Adorno und samt Gattin auf der documenta (kritische Sichtung, durchgefallen)

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190(Fotos: genova 2012)

Die Unfähigkeit, Kommunikationsgeflechte zu begreifen

“Es fehlen einem die Worte, um das zu beschreiben, worauf es hier ankommt: die Erfahrung des Raums, die sich auftut…

Es ist wohl so, dass man einen derartigen Raum nicht mehr mit der Vorstellung eines Raumvolumens erfassen kann, da seine Ausmaße einfach nicht abzuschätzen sind. Herabhängende Papiergirlanden durchfluten den leeren Raum und lenken damit systematisch und durchaus absichtsvoll von der Form ab, die er ja wohl haben muss.

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Die ständige Geschäftigkeit vermittelt einem das Gefühl, dass diese Leere vollkommen ausgefüllt und man selbst darin untergetaucht ist. Verloren geht die herkömmlicherweise zur Wahrnehmung von Perspektive und Volumen notwendige Distanz. Man steht bis zum Hals (und bis zu den Augen) in diesem Hyperraum.

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Und wenn es zunächst so schien, dass die Unterdrückung von ´Tiefe`, von der ich im Zusammenhang mit der postmodernen Malerei und Literatur gesprochen habe, in der Architektur nur schwerlich zu erreichen ist, so lässt sich jetzt wohl sagen, dass dieses verwirrende Eintauchen in den Raum für das Medium Architektur das formale Äquivalent ist zum Verlust der Tiefendimension in den anderen Künsten.

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Aus der neuesten Architekturtheorie ist bekannt, dass häufig Anleihen bei der Erzähltheorie gemacht werden. So versucht man, unseren körperlich erfahrbaren Durchgang durch solche Gebäude tatsächlich als Erzählung, als Fiktion zu betrachten. Als Besucher sind wir aufgefordert, diese Architektur der dynamischen Wege und narrativen Paradigmen mit unserem eigenen Körper und unseren Bewegungen zu erfüllen und sie zu vervollständigen.

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Meine Hauptthese ist, dass es mit dieser neuesten Verwandlung von Räumlichkeit, dass es dem postmodernen Hyperraum gelungen ist, die Fähigkeit des individuellen menschlichen Körpers zu überschreiten, sich selbst zu lokalisieren, seine unmittelbare Umgebung durch die Wahrnehmung und Erkenntnis zu bestimmen.

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Und so meine ich, dass die beunruhigende Diskrepanz zwischen dem Körper und seiner hergestellten Umwelt selbst als Symbol und Analogon für ein noch größeres Dilemma stehen kann: die Unfähigkeit unseres Bewusstseins, das große, globale, multinationale und dezentrierte Kommunikationsgeflecht zu begreifen, in dem wir als individuelle Subjekte gefangen sind.”

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(Aus: Fredric Jameson, Postmoderne – zur Logik der Kultur des Spätkapitalismus, 1986.)

Jameson beschreibt in dem Aufsatz die Eindrücke, die er beim ersten Besuch des Bonaventure Hotel von John Portman (1977) in Los Angeles machte.

Die Bilder zeigen einen Teil des Europa-Centers in Berlin, das 1963 bis 1965 von HPP ganz gängig in Mies- und SOM-Manier errichtet wurde. Um 1979 beschloss man mit einem Innenumbau offenbar, Jamesons Eindrücke auch in Berlin erfahrbar zu machen.

070(Fotos: genova 2012)

Makler Ziegert: Geschäftsmodell Zerstörung

Wort zum Karfreitag: Der Berliner Immobilienmakler Ziegert, über den ich hier berichtet habe, verschickt auch einen “Kulturnewsletter”. Es ist, wie schon dargestellt, für die Verwertungstrategien des Kapitals wichtig, dass man noch etwas “Frisches” findet, etwas noch nicht verkapitalisiertes. Kunst kommt da immer gut.

In seinem aktuellen Newsletter schreibt Ziegert:

Der Ruf Berlins als wichtige Metropole zeitgenössischer Kunst wurde Ende der 1990er Jahre in Mitte begründet. Seitdem sind mehr als 15 Jahre vergangen, in denen die zahlreichen Off-Space-Ausstellungen, spontanen Happenings, Performances und Partys etablierten Galerien und Kunstinstitutionen gewichen sind.
In der nun mehr arrivierten und auch etwas routinierten Atmosphäre kommt es einer Wohltat gleich, wenn an einem vom Kunstgeschehen noch nicht erschlossenen Ort frische Kunst gezeigt wird.

So geht Demagogie heute. Smart, sanft und effektiv. Wir mögen doch nur Kunst, wir sind interessiert, wir finden sie spannend. Keine röhrenden Hirsche mehr, sondern vorne dabei. Das tut nicht weh.

Es ist eine Wohltat, wenn ein Ort noch nicht “vom Kunstgeschehen erschlossen” ist. Ziegert meint das etwas anders: Es ist eine Wohltat, wenn er einen Ort findet, den er künftig durchkapitalisieren kann. Oder auch: Er ist auf Leute angewiesen, die in der Tat kreativ und vor allem nicht-kapitalistisch sind, damit er das, was an noch nicht verwertet Verwertbarem aufgebaut wird, kapitalisieren und damit zerstören kann. Ziegert als typischer Schmarotzer: Er ist auf die wahrhaft Kreativen angewiesen, auf deren Zerstörung sein Geschäftsmodell beruht.

Schumpeter nannte die Zerstörung noch eine schöpferische. Heute ist es eine Zerstörung von Schöpfern. Es geht nicht mehr um Innovation.

Ziegert und Co. als Organisatoren von Deportationen, um das einmal deutlich zu sagen: Menschen, die sich die Mieten in den kreativen Kiezen nicht mehr leisten können. Dazu spannt er Künstler ein. Das sind die, die dann deportiert werden. In seinen Kreisen nennt man sowas vermutlich eine charmante Idee.

Es ist bezeichnend für die Barbarei dieses Systems, dass solche Typen ihren Geschäften nachgehen können. Gäbe es die Werte, von denen Ziegert gerne spricht, hätte er schon längst eine auf´s Maul bekommen. Am besten von den Künstlern, die er empfiehlt.

013(Foto: genova 2013)

Ken Jebsen und die Nazis

Ein weiterer kleiner Beitrag zur aktuellen Diskussion über die neuen sogenannten Montagsdemonstrationen mit Mährholz, Jebsen und anderen.

Ken Jebsen verkauft seine Mechandising-Artikel in einem Onlineshop eines zumindest ehemaligen Neonazis.

Hier sieht man sein “Supporter Shirt”

Irgendwie ein merkwürdiges Motive mit den Strahlen einer schwarzen Sonne…

Hier ist das Impressum des Shops (Sven Liebich):

Impressum

Und hier sind Infos über den Betreiber:

Abmahn-Irrsinn und Linksunten und Die Linke.

Demzufolge war Liebich Mitglied bei Blood & Honour in Sachsen-Anhalt, bei Combat 18 und Hauptorganisator von Nazi-Demos. Liebich hat laut SDS.dielinke

nie öffentlich mit der rechten Szene gebrochen. Es gab nie Stellungnahmen oder Distanzierungen zu seinen Aktivitäten bis 2003 oder auch zu Straftaten, die in seinem Umfeld und im Zusammenhang mit seiner rechten Gesinnung begangen worden sind. Dass er auch „unpolitische“ oder angeblich „linke“ T-Shirt-Motive in seinem Shop vertreibt, ist für uns kein Grund, an eine Wandlung zu glauben oder ihn als „Aussteiger“ aus der rechten Szene zu bezeichnen. Vieler seiner T-Shirt-Motive sind nicht eindeutig als neonazistisch zu erkennen, insgesamt zeigt sich aber die Anlehnung an rechte Ideologiefragmente wie Verschwörungstheorien und Antisemitismus.

Verschwörungstheorien und Antisemitismus? Habe ich die letzten Tage schon ein paar Mal gehört. Wo was das nur?

Dem selbsternannten Qualitätsjournalisten Ken Jebsen ist die braune Vergangenheit (?) bei seinen seriösen Recherchen bestimmt nur durchgerutscht. Reines Versehen.

Jebsen selbst merkt zu seinem Shirt an:

Dies ist die Antwort auf die Vorwürfe mancher ewiggestrigen Stichler, welche aus irgendwelchen Schubladen gekrochen kommen und meinen, die freiwilligen Finanzierungsmethoden, welche von uns ALLEN, also aus der Crowd kommen, in irgendeiner Weise diffamieren zu müssen.. ich, du, er, sie, es, ihr, sie…
WIR sind die CROWD – Aktivist – wer aktiv ist!

Abgesehen von der merkwürdigen Semantik des Satzes: “Ewiggestrig” trifft es ganz gut. Aber angeblich ist alles fair trade. Die T-Shirt-Ausführung in weiß kostet im Shop 2,50 Euro.

Kann man Jebsen als Nazi bezeichnen? Nach einer halben Stunde Facebook-Surfen bei ihm und seinem Umfeld ist klar: Es gibt massenhaft Affinitäten. Es wird verlinkt auf Nazi-Musiker vorm Brandenburger Tor und am Holocaust-Mahnmal, auf den Nazi und “Zinskritiker” Gottfried Feder, der naziaffine Andreas Popp ist neuer Held der Bewegung und so weiter und so fort. Jebsens Anhänger liken und stimmen zu.

Alles keine Zufälle.

Ähnlich verhält es sich mit den Assoziationen, die einem bei Jebsens Shirt-Motiv kommen: Man nennt das “anschlussfähig”.

Gefunden bei der Facebook-Gruppe “Aluhut für Ken”.

(Einen anderen Artikel zum Thema gibt es hier.)

 

UPDATE:

Ich bin jetzt Fan von Facebook. Nachdem ich die Seite bis vor ein paar Tagen komplett ignorierte, betreibe ich nun psychologische Studien mit meinem Account (“Herbert Müller”). Unter dem Link zu obigem  Artikel, den ich dort heute morgen auf der Seite von Mährholz postete, stehen jetzt u.a. folgende Antworten:

Herbert du hast ja nicht mal ein Gesicht. Andere mit Dreck bewerfen und dann sich darüber beschweren weil man Dreck sieht. Wie kaputt ist denn das?

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Ich kann keinen Dreck sehen; merke aber, Herr Müller, dass sie in die Kerbe von Frau Ditfurth hauen.

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Herbert Müller?? Wieder einer von Den Propaganda Medien abgestellter Apostel. Und noch so ein schön arischer Name. Macht euch nicht noch mehr lächerlich. Über euch kann man nur noch lachen. Einfach Niveaulos.

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Nochmal ganz klar, ich bin regelmäßiger Mahnwachenbesucher und bleibe dieses. Ein Herr Müller hat da gar keine Chance.

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Ich hörte mal das Nazis welche sind, die Nazi Gesetze anwenden. Wer macht das denn heute noch? Dann schaut euch mal die Gesetze der Bundesrepublik an und deren Ursprung. Da gibt an mass Gesetze die 1 zu 1 aus der der Nazizeit übernommen wurden. So wer sind nun die Nazis?

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Ach bitte denkt euch mal was neues aus. Die rechte Schiene wird auf Dauer zu langweilig.

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Ende der Zitate.

Man macht sich immun, indem der Hinweis auf Rechtsradikalismus pariert wird mit dem Verdacht, man sei bezahlter Agent.

Selbst Hinweise auf einen gewalttätigen Neonazi reichen nicht. Diese Immunisierung ist wohl typisch für Verschwörungstheoretiker, anders hält man das vermutlich nicht durch. Fanatismus als Versuch der Selbstentlastung. Jebsen als Emotionsmassage. Es erinnert an den rechtsradikalen Blog pi-news. Ähnliche Entlastungsstrukturen: Feinbild suchen und bedienen, ob Jude oder Moslem oder USA-Agent oder sonstwas ist egal. Notwendigerweise niveaulos.

Auf den Inhalt meines Artikels geht niemand ein.

Danke an alle Facebook-Kameraden für den Anschauungsuntericht. Man lernt ja gerne dazu.

“Montagsdemos”: Rechte Menschenfänger

[mit Updates am Ende des Artikels]

Seit ein paar Wochen finden in vielen deutschen Städten und in Berlin sogenannte Montagsdemos statt. Dort treten teilweise recht einfach gestrickte, teilweise recht dubiose Leute auf. Einer der Redner der jüngsten Veranstaltung am 14. April war Andreas Popp. Der Verschwörungstheoretiker dort über die Zielgruppe der Demos:

“Jeder ist mir willkommen, egal, wie er ist, egal, welcher sexuellen Neigung er angehört, solange er nicht anfängt zu missionieren und andere zu belästigen und in ihrer Freiheit einzuschränken.”

Applaus bei den Demoteilnehmern.

Ein nettes Beispiel, wie Teile der politischen Rechten heute funktionieren. Man hat natürlich nichts gegen Schwule, aber sie sollen uns in Ruhe lassen. Wir möchten von denen nicht drangsaliert werden. Das wird man ja noch fordern dürfen. Man kann damit einerseits jeden Homophobievowurf formal parieren und sendet gleichzeitig ein klares Signal an die andere Seite. Analog zu Putin, der auch nichts gegen Schwule hat, solange sie “unsere Kinder” in Ruhe lassen und analog zu den fundamentalistischen Christen aus Baden-Württemberg, die doch nur um ihre Kinder besorgt sind. Und analog zu all denen, die behaupten, angesichts der massiven Dominanz der missionierenden Homosexuellen brauche man so langsam geradezu Mut, sich als Heterosexueller zu outen.

Wer ist Andreas Popp? Ein Verschwörungstheoretiker, der gerne in rechten und esoterischen Internet-TV-Sendern auftritt und eine “Wissensmanufaktur” gegründet hat, in dessen Beirat neben diversen merkwürdigen Figuren Michael Vogt sitzt. Vogt war oder ist Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Danubia und verlor wegen Rechtsextremismusvorwürfen seine Honorarprofessur an der Uni Leipzig. Auch er profiliert sich gerne mit esoterischem Geschwätz und ist, wie Popp, der Meinung, dass die Bundesrepublik ein von den Amis besetzter Staat ist, der eigentlich gar nicht existiert und wir unbedingt eine “kommissarische Reichsregierung” brauchen. Zudem verfasst er mit dem NPD-Funktionär Olaf Rose gemeinsam Bücher.

Rechtsextremismus und Esoterik, eine skurrile Mischung.

Der Organisator der Berliner Montagsdemos, Lars Mährholz, 34, ein bisher in der Öffentlichkeit nicht politisch aufgetretener energetischer Eventmanager, war bis Sonntag Mitglied in der Facebook-Gruppe der rechtsradikalen Formation Pro Köln und stellte ein Video des NPD-Funktionärs Karl Richter auf seine Webseite mit der sinngemäßen Empfehlung, dass hier endlich mal einer die Wahrheit sage (mittlerweile gelöscht). Auf dieser Webseite fabuliert er auch darüber, dass die Bundesrepublik nicht existiere, sondern das Deutsche Reich, analog zu den rechtsextremen “Reichsbürgern”. Dazu kommt die Behauptung, dass die amerikanische Notenbank Fed für alle Kriege der vergangenen 100 Jahre verantwortlich sei, also auch für den Zweiten Weltkrieg, was er nach Kritik in einer Stellungnahme bekräftigte.

Noch in den 1980er Jahren war ein zentrales Thema von Rechtsextremisten die angebliche Umerziehung des deutschen Volkes durch die USA. Eine große Gehirnwäsche, die uns glauben ließ, uns träfe eine Kriegsschuld. So direkt sagt man das jetzt nicht mehr. Es sind nicht mehr “die Amerikaner” und “die Juden”. Es ist ja nur eine böse Bank, die schuldig ist. Mährholz meint allen Ernstes, man müsse nur exakt ein Gesetz ändern, den Federal Reserve Act, und die Probleme der Welt wären gelöst.

Die Propagandaabteilung der neurechten Demonstranten ist von dem Ex-RBB-Moderator Ken Jebsen besetzt, der wegen Antisemitismusvorwürfen aus dem Sender flog und nun als rhetorische Vorhut der neuen Friedensbewegung agiert (“Meine Zielgruppe ist der Mensch.”). Er vergleicht sich gerne mit Rudi Dutschke. In seinen Internet-Sendungen protegiert er oft Jürgen Elässer.

Der wiederum schreibt auf seinem Blog zu Putin:

Putin wird so, auf internationaler Ebene und auch in Deutschland,  zu einem Kristallisationspunkt eines neuen Volkswiderstandes, der die anachronistische Spaltung in Links und Rechts überwindet. Da ist wirklich Musik drin!

Elsässer ist Mitarbeiter des staatlichen russischen Fernsehsender Russia Today, wie der Radikalkapitalist Oliver Janich (von der deutschen “Partei der Vernunft”) und Beatrix von Storch von der “Zivilen Koalition”, die an den Protesten gegen den Bildungsplan beteiligt ist. Russia Today hat keinen einzigen seriösen deutschen Mitarbeiter.

Die Aufzählung merkwürdiger Leute in Zusammenhang mit diesen Demonstrationen ließe sich fortsetzen.

Nach meinem Eindruck ist Lars Mährholz kein Überzeugungstäter, sondern ein Wutbürger, der sich von einfachen Parolen und Verschwörungen in die Fänge nehmen lässt. Ein Produkt der neoliberal verwirrten Gesellschaft wie auch ein Teil seiner Anhänger bei Facebook, die die Zusammenhänge schlicht nicht kapieren oder kapieren wollen. Jutta Ditfurth, die auf die rechten Tendenzen aufmerksam machte, wurde mit einem Shitstorm überschüttet.

Aber all diese Kameraden sind natürlich nur für den Weltfrieden. Mährholz redet bei Facebook viel von Liebe. Dort behaupten die Teilnehmer gerne, dass es hier nicht um “rechts” oder “links” gehe, sondern doch alle den Frieden wollten und da müsse man zusammenhalten gegen die da oben. Der Friede ist in Gefahr, weil die Fed, d.h. die Rothschilds a.k.a. der Jude jetzt einen Krieg anzetteln. Bei den Redebeiträgen der Demos in Berlin und im Netz fällt vor allem der Antiamerikanismus auf, wie üblich gepaart mit unterschwelligem Antisemitismus. Einfache Lösungen und Geraune. Die Welt wird komplizierter, da sehnt man sich nach einfachen Antworten. Neoliberale Politik bedrängt die Menschen, da braucht man Schuldige. Es sind aber nicht einfach “die da oben”: Putin ist für die meisten ein Held, ein starker Mann. Die Bösen sind die, die nicht fassbar sind, die im Hintergrund wirken. Wer das ist, ist unklar. Der Jude halt.

Typisch für neue Rechte: Die Antifa spielt als Hassobjekt eine große Rolle. Die werden dämonisiert.

Und zuletzt: Die Forderungen dieser heterogenen Gruppe sind völlig diffus. Mährholz an die Menge: “Was wollen wir?” Die Menge: “Frieden!”. Mährholz: “Lauter!” Ein Eventmanager sichtbar in seinem Element.

Das nur in aller Schnelle, weil bei diesen Demos mittlerweile schätzungsweise an die drei- oder viertausend Menschen allein vorm Brandenburger Tor stehen, von den Massenmedien bislang ignoriert. Ohne irgendeine sichtbare Organisationsform dahinter, alles via Facebook.

Die schon lange existierenden Montagsdemoorganisatoren gegen eine unsoziale Politik warnen vor der neuen Konkurrenz:

 Die Initiatoren ziehen keinen klaren Trennungsstrich zu ultrarechten, faschistoiden und faschistischen Personen und Gruppierungen. Sie gehen bewusst manipulativ vor. So nutzen sie u.a. einen Facebook-Account unter dem Namen „Anonymous.Kollektiv“ und erwecken so den Eindruck, dass die Anonymous-Bewegung zu den Aktionen aufruft.

Am Ostermontag wollen die Neorechten die Montagsdemo mit der Tradition der Ostermärsche verbinden. Gemein all den bisherigen Rednern – zumindest in Berlin – eine auffällige politische Verwirrung und denkerische Armut.

Auch Andreas Popp wird wieder dabei sein.

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Wer sich über diese neurechten Verschwörer weiter informieren will, kann das beim Spiegelfechter (vor allem in den Kommentaren), hier und bei Telepolis tun. Und hier noch ein guter Beitrag des Deutschlandfunks über den Rechtsradikalismus der neuen Montagsdemos

Weitere Berichte über die Montagsdemos:

in der taz

nochmal in der taz

bei Koop

zu dem gekaperten Anonymous-Account

UPDATE 17.4.:

Um sich ein Bild zu machen von dem Umfeld des Montagsdemo- und Friedensbewegungs-Fans Elsässer, hier das aktuelle Profilfoto eines Facebook-Mitglieds und Elsässer-Fans:

Unbenannt-1 Kopie (2)

Sein Kommentar zum Disput Elsässer-Ditfurth lautet:

Dabei verschweigt die Dittfurt dass es natürlich Juden waren die die größte Privatbank vor fast einem Jahrundert gegründet haben und die Welt seither mittels dieser am Nasenring durch die Arena führen … Die Olle tickt nicht richtig .. das ist eine sozial Autistin .. so wie schreibt so ist die auch .. voll daneben .. Für die Schreckschraube der Antifa ist das Denken ganz einfach .. wer gegen die Fed ist ist gegen Juden und deshalb Antisemit ,, Die Olle hat doch nen Frosch verschluckt ,,, unk unk unk

Außerdem ist er Fan von Borussia Dortmund, hat an der Europaschule Dortmund studiert und ist Mitglied der Facebook-Gruppe “Opfer des Systems der BRD”. Vermutlich legt er Wert auf die Feststellung, dass er kein Linker und kein Rechter, sondern ein ganz normaler Bürger ist.

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Und noch ein interessantes und ausführliches Interview mit Gabriele Krone-Schmalz über die Berichterstattung der deutschen Medien über den Ukraine-Konflikt. Zusammenfassung: Die Medien haben einseitig gegen Russland berichtet und schreiben voneinander ab. Sie verschweigen dabei die imperiale Rolle des Westens:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp7411.html

Attac warnt vor den neuen Kameraden

 

 

Pfeffer ist das Salz in der Suppe (7)

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“Weil wir Berlin lieben”

tikerscherk, Betreiberin des blogs kreuzbergsüdost, hat mich kürzlich auf den Berliner Makler Ziegert aufmerksam gemacht, der Luxusimmobilien vertreibt. Er selbst nennt seine Firma Immobilienconsulting, klingt besser. Kurzes googeln führte mich auf folgendes Interview mit dem smarten Herrn Ziegert im Tagesspiegel. Interessant ist wieder einmal ein Detail. Er vermarktet, wie man sagt, gerade eine Immobilie in der Nähe des Brandenburger Tores namens Lux.

Zu welchem Preis?
Der Quadratmeterpreis liegt bei 10 588 Euro, die Wohnung kostet gut zwei Millionen Euro. Es ist ein positives Signal für uns, für die gesamte Branche, dass sich in Berlin inzwischen solche Top-Preise erzielen lassen.

Mussten Sie keinen Rabatt geben?
Im Gegenteil. Die Preise für die letzten Top-Wohnungen haben wir im Spätsommer um drei Prozent erhöht.

Woher kommen die Käufer?
Sie kommen aus der ganzen Welt. Amerikaner, Australier, Israelis, Franzosen, Schweizer, Luxemburger.

Sind keine Berliner dabei?
Im Lux haben mehr als die Hälfte der Käufer bereits einen Berliner Wohnsitz. Ob sie sich alle als Berliner bezeichnen würden, vermag ich nicht zu sagen.

Zuletzt war zu lesen, dass verstärkt Chinesen und Japaner auf dem Berliner Immobilienmarkt kaufen. Auch bei Ihnen?
Die Chinesen sind nach den Amerikanern und vor den Russen die zweitgrößte nichteuropäische Käufergruppe. Auffällig ist, dass sie gerne große Wohnungen kaufen – im Schnitt für 500 000 Euro.

Diese Wohnungen kaufen also Leute, die von außerhalb kommen und von denen die meisten schon eine oder mehrere Wohnung in Berlin besitzen. Ich vermute, dass ein Großteil der Wohnungen leer stehen wird. Ähnlich wie in Paris oder London: Superreiche kaufen sich Immobilien, weil das Geld dann geparkt ist und aller Wahrscheinlichkeit nach an Wert zunimmt. Um direkte Rendite aus Vermietungen geht es nur zweitrangig. Es wird da massenhaft innerstädtische Fläche versiegelt, die nicht zum Wohnen oder Arbeiten dient, sondern alleine der Materialisierung von Geld. Soviel auch zur Nachhaltigkeit von Kapitalismus.

Das Geld, das durch realkapitalistische Verhältnisse, also durch reine Machtverhältnisse, von einer klitzekleinen Schicht verdient wird, materialisiert sich und krempelt eine Stadt um. Die Materialisierung, also die konkreten Häuser, dienen keinen realen Bedürfnissen, sondern nur dazu, den Fetisch Geld langfristig abzusichern. Ziegert und seine Kameraden betonen generell gerne, dass sich der Berliner Mark weiterhin “positiv” entwickeln wird und die Käufer die Entscheidung auch in 20 Jahren nicht bereuen werden. Das “positive Signal” ist ein wirklich deutliches: Berlin ist offenbar auf dem Level von Vermarktunsmöglichkeiten wie Paris oder London angekommen. Von letzterer Stadt schrieb kürzlich der Spiegel, dass Milliardäre aus aller Herren Länder die Stadt mit mehreren hundert geplanten Hochhäusern “umkrempeln”.

Ziegert bietet übrigens auch viele Wohnungen in Kreuzberg, Schöneberg und anderen Innenstadtbezirken in Berlin an. Für absurde Preise  und mit dem Hinweis, die Wohnungen könne man als “Kapitalanlage” sehen. Altbauwohnungen, die sich seit 100 Jahren amortisiert haben.

Vielleicht sollte man sich bewusster machen, dass es nicht um Amerikaner, Israelis, Russen, Chinesen oder Araber geht, sondern um eine dünne Schicht von vielleicht 0,1 Promille der Bevölkerung dieser und anderer Länder, die aufgrund desolater gesellschaftlicher Verhältnisse ein Vermögen zusammenrauben können, das sie dann im Lux und sonstwo “investieren”.

Ziegert hat Biologie studiert. Mit anderen Worten: Er hat für seinen Job keine Ausbildung, aber ein smartes Lächeln, einen Taschenrechner und ist bereit, sich zu prostituieren. Wie weit das geht, sieht man in diesem Werbefilmchen:

Schön zu sehen, dass ihm vorher jemand sagte: Du musst dein imaginäres Gegenüber ganz lange anschauen und keine Sekunde Unsicherheit zeigen! Nicht mal blinzeln! Interesse heucheln, ganz wichtig. Heutzutage finden Leute, die sich für nichts interessieren, ja gerne alles “spannend”. Politiker gehen durch dieselbe Schule.

Wichtig an dieser Art von Rhetorik ist, alles zu vermeiden, was die Masse thematisieren könnte. Es geht nicht mehr um die Zahl an Menschen, sondern um die Zahl der Ziffern vor dem Komma und unterm Strich.  Masse ist als eine Form von Emotion gut, wenn es um Stadionkonzerte geht, aber die Ansprache erfolgt individuell. Gemäß der neoliberalen Logik, wonach es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt, geht es bei Ziegert auch nur um dieses. Es soll sich wohlfühlen.

Ziegert hat eine ganze Reihe Videos über seine Objekte gedreht. Es geht da überall ums Wohlfühlen in visuell vorkapitalistischen Verhältnissen; in Verhältnissen, in denen Geld nicht existiert, sondern das einfache Leben vorherrscht mit Sinn fürs Detail und netter, “bunter” Nachbarschaft. Wohnen im Romantikerviertel,  Wohnen unter Künstlern in Kreuzberg. Es wird exakt das Gegenteil dessen vermarktet, worum es geht.

Künstler sind ganz wichtig im Ziegertschen Universum, sie werden in den Filmen rein instrumentalisiert dargestellt als Bespaßer, als Gute-Laune-Macher, als Unterhalter, die an der Drehorgel stehen. Als Deppen des Kapitals mit keinen weiteren Bedürfnissen. Wohnen kann er dort, wo er dem neuen Bewohner das Gefühl des bunten, lebendigen Kiezes vermitteln soll, nicht. Der Künstler ist Überlebenskünstler.

Hitlers kommunikative Fähigkeiten wirken heute lächerlich. Er ist ohne weiteres von Comedien parodierbar. Der Prototyp Ziegert ist die aktualisierte Version eines Demagogen: smart, lächelnd, in fahle Blautöne getaucht, jederzeit etwas von Nachhaltigkeit erzählend, von Menschlichkeit, von seinem Cello spielenden Bruder, von Vision, von Liebesverhältnissen zu seinen Objekten, von Begeisterung, von Schönheit, von Potenzialen, von Glück, von Menschen, von Großartigkeit, von Ganzheitlichkeit, Persönlichkeit, heile Welt, Familienbande,  eine entspannte Atmosphäre schaffend undsoweiterundsofort. Vertrauen will er schaffen, erzählt Ziegert. Alle zerstörerischen Aspekte kapitalistischer Logik, die im Ziegertschen Business hervortreten und die er mit seiner Tätigkeit verschärft, werden ignoriert zugunsten dezidiert antikapitalistischer Eigenschaften, die das Menschliche betonen, wo es um alles geht, nur nicht um Geld. Es ist eine subtile und gerade deshalb funktionierende Pervertierung der Verhältnisse.

Es sind sozialdarwinistische Verhältnisse, die die Ziegerts dieser Welt schaffen. Was der Faschismus biologistisch über die überlegene Rasse zu erreichen versuchte, macht er über den Geldbeutel.

Warum Berlin? wird Zieglert in seinem Propagandafilm noch gefragt. Antwort: “Weil wir Berlin lieben.” Für das Kapital dieser Welt ein wahrhaft positives Signal.

Und ein P.S.: Hier erklärt ein anderer Berliner Makler, Michael Schick, in fünf Minuten ganz offenherzig, wie sein Geschäftsmodell funktioniert:

Den zugehörigen Artikel gab es bei exportabel vor gut einem Jahr.

Es ist bemerkenswert, dass in unserer Gesellschaft sowas keine Folgen hat. Brave new world.

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