“Montagsdemos”: Rechte Menschenfänger

[mit Updates am Ende des Artikels]

Seit ein paar Wochen finden in vielen deutschen Städten und in Berlin sogenannte Montagsdemos statt. Dort treten teilweise recht einfach gestrickte, teilweise recht dubiose Leute auf. Einer der Redner der jüngsten Veranstaltung am 14. April war Andreas Popp. Der Verschwörungstheoretiker dort über die Zielgruppe der Demos:

“Jeder ist mir willkommen, egal, wie er ist, egal, welcher sexuellen Neigung er angehört, solange er nicht anfängt zu missionieren und andere zu belästigen und in ihrer Freiheit einzuschränken.”

Applaus bei den Demoteilnehmern.

Ein nettes Beispiel, wie Teile der politischen Rechten heute funktionieren. Man hat natürlich nichts gegen Schwule, aber sie sollen uns in Ruhe lassen. Wir möchten von denen nicht drangsaliert werden. Das wird man ja noch fordern dürfen. Man kann damit einerseits jeden Homophobievowurf formal parieren und sendet gleichzeitig ein klares Signal an die andere Seite. Analog zu Putin, der auch nichts gegen Schwule hat, solange sie “unsere Kinder” in Ruhe lassen und analog zu den fundamentalistischen Christen aus Baden-Württemberg, die doch nur um ihre Kinder besorgt sind. Und analog zu all denen, die behaupten, angesichts der massiven Dominanz der missionierenden Homosexuellen brauche man so langsam geradezu Mut, sich als Heterosexueller zu outen.

Wer ist Andreas Popp? Ein Verschwörungstheoretiker, der gerne in rechten und esoterischen Internet-TV-Sendern auftritt und eine “Wissensmanufaktur” gegründet hat, in dessen Beirat neben diversen merkwürdigen Figuren Michael Vogt sitzt. Vogt war oder ist Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Danubia und verlor wegen Rechtsextremismusvorwürfen seine Honorarprofessur an der Uni Leipzig. Auch er profiliert sich gerne mit esoterischem Geschwätz und ist, wie Popp, der Meinung, dass die Bundesrepublik ein von den Amis besetzter Staat ist, der eigentlich gar nicht existiert und wir unbedingt eine “kommissarische Reichsregierung” brauchen. Zudem verfasst er mit dem NPD-Funktionär Olaf Rose gemeinsam Bücher.

Rechtsextremismus und Esoterik, eine skurrile Mischung.

Der Organisator der Berliner Montagsdemos, Lars Mährholz, 34, ein bisher in der Öffentlichkeit nicht politisch aufgetretener energetischer Eventmanager, war bis Sonntag Mitglied in der Facebook-Gruppe der rechtsradikalen Formation Pro Köln und stellte ein Video des NPD-Funktionärs Karl Richter auf seine Webseite mit der sinngemäßen Empfehlung, dass hier endlich mal einer die Wahrheit sage (mittlerweile gelöscht). Auf dieser Webseite fabuliert er auch darüber, dass die Bundesrepublik nicht existiere, sondern das Deutsche Reich, analog zu den rechtsextremen “Reichsbürgern”. Dazu kommt die Behauptung, dass die amerikanische Notenbank Fed für alle Kriege der vergangenen 100 Jahre verantwortlich sei, also auch für den Zweiten Weltkrieg, was er nach Kritik in einer Stellungnahme bekräftigte.

Noch in den 1980er Jahren war ein zentrales Thema von Rechtsextremisten die angebliche Umerziehung des deutschen Volkes durch die USA. Eine große Gehirnwäsche, die uns glauben ließ, uns träfe eine Kriegsschuld. So direkt sagt man das jetzt nicht mehr. Es sind nicht mehr “die Amerikaner” und “die Juden”. Es ist ja nur eine böse Bank, die schuldig ist. Mährholz meint allen Ernstes, man müsse nur exakt ein Gesetz ändern, den Federal Reserve Act, und die Probleme der Welt wären gelöst.

Die Propagandaabteilung der neurechten Demonstranten ist von dem Ex-RBB-Moderator Ken Jebsen besetzt, der wegen Antisemitismusvorwürfen aus dem Sender flog und nun als rhetorische Vorhut der neuen Friedensbewegung agiert (“Meine Zielgruppe ist der Mensch.”). Er vergleicht sich gerne mit Rudi Dutschke. In seinen Internet-Sendungen protegiert er oft Jürgen Elässer.

Der wiederum schreibt auf seinem Blog zu Putin:

Putin wird so, auf internationaler Ebene und auch in Deutschland,  zu einem Kristallisationspunkt eines neuen Volkswiderstandes, der die anachronistische Spaltung in Links und Rechts überwindet. Da ist wirklich Musik drin!

Elsässer ist Mitarbeiter des staatlichen russischen Fernsehsender Russia Today, wie der Radikalkapitalist Oliver Janich (von der deutschen “Partei der Vernunft”) und Beatrix von Storch von der “Zivilen Koalition”, die an den Protesten gegen den Bildungsplan beteiligt ist. Russia Today hat keinen einzigen seriösen deutschen Mitarbeiter.

Die Aufzählung merkwürdiger Leute in Zusammenhang mit diesen Demonstrationen ließe sich fortsetzen.

Nach meinem Eindruck ist Lars Mährholz kein Überzeugungstäter, sondern ein Wutbürger, der sich von einfachen Parolen und Verschwörungen in die Fänge nehmen lässt. Ein Produkt der neoliberal verwirrten Gesellschaft wie auch ein Teil seiner Anhänger bei Facebook, die die Zusammenhänge schlicht nicht kapieren oder kapieren wollen. Jutta Ditfurth, die auf die rechten Tendenzen aufmerksam machte, wurde mit einem Shitstorm überschüttet.

Aber all diese Kameraden sind natürlich nur für den Weltfrieden. Mährholz redet bei Facebook viel von Liebe. Dort behaupten die Teilnehmer gerne, dass es hier nicht um “rechts” oder “links” gehe, sondern doch alle den Frieden wollten und da müsse man zusammenhalten gegen die da oben. Der Friede ist in Gefahr, weil die Fed, d.h. die Rothschilds a.k.a. der Jude jetzt einen Krieg anzetteln. Bei den Redebeiträgen der Demos in Berlin und im Netz fällt vor allem der Antiamerikanismus auf, wie üblich gepaart mit unterschwelligem Antisemitismus. Einfache Lösungen und Geraune. Die Welt wird komplizierter, da sehnt man sich nach einfachen Antworten. Neoliberale Politik bedrängt die Menschen, da braucht man Schuldige. Es sind aber nicht einfach “die da oben”: Putin ist für die meisten ein Held, ein starker Mann. Die Bösen sind die, die nicht fassbar sind, die im Hintergrund wirken. Wer das ist, ist unklar. Der Jude halt.

Typisch für neue Rechte: Die Antifa spielt als Hassobjekt eine große Rolle. Die werden dämonisiert.

Und zuletzt: Die Forderungen dieser heterogenen Gruppe sind völlig diffus. Mährholz an die Menge: “Was wollen wir?” Die Menge: “Frieden!”. Mährholz: “Lauter!” Ein Eventmanager sichtbar in seinem Element.

Das nur in aller Schnelle, weil bei diesen Demos mittlerweile schätzungsweise an die drei- oder viertausend Menschen allein vorm Brandenburger Tor stehen, von den Massenmedien bislang ignoriert. Ohne irgendeine sichtbare Organisationsform dahinter, alles via Facebook.

Die schon lange existierenden Montagsdemoorganisatoren gegen eine unsoziale Politik warnen vor der neuen Konkurrenz:

 Die Initiatoren ziehen keinen klaren Trennungsstrich zu ultrarechten, faschistoiden und faschistischen Personen und Gruppierungen. Sie gehen bewusst manipulativ vor. So nutzen sie u.a. einen Facebook-Account unter dem Namen „Anonymous.Kollektiv“ und erwecken so den Eindruck, dass die Anonymous-Bewegung zu den Aktionen aufruft.

Am Ostermontag wollen die Neorechten die Montagsdemo mit der Tradition der Ostermärsche verbinden. Gemein all den bisherigen Rednern – zumindest in Berlin – eine auffällige politische Verwirrung und denkerische Armut.

Auch Andreas Popp wird wieder dabei sein.

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Wer sich über diese neurechten Verschwörer weiter informieren will, kann das beim Spiegelfechter (vor allem in den Kommentaren), hier und bei Telepolis tun. Und hier noch ein guter Beitrag des Deutschlandfunks über den Rechtsradikalismus der neuen Montagsdemos

Weitere Berichte über die Montagsdemos:

in der taz

nochmal in der taz

bei Koop

zu dem gekaperten Anonymous-Account

UPDATE 17.4.:

Um sich ein Bild zu machen von dem Umfeld des Montagsdemo- und Friedensbewegungs-Fans Elsässer, hier das aktuelle Profilfoto eines Facebook-Mitglieds und Elsässer-Fans:

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Sein Kommentar zum Disput Elsässer-Ditfurth lautet:

Dabei verschweigt die Dittfurt dass es natürlich Juden waren die die größte Privatbank vor fast einem Jahrundert gegründet haben und die Welt seither mittels dieser am Nasenring durch die Arena führen … Die Olle tickt nicht richtig .. das ist eine sozial Autistin .. so wie schreibt so ist die auch .. voll daneben .. Für die Schreckschraube der Antifa ist das Denken ganz einfach .. wer gegen die Fed ist ist gegen Juden und deshalb Antisemit ,, Die Olle hat doch nen Frosch verschluckt ,,, unk unk unk

Außerdem ist er Fan von Borussia Dortmund, hat an der Europaschule Dortmund studiert und ist Mitglied der Facebook-Gruppe “Opfer des Systems der BRD”. Vermutlich legt er Wert auf die Feststellung, dass er kein Linker und kein Rechter, sondern ein ganz normaler Bürger ist.

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Und noch ein interessantes und ausführliches Interview mit Gabriele Krone-Schmalz über die Berichterstattung der deutschen Medien über den Ukraine-Konflikt. Zusammenfassung: Die Medien haben einseitig gegen Russland berichtet und schreiben voneinander ab. Sie verschweigen dabei die imperiale Rolle des Westens:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp7411.html

Attac warnt vor den neuen Kameraden

 

 

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“Weil wir Berlin lieben”

tikerscherk, Betreiberin des blogs kreuzbergsüdost, hat mich kürzlich auf den Berliner Makler Ziegert aufmerksam gemacht, der Luxusimmobilien vertreibt. Er selbst nennt seine Firma Immobilienconsulting, klingt besser. Kurzes googeln führte mich auf folgendes Interview mit dem smarten Herrn Ziegert im Tagesspiegel. Interessant ist wieder einmal ein Detail. Er vermarktet, wie man sagt, gerade eine Immobilie in der Nähe des Brandenburger Tores namens Lux.

Zu welchem Preis?
Der Quadratmeterpreis liegt bei 10 588 Euro, die Wohnung kostet gut zwei Millionen Euro. Es ist ein positives Signal für uns, für die gesamte Branche, dass sich in Berlin inzwischen solche Top-Preise erzielen lassen.

Mussten Sie keinen Rabatt geben?
Im Gegenteil. Die Preise für die letzten Top-Wohnungen haben wir im Spätsommer um drei Prozent erhöht.

Woher kommen die Käufer?
Sie kommen aus der ganzen Welt. Amerikaner, Australier, Israelis, Franzosen, Schweizer, Luxemburger.

Sind keine Berliner dabei?
Im Lux haben mehr als die Hälfte der Käufer bereits einen Berliner Wohnsitz. Ob sie sich alle als Berliner bezeichnen würden, vermag ich nicht zu sagen.

Zuletzt war zu lesen, dass verstärkt Chinesen und Japaner auf dem Berliner Immobilienmarkt kaufen. Auch bei Ihnen?
Die Chinesen sind nach den Amerikanern und vor den Russen die zweitgrößte nichteuropäische Käufergruppe. Auffällig ist, dass sie gerne große Wohnungen kaufen – im Schnitt für 500 000 Euro.

Diese Wohnungen kaufen also Leute, die von außerhalb kommen und von denen die meisten schon eine oder mehrere Wohnung in Berlin besitzen. Ich vermute, dass ein Großteil der Wohnungen leer stehen wird. Ähnlich wie in Paris oder London: Superreiche kaufen sich Immobilien, weil das Geld dann geparkt ist und aller Wahrscheinlichkeit nach an Wert zunimmt. Um direkte Rendite aus Vermietungen geht es nur zweitrangig. Es wird da massenhaft innerstädtische Fläche versiegelt, die nicht zum Wohnen oder Arbeiten dient, sondern alleine der Materialisierung von Geld. Soviel auch zur Nachhaltigkeit von Kapitalismus.

Das Geld, das durch realkapitalistische Verhältnisse, also durch reine Machtverhältnisse, von einer klitzekleinen Schicht verdient wird, materialisiert sich und krempelt eine Stadt um. Die Materialisierung, also die konkreten Häuser, dienen keinen realen Bedürfnissen, sondern nur dazu, den Fetisch Geld langfristig abzusichern. Ziegert und seine Kameraden betonen generell gerne, dass sich der Berliner Mark weiterhin “positiv” entwickeln wird und die Käufer die Entscheidung auch in 20 Jahren nicht bereuen werden. Das “positive Signal” ist ein wirklich deutliches: Berlin ist offenbar auf dem Level von Vermarktunsmöglichkeiten wie Paris oder London angekommen. Von letzterer Stadt schrieb kürzlich der Spiegel, dass Milliardäre aus aller Herren Länder die Stadt mit mehreren hundert geplanten Hochhäusern “umkrempeln”.

Ziegert bietet übrigens auch viele Wohnungen in Kreuzberg, Schöneberg und anderen Innenstadtbezirken in Berlin an. Für absurde Preise  und mit dem Hinweis, die Wohnungen könne man als “Kapitalanlage” sehen. Altbauwohnungen, die sich seit 100 Jahren amortisiert haben.

Vielleicht sollte man sich bewusster machen, dass es nicht um Amerikaner, Israelis, Russen, Chinesen oder Araber geht, sondern um eine dünne Schicht von vielleicht 0,1 Promille der Bevölkerung dieser und anderer Länder, die aufgrund desolater gesellschaftlicher Verhältnisse ein Vermögen zusammenrauben können, das sie dann im Lux und sonstwo “investieren”.

Ziegert hat Biologie studiert. Mit anderen Worten: Er hat für seinen Job keine Ausbildung, aber ein smartes Lächeln, einen Taschenrechner und ist bereit, sich zu prostituieren. Wie weit das geht, sieht man in diesem Werbefilmchen:

Schön zu sehen, dass ihm vorher jemand sagte: Du musst dein imaginäres Gegenüber ganz lange anschauen und keine Sekunde Unsicherheit zeigen! Nicht mal blinzeln! Interesse heucheln, ganz wichtig. Heutzutage finden Leute, die sich für nichts interessieren, ja gerne alles “spannend”. Politiker gehen durch dieselbe Schule.

Wichtig an dieser Art von Rhetorik ist, alles zu vermeiden, was die Masse thematisieren könnte. Es geht nicht mehr um die Zahl an Menschen, sondern um die Zahl der Ziffern vor dem Komma und unterm Strich.  Masse ist als eine Form von Emotion gut, wenn es um Stadionkonzerte geht, aber die Ansprache erfolgt individuell. Gemäß der neoliberalen Logik, wonach es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt, geht es bei Ziegert auch nur um dieses. Es soll sich wohlfühlen.

Ziegert hat eine ganze Reihe Videos über seine Objekte gedreht. Es geht da überall ums Wohlfühlen in visuell vorkapitalistischen Verhältnissen; in Verhältnissen, in denen Geld nicht existiert, sondern das einfache Leben vorherrscht mit Sinn fürs Detail und netter, “bunter” Nachbarschaft. Wohnen im Romantikerviertel,  Wohnen unter Künstlern in Kreuzberg. Es wird exakt das Gegenteil dessen vermarktet, worum es geht.

Künstler sind ganz wichtig im Ziegertschen Universum, sie werden in den Filmen rein instrumentalisiert dargestellt als Bespaßer, als Gute-Laune-Macher, als Unterhalter, die an der Drehorgel stehen. Als Deppen des Kapitals mit keinen weiteren Bedürfnissen. Wohnen kann er dort, wo er dem neuen Bewohner das Gefühl des bunten, lebendigen Kiezes vermitteln soll, nicht. Der Künstler ist Überlebenskünstler.

Hitlers kommunikative Fähigkeiten wirken heute lächerlich. Er ist ohne weiteres von Comedien parodierbar. Der Prototyp Ziegert ist die aktualisierte Version eines Demagogen: smart, lächelnd, in fahle Blautöne getaucht, jederzeit etwas von Nachhaltigkeit erzählend, von Menschlichkeit, von seinem Cello spielenden Bruder, von Vision, von Liebesverhältnissen zu seinen Objekten, von Begeisterung, von Schönheit, von Potenzialen, von Glück, von Menschen, von Großartigkeit, von Ganzheitlichkeit, Persönlichkeit, heile Welt, Familienbande,  eine entspannte Atmosphäre schaffend undsoweiterundsofort. Vertrauen will er schaffen, erzählt Ziegert. Alle zerstörerischen Aspekte kapitalistischer Logik, die im Ziegertschen Business hervortreten und die er mit seiner Tätigkeit verschärft, werden ignoriert zugunsten dezidiert antikapitalistischer Eigenschaften, die das Menschliche betonen, wo es um alles geht, nur nicht um Geld. Es ist eine subtile und gerade deshalb funktionierende Pervertierung der Verhältnisse.

Es sind sozialdarwinistische Verhältnisse, die die Ziegerts dieser Welt schaffen. Was der Faschismus biologistisch über die überlegene Rasse zu erreichen versuchte, macht er über den Geldbeutel.

Warum Berlin? wird Zieglert in seinem Propagandafilm noch gefragt. Antwort: “Weil wir Berlin lieben.” Für das Kapital dieser Welt ein wahrhaft positives Signal.

Und ein P.S.: Hier erklärt ein anderer Berliner Makler, Michael Schick, in fünf Minuten ganz offenherzig, wie sein Geschäftsmodell funktioniert:

Den zugehörigen Artikel gab es bei exportabel vor gut einem Jahr.

Es ist bemerkenswert, dass in unserer Gesellschaft sowas keine Folgen hat. Brave new world.

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Deutsche Verhältnisse, dargestellt an einer roten Linie

Eine kleine Grafik mit einer interessanten Geschichte, nacherzählt auf den nachdenkseiten. Das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut prognos hat im Auftrag der neoliberalen Gruppe “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” eine Studie verfasst, die belegen soll, dass die Umsetzung des aktuellen Koalitionsvertrags von Union und SDP  unser schönes Deutschland in den Abgrund treibt.

Darum soll es hier nicht gehen, sondern, wie so oft, um ein Detail. prognos liefert in dieser Studie folgende Grafik mit. Sie zeigt die Entwicklung der nominalen Lohnstückkosten Deutschlands mit wichtigen Konkurrenzländern. Lohnstückkosten setzen sich zusammen aus dem Lohn, den Abgaben für die Sozialversicherungen und der Produktivität.

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Die Grafik zeigt insbesondere, dass sich die Lohnstückkosten schon in den 90er Jahren, also mindestens seit 1995,  zugunsten des deutschen Kapitals verschoben.

Wir erinnern uns: Ende der 90er und Anfang der Nuller Jahre setzte in deutschen Medien eine beispiellose Kampagne ein, die von den Verantwortlichen in der Politik eine massive neoliberale Verschärfung der Verhältnisse forderte. Das Argument war das immergleiche: Wir Deutsche sind ins Hintertreffen geraten, wir arbeiten zuwenig, machen zu viel Urlaub, verdienen zu viel und so weiter. Wir haben die rote Laterne, die anderen sind alle besser. Maßgeblich für all diese Behauptungen sind die Lohnstückkosten, nicht die Löhne.

Man schaue sich die rote Linie zwischen 1998 und 2003 in Relation zu den anderen Linien an. Und dann vergegenwärtige man sich, dass genau in diese Epoche die Hochzeit der neoliberalen Propaganda in Deutschland fiel. Davon abgesehen: Die deutsche Wirtschaft hatte auch in diesem Zeitraum eine positive Außenhandelsbilanz von einigen Milliarden Euro.

Nun, 15 Jahre später, gibt das Kapital indirekt zu, dass die damaligen Behauptungen allesamt erfunden waren. Die Lohnstückkosten entwickelten sich schon bis 2002 unterdurchschnittlich und mit der Agenda 2010 und den Steuersenkungen für das Kapital verschärfte sich die Situation. Ein Ergebnis: Deutschland konkurrierte den Rest der Welt nieder, unter anderem auf Kosten der Bevölkerung hier. Anders ausgedrückt: Das Kapital feierte gerade in Deutschland Triumphe.

Der Einwand, die Grafik beachte nicht das Verhältnis der Lohnstückkosten in Deutschland mit denen der osteuropäischen Länder, wo die absoluten Lohnkosten niedriger sind als hier. Dazu ein Artikel aus der Zeit von 1998:

Der Handel mit Osteuropa gewinnt zunehmend an Bedeutung: Seit 1993 legten die deutschen Exporte um jährlich 18 Prozent zu. Sie liegen damit weit über dem Durchschnittswachstum von 8,8 Prozent bei den Gesamtausfuhren. Die Importe aus den MOE-Staaten entwickeln sich ebenfalls äußerst positiv mit einem Anstieg von durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr. Unter dem Strich erwirtschaftete Deutschland im Osthandel einen Exportüberschuß von 16,1 Milliarden Mark – das waren 13 Prozent des gesamten Handelsbilanzüberschusses. Das Potential ist aber noch nicht ausgeschöpft: Nimmt das Wachstum in den osteuropäischen Staaten weiter zu, könnte vor allem der deutsche Maschinenbau vom Nachfrageschub bei den Investitionsgütern profitieren.

Deutschland erwirtschaftete im Handel mit Osteuropa also über Jahre hinweg Überschüsse. Soweit ich weiß, hat sich daran auch nach 1998 nichts geändert. In all der Zeit, in der Deutschland in die billigen Ostländer nach vorherrschender Expertenmeinung überhaupt kein Überschuss hätte realisiert werden können, sondern mit billigen Waren der fleißigen und genügsamen Osteuropäer hätte überschwemmt werden müssen, geschah das Gegenteil.

Die deutsche Medienlandschaft wird all das nicht zur Kenntnis nehmen. Wäre vielleicht auch peinlich: Man müsste sich eingestehen, dass man jahrelang vor allem Propaganda fürs Kapital betrieben hat, wo man sich doch so gerne als Servicedienstleister für die Leser versteht. Man erinnere sich an die Berichterstattung über Lafontaine, um ihn als Finanzminister loszuwerden. Dafür hat die Reaktion durchaus ein Gespür: Wer ihr gefährlich werden könnte.

Ein Beispiel: Gabor Steingart konnte sein Geplapper zuerst wöchentlich beim Spiegel veröffentlichten, nebenbei primitive Bücher schreiben (Zuerst “Deutschland – Abstieg eine Superstars”, dann, auch pikant: “Ansichten eines Nichtwählers”) und stieg zum Dank zum Chefredakteur des Handelsblattes auf, mittlerweile ist er dort Teil der Geschäftsführung. Das Kapital lässt seine Getreuen nicht im Regen stehen.

Ich wüsste keine Zeitung, kein Provinzblatt, das die neoliberale Ideologie nicht vertreten hätte. Ausnahmen wie das nd, die junge welt, in Teilen die FR oder die taz bestätigen die Regel.

Diese Entwicklung ist natürlich symptomatisch für ein kapitalistisches System, in dem die Rendite den Stellenwert eines Heiligtums hat. Aber es spricht auch Bände über das ökonomische Laientum, das sich hierzulande ausgebreitet hat. Wer eine Journalistenschule besuchte, weiß inhaltlich erstmal nichts, kann das aber gut verpacken.

Wie gesagt: Die deutsche Medienlandschaft wird all das nicht zur Kenntnis nehmen. Es bleiben ein paar vernünftige Zeitungen und ein paar vernünftige blogs. Es war ja in den letzten Jahren auffällig oft von der Agenda 2020 oder 2030 die Rede. Die Vermögensverteilung in Deutschland, mittlerweile die am weitesten gespreizte in ganz Europa, wird hin und wieder routinemäßig beklagt, aber was soll man machen: So sind halt die Verhältnisse. Verhältnisse, die die Medien selbst massiv herbeischrieben.

Gleichzeitig sorgt das überschüssige Kapital für irrational steigende Aktienkurse. Wobei man darüber fast froh sein kann: Sinken sie, weicht das Geld vermutlich noch stärker in die Immobilienmärkte aus.

Interessant auch diese Bemerkung in der prognos-Studie:

„Aus ökonomischer Sicht spielt es keine Rolle, ob die Beiträge vom Arbeitgeber oder vom Arbeitnehmer bezahlt werden. Vielmehr hängt es von den Elastizitäten von Arbeitsangebot- und –nachfrage ab, wie die tatsächliche Lastenverteilung ist.“

Elastizitäten: Meint wohl, dass der das Spielchen gewinnt, der den längeren Atem hat – oder die Meinungsbildung wesentlich bestimmen kann. Die Gewerkschaften waren das nicht.

Der Unterschied der Qualität der hiesigen Wirtschaftsberichterstattung im Vergleich zu totalitären Staaten besteht offenbar vor allem darin, dass der Journalismus dort unter die Fuchtel des Staates gezwungen wird und er sich hierzulande unter die Fuchtel des Kapitals begibt. Von freiwillig oder unfreiwillig kann man nicht reden. Es sind die Verhältnisse.

Auf der politischen Bühne kommen dann solche Gewächse wie Gerda Hasselfeldt heraus, die Zeitungszustellern den Mindestlohn vorenthalten will. Und eine wilder werdende Meute rechter, verunsicherter Kleinbürger.

Aber auch das ist nur ein Detail.

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P1030410(Foto: genova 2014)

Nachrichten von der Front

Die zwei besten Neuigkeiten der Woche stammen aus dem Sumpf. Genauer gesagt erstens aus dem herrschenden Establishment und zweitens aus dem Lager, das über kurz oder lang Establishment werden könnte.

1. Gerda Hasselfeldt von der CSU will Zeitungszusteller vom Mindestlohn ausnehmen. Für Zeitungsaustragen morgens zwischen vier und sechs für eine körperlich und intellektuell anspruchsvolle Arbeit exakt 17 Euro brutto zu bekommen, ist in der Tat nicht akzeptabel. Diese Leute tragen übrigens auch Zeitungen aus, die die Meinung von Frau Hasselfeldt vertreten. Nennt man sowas staatlich verordneten Masochismus?

2. Der türkischstämmige Schriftsteller Akif Pirincci hat eine Neuversion von “Mein Kampf” (O-Ton Ijoma Mangold in der aktuellen Print-Ausgabe der Zeit) geschrieben und landet damit bei Amazon umgehend auf Platz 1 aller verkauften Bücher. Vermutlich ist die Einschätzung von Mangold richtig. Mich interessiert nur ein Detail: In einem Interview mit dem ZDF-Mittagsmagazin meinte er auf die Frage, was er an Deutschland möge:

Diese Wälder. Das ist so ein grünes Land. Wahnsinn. Leider wird ja durch diese grüne Ideologie die Wälder nach und nach wieder abgeholzt, damit man da Windmühlen hinstellen kann oder sowas. Also, diese Quatschenergie, dieser erneuerbare oder verteuerbare Energie-Mist.

Außerdem sagte er:

Sowas gibt’s gar nicht, wie eine Identität. Man ist da, wo man lebt halt.

 Identität ist die Gesamtheit der einen Menschen als Individuum von allen anderen unterscheidenden Eigentümlichkeiten.

Fehlende Identität: Nennt man das nicht Borderline? Borderline-Journalismus meint die Vermischung von Realität und Fiktion.

Lustig: Pirinccis Buch heißt “Deutschland von Sinnen”. Offenbar hat er seinen Untersuchungsgegenstand mit sich selbst verwechselt. Wobei: Geht Verwechseln, wenn es keine Identität gibt? Alles verschwimmt. Ich hoffe, der Faktenhuber Sarrazin redet mit seinem neuen Kameraden ein ernstes Wort. SO geht es nicht in Deutschland. Das muss der Türke noch lernen.

Wobei: Der Satz mit den rodenden Grünen ist so skurril, wahrscheinlich ist Pirincci Comedian. Der Mario Barth für die türkische Community.

Dann ist ja alles gut. Hasselfeldt fordert die Entwürdigung anderer. Pirincci besorgt das für sich selbst.