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Kein Zufall 4 (Freibad)

23. November 2009 · Kommentar schreiben

(Foto: genova)

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ICC: Was von Monarchie und Alltag übrigbleibt

22. November 2009 · 8 Kommentare

In Berlin wird derzeit diskutiert, ob das Kongresszentrum ICC abgerissen werden soll. Begründung: Das Monstrum ist überholt. In der Tat ist die technische Ausstattung nicht mehr zeitgemäß, vor allem, was die Energiebilanz angeht. Dennoch kommen die Abrissforderungen so vehement, dass man sich fragen muss, was dahinter steckt.

Die Diskussion ist, natürlich, gesellschaftspolitisch zu verorten. Das ICC ist in den Siebzigern gebaut worden, und deshalb sind in den Bau eine Unmenge neuer, gewagter und seinerzeit fortschrittlicher Ideen eingeflossen. Fortschritt hat sich in den vergangenen Jahren aber bekanntlich schleichend in Reaktion gewandelt, und deshalb ist das ICC heute nicht schützenswert. Der Klotz muss weg. Rationale Argumente fallen dabei unter den Tisch. Beispielsweise die Einzigartigkeit der Architektur. In Deutschland und (meines Wissens) weltweit gibt es kein vergleichbares Gebäude, sowohl ästhetisch als auch von den Dimensionen und der Struktur her. Das Leitystem, also die Orientierung der Besucher im Gebäude, war seinerzeit völlig neu. Dazu kommt die verkehrstechnische Situation: Umgeben von Autobahnen und mit einer unterirdischen Autozufahrt. Grund genug eigentlich, das Ding unter Denkmalschutz zu stellen.

Nicht so in Berlin. Die Wirtschaft hat sich in Form der Industrie- und Handelskammer schon positioniert:

„Aus Sicht der Wirtschaft darf jetzt keinesfalls die lähmende, ideologische Diskussion über die ´Ikone` ICC wieder aufleben.“ Außerdem wird „rasche Entscheidung“ des Senats „angemahnt“.

Es soll also auf rein wirtschaftlicher Basis entschieden werden. Und diese Basis führt angeblich zum Abrissbeschluss.

Von wegen: Das ICC ist sehr gut ausgelastet und der Abriss würde eine hohe dreistellige Millionensumme erfordern, da das Teil so massiv und statisch kompliziert gebaut wurde. Laut dem leitenden Bauingenieur von damals sei dagegen der Abriss des Palastes der Republik „ein Kinderspiel“ gewesen. Der Mann rät vom Abriss dringend ab, da nicht einmal er selbst wisse, wie das ökonomisch vertretbar vonstatten gehen könne.

Das ICC passt ideologisch nicht mehr in die Zeit, sodass selbst solche Inneneinrichtungen der Abrissbirne geopfert werden sollen. Man hat von der Abrisswut der Nachkriegszeit nichts gelernt. Alles, was eine im Moment nicht passt, was im Moment nicht angesagt ist, wird zum Abschuss freigegeben. So lief das in den 1950er Jahren auch, als straßenzugsweise an Altbauten die Abrissbirne geschlagen wurde.

Nun wird das Ganze zusätzlich lehrreich, wenn man die ICC-Ablehner vergleicht mit den Stadtschloss-Befürwortern. Es wäre interessant zu erfahren, wie groß die Schnittmenge zwischen beiden ist. Ich vermute, sehr groß.

Denn es geht nun einmal nicht zusammen, sich über Walter Ulbricht zu echauffieren, der den Schlossabriss 1950 zu verantworten hatte, und gleichzeitig den Abriss des ICC fordern. Hier zeigt sich wieder einmal das wahre Gesicht dieser Leute. Ein Gebäude ist jetzt nur dann erhaltenswert, wenn es aus der guten alten Zeit stammt.

Der Schlossabriss seinerzeit mag falsch gewesen sein, doch immerhin gab es einen guten Grund, den Kasten plattzumachen: Er repräsentierte eine vormoderne, inhumane und undemokratische Herrschafts: die Monarchie mit all ihren Formen, Absolutismus. Das ICC steht für ein Vorwärtsdenken, das sich in Massenkultur ausdrückte und überhaupt darin, dass die Masse als respektables Moment von Gesellschaft wahrgenommen wurde. Man könnte das ICC sogar als Gehäuse sehen, in dem 20.000 Menschen auf einmal weitergebildet wurden und werden.

Ein anderer Aspekt ist heute natürlich problembehaftet: Der Gedanke, dass es die Technik schon richten wird, die Gigantomie. Doch 20.000 Leute in unterschiedlichen Veranstaltungen in einem Gebäude sich bewegen zu lassen, erforderte neue Herangehensweisen. Dass die Beschilderung dann der auf Autobahnen ähnlich ist, muss nicht so schlecht sein, wie es der deutsche Romantiker empfindet, wenn man diese Beschilderung als etwas dem Individuum Äußerliches betrachtet, das nicht notwendigerweise seine Seele verbiegt. Und gab überhaupt ein Denken nach vorne, und das Bedürfnis, Technik für gesellschaftlichen Fortschritt einzusetzen, ist uralt und nicht grundfalsch, sondern völlig ok. Ohne dieses Denken wäre nicht einmal das Rad erfunden worden.

[Fotos: Wikipedia (1), abfotografiert in der Ausstellung zum ICC im Heimatmuseum Berlin-Charlottenburg (2, 3, die Originalfotos sind von Mila Hacke aufgenommen), von Postkarte abfotografiert (4)]

Einen interessanten, knapp halbstündigen Film zum Bau des ICC gibt es hier.

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Gemäldeankäufe statt CDs

20. November 2009 · Kommentar schreiben

Ein lesenswerter Beitrag in der Zeit von Tanja Dückers zur aktuellen Sozialdarwinismusdebatte und dem intellektuellen Magerquark, der da angerührt wird. Man beachte das wunderbar illustrative Foto mit Joop und Westerwelle.

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Peter Frey: „Du sollst nicht lügen“

19. November 2009 · 5 Kommentare

Der Fernsehjournalist Peter Frey war schon öfter der Mann fürs Grobe. Beispielsweise interviewte er vor der Bundestagswahl Oskar Lafontaine in der Reihe „Sommerinterview im ZDF“. Wer es sich anschaut und danach das in derselben Reihe geführte Interview mit Angela Merkel mag sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie überparteiisch es da zuging. Frey behauptete damals mehrfach, Lafontaine habe „hingeschmissen“, was niemand mehr behauptet, der politisch ernst genommen werden will. Lafontaine ist ihm dann ein paarmal über den Mund gefahren, was Frey offenbar bis heute nicht verwunden hat. Jedenfalls berichtete er vorgestern in den heute-Nachrichten:

heute-Nachrichten

Beim oberflächlichen Gucken fällt einem vielleicht nichts auf. Dennoch – oder gerade deswegen – ist dieser Beitrag ein schönes Beispiel für perfiden Journalismus, und zwar aus drei Gründen:

  1. Frey behauptet, der Spiegel habe am Wochenende „die Beziehungen zu einer Parteigenossin enthüllt“. „Enthüllung“ ist klar definiert: Der Sachverhalt ist wahr. Enthüllen kann man nur, was real vorhanden ist. Die Spiegel-Enthüllungen sind aber keine, es gibt keinen Beleg, keine Zeugen, keine Fotos, keine eidesstattlichen Erklärungen und die Betroffenen streiten alles ab. Sicherlich kann der Spiegel-Bericht trotzdem stimmen, aber es weist im Moment nichts darauf hin. Frey weiß das natürlich.
  2. Die Linke bzw. PDS hat im Saarland bei der Landtagswahl 2004 2,3 Prozent geholt, fünf Jahre später 21,3 Prozent. Es ist meines Wissens der höchste Zuwachs, der jemals bei einer politischen Wahl in Deutschland erreicht worden ist. Was macht Frey daraus? Er wertet das Wahlergebnis der saarländischen Linken als persönlichen Misserfolg von Lafontaine, da er nicht Ministerpräsident geworden sei. Kann man noch dämlicher argumentieren?
  3. Schließlich wird es persönlich. Frey: „Aber [also trotz des Misserfolgs im Saarland] bei den Linken zweifelt heute niemand daran, dass der Saarländer auch in Zukunft das strategische und programmatische Zentrum bleibt, selbst wenn er dann kürzer treten muss.“ Man bedenke: Lafontaine hatte ein paar Stunden zuvor mitgeteilt, dass er Krebs hat, alles weitere war und ist unklar. Nur Peter Frey weiß, dass Lafontaine das „Zentrum“ bleiben wird. Sein Kronzeuge: alle Linken, die er vorher sicher gefragt hat.

So geht Medien. Nicht etwa bei RTL II oder Fox News, sondern beim gebührenfinanzierten ZDF. Und es wird folgenlos bleiben.

Wer ist dieser Frey? Er hat bei Professor Werner Weidenfeld promoviert, der wiederum Chef des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) ist. Das CAP ist quasi eine Tochter der Bertelsmann-Stiftung und völlig von ihr abhängig. Über die Rolle der Bertelsmann-Stiftung ist schon viel geschrieben worden, lesenswert ist etwa ein Artikel im Tagesspiegel von Harald Schumann. Kurzform: Sie treibt den neoliberalen Umbau von Staat und Gesellschaft ohne jedes demokratische Mandat voran, immer im Gewand von Beratung und Kompetenz.

Frey ist seit drei Jahren sogar Fellow des CAP. Das bedeutet, er ist sozusagen offiziell der Ideologie dieser Gruppen verpflichtet. Und insofern wohl auch verpflichtet, sich in den Medien so zu benehmen, wie er sich benimmt. Da Frey auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist,  könnte man nun über das soundsovielte Gebot („Du sollst nicht lügen“) nachdenken, doch das wäre zu abgegriffen, setzte es doch voraus, dass Katholiken dieses Gebot in der Regel befolgten.

Lafontaine ist kein Heiliger, er ist mir nicht einmal übermäßig sympathisch. Aber er ist ein drastisches Beispiel, wie die politische und die mediale Klasse mit jemandem umgeht, der die etablierte Herrschaft infrage stellt.

Und das Beste zum Schluss: Aus Gründen des Proporzes achten die Öffentlich-Rechtlichen ja genau darauf, dass die politischen Gewichtungen stimmen. Frey wurde seinerzeit als Gegengewicht zu Peter Hahne installiert. Hahne ist der religiös motivierte Moralist, der alle paar Monate neue christliche Erbauungsliteratur auf den Markt wirft.  („Schluss mit lustig“, „Zeit zum Innehalten“, „Wir sind getröstet“, „Wir bleiben fröhlich“, „Wir sind geborgen“, „Wir sind glücklich“ etc.).

Frey ist also der Gegenpart zu Hahne: von links. Alles eine Frage der Perspektive.

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Lafontaine: Deutscher Journalismus endlich am Ziel

18. November 2009 · 9 Kommentare

FAZ, Spiegel, Focus, Bunte, Bild und ein paar hundert epigonale Provinzblätter samt obrigkeitsdevoter Fernsehanstalten und unzähliger rechter Pressure Groups können sich freuen: Ihr Erzfeind Oskar Lafontaine ist an Krebs erkrankt. Damit sind sie wohl am Ziel. Nach Jahren strategischer Berichterstattung unter der Gürtellinie waren die angeblichen Enthüllungen über eine Affäre Lafontaines mit Sarah Wagenknecht der vorläufige Höhepunkt. Beweise gab es keine, Lafontaine und Wagenknecht dementierten, aber wer ordentlich Gerüchte streut, kann davon ausgehen, dass etwas hängenbleibt. Gerade bei solch heiklen Geschichten wäre sorgfältige Recherche und eine klare Beweislage unabdingbar. Doch es ging ja nur um Lafontaine. FAZ, Spiegel, Focus, selbst die tolle taz machte mit. Zum Vergleich: Handfeste Gerüchte um eine Liaison Kohls mit seiner Vorzimmerdame waren jahrelang unter Journalisten im Umlauf. Nichts davon drang nach außen.

Nichts in den vergangenen Jahren war bekloppt genug, als dass man es nicht gegen Lafontaine hätte verwenden können: Kürzlich noch seine angebliche Rückkehr zur SPD, die die Bild vermutete, der Privatjetcharter vor vier Jahren, den ihm unter anderem Focus anhängen wollte, tägliche millionenfach gedruckte Fotos eines wutverzerrten, rotgesichtigen Lafontaine, die im Wahlkampf immer wiederholten Behauptungen, der Populist Lafontaine verspreche alles mögliche, ohne es gegenzufinanzieren, die Unterstellungen, er würde im Saarland schon wieder einen Rückzieher machen: Es gab nichts, was von diesen Schmierenjournalisten nicht versucht worden wäre, keine Lüge war zu billig. Wenn es um Lafontaine ging, war man sich unausgesprochen einig, dass Fairness in der Berichterstattung nicht sein müsse, ja, nicht sein dürfe. Mit Fairness hätte man sich in diesen Kreisen schon verdächtig gemacht. Dazu die persönlichen Herabsetzungen: Er sei unberechenbar und jetzt auch schon so alt.

Bewundernswert, wie Lafontaine immer wieder versuchte, über Sachpolitik zu reden, selbst mit denen, die ihn ansonsten fertig machen wollten, weil es ihm um die Sache ging und geht. Vielleicht hätte er sich ausdrücklicher wehren sollen. Aber wie? Die Hetze wäre noch aggressiver geworden. Doch um Politik ging es dem Blätterwald nie: Dazu hätte man sich mit Inhalten auseinandersetzen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge verstehen müssen. In wie vielen Interviews und Gesprächen und Artikeln wurde Lafontaine immer wieder mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Journalisten sich keinerlei Mühe machen, sich halbwegs objektiv zu informieren? In wie vielen Redaktionen galt die Weisung, die Linkspartei nicht als eine von mehreren Parteien im demokratischen Spektrum zu behandeln, sondern mit der NPD auf eine Stufe der Aussätzigen zu stellen? Es ist für den vom intellektuellen und moralischen Standpunkt her seit geraumer Zeit neoliberal verkommenen deutschen Journalismus bequemer, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, in wunderbarer deutscher Tradition.

Es sind, zum Teil, ähnliche Mechanismen wie das Medienevent des Selbstmords von Robert Enke. Es geht immer mehr nur noch um die Kampganenfähigkeit, die sich Journalisten wohl gegenseitig beweisen müssen. Pro Sieben sendet einen Beitrag über die Ankunft seiner Witwe am Tatort („Lebt er noch?“), Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff darf bei der pathetischen Trauerfeier im Fußballstadion widerspruchslos die Leistungsgesellschaft beklagen, die er seit Jahren tatkräftig mit einrichtet, sämtliche Boulevardmagazine ergehen sich in distanzlosem Hype und sind bemüht, alles Private öffentlich zu machen. Enke selbst und auch das Thema Depression sind scheißegal. Es geht nur darum, irgendwas durch den medialen Fleischwolf zu drehen. Bei Enke war die Zielvorgabe, die ganze Nation zum heulen, bei Lafontaine, sie zum hassen zu bringen. Bei Lafontaine standen immerhin die Vermögensverhältnisse in diesem Land auf dem Spiel. Da hört der Anstand auf.

Wie gehts weiter mit dem Qualitätsjournalismus? Ein Leserkommentar in der taz bringt es auf den Punkt: „Vielleicht wird Lafontaine ja im Stadion operiert, wie wär´s?“

Ich sehe die Fernsehmoderatoren schon umschalten auf Dackelblick. Bei Bedarf gerne mit Krokodilstränen. Die Journaille, bei der im Hinterzimmer wahrscheinlich gerade die Sektkorken knallen, wird nichts unversucht lassen.

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Kein Zufall 3 (Strand)

17. November 2009 · Kommentar schreiben

Strand1

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NRW: vornehmstes Bildungsziel ist „Ehrfurcht vor Gott“

15. November 2009 · 5 Kommentare

Man könnte meinen, Staat und Kirche seien in Deutschland getrennt. In Nordrhein-Westfalen zumindest ist das nicht so. Dort lernen die Schüler rechnen und schreiben und lesen auf einer ganz besonderen Grundlage. In Artikel 7 der Landesverfassung heißt es:

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

Ehrfurcht wird von Wikipedia als Begriff „für eine mit Verehrung einhergehende Furcht“ definiert. Der Brockhaus von 1896 meint, Ehrfurcht sei

der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit.

Nun wurde die NRW-Landesverfassung 1950 beschlossen, da sprach man generell etwas pathetischer (wobei Achtung vor der Menschenwürde und Bereitschaft zum sozialen Handeln Erziehungsziele sind, die man nicht besser formulieren kann). Dennoch darf man fragen, ob es zeitgemäß ist, Schülern – zumindest absichtsweise – Ehrfurcht vor irgendetwas beizubringen, zumal vor Gott, und das noch als eines der wichtigsten Ziele. Schule sollte weder Furcht noch Ehrfurcht vermitteln, sondern Wissen, soziales Handeln und Respekt vor Differentem. Davon abgesehen sind schätzungsweise die Hälfte aller Schüler nicht einmal mehr christlichen Glaubens. Wenn schon, dann sollte man den Artikel 7 um Allah, Buddha, den Dalai Lama und Tom Cruise ergänzen.

Die Trennung von Staat und Kirche hat in Deutschland nie stattgefunden, das sieht man bei der Kirchensteuer, den Rundfunkräten, den kirchlichen Krankenhäusern, dem Religionsunterricht und der NRW-Landesverfassung.

Die Linkspartei in NRW will den Ehrfurcht-Passus übrigens aus der Verfassung streichen. Aber die sind ja eh radikal.

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Ganz schlimmer Linksextremismus

13. November 2009 · 19 Kommentare

Deutschland ist nach links gerückt. Diese Meinung vertreten viele, darunter solch luzide Fachleute wie der emeritierte Politikprofessor und Barrikadenkämpfer Arnulf Baring.

Ein kleines Beispiel für die Absurdität dieser These lieferte der Deutschlandfunk heute Morgen in einem Interview mit Oskar Lafontaine. Die Moderatorin (Name ist mir entfallen) fragte, wie die Linkspartei denn koalitionsfähig werden wolle, wenn der Landesverband Nordrhein-Westfalen „linksextreme“ Forderungen vertrete. Was fordert der Landesverband NRW? Die Moderatorin nannte drei Beispiele:

  • „Vergesellschaftung“ der Energiekonzerne
  • Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen
  • Recht auf Rausch

Das also ist linksextrem. Mit dieser Perspektive gewinnt man interessante Einsichten. Wäre eine Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung von Energiekonzernen linksextrem, hätte die Regierung Kohl bis Mitte der Neunziger Jahre linksextreme Politik gemacht. Frankreich und die USA wären linksextrem, weil staatlicher Religionsunterricht dort verboten ist; in Deutschland ist das Grundgesetz offenbar nahe dran am Linksextremismus, erklärt es doch die Trennung von Kirche und Staat.  „Recht auf Rausch“ ist in den Niederlanden seit Jahrzehnten Praxis. Die sind nun auch linksextrem.

So geht das. Politische Forderungen, die ihre Berechtigung haben und inhaltlich diskutiert werden könnten, werden kurzerhand in die extremistische Ecke abgeschoben, auf dass nur niemand auf die Idee kommt, mit diesen Extremisten zu koalieren.

Wie sieht es denn nun aus mit der Verschiebung des politischen Koordinatensystems? Links ist heute, eine Erhöhung der ALG-II-Sätze zu fordern. Linksextrem ist es wahrscheinlich, die Abschaffung von Hartz IV auf der Agenda zu haben.

1968 hätte man sich nicht so lumpen lassen. Da wurde kurzerhand die Enteignung von Springer gefordert. Ob das nun als links oder linksextrem galt, war diesen Barrikadenkämpfern wurscht. Was die DLF-Moderatorin wohl dazu gesagt hätte?

Update, 12.10 Uhr: Ich habe jetzt das Interview auf dradio.de nachgelesen (was heute morgen noch nicht verfügbar war). Die Moderatorin heißt Silvia Engels und hat nicht von „linksextrem“ gesprochen, sondern von „radikal“. Kommt aufs selbe raus, weil hier das „linksradikal“ intendiert ist. Da war ich wohl heute Morgen um viertel nach sieben noch nicht ganz wach.)

→ 19 KommentareKategorien: Deutschland · Neoliberalismus · Politik
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Anmerkung zu einem pervertierten Freiheitsbegriff

12. November 2009 · 1 Kommentar

Das damalige SED-Politbüromitglied Günter Schabowski über die Rolle der Russen am 9. November 1989. Die Frage des Zeit-Redakteurs lautete, ob Schabowski Sorge hatte, „dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?“

Schabowskis Antwort:

„Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen.“

Schön, dass Schabowski das gerade rückt. Im Mauerfalltaumel der letzten Tage ging das unter. Gorbatschow hatte die Liberalisierung schon Jahre zuvor vorgegeben, Polen war gefolgt, Ungarn hatte die Grenzen geöffnet. Die Demonstrationen der Ostdeutschen, vor allem am 4. November, waren sicher die Voraussetzung der Maueröffnung ein paar Tage später, und den Mut dieser Leute will ich keinesfalls kleinreden, aber die strukturellen Grundlagen wurden anderswo gelegt. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil man sonst auf die Idee kommen könnte, die Deutschen hätten 1989 zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Revolution erfolgreich und ohne fremde Hilfe auf die Reihe bekommen. Es war natürlich nicht so.

Überhaupt: Dass jetzt ständig von der „Freiheitsliebe“ der DDR-Bürger geredet wird, ist nur möglich, weil der Freiheitsbegriff in kapitalistischen Gesellschaften pervertiert ist. Eigentlich geht es doch nur darum, sich den neuesten Plasma-Fernseher ohne Wartezeit holen zu können. Anderes Beispiel: Die Bundesfinanzaufsicht BaFin erklärte im Sommer 2009, dass sie schon ein Jahr zuvor über die katastrophale Schieflage bei der Hypo Real Estate Bescheid gewusst hatte. Warum sie nicht eingegriffen haben? Weil ein „direkter Eingriff in das Geschäftsmodell kaum vereinbar mit der unternehmerischen Freiheit“ gewesen wäre, wie eine Mitarbeiterin offenherzig angab.

Tja, da war also die Freiheit des Unternehmers bedroht. Das darf natürlich nicht sein, auch wenn die Folgen für den Staatshaushalt eine Belastung von einhundert Milliarden Euro oder mehr bedeuten.

Dieser pervertierte Freiheitsbegriff zeigte sich nach dem 9. November ja auch recht schnell. Die Montagsdemos fanden weiter statt, doch es ging plötzlich nicht mehr so sehr um Freiheit, sondern um Plasma-Fernseher. Die Parolen lauteten nun

„Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“

Immerhin ehrlich. Wobei man sich fragen kann, ob das nicht ein wenig dreist war. Was hätte man eigentlich gesagt, hätten die Bewohner irgendeines anderen fremden Landes so unverhohlen mit einer Invasion gedroht?

Mittlerweile schwant vielen Ossis, dass das mit der Freiheit doch nicht ganz so einfach ist und dass sie seinerzeit von Kohl verarscht wurden. Zu spät.

Ein paar andere gab es aber auch. Das Bild zeigt eine Demonstration am 19. Dezember 1989 in Berlin gegen die Wiedervereinigung. Diese Leute sind vergessen, obwohl sie – das kann man aus der zeitlichen Distanz nun sagen – wesentlich mehr Durchblick hatten als die Plasmafernseherheinis.

Bild 183-1989-1219-036(Foto: Bundesarchiv)

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Attac warnt vor weißen Kragen und abweichenden Meinungen

9. November 2009 · 2 Kommentare

Politik ist interessant. Politische Menschen hingegen sind mir oft suspekt (ich mir selbst auch).

Jüngstes Beispiel, das meine Befürchtungen besätigt, ist Alexis Passadakis (Foto), ein hohes Tier bei Attac. Die Süddeutsche Zeitung hat ihn interviewt, herausgekommen sind eine Menge vernünftiger, aber erwartbarer Antworten (Vermögenssteuer notwendig, Umverteilung von oben nach unten ebenso etc.) und ansonsten ein erschreckendes Kingergartenverhalten.

So sagt Passadakis über mögliche Mitbewohner einer WG:

„Ich lege Wert darauf, dass sie dieselben politischen Einstellungen haben.“

Mit Menschen unterschiedlicher politischer Einstellung kann man also nicht unter einem Dach leben. Diskutieren? Bitte nur mit denen, die meiner Meinung sind. Vegetarier müssen sie übrigens auch sein, die Mitbewohner.

Noch kruder sind seine Ansichten über Frauen. Der wesentliche Aspekt einer Partnerschaft ist offenbar, dass die Frau die gleiche politische Einstellung hat:

„Eine Frau mit anderer politischer Meinung kommt nicht mehr in Frage“.

Er hat ja auch üble Erfahrungen gemacht mit Frauen, der Passadakis. Eine war gar „Richtung Mainstream SPD oder FDP“, da ging gar nix:

„Es fängt damit an, welche Kleidung man bei bestimmten Anlässen trägt. Wir waren in der Oper, bei Fidelio. Die Frau wollte chic hingehen. Ich gehe zur Oper, wie ich an dem Tag eben gerade angezogen bin. Jeans und T-Shirt. Das fand sie nicht gut. Und dann haben wir uns noch über das Stück gestritten.“

Mal abgesehen davon, dass man sich da irgendwie einigen können sollte, zeigt Passadakis hier ein typisches Manko der deutschen Linken: Schick anziehen, so finden sie, tun sich nur böse Kapitalisten. Und da man mit denen nicht verwechselt werden will, läuft man halt ständig vergammelt rum. Ist ja auch egal, es zählen nämlich die inneren Werte.

Diese pubertäre Haltung haben weite Teile der Linken nie ablegen können, wozu man bei pubertären Haltung aber grundsätzlich bereit sein sollte, früher oder später, zumindest, wenn man die Pubertät hinter sich lassen will. Kleidung ist natürlich Ausdruck einer inneren Haltung, die man nach außen trägt. Warum tut man so, als gebe es keine feierlichen Anlässe? Warum kann man sich bei einem besonderen Anlass kein gut sitzendes und gut gebügeltes Hemd anziehen? Ist das schon duckmäuserisch gegenüber dem Kapital? Wird man bereits Kapitalist, wenn man das T-Shirt mal nicht anzieht? Ist ein Kragen Verrat an der Arbeiterklasse? Oder spricht es vielmehr für fehlendes Selbstbewusstsein, nicht nur im Sinne von Bewusstsein von sich selbst? Was, bitteschön, ist gegen ein gut genähtes und stofflich hochwertiges Hemd einzuwenden? Was ist gegen ein Fest einzuwenden, bei dem man sich gut anzieht? Warum sieht man eine besondere Kleidung nicht auch als Ausdruck von Respekt anderen gegenüber? Und es muss ja nicht einmal ein schickes Hemd sein. Wer Wert darauf legt, in der Oper genau das zu tragen, was man den ganzen schwitzenden Tag schon anhatte, der normiert mit einer Freiwilligkeit sein eigenes Verhalten und sanktioniert diejenigen, die das T-Shirt einwechseln, und sei es auch nur gegen ein frisches.

Es ist in der Tat eine typisch deutsche Haltung. Auf den kommunistischen Feste del Unitá im Italien der 1990er Jahre traten selbstverständlich auch Popsänger auf, gerne fast schon im Schlagermilieu angesiedelt, schick angezogen und von jeder politischen Aussage auf der Bühne weit entfernt. Die Leute kamen zu Hunderttausenden mit Oma und Kind und haben es genossen, ganz nahe der These, dass es eh kein richtiges Leben gibt im Falschen, also was soll´s. (Der Philosoph Robert Pfaller beschreibt dieses Phänomen sehr lesenswert.)

Gibt es überhaupt Kulturen auf der Welt, die keinen Unterschied machen zwischen Alltagskleidung und Festkleidung? Die deutsche Linke wenigstens einmal als historische Avantgarde, das verbeulte T-Shirt als zeitgenössischer Mao-Anzug. Es wäre einem italienischen Linken (und jedem, der in einer Kultur des Respekts zuhause ist) peinlich, mit einem schlecht sitzenden Hemd in die Öffentlichkeitzu gehen. Passadakis wäre es wahrscheinlich peinlich, würde dem kapitalistischen Sitznachbarn in der Oper nicht wenigstens ein Essensfleck auf seinem T-Shirt auffallen, natürlich vegetarisch.

Dann findet er es noch schlimm, dass er zu einem Aktivistentreffen auf die Insel Lesbos geflogen ist, statt mit dem Zug zu fahren. Der Mann ist übrigens nicht 13, sondern 31 Jahre alt.

Nur, falls jemand meint, ich hätte etwas gegen Attac: Ich bin dort selbst seit vielen Jahren Mitglied.

(Foto: Indimedia)

→ 2 KommentareKategorien: Politik
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