Hooligans für den Frieden

Es ist besser als jede Castingshow im TV,  was die neurechte “Friedensbewegung” derzeit bietet. Der Plot ist perfekt, Bollywood dagegen bieder.

Kurzversion: Lars Mährholz, Organisator der Montagsdemos bzw. Mahnwachen, hat schon im Sommer Jürgen Elsässer ins Boot geholt, er sprach mehrfach dort und wurde gefeiert. Der hat nun die Nazi-Hooligans zur nächsten Mahnwache der Friedensbewegung nach Berlin eingeladen – wohlgemerkt nach den Ausschreitungen vom Sonntag in Köln. Termin ist pikanterweise der 9. November. Begründung: Die tun was!

Die Mahnwachenteilnehmer beratschlagen jetzt auf Facebook, ob sie die Nazis tolerieren sollen. Die einen sagen, das könne man nicht machen, die anderen meinen, es sei in Ordnung, wenn sie für den Frieden sind und außerdem dürfe man sich nicht spalten lassen. Und überhaupt müsse jetzt etwas passieren. Anschlussfähig ist natürlich die Vermutung, dass die Hooligan-Demo in Köln ein Inside-Job des Verfassungsschutzes war.

Ein hervorragende Dialektik: Vom vermeintlichen Friedenswunsch zur Plattform für Nazis. Nicht, dass die Entwicklung verwundert, sie war von Beginn an angelegt, aber das Tempo erstaunt. Wir leben halt in einer schnellen Welt, dank Internet und Facebook. Die Forderung der Friedensbewegten, man solle seinen Fernseher abschaffen, weil da nur Müll laufe, stimmt gewissermaßen: Die Montagsdemos sind bessere Unterhaltung als Dieter Bohlen und Co.

Die Klammer der Hetzer und der Verwirrten ist der Frieden. Wer ist schon gegen den Frieden?

Geschichte wiederholt sich. Heinz Rudolf Kunze brachte 1983, auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung, diesen Text:

Ich bin gegen den Frieden.

Ich bin für ungebremste Aufrüstung, nuklearen Showdown und die vollständige Vernichtung der zivilisierten Welt…

So. Vielleicht regt das noch jemanden auf. Für den Frieden sind ja alle, oder zumindest so viele, dass einige darunter sind, mit denen ich ums Verrecken nicht einer Meinung sein kann…

Morgen nennen sie sich Schutz-Staffel und sprechen mir das nach.

Morgen werde ich wieder für den Frieden sein.

Die Schutz-Staffel sind jetzt die Hooligans, drumherum tummelt sich alles von Elsässer über PI bis hin zu weiten Teilen der AfD, die nun Popp und Elsässer zu einem Kongress als Redner eingeladen haben. Alle sind sie für den Frieden. Wer kann da schon nein sagen?

003 (2)(Foto: genova 2012)

Wohnungsbau: in Berlin Luxus, in Nantes Standard

Kürzlich habe ich an dieser Stelle über einen Neubau in Wien berichtet, der architektonisch hervorragende Eigenschaften aufweist und dennoch günstig vermietet wird. In Nantes im Westen Frankreich gibt es etwas ähnliches:

Unbenannt-1 Kopie

(Laëtitia) Antonini + (Tom) Darmon Architectes aus Paris haben den Neungeschoßer realisiert, wie man sagt, mit einem Restaurant und Geschäften im holzvertäfelten und erweiterten EG , ansonsten mit Wohnungen. Die Fassade ist avanciert, aber auch zeitgenössisch mit den vielfältigen Aufbrüchen, Durchlässen, ein bisschen kehrt offenbar der Dekonstruktivismus zurück, nicht nur in Nantes. Die hauptsächlich verwendeten Materialien sind Ortbeton, Betonfertigteile, Aluminium- und Holzpaneele. Es ist eine klare Sprache ohne Pseudogemütlichkeit gemäß des Diktums von Karl Kraus, wonach Architektur praktisch zu sein habe, gemütlich sei er selber.

Die Balkone sind in eine weit auskragende Aluminiumstruktur eingebettet und schaffen so einen zusätzlichen, fast schon halböffentlichen Raum. Man sieht gerade im Vergleich zu dem Nachbargebäude (Bild 1), welch großen optischen Effekt das hat. Das Fensterraster, dem immer die Gefahr der Monotonie droht, wird damit visuell ausgehebelt.

Unbenannt-2 Kopie

Die rundumlaufenden Balkone machen auf den ersten Blick den Eindruck von Laubengängen (wie das auch beim Baunetz behauptet wird), sind aber keine, weil sie nichts erschließen. Jedenfalls mit diesen Balkonen wird ein enormer Mehrwert für die Bewohner erzeugt: Man kann alle Zimmer sowohl vom Inneren der Wohnung erreichen als auch vom Balkon her. Die Fassadenauflockerung dient also auch dazu, Hochhausbewohnern mehr Platz zu bieten und gleichzeitig das übliche Gefühl, auf einem engen und ungemütlichen Balkon zu sitzen, nicht aufkommen zu lassen. Kinder können gut Fangen spielen.

Das Areal war bis in die 1980er Jahre ein Industriegebiet, geprägt von Werften und anderem. Es ist eine typische Bausituation einer postindustriellen Gesellschaft: Güterbahnhöfe und andere innerstädtische Flächen, die brach liegen, werden nun umgenutzt, ähnlich wie in dem Beispiel aus Wien. Das bemerkenswerte in Nantes, wie auch in Wien, ist der Preis: 4,90 Euro kostet der Quadratmeter kalt, was möglich ist, wenn man den Boden der Spekulation entzieht und auf Schnickschnack verzichtet.

5

Architektur hat in Frankreich generell einen höheren Stellenwert. Das hängt wohl damit zusammen, dass sich dort die kleinbürgerliche Variante der Romantik nicht durchsetzte – im Gegensatz zu Deutschland. Während hierzulande Stadt vor allem als notwendiges Übel betrachtet wird, existiert in Paris ein nationales Architekturmuseum, das von Schulklassen en masse besucht wird. Schüler halten dort Referate über das Modulorsystem von Le Corbusier. Der Durchschnittsdeutsche ist diesbezüglich im Fachwerk und Kaiserreichaltbau steckengeblieben. Und bitte Stuck an der Decke, dann ist auch die böse Stadt ein bisschen gut. Es hängt da vermutlich auch die ganze Heideggerscheiße drin: alles Lüge außer Schwarzwald, schön dunkel und tiefgründig. Moderne Architektur wird in Frankreich vermittelt, hierzulande gesmasht.

Unbenannt-3 Kopie

Dazu passt, dass Journalisten von Tageszeitungen die Bewohner neuer Häuser befragen. Ist nicht die schlechteste Idee, wenn man sich um Wohnungsarchitektur kümmert. Das ist keine l’art pour l’art. In Nantes ist das die Zeitung Ouest France. Dort berichtet die 67-jährige Françoise, dass sie sich in ihrer neuen Wohnung wie in den Ferien fühle und weniger nervös sei. Ihr Leben habe sich geändert. Die Miete betrage 280 Euro und sei damit doppelt so teuer als in ihrer alten Wohnung in einem problematischen sozialen Umfeld, aber das sei völlig in Ordnung. Die 35-jährige Tagesmutter Malika, die selbst drei Kinder hat, wohnt auf 76 qm und freut sich über den großen Balkon und sagt: “Ich habe Lebensqualität gewonnen. Für die Kinder ist es super und die Miete ist vernünftig. Es ist toll hier.” Eine behinderte Bewohnerin bemängelt die fehlenden Automatiktüren, das wars auch schon. Alle Interviewten loben die Helligkeit der Wohnungen, die Balkons, die niedrige Miete, das Umfeld. Eine Bewohnerin sagt in Bezug auf ihre neue Wohnung einfach: “Ich bin glücklich.”

In welchem Neubau in einer deutschen Stadt sind solche Kommentare zu hören? Nirgendwo. Das soll die teilweise desaströsen Zustände in der Pariser Banlieue nicht ausblenden. (Wobei auch da zu klären wäre, inwieweit die Architektur die Ursache des Übels ist.) Aber das konkrete Beispiel in Nantes zeigt, dass dort offenbar etwas möglich ist, was in Deutschland keine Chance mehr hat.

In einem anderen Artikel des Ouest France erfährt man, dass die Stadt Nantes – mit einer halben Million Einwohner im Großraum – bis 2023 auf dem Areal insgesamt 1.200 Wohnungen errichten möchte. Soweit ich das dem Artikel entnehmen kann, allesamt zu “erschwinglichen” Preisen. Daneben Sporthallen und Räume für Künstler.

Unbenannt-4 Kopie

4,90 Euro ist eine Miete, die in Berlin nicht mehr denkbar ist. Der soziale Wohnungsbau wurde abgeschafft und der Kapitalverwertung übereignet, die dortigen Mieter kämpfen seit vielen Jahren mit teilweise absurd hohen Mieterhöhungen. 30 bis 50 Prozent mehr über Nacht sind für zigtausend Mieter die Praxis. Seit 1990 hat das Land Berlin mehr als die Hälfte der ehemals 585.000 kommunalen Wohnungen ans private Kapital verkauft. Gleichzeitig tut der Senat ein bisschen sozial und gibt Geld an arme Mieter, damit die die Mieterhöhungen bezahlen können. Das sind also Steuergelder, die auf diesem Weg ans private Kapital fließen. Sowas lief hier unter rot-rot und läuft jetzt und rot-schwarz. Be Berlin.

Unbenannt-5 Kopie

Bilder mit einer architektonischen Qualität wie Nantes sieht man in Berlin überhaupt nicht mehr. Neubauten klotzen, bieten aber weniger Wohnwert. Innenräume mit unterschiedlichen Wohnungsniveaus wie oben auf Bild 4 gibt es zwar, aber das ist gleichbedeutend mit einer Nettokaltmiete von 20 Euro aufwärts oder einem Kaufpreis von 5000 Euro oder mehr.

Unbenannt-6 Kopie

Der neue Regierende Bürgermeister wird mit dem Abgang von Wowereit der Sozialdemokrat Michael Müller. Das ist der, der vergangenes Jahr als Stadteentwicklungssenator auf einer Luxusimmobilienmesse in Cannes versuchte, für weite Teile des Tempelhofer Feldes Investoren für Luxusimmobilien zu finden. Die öffentliche Meinung war in einer Zeit, in der massenhaft preiswerte Wohnungen fehlen, dann doch nicht ganz einverstanden mit dieser Art Sozialpolitik, der Volksentscheid zum Thema gab dem Vorhaben den Rest – vorerst. Aktuell sagt Müller auf seiner Website:

“Dabei ist uns besonders wichtig, dass auch immer Wohnraum entsteht, der mit niedrigem und mittlerem Einkommen bezahlbar ist.”

Genau. Und im Sommer schneit es. Gerade hat in Mitte das nächste shopping center eröffnet, direkt neben dem shopping center am Potsdamer Platz. “Mall of Berlin” heißt es. 270 neue Läden der immergleichen Marken, für die es keinen Bedarf gibt. Das größte shopping center Deutschlands. Es entstanden dort auch 170 Wohnungen, weil man dann behaupten kann, man sorge für die berühmte “Berliner Mischung”, also Wohnen und Gewerbe in einem. So sieht das jetzt aus: Die billigste Wohnung kostet kalt 471 Euro und ist 24 qm groß, die größte hat 300 qm und kostet 10.750 Euro Kaltmiete. Die city of London lässt grüßen.

Unbenannt-7 Kopie

In Deutschland sind die sozialen Traditionen im Wohnungsbau gekappt. Ein Berlin der 1920er Jahre, wo allein zwischen 1918 und 1923, mit einer weitaus geringeren ökonomischen Potenz als heute, 500.000 Neubauwohnungen entstanden, ist nicht mehr gewollt. Verantwortlich dafür sind auch Sozialdemokraten und die Linkspartei. Stattdessen: Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GEHAG, 1924 gegründet, wurde ab 1998 mit Unterstützung der SPD privatisiert und ist mittlerweile börsennotiert.

Wenn sich die deutsche Barbarei in Frankreich durchsetzen sollte – und vieles  deutet darauf hin -, dann wird es sowas wie in Nantes westlich des Rheins demnächst auch nicht mehr geben. Es muss halt gespart werden. Den Durchschnittsdeutschen wird es freuen: Warum soll es denen besser gehen als uns?(Fotos: baunetz.de)

o.T. 215

072(Foto: genova 2014)

Ein Redner auf der Montagsdemo:

“Das ist alles von der CIA gemacht! Und vom Mossad! Sie wollen uns unterwerfen. New World Order, schon mal davon gehört?!”

Das sagte kürzlich ein prominenter Teilnehmer der Berliner Montagsdemo.

Hoppla, Entschuldigung, ich habe mich verlesen. Ich sehe gerade: Das sagte kürzlich ein deutscher Islamist und bekennender ISIS-Sympathisant in Hamburg zu einem Zeit-Journalisten auf die Frage, was er von Kopfabschneiden halte.

Wie sich die Bilder gleichen. Und schön zu sehen, wohin die Verwirrung führen kann. Systemkritiker, wie sich diese Leute, egal ob Friedensfreund oder Islamist, gerne nennen, bedeutet heute: Komplettverweigerung des Denkens. Elsässer und unzählige andere Demagogen und glühende Antisemiten (*Daumendrücken für Jutta Ditfurth*) geben die Begriffe vor, die Verweigerer aller Couleur greifen begeistert zu. Selbstentlastung durch Verschwörung. Sowohl die rechten Friedensfreunde wie auch die Islamisten haben sich Parallelwelten geschaffen, vor allem im Internet, die Aussagen wie die oben oder die folgende möglich machen und plausibel erscheinen lassen. Es ist die technische Möglichkeit, sich gleichzeitig zu informieren und total abzukapseln. Die NWO ist dem Islamisten das gleiche Dorn im Auge wie dem Nazi und dem deutschen Friedensfreund.

“Meinungsfreiheit” ist neben NWO ein weiteres Lieblingsargument der Komplettverweigerer, sowohl bei Friedensfreunden als auch bei Religionsfanatikern und Nazis. Der Islamist aus Hamburg fragte:

“Ich kann den IS doch gut finden, oder nicht? Wenn die Leute hier Schwule und Lesben gut finden dürfen, darf ich doch wohl den IS gut finden. Das ist Meinungsfreiheit, oder?”

Genau. Das Interessante ist: Man ertappt sich beim formalen Zustimmen. Ähnlich wie bei den Montagsdemos: Es gibt Argumente, denen man argumentativ nicht mehr begegnen kann. Es ist dies der Augenblick des resignierten Nickens. Ohne unpassende Vergleiche ziehen zu wollen: So ähnlich stelle ich mir die Lage der Vernünftigen vor, in der sie sich ab Anfang der 1930er Jahre in Deutschland befanden. Kapitulation vor denen, die vorm Denken kapitulieren.

(Quelle: Zeit, 16.10.14, S. 6)

Diskursiver Vorschlag zur Förderung zwischenmenschlicher Aktivitäten

005(Foto: genova 2014)

Der neue Trend der Mittelklasse: das Haus vorm Haus

Die Doppelhaushälftengarage vor der Doppelhaushälfte, schön mit Satteldach und zumeist im aktuell trendigen Pastellgelb: So sieht´s aus in der westdeutschen Provinz.

Bild zwei ist fast zu schade, um es in dieser Reihe zu bringen, mit den Blindgauben eine perfekte Kunstinstallation. Bild vier zeigt eine Revolution: kein Satteldach! Der Nachbarschaftsstreit ist programmiert. Dafür hat der Hausherr das verwendet, was man in diesem Milieu als Naturstein bezeichnet. Es ist das Pendant zur Jeans, die man mit Löchern drin neu kauft; ein Stein, der maschinell zum Naturstein behandelt wird. Wobei sein Nachbar auch mutig ist: Er hat das Garagentor asymetrisch angebracht. Die deutsche Mittelklasse muckt auf.

Vor diesen Häusern steht oft ein Golf in der aktuellen Version. Man sieht plötzlich, wie angenehm unprätentiös dieses Auto ist. Alles eine Frage des Vergleichs.

137 152 154 157 158(Fotos: genova 2014)

Agenda 2020: Der rechte Bodensatz formiert sich

50 “junge” CDU-Politiker fordern von Angela Merkel “Reformen”, schreibt der Spiegel. Sie fordern natürlich eine neoliberale Verschärfung der aktuellen Politik. Es ist das übliche: Steuersenkungen, um Investitionen zu ermöglichen. Das hat zwar schon 2002 nicht geklappt, aber das ist schon so lange her, da kann man das ja einfach mal wieder fordern.

Interessant sind die Begründungen für die Forderung nach einer weiteren Verschärfung der Lage:

“Wir müssen uns anstrengen, wenn wir wirtschaftliche Lokomotive in Europa bleiben wollen.”

“Sonst verliert Deutschland den Anschluss schneller, als wir denken.”

“Es kann nur verteilt werden, was zuvor verdient worden ist.”

“Wir benötigen eine Renaissance der Angebotspolitik und eine Gründerkultur mit einem positiven Unternehmerbild.”

So reden junge Leute heute. Man ist doch ein wenig verwundert, dass der Slang gegenüber den Vorbereitungen der Agenda 2010 gleich geblieben ist. Angst vor dem Ausländer, der besser ist, ein Hinweis, dass wir über unsere Verhältnisse leben und ein weiterer darauf, dass wir in der Gefahr sind, faul zu werden. Die Angebotspolitik ist seit 2002 komplett gescheitert, aber das ist egal. Exakt das gleiche Drehbuch wie 2002.

Am lustigsten ist das zweite Zitat: Wir sind zwar Weltmeister, aber demnächst haben wir wieder die rote Laterne. Katastrophe. So dämlich kann man nur mit einer angstbesetzten Bevölkerung umgehen. Stefan Bilger, Vorsitzender der “jungen Gruppe” (was ist das?) im Bundestag sagt, die schlechten Prognosen der letzten Tage “müssen uns eine Mahnung sein, dass der Aufschwung nicht einfach so weiter geht”.

Man sollte dem Fachmann sagen, dass der Aufschwung seit zwei Jahren vorbei ist, wenn er damals überhaupt existierte. 2012 und 2013 lagen die Wachstumsraten bei deutlich unter einem Prozent. Bis in den Bundestag hat sich das noch nicht herumgesprochen. Und das ist kein Scherz. Die neoliberale Presse schreibt so, wie die jungen Wilden reden. Und in den einschlägigen Cafés im Regierungsviertel liest man nicht das Neue Deutschland, sondern plaudert mit den Lobbyleuten. Stützen der Gesellschaft.

Dass die Forderungen nach einer Verschärfung des neoliberalen Tempos kommen werden, war klar. Ich vermutete allerdings, dass sie noch ein, zwei Jahre warten, bis Frankreich diszipliniert worden ist. Sie scheinen aber ziemlich fickerig zu sein, die jungschen Unionschristen.

Zu den jungen Wilden in der CDU gehört auch Philip Mißfelder, der vor 20 Jahren schon älter aussah als sein Opa. Daneben Mike Mohring und  der Hornbrillen-Jens-Spahn aus Thüringen. Sie wollen erklärtermaßen eine Fortsetzung der Agenda 2010 und nennen sich selbst “CDU2017″, ganz trendy ohne Leerzeichen. Man ist ja nicht von gestern.

Merkwürdig finde ich dennoch, dass die exakt das gleiche Wording benutzen wie Schröder und Fischer. Man könnte ja wenigstens Scholz and Friends damit beauftragen, ein wenig formale Kosmetik zu betreiben. Kapitalistische Politik lebt doch vom ständig Neuen.

Offenbar wollen diese Kameraden nun den wirtschaftspolitischen Flügel der FDP beerben und der AfD das Wasser abgraben. Ist aber alles nicht nötig: Sie brauchen nur den aktuellen Bundeswirtschaftsminister zu fragen, der macht da sicher sofort mit. Und so alt ist er auch noch nicht.

024(Foto: genova 2013)

o.T. 214

001

030

033

034

036(Fotos: genova 2014)

60 Prozent für Morales: Darauf eine Tasse Cocatee

Die junge welt berichtet über die nationalen Wahlen in Bolivien:

Boliviens Präsident Evo Morales bleibt im Amt. Bei der Wahl am Sonntag ist der Sozialist nach Hochrechnungen klar im Amt bestätigt worden. Den Prognosen der Umfrageinstitute Mori und Ipsos zufolge erreichte Morales mehr als 60 Prozent der Stimmen und wurde damit direkt für eine dritte Amtszeit bestätigt, eine Stichwahl ist nicht notwendig. Der Vorsprung vor seinem wichtigsten Rivalen Samuel Doria Medina von der Partei »Demokratische Einheit«, der lediglich in der nordöstlichen Region Beni eine Mehrheit gewinnen konnte, lag landesweit bei rund 40 Prozentpunkten…

Hier standen sich zwei Modelle gegenüber, die Privatisierungen und die Nationalisierungen – und die Nationalisierungen haben mit mehr als 60 Prozent gewonnen!«

Nationalisierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung – egal, wie man das nennt: Die Bolivianer scheinen bei einer hohen Wahlbeteiligung zu der Überzeugung gekommen zu sein, dass es genau darum geht: Dem Kapital das Kapital zu entziehen. Die Amis schäumen naturgemäß, andere Imperialisten vermutlich auch. Die Öl- und Gasproduktion ist dem Kapital schon entrissen und es zeigt sich schlicht, dass der Mehrwert auch andersweitig eingesetzt werden kann als es irgendwelchen weißen Milliardären in den Arsch zu pusten.

Es ist offenbar möglich, eine ernsthafte Politik gegen das Kapital zu machen und wiedergewählt zu werden. Dazu kommt, dass Morales die Indigenen ins Boot geholt hat. Einzigartig, soweit ich das sehe. Wäre interessant, mehr über die Machtverhältnisse dort zu erfahren.

Die Zeit schreibt:

Seit Morales’ Amtsantritt 2006 führte ein Boom bei den Rohstoffpreisen dazu, dass die Exporteinnahmen um das Neunfache anstiegen. Das Land hat zudem 15,5 Milliarden Dollar an internationalen Reserven angehäuft. Das Wirtschaftswachstum lag mit durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr deutlich über dem südamerikanischen Durchschnitt. Morales nutzte die Gewinne, um Subventionen für Schulkinder und Pensionen für die älteren Bürger einzuführen. Einer halben Million der rund 10,5 Millionen Bolivianer gelang den Behörden zufolge der Weg aus der Armut.

Der Gegenkandidat hieß Samuel Medina und ist laut Zeit ein “Zement- und Schnellimbissmagnat.” Er könnte von bundesdeutschen Verhältnissen lernen: Hierzulande stellt das Kapital nicht ausgerechnet einen Ackermann zur Wahl, sondern lieber eine machtgeile Belanglosigkeit wie Angela Merkel. Dann klappt es auch mit der Beibehaltung der gewohnten Kapitalflüsse.

Mate_de_coca_Stevage(Foto: wikipedia)

Freitag, Augstein und die Befindlichkeiten

Was ist eigentlich vom Freitag zu halten? Nein, nicht von heute, sondern von der Wochenzeitung. Von Jakob Augstein gepäppelt, mit aktiver Community, nicht moralinsauer, sondern irgendwie progressiv links.

Mir geht der Freitag auf den Zeiger. Jüngstes Beispiel: Die empfehlen alle sieben Tage ein neues “Buch der Woche”. Aktuell ist das das Werk des neuen Stars am Ökonomenhimmel, Marcel Fratzscher, Professor an de Humbold-Uni in Berlin und DIW-Chef. Ich erwarte da nun etwas Lesenswertes. Was steht in dem Buch? Der Staat soll mehr Geld für Infrastruktur ausgeben. Stimmt wohl, ist aber nicht neu und nicht originell. Dann lese ich, dass Fratzscher die Agendapolitik von rot-grün als eine sinnvolle Reform bezeichnet. Und die bürgerlichen Medien von FAZ bis Zeit loben das Buch überschwänglich.

Was soll diese Leseempfehlung in einer angeblich linken Zeitung? Und es ist nicht nur eine Leseempfehlung, sondern das Buch wird massiv gehypt. Außerdem verlinken die Freitag-Leute auf üble Diskussionen neoliberaler Adepten mit dem einschlägig bekannten ZDF-Mann Peter Frey. Man wundert sich kurz und prüft, ob der Browser nicht versehentlich die Seite des Manager-Magazins oder des Handelsblatts angesteuert hat. Hat er aber nicht. Und man liest: “In Kooperation mit Hanser”, dem Fratzscher-Verlag. Danke für die Information.

Vermutlich soll Fratzscher eine Art Neuorientierung in den deutschen Wirtschaftswissenschaften einleiten. Die Hardcore-Neoliberalen sind nicht mehr en vogue, ein wenig Keynes täte ganz gut, also Fratzscher. Doch warum macht eine angeblich linke Zeitung diesen Mini-Schwenk kritiklos mit?

Die Community scheint mir auch eher dämlich denn informiert. Vor ein paar Jahren lasen die allen Ernstes gemeinsam ein Buch von Matussek über Katholiken. Und jüngst wurde massiv diskutiert, dass die neuen Montagsdemos doch ganz in Ordnung seien.

Diese Indifferenz passt ganz gut zu meinem Eindruck von Jakob Augstein. Ein cooler Typ, lässig, keine Frage, der aber sein Linkssein als Feigenblatt vor sich herträgt. Er hat ja immer noch seine Phoenix-Sendung mit dem Volksverhetzer Nikolaus Blome, seinerzeit für die Griechenland-Hetze der Bildzeitung verantwortlich. Augstein macht diesen Typen bei Linken salonfähig, eine weitere Funktion hat die Sendung für den Zuschauer nicht. Augstein ist vermutlich so eitel, dass er das Angebot einer TV-Sendung nicht ausschlagen kann.

Kürzlich diskutierte Augstein mit Joseph Vogl, der ein vielbeachtetes Buch über die Finanzmärkte geschrieben hat (“Das Gespenst des Kapitals”) im Gorki-Theater in Berlin über die Linken und Gott und die Welt. Ganz interessant, vor allem Vogel, keine Frage. Skurril wurde es, als sich beide fragten, ob denn bald eine Revolution komme. Der eine ist Millionär mit der Möglichkeit, ständig seine Meinung in Kameras zu sagen, der andere hat eine Professur auf Lebenszeit. Die beiden könnten bei einer Revolution nur verlieren. Oder sie hoffen auf neue Posten: Augstein als Staatschef und Vogl als Kultusminister.

Es war im Gorki eine der üblichen Hauptstadttändeleien: Man kokettiert ein wenig mit Revolution und linken Haltungen, aber bitteschön nur innerhalb des kapitalistischen Rahmens, der einen vorzüglich alimentiert. In einem Radius von schätzungsweise zehn Kilometern um das Gorki-Theater in Mitte herum gibt es für Durchschnittsverdiener keine Wohnungen mehr. Für Augstein schon. Ein wenig Salonsozialismus, der nur zeigt, wie wahnsinnig liberal dieses System ist: Man darf sogar über Revolutionen sinnieren. Wohl aus diesem Grund gibt es auch so auffällig viele Marxisten auf Lehrstühlen amerikanischer Unis. Man ist halt tolerant. Aber bitte nur bei den Literaturwissenschaftlern.

Apropos: Angesichts des 50. Geburstags des Eindimensionalen Menschen von Marcuse lohnt vielleicht die Lektüre. Demokratie als Repressionsapparat. Vermutlich erfährt man darin auch einiges über den Freitag.

194(Foto: genova 2013)