und sackt auf 10,4 Zähler ab. Einen solchen Einbruch gab es laut GfK seit Beginn der Verbraucherumfrage 1980 noch nicht. Die Sorge beeinträchtige allerdings nur bedingt die Bereitschaft der Verbraucher, teure Güter wie Möbel oder Autos zu kaufen.

Die V.laune ist im Keller. Kriege rauf, Laune runter. Gottseidank erfahren wir im letzten Absatz auch, dass der V. trotz aller Krisen weiterhin Autos und andere teure Güter kaufen wird. Was kauft er derzeit nicht? Billige Güter? Butter? Brot? Flipflops? Wird der V. dadurch dünner? Und bekommt einen schlanken Fuß?

Wer ist eigentlich dieser V? Das, was man früher Bürger nannte? Oder sind das nur die Bürger, die konsumieren? Je mehr, desto verbrauchiger? Und wie läuft das konkret? Der V. schaut TV, sieht die Ukraine und Gaza und eine IS-Enthauptung und bekommt eine Magenverstimmung und sagt den Supermarktbesuch ab? Oder beschließt, den Kauf der nächsten Haribotüte noch um ein, zwei Tage hinauszuschieben? Bis die Kinder quengeln?

Der V. hat Furcht, lesen wir. Furcht, dass die Toten in Gaza und im Donbass die Konjunktur zwingen werden, herunterzuschalten. Ganz konkret: einen Gang. Da es in der jüngsten Vergangenheit ja ganz toll lief mit der Wirtschaft, hatten wir vermutlich den fünften Gang eingelegt. Nun wird in den vierten zurückgeschaltet. Bislang waren die V. überaus optimistisch, also echt gut drauf. Nun haben sie nicht nur Angst, sondern Furcht. Sie sind  überaus pessimistisch, wälzen sich nachts und schlafen schlecht. Sie wachen morgens um drei schweißgebadet auf und fragen sich, wo die Konjunktur nächste Woche hinschalten wird.

Wer ist diese Gesellschaft für Konsumforschung? Ein Marktforschungsinstitut, das 1934 gegründet wurde, um, Achtung, “die Stimme des V. zum Klingen zu bringen”, so heißt es in der Präambel. Die GfK versteht sich ” primär als Vereinigung zur Mehrung des für die Erforschung und Bearbeitung weltweiter Märkte relevanten Grundlagenwissens.” Außerdem betreibt die GfK an der Uni Nürnberg einen Stiftungslehrstuhl für “Marketing Intelligence”. Wow. Und sie will “innovative Forschungsmethoden in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen entwickeln”.

Durch die innovative Forschung entstand vermutlich erst der V.

Tolle Sache. Der V. klingt, was das Zeug hält. Das mit dem Grundlagenwissen haben ich noch nicht ganz verstanden, aber so ist das halt mit der Grundlagenforschung. Man weiß immer erst hinterher, ob es zu etwas nutzt. Vielleicht sind die Grundlagen die Toten im Donbass und im Gaza, durch die die V. in D. den Appetit verlieren.

Es ist diese Perfidie, Menschen auf angebliches Verhalten im Supermarkt zu reduzieren. Sie sind das Volk, aber nur bei netto. Sie würden ja gerne zugreifen, doch, ach, die Kriege auf der Welt! Ich stelle mir den durchschnittlichen V. vor, wie er stundenlang in Bibliotheken sitzt und über die verschärfte geopolitische Lage und ihre Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur forscht und sich fürchtet wie seit 1980 nicht mehr und dann schweren Herzens beschließt, die Butter im Kühlregal liegen zu lassen. Es wäre angesichts der konjunkturellen Probleme verantwortungslos, sich nicht selbst die Butter vom Brot zu streichen.

Lustig ist auch, dass die V.laune sinkt, weil der V. erwartet, dass die Konjunktur – ja, was denn? – nicht mehr rund läuft (um im Jargon von GfK und Spiegel zu bleiben). Selbsterfüllende Prophezeiung. Vielleicht sollte jemand den V. sagen, dass sie einfach mehr verbrauchen sollen, dann läuft auch alles rund, Krieg hin, Krieg her. Die jetzt Toten im Donbass haben vermutlich eh noch nie besonders viel aus Deutschland gekauft. Die Gaza-Toten auch nicht.

Außerdem: Verbraucht der V. nicht, ist er erledigt. Er existiert dann nicht mehr. Es geht hier nicht nur um ein halbes Pfund Butter mehr oder weniger. Der V. ist dann so tot wie die Leute im Donbass und in Gaza. Die haben vermutlich auch zu wenig verbraucht. Sie sollten dem deutschen V. eine Warnung sein. Die Grundlagenforscher wissen sicher näheres.

Der V. soll sich nicht so anstellen, meine ich. Einfach Fernseher aus- und die Kauflaune wieder einschalten.

Fürchtet euch nicht, liebe V. Klingt lieber mehr.

142 - Kopie - Kopie

142 - Kopie

142 - Kopie - Kopie (2) - Kopie(Fotos: genova 2014)

o.T. 202

Eine skurrile Gestaltung des öffentlichen Raums irgendwo in Brandenburg. Die sechs Lampen sehen nicht nur fragil aus, sie sind es auch. Die gläsernen Kugeln fallen schon bei sachter Berührung vom Sockel. Vermutlich entspricht die auf dem Foto wahrnehmbare Platznutzung dem langjährigen Durchschnitt. Die ganze Anlage ist eine Skulptur – berühren verboten.

034 - Kopie(Foto: genova 2014)

Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Wien Standard

Die Architekten von Superblock haben in Wien in der Innenstadt, 2. Bezirk, ein Wohnhaus in einem großen Neubauareal gebaut. Die Bilder lassen einen Berliner an Luxuswohnungen für 20 Euro nettokalt aufwärts denken. Drunter wird in Berlin nicht mehr gebaut.

10

2

In Wien ist das offenbar anders. Dort wird dieses Gebäude mit innovativen, Maisonette-Wohnungsgrund- und aufrissen, mit einem Café im Erdgeschoß und einer gemeinschaftlichen Dachterrasse in einer Gegend geplant, deren Boden die Stadt wahrscheinlich für ein Vielfaches verkaufen könnte. Die Stadt Wien könnte sich also so asozial verhalten, wie es die Stadt Berlin seit den 1990-er Jahren tut. Tut sie aber nicht.

Unbenannt-1 Kopie

Statdessen kostet an der Donau eine Wohnung mit 60 Quadratmeter 480 Euro inklusive Nebenkosten plus Strom und Gas – bei normalem Einkommen, womit man warm bei maximal 550 Euro landet. Niedrige Einkommen kriegen Wohngeld.

4

5

3

6

Dazu kommt:

Die äußere Gestaltung des Hauses ist geprägt durch tiefe Balkone und pinkfarbene Einschnitte. Diese verweisen auch auf das eigentliche identitätsstiftende Element des Gebäudes, das sich erst im Inneren eröffnet. Hier erwartet die Bewohner nämlich eine Art pinker Canyon, ein vertikal durchgehender Erschließungsraum, der das gesamte Haus als eine Einheit erfahrbar macht.

9

11

Die soziale Finanzierung im Wohnungsbau hat in Wien Tradition. Im roten Wien der 1920er Jahre legte man die maximalen Mieten so niedrig, dass sich der privatinvestierte Wohnungsbau nicht mehr lohnte – daraufhin fielen die Bodenpreise. Nun griff die Stadt zu und vergrößerte ihre kommunalen Bodenflächen um das zehnfache. Dazu kamen eine Wohnbausteuer – je luxuiöser, desto höher fiel sie aus – und Luxussteuern. Die Wohnbausteuer war teilweise eine De-Facto-Enteignung von Hausbesitzern, was vermutlich eine notwendige Voraussetzung für ein soziales Verhalten in einer Stadt ist. All die genannten neuen Steuern führten dazu, dass sie schon 1927 zu 36 Prozent zum Gesamtsteueraufkommen Wiens beitrugen. Dementsprechend finanzierte sich der Wohnungsbau zu 40 Prozent aus dem städtischen Säckel.

So entstand in Wien massenhaft bezahlbarer Wohnraum, es entstanden die sogenannten Superblocks, und das in einer Zeit, in der die Produktivität verglichen mit heute auf Steinzeitniveau lag. Auch damals ging schon einiges, wenn man wollte. Die rechten österreichischen Regierungen auf nationaler Ebene torpedierten diese soziale Politik, bis sie 1934 aus bekannten Gründen zum Erliegen kam.

In Berlin, obwohl seinerzeit in einer ähnlichen Tradition stehend, ist eine soziale Wohnungsbaupolitik undenkbar: Dort freut sich der Sozialdemokrat Wowereit bekanntlich wegen der steigenden Mieten und wegen der zu vertreibenden Bewohner. Berlin ist, was den Bezug zur kapitalistischen Realität angeht, das Gegenteil seines Rufs: reaktionär, kapitalistisch, regressiv, korrupt. Die vielen Menschen mit Potenzial werden hier medial und propagandistisch verheizt, sonst nichts.

Hier erzählt einem jeder dahergelaufene Baupropagandist, dass man unter zehn Euro nettokalt nicht mehr bauen könne und die Marktgesetze nun mal 20 Euro nötig machten. Oder man verkauft direkt Eigentumswohnungen für 4.500 Euro aufwärts, woraus sie die Mieten erklären. Viele dieser Wohnungen stehen schätzungsweise bis auf ein paar Wochen im Jahr, wo der Besitzer dort abhängt, leer.

Solch tiefe Balkons wie in Wien bekommt man übrigens auch dann nicht. Schlanke Fassaden mit flachen Balkons und Loggien verkaufen sich offenbar besser – das kapitalistische Auge wohnt mit.

P.S.: Überlässt man Wohnen dem Markt, dann sieht es in Wien so aus wie überall:

Wohnen in Wien hat sich in den vergangenen Jahren rasant verteuert. Seit 2007 sind die Mieten um 30,3 Prozent auf durchschnittlich 14,45 Euro pro Quadratmeter angezogen und die Eigentumspreise um 31,1 Prozent auf 3.981 Euro pro Quadratmeter.

Wie es noch besser geht, zeigte schon vor Jahren Salzburg.

(Fotos: baunetz)

o.T. 201

109(Foto: genova 2014)

Schneiden, säbeln, trennen, abtrennen

(Achtung: Hinter dem link verbergen sich brutale Bilder. Kinder und zartbesaitete Menschen werden dringend vor dem Betrachten gewarnt!)

Enthauptungen der ISIS

Kommt immer darauf an, wer säbelt: eine vom Westen beschlagnahmte historische Figur, die weltberühmte, zum Bildungskanon gehörende Maler medial transportierten, oder die Versager aus dem Morgenland.

Schmarotzen in Berlin: “Investoren” auf Einkaufstour

Eine sehenswerte ARD-Dokumentation über die Deformationen, die Menschen in einer kapitalistischen Gesellschaft zugemutet werden, beispielhaft dargestellt am Berliner Wohnungsmarkt, wie man sagt:

Wem gehört die Stadt?

(Der Link zum Film versteckt sich hinter dem Titel.)

Die Hauptrollen spielen: ein norwegischer Investor, der schon 2.000 Berliner Wohnungen besitzt und mehr will; der den Lesern dieses Blogs bekannte Immobilienhai Ziegert; weitere schicke Investoren, wie man diese Leute euphemistisch nennt, und eine preußische Adelige. Auf der anderen Seite eine Familie, die im Namen der deutschen Justiz aus der Wohnung geworfen wird, und andere Mieter, die demnächst nach Marzahn weichen werden.

Der Film stellt naturgemäß nicht die Systemfrage, die zu stellen er die Pflicht hätte. Aber für einen Mainstreamsender in einem kapitalistischen Staat sind die Bilder bemerkenswert. Mieter, die um die nackte Existenz kämpfen und verlieren. Der Wille der Millionäre, Milliardäre werden zu wollen, ist hierzulande mehr Wert. Dazu die unverholene Dummheit der gezeigten Millionäre: Es ist offensichtlich, dass im Kapitalismus genau der reich wird, der auf der faulen Haut liegt und andere für sich arbeiten lässt. So gesehen ist der Immobilienmarkt der perfekte Ort fürs Kapital, um sich auszutoben.

Ein hervorragende Szene zeigt eine italienische Investorin auf der Suche nach Rendite in Friedrichshain (ab 6:40 min). Ein Satzhülse jagt die nächste (“ein interessanter Moment, um in Berlin zu investieren”).

Überhaupt die Sprache: Das Potenzial der Stadt, für Investoren die heißeste Stadt in ganz Europa, it´s a kiez with art everywhere, Gentrifizierung ist die Entwicklung der unterschiedlichen Viertel, Leute kommen und gehen, in Berlin geht diese Entwicklung in die absolut richtige Richtung” undsoweiterundsofort. Ein bewusstloses Geplapper, das kaum noch auffällt, weil wir alle damit umgeben sind. Es scheint, als spürten die Investoren, dass sie Schmarotzer sind, die massenhaft zerstören, um noch mehr Geld zu haben. Das muss via Sprache verkleistert werden. Der Begriff des Investierens passt hier wie die Faust aufs Auge. Wer bei der Müllabfuhr arbeitet, muss eine Leistung erbringen: Mülltonnen anheben, leeren, zurückfahren etc. Wer “investiert”, muss nur dummes Zeug plappern. Es ist ein extrem formaler Akt; die Form ist hier so wichtig, weil der Inhalt pervers ist.

Man könnte am Beispiel der Berliner Altbauten auch den Gegensatz von Tausch- und Gebrauchswert diskutieren. Häuser, die vor mehr als hundert Jahren gebaut wurden und sich schon x-fach amortisiert haben, werden für Millionensummen weiterverkauft. Die herrschende Lehrmeinung stellt so ein Verhalten allen Ernstes als wertschöpfend dar.

Später im Film (51:20 min) kommt noch der Adel ins Spiel, deren Flair die “Kronprinzengärten” aufwertet. Christa Prinzessin von Preußen beehrt die ordinären Investoren und freut sich, dass sie jetzt nicht mehr in Paris und New York weilen muss, sondern “die Deutschen wieder ganz in” sind.

Mein Respekt an die im Film gezeigten Aktivisten in Kreuzberg, die etwas tun. Auch wenn es sinnlos ist. Es fällt auf, was ich kürzlich hier schrieb: Auf der Investorenseite wird ohne Ausnahme objektiv dummes und menschenverachtendes Zeug geplappert; auf der Gegenseite kommen Argumente, die Leute reißen sich den Arsch auf, investieren Zeit.

Es wird naturgemäß die Menschenverachtung siegen. Irgendwie schade, dass hierzulande so wenig Kinder geboren werden. Youth bulge als Lösungsansatz scheidet damit aus.

P.S.: Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sind übrigens genau so asozial wie die privaten Investoren. Oberste Maxime staatlicher Stellen: das Kapital schützen.

(Hier gibt es weitere Informationen zum Film.)

142(Foto: genova 2013)

o.T. 200

331

168 - Kopie

352(Fotos: genova 2012, 2014)

o.T. 199

135 - Kopie(Foto: genova 2014)